Der scharfe Verstand eines Wolfes

Profile In seinem Terroristenroman »Wovon die Wölfe träumen« hat Yasmina Khadra Probleme mit dem Innenleben seiner Helden

Nafa, die Hauptfigur des Romans Wovon die Wölfe träumen ist eigentlich ein harmloses Schaf, bevor sie sich in Algerien in einen Wolf verwandelt. Hafa ist charmant und hat ehrgeizige Träume. Nichts weniger als ein berühmter, von allen geliebter Schauspieler will er werden. Sein Kapital, um diese Träume zu verwirklichen, reicht aber nicht: ein schönes Gesicht und ein hasserfülltes Herz. Nafa lernt sehr früh sein Milieu zu verachten: die elenden Verhältnisse der Habenichtse, der Bedürftigen und der Machtlosen. Den Hass gegenüber den einflussreichen Sippen seines tief in Korruption versunkenen Landes eignet er sich später an, als er für eine der reichsten Familie von Algier als Chauffeur arbeitet.

Seine Umwandlung zum »Wolf« beginnt mit einem Schock. Den erlebt er, als er die verstümmelte Leiche einer 15-jährigen, einer an der Überdosis gestorbenen Prostituierte, im Hause des jüngsten Sprosses der Familie sieht. Er weigert sich, sie mit wegzuschaffen. Daraufhin wird er halb totgeschlagen und flüchtet in sein Elternhaus. Erschüttert und verzweifelt sehnt er sich in seiner Einsamkeit nach Ruhe und Eintracht. Eines Mittages, als er schluchzend nach der Erlösung schreit, hallt plötzlich der Ruf des Muezzins wie ein verlängertes Echo seines Stoßgebetes wider. Da kehrt endlich »Frieden in meine Seele ein«, schildert der Protagonist Nafa seine geistige Befreiung. Bevor er die Gestalt eines »Wolfes« annimmt, wird er Kurierfahrer für die Islamische Heilsfront, erwirbt sich Vertrauen und Anerkennung und macht als Profikiller eine zielstrebige Karriere. Sein Leben mündet schließlich unwillkürlich in eine blutrauschgleiche Auseinandersetzung mit Spezialeinheiten.

Ein hoher Offizier solcher Spezialtruppen der algerischen Armee war der Autor des Romans Mohammed Mouslessehaoul, à la Yasmina Khadra, bevor er im Jahre 2000 ins Exil nach Frankreich ging. »Von Anfang an habe ich mit dem Krieg mitgemacht und die blutige Auseinandersetzung im täglichen Einsatz nie aus den Augen verloren«, sagt der 45-Jährige. Deshalb liefert der seit über zehn Jahren andauernde Krieg in Algerien den Hintergrund seiner Bücher. In Morituri (2001), Doppelweiß (2002) und Herbst der Chimären (2002) schildert der Autor die Tragödie seines Landes, indem er sowohl mit den Verbrechen der FIS-Bewegung, der Nationalen Befreiungsfront als auch mit den Machenschaften des Regimes abrechnet. Der Kommissar Llob kämpft in diesen Krimis in einer von Korruption und Fanatismus versunkenen Welt um die Gerechtigkeit.

Um die Gerechtigkeit geht es auch im 1999 in Frankreich erschienen Roman Wovon die Wölfe träumen. Darin versucht Khadra, in schlichter Sprache das Verhältnis zwischen Ungerechtigkeit und Gewalt zu erhellen. Dazu dient ihm nicht nur das Schicksal des jungen Protagonisten Nafa, sondern auch die Geschichte des seit Jahrzehnten von Kriegen und Krisen geschüttelten Landes Algerien. Allein sieben Jahre dauerte der blutige Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich vor gut 45 Jahren, obwohl die französische Regierung erst 1998 erkannte, dass sie in Algerien tatsächlich einen Krieg geführt hatte. Bis dahin wurde von »Operationen zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung« geredet und das Kriegsgeschehen als »algerische Krise« verharmlost.

Gegen diese ungerechte und grausame »Arroganz« hatte damals die Befreiungsfront FLN Widerstand geleistet, versank aber selbst nach der Unabhängigkeit in Korruption und Gleichgültigkeit. Das Fazit: Unzufriedenheit und Zorn der Bevölkerung, die sich Ende der achtziger Jahre in Aufständen entluden. So bildete sich die Islamische Heilfront, die schließlich 1991 die Parlamentswahlen gewann. Die Armee verhängte unmittelbar danach den Ausnahmezustand und annullierte den Wahlgang. Seither liefern sich das Regime und die in den Untergrund abgetauchten FIS-Anhänger einen blutigen Kampf.

Nach den Regeln traditionellen Erzählens, bei denen der Autor eine Person durch spezielle Attribute als eine besondere vorzustellen versucht, schildert Yasmina Khadra diesen Kampf. Die Geschichte wird zwar aus der Perspektive der ersten und dritten Person erzählt, an der Grundeinstellung beider Sichtweisen ändert sich aber nichts. So erfährt der Leser kaum von der inneren Welt des Protagonisten. Der Autor löst zuweilen die vertrauten Dimensionen von Zeit, Ort und Sprache auf. Aber ohne die Handlung zugunsten der Emotionen und Psyche der Hauptfigur Nafa voran zu treiben. Der bewegt sich in Gegenwart und Vergangenheit immer nur, um gnadenlos zu töten. Die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen und Gegenwärtigen fällt ihm schwer, wenn er dem Leser die Motive und die Gründe seines Transformationsprozesses zu vermitteln hat. Als Nafa als zukünftiger Killer angeworben wird, antwortet er eindeutig und kurz: »›aber klar‹, ohne sich nur eine Sekunde zu besinnen.« Der Autor vernachlässigt so leider das wichtige Merkmal der nach dem traditionellen Erzählmuster geschriebenen Literatur, in der nichts zufällig, sondern alles miteinander verwoben ist.

Das gilt auch für die Charakterisierung der Nebenfiguren, die sich nur durch Aktionen (töten, flüchten, wieder töten) hervorzuheben versuchen. Sie bleiben aber ohne Profil und Umriss. Selbst als Mörder wirken sie nicht originell und ahmen die zweitklassigen Schauspieler in Hollywood-Filmen nach. »Le Rouget besaß die Kompromisslosigkeit und Effizienz eines Profikillers. Er schlug schnell und präzise zu, und stets mit schallgedämpfter Pistole. War das Opfer tot, zupfte er mechanisch seine Hemdsärmel zurecht, steckte die Waffe zurück in die Aktentasche und entfernte sich gemächlichen Schritts, wie ein Spaziergänger bei einem Schaufensterbummel«. So sehen Menschen unabhängig von ihren Situationen und Konflikten gleich aus.

»Ich sehe die Rolle des Schriftstellers darin, seinen scharfen Verstand einzusetzen. Seine Aufgabe ist es, das Gewissen wach zu rütteln«, sagte Mohammed Mouslessehaoul in einem Interview in Paris. Das sollte durchaus auch für die Geschichte eines Schafes gelten, das sich eines Tages in einen Wolf verwandelt.

Yasmina Khadra: Wovon die Wölfe träumen. Roman. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe, Aufbau, Berlin 2002, 331 S., 20 EUR

00:00 14.03.2003

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