Der Schimpanse in mir

Affenkino Die Künstlerin Rachel Mayeri dreht Filme für Primaten. Sie möchte herausfinden, wie sehr sie uns Menschen ähneln

So wie Eiszeiten zyklisch auftreten, Rezessionen die Konjunktur erschüttern und immer mal wieder Iron Maiden-Shirts in Mode kommen, so durchleben wir gerade wieder eine Schimpansen-Renaissance.

In den Kinos wird dieses Jahr in Rise of the Planet of the Apes (Planet der Affen: Prevolution) die Vorgeschichte des Films Planet der Affen (1968) mit Charlton Heston erzählt. Dem war wiederum 1951 Bedtime for Bonzo vorausgegangen, in dem auch Ronald Reagan zu sehen war. Project Nim dokumentiert 2011 dagegen die Geschichte eines Schimpansen, dem in der Nach-Hippie-Phase der ausgehenden Siebziger das Sprechen beigebracht werden sollte. Am stärksten verwischt wird die Linie zwischen Affe und Mensch aber im jüngsten Projekt der bildenden Künstlerin Rachel Mayeri aus Los Angeles. Es ist nämlich kein Film über, sondern für Schimpansen.

Die Affen haben nun also ein eigenes Kino. Mayeri sei es aber nicht nur darum gegangen, einen Film zu machen, der den Bedürfnissen von Schimpansen gerecht wird: „Das übergeordnete Ziel für mich bestand darin, ein Video zu drehen, das sowohl Schimpansen als auch Menschen verstehen können. Ich hoffe, damit ein wenig zum Verständnis beitragen zu können, wie Schimpansen denken und worin das Verbindende zwischen uns besteht.“

Mayeri wollte wissen, ob die Tiere wirklich Anteil an dem nehmen, was sich auf dem Bildschirm abspielt. Primate Cinema, eine ungeschnittene, 20-minütige Video-Installation, zeigt einen „Stadt-Affen“, der von einem professionellen Schauspieler in einem elektronisch oder mechanisch gesteuerten Affenkostüm gespielt wird.

Sie treiben es in der Küche

Der Affe kommt nach einem langen Tag im Dschungel nach Hause, macht sich ein Bier auf und setzt sich vor den Fernseher. Da laufen nur Trickfilme über Experimente mit Schimpansen und ein Ausschnitt aus einer Dokumentation, zu der Donald Sutherland so einschläfernd spricht, dass unserem Protagonisten die Augen zufallen. Währenddessen bricht eine Horde von Land­affen in sein Haus ein und klaut sein Obst. Drei von ihnen treiben es sogar auf seinem Küchentisch. Was wird geschehen, wenn der Stadt-Affe aufwacht?

Mayeri zeigte den Film der Schimpansen-Community im Zoo von Edinburgh auf einem speziellen tiersicheren Fernseher und filmte die Reaktionen der Tiere. In den Augen eines Nicht-Primatologen schienen die Schimpansen nicht gerade am Bildschirm zu kleben, auch wenn sie hinschauten und ab und zu außer sich gerieten, wenn die Schreie von Schimpansen zu hören waren (was wiederum die Gibbons im Käfig nebenan auf den Plan rief). Ein paar der großen Männchen griffen den Bildschirm an.

Bei der Vorführung hat ein ganz anderes Drama die Tiere beschäftigt. „Die zwei Weibchen Eva and Pearl – während der Testphase die besten Zuschauerinnen – waren empfängnisbereit, und als wir dann die große Premiere hatten, waren die beiden anderweitig beschäftigt. Da war jede Menge am Laufen: Liebeswerben, Erektionen, Sex … Einmal mussten wir sogar völlig abdunkeln.“

Schwer zu sagen also, was die Affen von dem Film mitbekommen haben. Aber sie reagieren offenbar darauf. „Die Affen mögen Teletubbis wirklich gern“, sagt Mayeri. Und wenn man ihnen Dokumentationen über ihre Artgenossen zu sehen gebe, fingen sie an, sich gegenseitig das Fell zu säubern. Mit der Zeit, erklärt Mayeri, lerne man die Tiere, ihre Persönlichkeiten und die subtilen Interaktionen besser zu verstehen.

Doch es ist äußerst schwer zu beurteilen, wie nahe wir unseren nächsten Verwandten, mit denen wir fast 99 Prozent unseres genetischen Codes teilen, wirklich sind. So würden Schimpansen beispielsweise „Theater spielen“, wenn sie herumrennen und gegen Wände schlagen, um andere zu beeindrucken und Dominanz zu demonstrieren.

„Mich interessiert, ob das Verhalten von Schimpansen etwas über unsere eigenen Aggressionen, unser hierarchisches Gesellschaftssystem oder unser monogames Verhalten aussagt. Aber als Feministin und Pädagogin glaube ich, dass die Kultur einen großen Anteil an der Formung unseres Verhaltens hat.“ Die biologischen Argumente seien interessant, aber gleichzeitig hoch problematisch. „Viele der Ansichten, wie ähnlich oder unähnlich wir den Schimpansen sind, sind ideologisch“, sagt die Künstlerin.

Stürzen sie die Gesellschaft?

Nachdem alle Experimente in Sachen sozialer Kommunikation, wie sie in Project Nim gezeigt werden, scheiterten, kamen sie aus der Mode. Mayeri hat mit der Primatenforscherin Sarah-Jane Vick von der Stirling University zusammengearbeitet und meint, Sprachforschungsexperimente seien äußerst unbeliebt geworden und erhielten auch keine Förderung mehr. Das Geld werde stattdessen in medizinische Versuche gesteckt, die oft unter miserablen Bedingungen stattfänden. Mayeri hofft, dass die Schimpansen-Renaissance im Jahr 2011 dazu beitragen kann, mit diesen Tierversuchen endgültig Schluss zu machen.

Hat nun die Kunst von der Wissenschaft die Aufgabe übernommen, mit Schimpansen zu kommunizieren? „Ich finde es interessant, dass es in beiden Filmen eine Stelle gibt, an der die Affen gewaltsam Rache üben könnten“, sagt Mayeri. „Aber sie vergeben und vergessen – zumindest stellt es der Film so dar.“

Kultivierte Affen mit dick berandeten Brillen werden also nicht ausbrechen und die menschliche Gesellschaft umstürzen: „Das ist eine komische Vorstellung, da die Affen dem Menschen völlig ausgeliefert sind. Wir haben in Afrika und in Versuchslaboren ihren Lebensraum geformt. Nicht wir sind es, die sie fürchten müssen.“

Chris Michael schreibt im Guardian über Kultur und Japan. Auf Hawkblocker.com setzt er sich mit Werbung auseinander


Dieser Text ist Teil unseres Tierspezials. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie durch einen Klick auf den spionierenden Hund




Übersetzung: Holger Hutt

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17:00 14.10.2011

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