Der Saal der Saalestadt

Theater der Welt Der internationale Festivalbetrieb beim Versuch, sich auf die Realität der Stadt Halle einzulassen

Am Anfang der überbordenden Festivalwelle in Deutschland standen Festspiele, die dem Publikum eine fremde Welt im bunten Abbild näher zu bringen suchten. Nicht Event und Globalisierung, sondern Verständnis und Erkenntnis waren damals die Zauberworte. Als aber die Festivals boomten, ging es im harten Wettbewerb nur noch um Entdeckungen. Aus dem fernsten Winkel des Erdballs sollten die Gastspiele sein, vor allem aber spektakulär und zugleich neu wie verständlich. Also akzeptierte, wer eingeladen werden wollte, meist eine allgemein verständliche Ästhetik, in der das Fremde und Andere nur noch ein zusätzlicher Reizpunkt war.

Beim Theater der Welt in Halle hat man versucht, beide Entwicklungen zusammen zu führen. Das Hölderlins Gedicht Der Gang aufs Land entlehnte Motto "Komm. Ins Offene!", das überall in der Stadt, auf Taschen, an Leihfahrrädern und auf Plakaten, zu sehen ist, verweist auf das Konzept: global schauen, regional agieren. Um in Halle - als dem mit seinen rund 230.000 Einwohnern bei weitem kleinsten Veranstaltungsort von Theater der Welt - Erfolg zu haben, hat man die eingeladenen Theater dazu animiert, sich mit ihren Arbeiten auf die Realität der Stadt einzulassen. Internationale Gruppen tanzen und spielen auf und an den Rolltreppen von Einkaufszentren, die Abflughalle des Flughafens Halle-Leipzig wurde als Rauminstallation zum Spielfeld für urbanes Leben und in den Franckeschen Stiftungen in einer performativen Ausstellungsinstallation zur alten eine neue, globale Wunderkammer des 21. Jahrhunderts eingerichtet. Nicht nur didaktisch geprägt ist das; das Publikum sollte auch mit Ungewohntem konfrontiert und von Fremdem verzaubert werden. Wie von der nordindischen Musikerkaste der Manganiyars, die in ihrer Manganiyar-Verführung gleichermaßen hinduistische, muslimische wie christliche Gottheiten besang und dabei unter der Leitung ihres berühmten Shakespeare-Regisseurs Roysten Abel eine auf religiösen Traditionen gründende Show mit dynamischer Musik als gestisches Sängertheater bot. Musiker mit Blas- und Streichinstrumenten, Trommler und Sänger saßen in 36 glühbirnenumsäumten Kabinen eines vierstöckigen Gerüsts. Nach und nach wurden deren rote Vorhänge geöffnet und die Kabinen erleuchtet, bis sich die Truppe zu einer großen Klangwand vereint hatte. Bei der New Yorker Big Art Group von Caden Manson dagegen trat niemand live auf. Hier wurde das Geschehen in einem Zimmer live gefilmt und draußen auf die Fassade eines der ältesten Häuser der Stadt am Domplatz projiziert. Im politischen Videotheater The People werden einige Hallenser dazu angetrieben, Pasolinis Skizzen für eine afrikanische Orestie zu spielen, während andere sich zu Gewalt und Gerechtigkeit, Demokratie und Politik äußern. Wir sehen Menschen, die von Gewalterfahrungen umgeben sind und von der Gesellschaft und den Medien in die "falschen" Rollen der Orestie gebracht werden. Technisch virtuos gemacht, beweist die Performance auf doppelte Weise die suggestive Macht der Bilder, auch wenn Texte und Haltung der Gruppe allzu prätentiös und selbstsicher wirkten.

Das Ensemble Motus aus Rimini hat für sein Videotheater-Stück X (ics)/Grausame Erzählungen der Jugend Halle als dritte Recherche-Station nach der italienischen Region Cattolica bei Ravenna und dem französischen Valence genommen. Das Ensemble verschneidet seine Videobilder von Abriss und Unbehaustheit in Hochhausbetongebirgen mit einer abstrakten Bühnenrealität. Die fünf Jugendlichen, denen nichts als ihr Bemühen um Coolness bleibt, sind sowohl auf der Videowand zu sehen als auch leibhaftig auf der Spielfläche davor, als Skater mit Superman-Umhang oder als Rapper oder als trauriges Paar in einem Einkaufswagen. Ihre trübselige Welt ist aus Vorstadt-Versatzstücken von französischen Banlieues und Plattenbauten von Halle-Neustadt zusammengesetzt. Es ist eine globale Jugendwelt, in der es um Sinnsuche und Ziellosigkeit, um Rockmusik gegen ein leeres Leben und um die Auseinandersetzung mit dem Selbstmord als Ausweg geht.

Gegen die Kälte und Erfahrungsleere der Kontrast bei einer Landpartie in der künstlichen Naturwelt des bürgerlich aufgeklärten Fürsten: In Gondeln an gedeckten Tischen wird man auf Kanälen durch den idyllischen Wörlitzer Landschaftsgarten gefahren. Im Park und später im Zuschauerrund eines kleinen Insel-Freilichttheaters zeigen afrikanische Tänzer ihre Versuche, sich dem fremden Ort anzunähern und Gestus und Geist der klassizistischen Statuen und Gebäude zu versinnlichen.

500 Künstler aus fünf Kontinenten boten 26 Inszenierungen, unter denen 14 Ur- sowie zehn europäische und deutsche Erstaufführungen sind. Dabei entstand die Hälfte der Produktionen mit Hallenser Partnern oder stellte Halle in den Mittelpunkt. Wie die Stadtverführungen: Bei diesen thematischen Touren durch die Stadt, zu Fuß oder mit dem Trabbi, wird man von Schauspielern geführt und von Schauspielern mit Szenen an historischen Orten umspielt. Nie kann man sicher sein, was Spiel ist und was Realität meint. Nachgespielte Realität als Fiktion zeigte der Schweizer Performer Massimo Furlan, der die Wege des DDR-Torschützen Jürgen Sparwasser beim einzigen Länderspiel zwischen beiden deutschen Staaten bei der Weltmeisterschaft 1974 ganz allein auf dem Rasen des Kurt-Wabbel-Stadions nachlief. Bei diesem Projekt wurden die Zuschauer zu Zuhören, die an Transistorradios zwischen der BRD- und der DDR-Reportage hin und her schalten konnten.

Der Höhepunkt des Festivals war eindeutig Yael Ronens Dritte Generation, das die 32-jährige israelische Regisseurin vom Habimah Theater als work in progress zeigte. Zwölf Schauspieler in Alltagskleidung, jüdische Israelis, in Israel lebende Palästinenser und Deutsche aus Ost und West sitzen im Halbrund vor dem Publikum. Sie präsentieren spielerisch biographische Splitter und setzen sich dabei fragend mit deutscher Vergangenheit und jüdischer Gegenwart auseinander. Es beginnt mit einem deutschen Schauspieler, der sich unentwegt entschuldigt; für die unfertige Produktion, für den Holocaust, für die Diskriminierung von Minderheiten, für das schwere Los von Asylbewerbern und so weiter. Der tiefe Ernst, der mit dem von Anfang angeschlagenen komödiantischen Gestus liegt, legt die üblichen Klischees und Plattitüden bloß. Wie hier mit Witz, aber ohne alle Besserwisserei falsche Haltungen entlarvt und offene Fragen stehen gelassen werden, das ergibt einen Abend, der dem Zuschauer nicht die nur scheinbare Sicherheit einer falschen Betroffenheit lässt, sondern ihn mit offenen Fragen entlässt. Das war wirklich ein Theater der Welt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare