Der Ruin ist ein Schatz

Was läuft Warum „The Get Down“ die ideale Form für Baz Luhrmann ist. Spoiler-Anteil: 23 Prozent
Barbara Schweizerhof | Ausgabe 35/2016

Baz Luhrmann scheint etwas an sich zu haben, was zum Nörgeln herausfordert. Strictly Ballroom, Romeo + Juliet, Moulin Rouge, Australia und The Great Gatsby (mehr Spielfilme hat der 53-jährige Australier nicht gemacht) – immer war etwas zu viel: zu dick aufgetragen, zu pompös, zu viel „Sound“. Aber wenn es einen Beleg bräuchte dafür, dass der Maßstab für „zu viel“ vielleicht beim Alkoholkonsum, aber nicht in der Popkultur gilt, dann liefern ihn Luhrmanns Filme.

Denn ihnen gelingt mitunter ein rares Kinokunststück: Sie können verzaubern, einem den Atem nehmen, einen so sehr mitreißen, dass man beim Verlassen des Kinos kurz nicht mehr weiß, auf welcher Straße man steht. Sinnlich, kinetisch und hemmungslos laut funktionieren sie weniger als Erzählung mit Anfang, Mittelteil und Ende, sondern wie Konzeptalben, bei denen man die Lieblingstracks wieder und wieder hören möchte.

Weshalb es viel Sinn ergibt, dass Luhrmann nun als „Creator“ einer Serie fungiert, die von Musikgeschichte handelt und per Streamingdienst verbreitet wird. Inhalt und Distributionsform gehen eine wunderbare Verbindung ein. Ich zumindest habe nach der Sichtung der verfügbaren sechs Episoden von The Get Down sofort „zurückgespult“, um mir noch einmal einzelne Szenen anzusehen. Und dann noch mal.

Die Folgen spielen im Sommer 1977 in New York, besser gesagt in der Bronx. Es geht um die letzten Tage der Disco-Musik und die Anfänge des Hip-Hop. Und es geht um ein New York am Rand des Bankrotts. In der ersten Folge sieht man die berühmte Headline der New York Daily News aus dem Jahr 1975: „Ford to City: Drop Dead“. Für viele Kritiker der ersten Stunde bildete das einen Stein des Anstoßes. Wie kann man eine Headline aus dem Jahr 1975 zitieren, wenn es um 1977 geht? Aber ehrlich: Wen solche Sachen stören, der ist hier falsch.

Denn das ist das Erfrischende an The Get Down: dass die Serie aus den Wegen des sozialrealistischen Erzählens ausbricht und eine Welt kreiert, in der Mythos und Wahrheit miteinander die Hüften schwenken. Eine Welt, die gerade weil Luhrmann und seine Ko-Kreatoren sie ins Fantastische überhöhen, zum wahren Ort des Ursprungs der jugendlichen Helden wird. Die nämlich leben nur zur einen Hälfte in den abbruchreifen Häusern der Bronx.

Zur anderen leben sie in ihren Fantasien und Selbstmythologisierungen, in Träumen, die von zukünftiger Größe und Entdeckung handeln. „Shaolin Fantastic“ nennt sich einer der Jungs, der Verschlossenste und vielleicht „Härteste“ von ihnen. Zu Beginn macht er mit Grafittis und makellosen rot-weißen Pumaschuhen auf sich aufmerksam, dann aber, unter Patronage von Hip-Hop-Erfinder Grandmaster Flash (einer der Koproduzenten der Serie) lernt er das DJ-Handwerk. Im heimlich Gedichte schreibenden Zeke (die Entdeckung: der charismatische Justice Smith) findet Shao einen Partner für sein Musikprojekt. Zusammen mit den drei „Kipling-Brüdern“ Dizzee, Ra-Ra und Boo-Boo gründen sie die „Fantastic Four Plus One“. Aber dann, in jener legendären Julinacht, in der in New York der Strom ausfällt, verlieren die fünf den ersten Teil ihrer Unschuld. Die von Zeke angebetete Mylene kämpft unterdessen darum, als Disco-Sängerin groß herauszukommen.

Statt wie üblich in der Hierarchie von A-, B- und C-Plot zu erzählen, schneidet The Get Down seine Handlungsstränge am liebsten parallel. Wie inspiriert von der Montagetechnik der frühen Hip-Hop-DJs blendet das eine Thema ins andere hinein, überschneidet, infiziert sich, lädt sich mit Energie auf. Was in der ersten Folge noch krude, dick aufgetragen und wenig harmonisch erscheint, wird spätestens ab der dritten zu einem mitreißenden Mix aus Eindrücken und Emotionen.

Mit, wie gesagt, vielen Lieblingsszenen. Etwa der, in der Zeke und Shao die Wichtigkeit des Buntstifts für das Hip-Hop-Mixen erkennen. Oder der, in der der abgehalfterte Musikproduzent Jackie Moreno die Ähnlichkeit von Gottesdienst und Disco-Tanz erklärt. Oder der, in der die Graffiti-Sprayer „Rumi“ und „Thor“ auf der Flucht vor der Polizei in einer Tunnelnische der U-Bahn aufeinandertreffen. Beide sind Fan der „Werke“ des anderen, und schüchtern beginnt ein Austausch über Wände und U-Bahn-Waggons hinweg, der zum Flirt wird. Rumi ist es, der eines der schönsten Zitate dieser bestrickenden „Phoenix aus der Asche der Bronx“-Story liefert: „Where there is ruin, there is hope for a treasure.“

06:00 14.09.2016

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