Der Schatten eines anderen

Wunderkammer In seinem Roman "Das Labyrinth" lässt Gerhard Roth die Wiener Hofburg brennen

Spektakulärer kann man nicht beginnen. Gerhard Roth lässt die Wiener Hofburg brennen, das legendäre Machtzentrum der Habsburger. Feuer bleibt überhaupt ein Leitmotiv seines neuen Romans, auch wenn er nicht so heißt, sondern Das Labyrinth. 54 Treppenhäuser und 2600 Räume hat der Gebäudekomplex aus K und nicht einmal dessen heutige Verwalter haben die Baupläne noch im Kopf, kennen alle Querverbindungen, Abkürzungen, Nebenstiegen, Wege und Umwege dieses Gespensterbezirks, der mittlerweile von mehreren Institutionen genutzt wird.

Wer hat den Brand gelegt? Die Spur führt zum pyroman veranlagten Philipp Stourzh, der als Hilfspfleger im "Künstlerhaus" der psychiatrischen Anstalt "Gugging" tätig ist und sich dort vor allem um den sich stumm stellenden Kunstmaler Lindner kümmert. Und beide wiederum lernt der Leser durch die Berichte des Nervenarztes Heinrich Pollanzy kennen, dessen Patienten sie sind. Von Anfang an lässt Roth die in sechs Bücher unterteilte und von sechs unterschiedlichen Ich-Erzählern transportierte Handlung zwischen Realität und Imagination oszillieren, zwischen Geschichtsschreibung und Legendenbildung, zwischen Tat, Traum und Verstellung.

Jedes dort ausgebreitete und vermeintlich sichere Wissen, das man als zu Anfang vielleicht allzu vertrauensseliger Leser gern glauben will, wird allerdings nach und nach wieder fragwürdig. Die Patienten fälschen anscheinend - ganz sicher ist man nie - die Aufzeichnungen ihres Arztes, eine gleichfalls in "Gugging" tätige Logopädin schreibt gleichsam in aller Namen die große Schlussapotheose. Und vollends schwierig wird es, als sich auch noch ein Schriftsteller in das Geschehen mischt, - ein Schriftsteller, der zwar das Alter Ego Gerhard Roths sein dürfte, aber mitnichten dessen telegen stets so bestechende Souveränität besitzt, sondern eher von Furien gejagt erscheint.

So wird das zweite Leitmotiv dieses zum Zyklus "Orkus" gehörenden Romans - der Wahnsinn, die Kunst und die österreichische Geschichte - zwischen fünf Personen aufgerieben, ja atomisiert. Und man braucht eine Weile, bis man erkennt, dass alle Personen Abspaltungen sind. Wessen? Wahrscheinlich des Schriftstellers, vielleicht ja desjenigen, der gerade schreibt. Letztlich aber gibt es in diesem Roman kein autarkes, zentrales Wesen. Jeder ist der Schatten eines anderen. Und keiner existiert aus sich selbst heraus.

Was also wie ein sensationslüsterner Krimi anfängt, wächst sich aus zu einer gigantischen Phantasmagorie. Gerhard Roth, ein manischer Aufdecker verborgener historischer Brüche, ein überaus gescheiter und belesener Autor, ein nimmermüder sich an Österreich abarbeitender Essayist, stellt seine Leser mitten hinein in die faszinierenden Krisengebiete zwischen Wahn und Wirklichkeit, treibt sie durch die Zeitläufte, lässt sie Gemälde von Goya, Velasquez und Archimboldo entschlüsseln, vollführt kunstvolle Spurensuche im Prado und im Kunsthistorischen Museum in Wien, seziert die prekäre Gemütsverfassung des letzten österreichischen Kaisers Karl, dem er - in Gestalt des Pyromanen Stourzh, der eine Magisterarbeit über den letzten regierenden Habsburger schreibt -, bis nach Madeira, seinem Sterbeort, folgt.

Fast ist es schade, dass die merkwürdige Biografie dieses Kaisers vor Jahren wegen dessen umstrittener Seligsprechung so sehr durch die Gazetten gezerrt wurde. Bei Roth liest sie sich wie ein Tatsachenbericht in literarischem Gelände, wie eine vorweggenommene Zeitungsreportage von der heroischen Aufrechterhaltung eines zum Ritual gewordenen Lebens, das nur Außenstehenden lächerlich erscheinen kann.

Am berührendsten und gelungensten freilich sind die Forschungen, welche die Schriftstellerfigur, das Roth-Alter-Ego, nach Toledo und Lissabon führen. Wo es wieder um Abspaltungen geht. Um Don Quichotte und Sancho Pansa, die in ihrer realistisch-irrealen Hellsichtigkeit wohl zwei Seiten einer einzigen Medaille sind. Und dann natürlich um Fernando Pessoa, jenen wunderlichen, freundlichen, obsessiven Schriftsteller, der sich allein zehn sogenannte Heteronyme erfand, um als schreibender Mensch halbwegs geistig gesund über die Runden zu kommen. Natürlich lässt er seine erfundenen Autoren nicht etwa allein, sondern in Kontakt zueinander treten, sie Fehden ausfechten, sich Briefe schreiben. Und natürlich wird es spätestens hier klar, dass Gerhard Roth Pessoas fanatischster Anhänger ist.

Einen schematisch und nach den gängigen Regeln des Handwerks gebauten Roman kann man dieses Labyrinth also wirklich nicht nennen. Dazu ist der Autor zu sehr mit der Realisierung des verräterischen Titels, zu offen, zu ausschweifend mit seinen Text-Rändern beschäftigt. Für leidenschaftliche, wissbegierige Leser mit Durchhaltevermögen aber lässt sich das Buch wie eine Wunderkammer betreten. Eine eisige Wunderkammer allerdings, in der die Blumen des vergessenen Wissens gefriergetrocknet sind und all jene völlig absurd erscheinenden Zusammenhänge zwischen Religion, Geschichte, Kunst und Politik, die wir schon immer ahnten, aber nicht offen auszusprechen wagten, zu neuen aufregend vitalen Abstraktionen kristallisieren.

Gerhard Roth: Das Labyrinth. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, 464 S., 19,90 EUR


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00:00 29.09.2006

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