Der schiefe Blick

Technologie Virtuelle 3D-Räume sind überall – nun erobern sie sogar die Zeitungen und das Fernsehen. Aber kann sich diese Technologie auch durchsetzen? Ein Selbstversuch

Der seit einigen Monaten geschürte 3D-Hype ist ein Schulbeispiel für die Kunst der Entfachung gewerblicher sozialer Hysterien. Nachdem der Flachbildschirm erfolgreich das analoge Empfangsgerät verdrängt hat und nachdem die Digitalisierung von Camcordern und Kameras abgeschlossen ist, muss ein neues Verfahren den Nachbarn zu neuen Fragen verleiten: „Was, Sie sehen noch in 2D? Das ist ja rührend! Wie halten Sie das aus?“ Der durchschnittliche Gebildete, der die Marktstrategie durchschaut hat, schafft sich, vorsichtig geworden nach Bourdieus Hinweis auf die feinen Unterschiede, die neue Technik erst an, nachdem das durch Kaufverweigerung erworbene Distinktionspotential zu den Massen erschöpft ist; der extravagante Gebildete geht gleich mit den Massen und zieht damit die Distinktion zu seinesgleichen vor.

Und währenddessen? Die Nachrichten zu medialer 3D-Aufrüstung überschlagen sich. Sky und die Deutsche Telekom wollen die Rechte für Bundesligaspiele in 3D kaufen. Intel und Nokia planen, dreidimensionale Bilder auf das Handy bringen – die Möglichkeit, seinen Gesprächspartner räumlich sehen zu können, hilft offenbar einem dringenden Bedürfnis ab. Nintendo arbeitet an einer neuen Konsole, die zum 3D-Spielen ohne Spezialbrille einlädt: Super-Mario rennt durch eine räumliche Landschaft, und wir bestimmen die Richtung, leider erst im nächsten Frühling. Constantin denkt über einen Tarzan-Film mit weit schwingenden Lianen und in der Tiefe des Raums sich verlierenden Urwaldschreien nach. Nicht fehlen dürfen der Weltraum und Lena Meyer-Landrut: Microsoft ermöglicht in Zusammenarbeit mit der Nasa einen virtuellen Marsbesuch in 3D, einen Monat nach dem Start funkt der deutsche Radar-Satellit „Tandem-X“ erste 3D-Aufnahmen der Erde aus dem All, und der gefühlte Satellit Meyer-Landrut leiht in einem animierten 3D-Film einer kleinen Schildkröte die Stimme.

Dass ein Hype, eine überschlagende soziale Begeisterung politisch oder gewerblich inszeniert ist ­– dieser Nachweis ruft inzwischen ein verhaltenes Gähnen hervor. So etwas regt uns nicht mehr auf, geschweige denn an. So könnten wir auch über die gegenwärtige Phase der 3D-Euphorie achselzuckend hinweggehen, wären da nicht gewisse Warnzeichen, dass alles, was mit dem symbolischen und dem virtuellen Raum zusammenhängt, aus zunächst nicht ganz durchschaubaren Gründen in unserer gegenwärtigen kulturellen Situation nicht leicht abgetan werden sollte.

Saugende Räume

Der zurückliegende 28. August wurde in Deutschland zum 3D-Tag. Morgens die ganze Bild-Zeitung in 3D, abends auf Arte zwei 3D-Pionierfilme, ein Hitchcock und für Camp-Süchtige der Gruselfilm Der Schrecken vom Amazonas. Bild und Arte hatten sich kurzgeschlossen, das Blatt verwies auf die Filme, der Sender auf die Brille in der Zeitung.

Vom Krimi-Altmeister gab es Bei Anruf Mord zu sehen. Ein Mann will seine Frau loswerden und lädt einen anderen Mann ein, sie nach einem höchst raffinierten Plan umzubringen. Aufgrund eines winzigen logischen Fehlers misslingt der Plan, wir hatten es geahnt, die Frau ist gerettet, die Männer gehen den Bach runter, in 3D.

Nach einem Tipp von Bild hatte ich die Karte, die vorgehalten als Brille fungierte, an den Seiten durchbohrt, mit einem Gummi versehen und über den Kopf gezogen. Das sah ziemlich roboterhaft aus, war beim Filmsehen aber praktisch, weil ich die Lage der Käsechips besser ertasten konnte, und beim Zeitunglesen erleichterte es die Umblätterei. Erste Überraschung: Die Räume, die sich nun auftaten, hatten im Film und in der Zeitung die gleiche Struktur! Der Raum verlief in beiden Fällen keineswegs gleichmäßig in die Tiefe, sondern gestaffelt, in parallelen Gassen, wie wir sie vom barocken Theater her kennen. Da sitzt zum Beispiel Merkel hinter ihrem Schreibtisch, es ist Tag der offenen Tür. Vorne steht ein Blumenstrauß, der ist verschwommen, dann die Bundeskanzlerin, die ist scharf, und hinter ihr Adenauer in dem Bild von Kokoschka: wieder unscharf. Und dazwischen die Gassen.

Noch unbefriedigender ist diese Barockhaftigkeit in dem Mordfall. Man muss sich schon drehen und wenden und an der Brille herumnesteln, bis man überhaupt einen räumlichen Eindruck kriegt. Und dann diese Raumsprünge bei gleichzeitiger Konturlosigkeit ausgerechnet eines Mordes! Die Zuschauer werden das nur so lange mitgemacht haben, wie das erhabene Gefühl vorherrschte, einer Pionierstunde beizuwohnen.

Bei der Aufführung dieser 3D-Filme Mitte der fünfziger Jahre war jenes Jahrhundertfoto entstanden, das Kinozuschauer in Reih’ und Glied mit dunklen Brillen im lichtlosen Raum beklommen auf die Leinwand blickend zeigt. Wenn je ein Foto zum Archetypus wurde, dann dieses: Menetekel einer von den Medien verhexten und in Bann geschlagenen Welt, deren Bewohner kollektiv in der Düsternis erstarren.

Die Gassenhaftigkeit verhindert allerdings nicht einen Effekt, der beim 3D-Film stark ist, aber auch in der 3D-Zeitung noch spürbar: Der Betrachter wird in den Raum, der sich virtuell auftut, magisch hineingezogen. Der Raum läuft auf ihn zu, umfängt ihn. Der Zuschauer ist in dem Handlungsraum anwesend. Das Hineingezogenwerden geht zunächst von der Raumkonstruktion selbst aus, wird aber unterstützt durch die Brille, die Informationen aus der Außenwelt abschirmt. Wir sind nahe am Geschehen, und wir werden das Gefühl nicht los, im Zweifelsfall eingreifen zu sollen. Auf diese Weise werden die altmodischen Medien Zeitung, Fotografie, Video und Fernsehen plötzlich zu einer Brücke in dreidimensionale virtuelle Räume, in denen sich der Besucher herumtummelt, in denen Kinder Hunden das Männchenmachen beibringen und Second Life-Nerds aufregende Parallelgesellschaften errichten.

Der 3D-Day war nur eine Art Herold: Ihm folgt in dieser Woche die IFA auf dem Berliner Messegelände. Die 50. Funkausstellung steht im Zeichen der Dreidimensionalität der Medienbotschaften. Die dritte Dimension hält demnächst mit 3D-fähigen TV-Geräten, Beamern und Blu-ray-Playern Einzug in die Wohnzimmer. Da es in Deutschland einen entsprechenden Sender noch nicht gibt, müssen vorläufig zur Überbrückung Filme oder Video-Spiele eingelegt werden. Bei einer technischen Version ohne teure Brille darf leider ein bestimmter Blickwinkel nicht verlassen werden. Die Messe-Propagandisten sind hektisch damit befasst, so viel Glanz und Glitter zu verbreiten, dass der Makel der neuen Waren für die Konsumenten übertönt und unfühlbar wird.

Die Hologramm-Technik, die ja auch aus zwei Quellen (Laserstrahlen) ein räumliches Gebilde entstehen lässt, macht die Zukunft des 3D-Fernsehens ahnbar: Der Monitor wird verschwinden, das bewegte räumliche Bild realisiert sich mitten im Zimmer. Die neue 3D-Technik ist zu erkennen als ein weiterer, unscheinbarer Schritt bei der Dematerialisierung der medialen Kommunikation. Sie wird zu einer Entwicklung beitragen, die schon mit der Stereoskopie zart einsetzte und mit dem Computer den Alltag umzumodeln begann: zum Verschwimmen der Differenz von realen und virtuellen Räumen.

Die Stereoskopie zielte auf die gleiche neuronale Option wie alle ihr folgenden 3D-Medien bis hin zum heutigen 3D-Fernsehen: Getrennte, leicht differenzierte Bildinformationen für das rechte und das linke Auge warten darauf, dass das betrachtende Gehirn sie synthetisiert, dann fließen sie ineinander und erscheinen als räumliches Gebilde.

Die Tiefen der Lagune

Schon bald gab es auch eine politische Stereoskopie: Die Trümmer der Commune von 1871 wurden dem schaudernden Publikum der betuchteren Stände, das mit dem Schrecken davongekommen war, räumlich vor Augen geführt, noch bevor die realen Ruinen an der Rue de Rivoli weggeräumt waren und dem ungetrübten Flanieren Platz machten.

Hatte uns nun die weltweite Finanzkrise gerade darüber belehrt, dass die Realwirtschaft nur ein – leider unverzichtbares – Anhängsel des Investment Banking und seiner Finanzgeschwister ist, ein Hündchen, das an der langen Leine des digital bewegten Geldkapitals läuft, so weist die Öffnung neuer virtueller Räume in eine Zeit voraus, in der die handfeste Wirklichkeit ergeben hochschauen könnte zu der leicht gespensterhaften Figur am anderen Ende der Hundeleine.

Diese trübe Aussicht soll uns jedoch nicht das Vergnügen an den neuen Fernsehgeräten nehmen, auch der Film Bei Anruf Mord endet schließlich nicht so schlimm, und Der Schrecken am Amazonas, der unheimliche Kiemenmensch, versinkt in der Schlusssequenz in den Tiefen der finsteren Lagune.

Als Albert Einstein die Funkausstellung des Jahres 1930 am Berliner Messegelände eröffnete, bemerkte er launig: „Sollen sich alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“

Eckhard Siepmann lebt als Szenograf, Autor und Boulespieler in Berlin. Er veröffentlichte unter anderem das Buch Ereignis Raumzeit. Physik Avantgarden Werkbund

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10:45 06.09.2010

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