Der Sache der Befreiung treu

Vorbildlicher Reformist Zum Tode des demokratischen Sozialisten Peter von Oertzen

In meiner Generation - in etwa der 68er also - gab es auf der Linken viele Bezugspunkte, die Loyalität einforderten: die Revolution, die "Mühen der Ebene", die proletarische Solidarität, die Mao-tse-Tung-Ideen oder auch die Dritte Welt.

Peter von Oertzen, der aus der Generation vor uns kam, gehörte zu denen, die sich nichts vormachen ließen. Seine Sache war die der umfassenden Befreiung der Menschheit von Ausbeutung, Herrschaft und Unmündigkeit - ein "Sozialismus", wie er formulierte, der "mehr persönliche Freiheit und mehr demokratische Teilhabe (aber auch mehr Wohlstand und mehr Lebensqualität) schaffen" würde "als der Kapitalismus - nicht weniger". Und ihm war klar, was vielen in meiner Generation aus den Augen geriet: Dass alle davon abzuleitenden Entscheidungen keiner Identifikation bedürfen, sondern einer nüchternen, durchaus instrumentellen Wahl.

Das hat es Peter von Oertzen ermöglicht, sich für eine jahrzehntelange Arbeit in der SPD zu entscheiden, als andere Optionen für einen demokratischen Sozialismus in Deutschland nicht zur Verfügung standen. Als sich mit der Schröder-Wende und dem Entstehen der Wahlalternative 2005 erstmals eine reale Alternative der sozialdemokratischen Linken auftat, hat er wiederum nicht gezögert, diese zu unterstützen - jedenfalls für die Zeit ihres hoffnungsvollen Aufbruchs als eine eigenständige Kraft.

Peter von Oertzen war Reformist, in dem heute erst wieder in Erinnerung zu bringenden Sinne, dass er genug über historische Prozesse wusste, um nicht den leichtfertigen Versprechungen eines revolutionären "großen Sprungs" auf den Leim zu gehen. Also keineswegs einer von denen, die sich mit John Maynard Keynes darauf beschränken wollten, den Kapitalismus durch "Reformen" mittelfristig zu stabilisieren, indem sie neue Bewegungsformen für seine schlimmsten Widersprüche ersonnen und durchsetzten. Und ganz gewiss auch ein konsequenter Gegner jener Neueren, die den "Reformbegriff" dann für die Wiederentfesselung der kapitalistischen Akkumulation nach den Klassenkompromissen der keynesianischen Reformen gekidnappt haben.

Für Peter von Oertzen ist es immer klar gewesen, dass es letztlich darauf ankommt, "die bürgerlich-kapitalistischen Eigentums- und Herrschaftsformen zu sprengen" - aber er wusste eben auch, dass dies ein schwieriger und langwieriger Prozess sein würde und in keinem Fall in einer Abkürzung zu erledigen ist.

Im Unterschied etwa zu Jochen Steffen, dem langjährigen Vordenker der schleswig-holsteinischen Linken seiner Generation, war Peter von Oertzen kein populärer Kuddl Schnööf, sondern vor allem ein marxistischer Wissenschaftler, ein auf wissenschaftliche Befunde gestützter Kritiker des Mainstreams an den Hochschulen und in der SPD, aber auch jener Vertreter des politischen Stalinismus, die er immer als "Todfeinde" jedes ernsthaften demokratischen Sozialismus betrachtet hat.

In seiner Zeit als Kultusminister in Niedersachsen Anfang der siebziger Jahre war er einer der Pioniere der radikaldemokratisch angelegten Bildungsreformen der sechziger Jahre. Er hat auch die Weichen dafür stellen können, dass es in Hannover, Oldenburg und Osnabrück wieder eine nennenswerte universitäre Linke gab, durch die nicht nur "Marx an die Uni" zurückkehrte, sondern auch eine selbstkritische Erneuerung des Marxismus in Angriff genommen worden ist - bis hin zur Öffnung zu den neuen sozialen Bewegungen.

Als Sohn mecklenburgischer Adliger hatte es Peter von Oertzen nicht nötig, sich bei irgendjemandem anzudienen. Der Prestige-Opportunismus, wie er bei Jusos und Grünen um sich griff, widerte ihn an. Seine theoretische Arbeit ging immer von realen historischen Analysen aus, nicht von vorgefassten philosophischen Standpunkten. Deswegen konnte er auch, nachdem die SPD unter Schröder die Arena des Ringens um linke Politik unter Absingung neoliberal geprägter Lieder verlassen hatte, wieder ganz unbefangen und offen in anderen Foren die Auseinandersetzung fortführen - in deutschen und internationalen Organen kleinerer linker Gruppen und im Rahmen der Loccumer Initiative kritischer WissenschaftlerInnen.

Peter von Oertzen hatte ein tiefes Verständnis dafür entwickelt, was es bedeutet, dass "die Befreiung der Arbeiter das Werk der Arbeiter selber" sein muss und dass sich dies weder durch eine Avantgardeorganisation ersetzen noch überspringen lässt. Das hat ihm sein unabhängiges Urteilsvermögen auch in den Zeiten des Kalten Krieges und der sektiererischen Zuspitzungen nach dem Ende des linken Aufschwungs der sechziger Jahre bewahrt.

Gerade er, der als nüchterner Realist immer auch für Positionen linken Überschwangs offen gewesen ist, sollte all denen zu denken geben, die heute die schwachen Signale eines linken Aufschwungs noch einmal dahingehend missverstehen wollen, dass es jetzt darum gehen könnte, sich in sektiererischem Radikalismus von allen Realitätszwängen zu verabschieden. Wirklich radikale Realisten wie Peter von Oertzen haben immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass die lautesten Schreihälse am Ende die konformistischsten Erfüller der angeblichen "Sachzwänge" geworden sind. Seine Nüchternheit und seine wissenschaftliche Genauigkeit haben ihn mitten in den Sümpfen der Sozialdemokratie immer davor bewahrt, derartig abzurutschen. Sein Urteil wird der Linken in Deutschland fehlen.

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