Der Ruf des Auerhahns

Italien Im Ferienort Sexten ist ein Richtungsstreit über Wintertourismus eskaliert, der in Südtirol schon seit langem schwelt
Barbara Bachmann | Ausgabe 11/2014

Besuche in Gasthäusern meidet Hans Peter Stauder seit einer Weile, denn in den meisten Lokalen wird er doch nur angepöbelt. „Verschwind, du Depp! Hinausgejagt gehörst du aus unserem Tal“, schreien sie ihm nach, während sie ihn aus der Tür hinausstoßen. Auf der Straße zeigen sie ihm die Zunge, vor dem Fischstand brüllen sie ihn an: „Dir werden die Bauern schon ein Ei legen!“ Daher trifft man den 56 Jahre alten Lehrer für Literatur, Geschichte und Erdkunde am besten in seinem Holzhaus links der Straße, die ins Dorfzentrum führt. Hier lebt er mit Frau und drei der fünf Kinder, im Ort ist er geboren und aufgewachsen. Aber hier will „Papa Schlumpf“, wie ihn die Menschen wegen seiner Knollennase, seines Vollbarts und seiner 1,65-Meter-Größe nennen, niemand haben. „Schlachtet die Grünen“, steht auf dem Flugzettel, den er in den Händen hält, „fackelt ihre Behausungen ab und schickt sie zum Teufel!!!“

In Sexten, Touristenhochburg im Südtiroler Pustertal, dort, wo die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano Ferien machen, ist ein Konflikt eskaliert, der an vielen Orten im Alpenraum schwelt. Es ist der zwischen Skitourismus-Industrie und Naturschutz. Hans Peter Stauder ist in Sexten der Inbegriff des Skigebiet-Gegners, auch wenn er nicht allein kämpft und Vereine wie auch Politiker hinter ihm stehen: der Alpenverein, WWF Italien, seine Partei, die Grünen. Seit Jahren sitzt Stauder für die Bürgerliste im Gemeinderat und kämpft zusammen mit dem Kleinbauern Georg Fuchs gegen die skitechnische Neuerschließung eines bisher noch unberührten Hanges: des Stiergartens. Seine Gegner sind Hoteliers, Wohnungsbesitzer, Campingbetreiber. Bauunternehmer, Bauern, Bergführer. Jene also, die direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen – und das sind in einem Ort wie Sexten viele.

Das Wirtschaftsrad, sagen Sextens Hoteliers, drehe sich seit ein paar Wintern langsamer, die Lifte der Sextener Dolomiten AG seien zu alt, die Pisten zu kurz. Um von der Lawine an Ski-Attraktionen im Alpenraum nicht völlig überrollt zu werden, hat man sich 2009 zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen. Seit den neunziger Jahren plant die Sextener Dolomiten AG, zwei der vier Skigebiete über den Stiergarten zu verbinden, mit zwei neuen Aufstiegsanlagen und zwei Pisten auf 2.100 Metern Höhe.

Die erste Schneekanone

Doch leben in diesem Gebiet seltene Tiere wie der Auerhahn, es wachsen Pflanzen wie die Deutsche Tamariske, ein immergrüner Strauch. Wichtige Feuchtgebiete finden sich hier und Wildbäche, die – so sagen Gegner des Skigebiet-Ausbaus – Überschwemmungen verursachen können, wenn alle Bäume gefällt wurden, die sie zurückhalten. In Sexten wird daher diskutiert, was so viele Erholungsgebiete in den Alpen betrifft. Sind Investitionen in den Wintertourismus antiquiert angesichts Klimaerwärmung, brüchiger Alpen, überteuerter Kosten für Skiausrüstung und Übernachtung? Oder sind sie die einzige Rettung für ein Tal, das vom Fremdenverkehr so abhängig ist wie das Baby von der Mutterbrust?

Sexten, die Gemeinde des UNESCO-Weltnaturerbes „Drei Zinnen“, zählt 1.940 Einwohner, es gibt 4.085 Betten in 187 Beherbergungsbetrieben. Die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit liegt bei 4,7 Prozent, der Wohlstand kam durch den Tourismus ins Tal, bis in die siebziger Jahre war die Gegend bettelarm. Hier sind die Menschen stolz auf die Schönheit der Natur, als ob sie ihr eigenes Verdienst sei. Das nächste Kino ist 38 Kilometer entfernt, die meistgelesene Zeitung trägt den Namen der Bergkette.

Vom Außenpool seines Vier-Sterne-Hauses Berghotel zeigt Kurt Holzer auf die Berggipfel der „Sextener Sonnenuhr“. Er liebt den Ausblick, aber wenn der Hotelier an Ferienorte wie Corvara oder Gröden denkt, wird er neidisch: „Da können die Gäste fast vom Frühstückstisch auf die Piste steigen.“

Im Dorf nennen sie Kurt Holzer (72) auch Immervoll, weil über 200 Tage im Jahr keines seiner 140 Betten leer bleibt. Ein höflicher Mann, mit 22 Prozent der Hauptaktionär und Vizepräsident der Skigesellschaft. Wenige sind wie Holzer seit den Anfängen dabei. Wenige erinnern sich, wie die Bauern sie auslachten, als die Skigebiet-Betreiber in den Achtzigern die erste Schneekanone aufstellten. Heute sind 183 im Einsatz. Holzer erzählt fasziniert von der Logistik des Wassers, der „gewaltigen Energievernichtung“. Er kann über Kunstschnee philosophieren wie andere über das Leben.

Der letzte Baum

Der Hotelier kennt sich aus mit den Bedürfnissen des Gastes, er spricht von ihm, als handele es sich dabei um einen uniformierten Menschen. „Der Gast will nicht mit dem Bus fahren“, „Der Gast findet kleine Skigebiete nicht attraktiv“. Wenn die Skigesellschaft nicht investiere, werde eines der vier Skigebiete schließen müssen. So lange schon, sagt er, wünschten sich Skigesellschafter und Gäste diese Verbindung, „aber zwei, drei Hanseln haben uns wieder und wieder blockiert“. Leichter Zorn klingt in den Worten des sonst so kontrollierten Mannes mit. Im Sommer hatte die Skigesellschaft das Warten satt.

Samstag, 10. August 2013. Ferragosto-Wochenende, Hochsaison im Hochpustertal: Mit dem Ertönen der Mittagssirene fahren zehn Bagger auf, 34 Holzarbeiter hacken die von Förstern zur Fällung gezeichneten Bäume. Feriengäste fragen verwundert, was denn los sei im Dorf. Die Hoteliers versuchen, sie zu beruhigen. Die nötigen Papiere hätten sie in der Hand, heißt es. Da interessiert es die Skigesellschaft nicht länger, dass am Tag zuvor von der Gegenseite ein erneuter Einspruch beim Verwaltungsgericht eingelegt wurde. Am Sonntag um 14.55 Uhr fällt der letzte Baum. Zehn Hektar Wald – so groß wie 14 Fußballfelder.

Vorbei an Werbeflächen für Ski und Skischuhe führt eine Straße zu den Aufstiegsanlagen der Sextener Dolomiten AG und dem Büro von Mark Winkler, Geschäftsführer der Skigesellschaft. Ein Analytiker, von Beruf Techniker, 40 Jahre alt. Der Baustopp, den das Verwaltungsgericht Bozen am Montag nach der Rodung verhängte, wurde im September bestätigt. Anfang Dezember 2013 wurde die Entscheidung über den Weitergang des Projektes auf Frühjahr 2014 verschoben. Dann soll geklärt werden, ob die Waldarbeiter bei der Rodung den gesetzlichen Abstand zu einem nahen Biotop missachtet haben.

23 Verfahren hat die Skigesellschaft mit dem geplanten Ausbau des Skigebietes bisher durchlaufen. Das zehrt an den Nerven. Mark Winkler ist sichtlich bemüht, nicht auszurasten. Die Baukonzession vom 8. August hält er wie eine Trophäe in die Luft. 200 Arbeitsplätze hängen im Winter an der Skigesellschaft. Beim Protestmarsch Zukunft statt Stillstand zwei Wochen nach der Rodung waren 1.500 Menschen dabei, Bauern fuhren mit ihren Traktoren vor, ebenfalls an der Piste interessiert, weil sie sich ideal zur Ablage der Gülle eignet. Weil sie Durchfahrtsrechte für ihre Felder teuer verkauft haben und manche Skihütte planen.

„Der Gast kommt zu uns, um unberührte Natur zu genießen“, sagt Mark Winkler. Vor „unberührte“ hält er kurz inne. Dann erzählt er von seiner Vision – dem Erlebnis-Skifahren. Die sogenannte Giro-Tour soll den Skifahrer an einem Tag über vier Berge führen, 30 Kilometer Abfahrten, 10.000 Höhenmeter. Bis jetzt ist dafür viermal Busfahren nötig. Mit den beiden geplanten Pisten könnten zwei Busse eliminiert werden. Dass der Wintertourismus eine gute Zukunft hat, steht für Geschäftsführer Winkler außer Frage. „Man muss weiterdenken! Im chinesischen und japanischen Markt schlummern riesige Potenziale.“ Seine Augen leuchten.

Obwohl laut Landschaftsleitbild des Landesentwicklungs- und Raumordnungsplans (Lerop) der Autonomen Provinz Bozen „keine neuen Skigebiete und keine weiteren Zusammenschlüsse bestehender Skigebiete“ vorgesehen sind, erhielten die Befürworter des Ausbaus immer Beistand von ganz oben. Die Landesregierung unter Südtirols ehemaligem Landeshauptmann Luis Durnwalder hat das Projekt mehrmals abgesegnet, auch dann schon, als die Umweltverträglichkeitsprüfung am Anfang negativ ausfiel. Doch mittlerweile ist sie positiv bewertet, wenngleich mit 50 Auflagen versehen.

"Schlachtet die Grünen", steht auf dem Flugblatt, "fackelt ihre Behausungen ab"

Es gibt Momente, da möchte Hans Peter Stauder sich geschlagen geben. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich Jahre des Protestes in vier Ordnern, dokumentiert mit der Sorgfalt eines Lehrers. Im Sommer, als der Bürgermeister die Baukonzession ausstellte, dachte er, jetzt würden sie es bald geschafft haben. „Aber wenn immer wieder Bestimmungen übergangen werden, müssen wir Einspruch erheben.“

Sextens Hoteliers haben allesamt groß in ihre Anlagen investiert, Stauder glaubt, viele hätten sich dabei übernommen. „Sie erwarten 30 Prozent mehr Umsatz, aber das ist eine Utopie.“ Vor allem gibt er keine Ruhe, weil er ein altes Projekt verhindern möchte: ein Ski-Karussell, das die vier Skigebiete der Sextener Dolomiten AG mit dem Skigebiet Sillian im österreichischen Osttirol auf der anderen Seite des Karnischen Kammes verbinden will.

Klotz für Klotz

Bevor man über die Grenze denke, sagt Hotelier Kurt Holzer, müssten zuerst die eigenen Gebiete verbunden werden, was zwei weitere Eingriffe bedeute. Holzer ist niemand, der etwas überstürzt. Eher ein Mann, der mit der Legotechnik arbeitet, Klotz für Klotz anlegt. Sein Berghotel ist ein nie endendes Projekt, das er modelliert, zerlegt wie ein Playmobilhaus. In Zukunft brauchten Leute in Ballungszentren mehr denn je Ferien, „sie kommen zu uns, um sich in der Natur zu entspannen“. 30.000 Übernachtungen zählt sein Haus jährlich, Umsatz drei Millionen Euro. Ungefähr so hoch wie seine Schulden.

Der geplante Zusammenschluss der beiden Skigebiete wird die Skigesellschaft rund 28 Millionen Euro kosten. 8,8 Millionen wurden von der Landesregierung zugesichert, 5,9 Millionen durch eine Kapitalerhöhung der 360 Aktionäre erreicht. Irgendwann sollen endlich schwarze Zahlen geschrieben werden, aber davon ist man heute noch weit entfernt. Die Verzögerung hat die Kosten um 1,5 Millionen Euro in die Höhe getrieben.

Umweltschützer Hans Peter Stauder will kein Verhinderer sein, doch findet er, „unberührte Natur zu zerstören, kann keine langfristige Lösung sein“. 1999 zählte er einen Augusttag lang vorbeifahrende Autos vor seiner Haustür. Es waren gut 13.000. Sie wurden danach nie weniger. Nur in einem sind sich alle Beteiligten ausnahmsweise einig: Für einen sanften Tourismus ist es in Sexten schon lange zu spät.

Barbara Bachmann ist freie Autorin und lebt in Wien

 

06:00 26.03.2014

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