Der Ruf der Welt

Senegal Immer mehr Frauen suchen ihr Glück im Ausland. Ihre Erfahrungen helfen ihnen auch, mit traditionellen Rollenmustern zu brechen
Der Ruf der Welt
Viele Senegalesinnen binden Arbeit und Familie, sonst nichts

Foto: Xaume Olleros / Bloomberg / Getty Images

Fatou Mbaye, Betreiberin eines Bistros in einem großen Gymnasium der Hauptstadt Dakar, ist überzeugt, dass Frauen, wenn sie sich aufmachen, ihre Heimat zu verlassen, erfolgreicher seien als Männer. Mbaye ist kinderlos geblieben. Mit ihren Ersparnissen hat sie schon etliche Familienmitglieder auf die Reise ins Ausland, in andere Staaten Nord- oder Westafrikas oder nach Europa geschickt, nicht zuletzt ihre Nichte. Die zog es nach Burkina Faso, um dort ein Restaurant zu eröffnen und damit so erfolgreich zu sein, dass sie jeden Monat 100.000 Franc CFA (circa 155 bis 160 Euro) an die Familie im Senegal überweisen kann. Dass die junge Frau unverheiratet ins Ausland ging, stellte für ihre Tante kein Problem dar. Man sei dadurch unabhängig und gehe eben dorthin, wo es Chancen gebe.

Die geschäftstüchtige Fatou Mbaye schaffte Geld zur Seite, dank des Nap – in Wolof, der am häufigsten gebrauchten Sprache im Senegal, ist das die Bezeichnung für eine Art von kollektivem Sparfonds, in den eine Gruppe von Frauen regelmäßig einzahlt, über den sie aber bei Bedarf auch verfügen kann. „Auf diese Weise kann ich größere Investitionen tätigen“, erzählt Fatou, die mehrere Naps gleichzeitig führt. Und der Fonds, an dem sie sich zusammen mit den Verkäuferinnen und Händlerinnen des nahe gelegenen Colobane-Marktes beteiligt, habe schon viele Migrationen finanziert, erzählt sie.

Wenn in diesem Land über das Thema Frauen und Auswanderung gesprochen wird, geht es in der Regel um die Mütter, von denen es heißt, sie würden ihre Söhne losschicken. Viel weniger wird beachtet, dass Frauen immer häufiger selbst Migrantinnen sind. Das Phänomen sei überhaupt noch nicht erforscht, meint Rosalie Diop, Soziologin an der Universität von Dakar.

Anfangs waren Migrantinnen in der Regel die Ehefrauen der Gastarbeiter. Als schon in den 1970er Jahren diese Form der Arbeitsmigration immer schwieriger wurde, holten die Männer ihre gesamte Familie schnell nach, sei es nach Frankreich, Spanien oder in andere Länder Europas. Erst zwei Jahrzehnte später fiel auf, dass immer mehr Frauen den Senegal auf eigene Faust und allein verließen. In einer Untersuchung, die sie 2011 veröffentlichte, stellte Rosalie Diop fest, dass es sich nunmehr bei einem Drittel der Emigranten um Frauen handelte. Sie sprach von einer neuen Welle der Migration und konstatierte: „Frauen wandern aus denselben Gründen wie Männer aus. Im Grunde genommen geht es immer um Arbeit und Wohlstand.“

Vor Mauretanien gestrandet

In Hann Yarakh, einem ehemaligen Fischerdorf, das zu einem Vorort der schnell wachsenden Metropole Dakar wurde, nahm Maty Sarr vor zehn Jahren in einem schmalen Boot Platz, um über den Seeweg Spanien zu erreichen. „Ich hatte davon gehört, dass andere Frauen vor mir auf diese Reise gegangen und angekommen waren“, berichtet sie. „Ich hatte mich scheiden lassen und musste danach allein für die Familie sorgen, denn mein Vater war früh gestorben. Es gab nur jüngere Geschwister, von denen keiner Arbeit finden konnte. In dieser Lage sah ich keine andere Möglichkeit, als wegzugehen, um genug Geld für alle zu verdienen.“ Laut dem senegalesischen Statistikamt werden 30 Prozent aller Haushalte heute von Frauen geführt. Das heißt nichts anderes, als dass sie für den Unterhalt der Familien aufkommen müssen.

„Die ersten nach eigenem Ermessen handelnden Migrantinnen, die dem Senegal den Rücken kehrten, wurden mit viel Argwohn betrachtet und als leichte Mädchen angesehen“, sagt Soziologin Diop. „Die betroffenen Familien erzählten den Nachbarn lieber, die Frauen seien zu Verwandten gefahren, statt den tatsächlichen Grund ihres Verschwindens mitzuteilen.“

Nicht anders hielten es auch die Angehörigen von Maty Sarr, die vor ihrer Migration Schauspielerin in einer von Spielort und zu Spielort ziehenden Truppe war. Eine Beschäftigung, die sich für eine verheiratete Frau im Senegal eigentlich nicht schickt. Maty Sarrs Piroge, ein baumartiges Boot, strandete wegen eines Schadens vor der Küste Mauretaniens, sodass sie bald zurückkehrte.

Inzwischen hält sie sich, von einer Krankheit gezeichnet, mit Workshops über Wasser, die von internationalen Hilfsorganisationen bezahlt werden. Der eigene Sohn provoziert sie manchmal, indem er sagt, auch er werde in eine Piroge in Richtung Europa steigen. Maty Sarr zweifelt, ob es nur Spaß ist. In ihrer Gemeinde gebe es viele junge Frauen, die bereit seien, zu gehen, was die Familien nicht weiter störe. Im Gegenteil, man wisse doch, im Ausland würden Frauen oft mehr erreichen als Männer. Vor allem seien sie selbstlos und würden mehr Geld nach Hause schicken.

Anders stellt sich der Fall von Farma Bâ dar, deren Mann schon in Deutschland lebte, als sie ihn 1995 heiratete. Da er allerdings nicht genug Geld nach Hause schickte und Frau Bâ die Verantwortung für die Familie allein überließ, ging sie arbeiten und half sogar, das Studium ihrer Geschwister zu finanzieren.

Nachdem sie ihre Anstellung in einem Textilunternehmen verloren hatte, stieg sie für zehn Jahre in den Kleinhandel mit dem benachbarten Mauretanien und Marokko ein. „Natürlich hat es meinem Mann nicht gefallen, dass ich so viel unterwegs war.“ Schließlich ließen sie sich scheiden.

Mikrokredite aus einem Sparfonds helfen den Frauen, die auswandern wollen

Foto: Seylou/AFP/Getty Images

Kurz danach beschloss Farma Bâ – um auf andere Ideen zu kommen –, eine Arbeit in Saudi-Arabien anzunehmen, obwohl sie vom schlechten Ruf der dortigen Arbeitgeber wusste. Prompt blieben ihr schlechte Erfahrungen nicht erspart, was schon damit begann, dass sie als Hausangestellte nicht mehr als im Senegal verdiente.

Zudem durfte sie das Haus des Arbeitgebers nicht allein verlassen, musste sich sexueller Übergriffe erwehren und arbeitete zwei Jahre lang ohne einen freien Tag in der Woche. Immerhin schaffte sie es, für eine Pilgerfahrt nach Mekka beurlaubt zu werden. Allein deswegen hätte sich der Aufenthalt in Saudi-Arabien gelohnt, meint Farma Bâ heute. Auf diese Zeit blicke sie alles in allem ohne Bitterkeit oder Zorn zurück.

„Die Frauen im Senegal sind autonomer als früher,“ meint Rosalie Diop. „Sie nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand – genau wie die Männer. Sie wollen nicht mehr nur zu Hause eingesperrt sein und der Tradition gehorchen. Die Emanzipation der Frauen hat bei uns eine lange Geschichte, aber durch einen Anstieg von Not und Verarmung in den 1990er Jahren bekam sie einen Schub“, erinnert sich die Soziologin, die über Händlerinnen im informellen Sektor promoviert hat.

„Die Frauen hatten ihren Anteil an familiären Überlebensstrategien. Erst trauten sie sich, das Haus und dann auch das Land zu verlassen.“ So auch Maguette Thiam, die als Buchhalterin in einer Fischfabrik in Rufisque, einer Industriestadt im Großraum Dakar, beschäftigt war, während ihr Mann in Norditalien arbeitete und sich finanziell um die Familie kümmerte.

Zunächst zog Maguette Thiam 2002 aus gesundheitlichen Gründen zu ihm. Als sich die Behandlung hinzog, lernte sie Italienisch und suchte nach Arbeit, bis sie eine Anstellung am Fließband fand. Die Kinder blieben zu Hause im Senegal bei ihren Großeltern. „Ich hatte ein Bild von ihnen in der Küche aufgehängt. Während ich morgens mein Frühstück aß, schaute ich sie an“, erzählt Maguette Thiam. „Mein Mann hatte kein Interesse, sie nachzuholen.“

Frisieren in Missouri

Als sie ihre Arbeit verlor, wollte sie nicht in den Senegal zurückgehen, sondern verbrachte Monate in Frankreich, teilweise in Spanien, und sie ließ sich schließlich bei ihrem Bruder in den USA nieder. Maguette Thiam lebte zwei Jahre in St. Louis (Missouri) und arbeitete in einem Friseursalon, in dem jedoch so gut wie keine weißen Amerikaner verkehrten. Dann war ihre Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen und sie gezwungen, sich nun doch wieder der alten Heimat zuzuwenden.

Die Jahre der Migration seien für sie eine reiche Erfahrung gewesen, auch wenn die Zeit in den USA zu einer Begegnung mit dem Rassismus führte. In Italien habe sie beispielsweise gelernt, sich für die geleistete Arbeit verantwortlich zu fühlen und Durchhaltevermögen aufzubringen. Zudem konnte sie vom überlieferten Status einer Frau im Senegal abweichen, und das gefiel ihr. Idealerweise, erzählt sie, wacht eine gut betuchte, verheiratete Frau in Dakar auf und macht sich schön. Sie nenne das „den Hang zum mondänen Leben“. Es gehe darum, die traditionelle Geschlechterrolle zu wahren. Für sie sei es ein Glück gewesen, dass es in ihrer Familien akzeptiert wurde, als Frau arbeiten zu gehen. Ihr Mann habe es ihr immerhin erlaubt, dass sie jahrelang im Ausland bleiben konnte. Und trotzdem: Ihre Söhne hat sie zum Vater nach Italien geschickt, damit sie eine Berufsausbildung abschließen können. Für die Töchter halte sie einen solchen Weg allerdings für ausgeschlossen. „Europa ist zu gefährlich, sie könnten in falsche Hände geraten. Lieber behalte ich sie bei mir.“

Diop verweist darauf, dass der Wandel sozialer Normen nicht ohne Konflikte bleibe. „Wenn etwas falsch läuft in den Familien oder bei der Erziehung der Kinder, sucht man die Schuld bei der arbeitenden Frau. Darüber hinaus wird eine Migration von Frauen immer noch deutlich negativer gesehen als die der Männer, weil sie das Bild des Mannes als Ernährer untergräbt.“

Auch wenn eine Mehrheit der Migrantinnen weiterhin nachgeholte Ehefrauen sind, wandern inzwischen viele Senegalesinnen mit eigenen Zielen aus. Isabelle Mendy (30) sitzt auf gepackten Koffern und hat schon ihren Arbeitsvertrag gekündigt. Das Land zu verlassen, das war und ist für sie ein schmerzhafter Entschluss. Als sie vor zwei Jahren einem Jugendfreund das Jawort gab, war der Umstand, dass er in Frankreich lebte, nur ein Fakt von vielen. Heiraten bedeutete für sie, bei ihrer Schwiegerfamilie einzuziehen. Darauf hatte sie sich seelisch vorbereitet, nicht aber auf das Auswandern. Nun will ihr Mann sie an seiner Seite haben und glaubt, dass Frankreich für die schulische Bildung der Kinder, die kommen werden, besser sei als der Senegal.

Für Isabelle Mendy ist klar, dass sie eine Arbeit finden und sich in der französischen Gesellschaft einrichten will. Ihre Mutter, die alle Kinder allein großgezogen hat, schüttelt den Kopf und kann sie nicht verstehen. Sicher, man lebt in bescheidenen Verhältnissen, aber einen guten Job in der Heimat aufzugeben für eine unsichere Zukunft in Europa? Das leuchtet ihr nicht ein. Nicht jede Senegalesin erliegt dem Ruf der Welt.

Odile Jolys ist Kolumnistin des Freitag und arbeitet als freie Autorin in der senegalesischen Hauptstadt Dakar

06:00 02.08.2019
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