Der Schaumschläger

Arcandor Er beherrscht es wie kaum ein Zweiter, effektvoll heiße Luft zu verkaufen: Ex-Vorstandschef Thomas Middelhoff ist der Mann, der den Karstadt-Konzern auf dem Gewissen hat

Einst galt Thomas Middelhoff als Wunderkind der deutschen Wirtschaft, nun steht sein letzter Arbeitgeber vor der Insolvenz und die Staatsanwaltschaft prüft die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens gegen ihn. Aus dem Märchen vom Hans im Glück wurde das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Auch der letzte Aktionär weiß nun, dass hinter Middelhoffs pompösem Kunstgebilde „Arcandor“ nicht viel mehr als heiße Luft steckt.

Angst vor vollmundigen Versprechungen hatte Thomas Middelhoff noch nie. Noch vor eineinhalb Jahren verkündete er den staunenden Aktionären, dass er das Kursziel der Arcandor-Aktie langfristig bei 40 Euro plus X sähe. Die Investoren, die damals dem unbegründeten Zweckoptimismus des großspurigen Dampfplauderers Glauben schenkten, werden ihre Leichtgläubigkeit bereits bitter bereut haben. In seinem Abschiedsbrief schrieb Middelhoff noch im letzen Februar salbungsvoll, „dass es rückblickend [feststehe], dass das Ziel, den Konzern zu retten und auf eine tragfähige Basis zu stellen, erreicht wurde“. Zu diesem Zeitpunkt stand freilich bereits fest, dass Arcandor nur durch ein Wunder vor dem Aus gerettet werden kann. Letzte Nachricht vom Gefecht um den Warenhauskonzern vor der Drucklegung dieser Ausgabe: Die Bundesregierung lehnt einen Notkredit ab, die Insolvenz rückt näher.

Middelhoff musste vor drei Monaten gehen und hinterließ seinem Nachfolger und Arcandor-Totengräber Karl-Gerhard Eick einen Scherbenhaufen. Für seine „Erfolge“ bei Arcandor bekam Middelhoff noch kurz vor seinem Abgang einen Sonderbonus in Höhe von 2,3 Millionen Euro – anscheinend war auch der Aufsichtsrat nicht immun gegen die hohe Schule Middelhoffscher Dampfplauderkunst.

Thomas Middelhoff, der von seinen Freunden und Kollegen gerne „T-Rex“ genannt wird, ist ein Prototyp des modernen New-Economy-Managers. Der weltläufige Sunnyboy, der stets im adretten Zweireiher mit Einstecktüchlein und streng nach hinten gegelten Haaren vor die Öffentlichkeit tritt, beherrscht die Kunst, effektvoll heiße Luft zu verkaufen wie kaum ein Zweiter. Middelhoff hat bereits früh das Potential des Internet erkannt und führte den Bertelsmann-Konzern während seiner Amtszeit als dessen Vorstandsvorsitzender von 1998 bis 2002 in das virtuelle Zeitalter. Ein glückliches Händchen hatte er dabei beim Verkauf der Bertelsmann-Beteiligung bei AOL-Europe für 7,5 Milliarden Euro an Time Warner – zu einem Zeitpunkt, als die New-Economy-Blase bereits kurz vorm Zerplatzen stand. Dieser Deal, von dem er auch persönlich über Prämien profitierte, begründete seinen Mythos als Erfolgsmanager. In Vergessenheit geraten sind dabei seine zahlreichen Fehlinvestments wie Napster, Pixelpark oder Myplay. Die Familie Bertelsmann sah hinter die middelhoffsche Fasssade – und feuerte das ehemalige Wunderkind.

Dampfplauderei und Bilanzkosmetik

Nach Liz Mohn konnte Middelhoff eine andere Konzernherrin für sich einnehmen – Madeleine Schickedanz. Die Großaktionärin der KarstadtQuelle AG setzte Middelhoff im Juni 2004 als ihren Vertreter in den Aufsichtsrat. Ein Jahr später gelang es ihr, auf Pump die Aktienmehrheit zu erlangen und sie machte Middelhoff zum Vorstandsvorsitzenden. Mit papageienhafter Penetranz entwarf der neue starke Mann in Essen wohlklingende Visionen, um dem kriselnden Handelskonzern eine famose Zukunft zu geben. Internationaler müsse der Konzern werden, sich auf Premium-Kunden spezialisieren, mal sollte er expandieren, mal sollte er auf die Kernkompetenzen geschrumpft werden. Middelhoffs größte Leistung war die sinnlose Umbenennung von Quelle in Primondo und von KarstadtQuelle in Arcandor – vokalreich, international, künstlich. Anstatt die eigentlichen Geschäftsbereiche des Konzerns zu sanieren, beteiligte sich Arcandor lieber am Reiseveranstalter Thomas Cook, der zwar leidlich profitabel ist, mit den Geschäftsfeldern Warenhaus und Versandhandel aber nichts zu tun hat. Um diesen Aktionismus zu finanzieren, verkaufte Middelhoff die Karstadt-Immobilien – in der Folge musste der Konzern seine ehemaligen Häuser zu horrenden Preisen mieten. Bemerkenswert an diesem Geschäft ist, dass in Presseberichten zu lesen war, Middelhoff sei selbst an einem der Immobilienfonds beteiligt, der auf Kosten der Aktionäre gute Gewinne macht. Anstatt das Unternehmen zu sanieren, verkaufte er lieber wahllos das Tafelsilber – die Mitarbeiter mussten diesen Kurs durch Lohnkürzungen ausbaden, während „T-Rex“ sich noch im letzten Geschäftsjahr eine Erhöhung seiner Bezüge um 47 Prozent genehmigen ließ.

Thomas Middelhoff beherrscht allerdings nicht nur die hohe Kunst der Dampfplauderei, er versteht sich auch sehr gut auf Bilanzkosmetik. Durch allerlei Tricks, wie die Änderung des Bilanzstichtages und eine um undurchsichtige Sonderposten bereinigte Bilanz, schaffte er es stets, die verheerende Finanzlage zu kaschieren und Gewinne zu vermelden, die gar keine waren. Als er sich noch Obenauf wähnte, schwadronierte er lautstark über eine Übernahme der Metro-Warenhaussparte Kaufhof. Nun sieht es so aus, als würde sich die solider wirtschaftende Metro die Karstadt-Rosinen aus der Insolvenzmasse herauspicken können. Wäre Middelhoff heute noch Arcandor-Chef, ihm fiele sicherlich auch dazu ein starker Spruch ein.

Madeleine Schickedanz musste ihren Lieblingsmanager fallen lassen. Heute betreibt er zusammen mit Roland Berger und dem Ex-Banker Florian Lahnstein die Investmentfirma BLM Partners. „Mit BLM Partners gehen wir neue Wege mit dem Ziel langfristiger und nachhaltiger Wertschöpfung“, so Middelhoff. Wenigstens in seiner Rhetorik bleibt er sich treu – sein Leitspruch für Arcandor lautete „verpflichtet, Werte zu schaffen“.

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