Tellkamp auf den zweiten Blick

Roman In „Der Schlaf in den Uhren“ erreicht das Versteckspiel ein Maß, das dem Lesen Freude und Leichtigkeit nimmt. Tellkamps Methode des Maskierens zwingt zur Zweit- oder Drittlektüre
Uwe Tellkamp (Archivbild)
Uwe Tellkamp (Archivbild)

Foto: Andreas Weihs/Imago

Im Roman Der Schlaf der Uhren findet sich – neben unzähligen anderen – eine Figur mit Namen Mellis, die den DDR-Schriftsteller Hermann Kant, Vorsitzender des Verbands der Schriftsteller, vertritt (übrigens der Fotograf Roger Melis tritt noch extra auf). Jedenfalls reist besagter Mellis in seinem Schriftsteller-Amt gelegentlich in den Westen (BRD) und bringt einem Teil seiner Kollegen die begehrten Sabberlätzchen mit, die in der DDR Mangelware sind. Man darf es als Anspielung auf die literarische Güte ihrer Texte lesen, dass sie Sabberlätzchen benötigen.

Nicht einmal entfernt in den Verdacht, solcher Lätzchen zu bedürfen, kommt Uwe Tellkamp in seinem neuen Roman Der Schlaf in den Uhren. Der ist groß angelegt und tief gedacht und oftmals glänzend in Sprache gesetzt. Sein Problem ist ein anderes: 14 Jahre an einem Roman zu arbeiten – selbst wenn er nicht ununterbrochen daran geschrieben hat –, lassen ihn über die Ufer treten. Aber heftig. Selbst wenn er am Beginn als Fortsetzung von Der Turm geplant gewesen sein sollte, Ereignisse in diesen 14 Jahren führten zu einem anderen Buch: vor allem 2015 die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten in Syrien und Afghanistan.

Da war es mit dem Schlaf in den Uhren vorbei. Und mit Tellkamps Ruhe auch. Folge war unter anderem sein Ausbruch im Gespräch mit Durs Grünbein im März 2018, als er behauptete, 95 Prozent der Kriegsflüchtlinge seien keine, sondern unterwegs in die deutschen Sozialsysteme. Selbst von Tellkamp längst als Unsinn zurückgenommen. Aber was daraus wurde, an gefühlter Ausgrenzung, konnte nicht zurückgenommen werden und schrieb sich in den jetzt veröffentlichten Roman.

Fabian Hoffmann als unbeschriebenes Blatt wird neuer Erzähler

Tellkamp wechselt den Erzähler. Von drei Erzählern in Der Turm reduziert er zu einem, und das ist nicht mehr Christian Hoffmann, sondern sein Cousin Fabian Hoffmann, Sohn der Schwester seines Vaters Hans Hoffmann und mit Christian gleichaltrig: Jahrgang 1968, wie der Autor auch. Fabian ist aus dem Personal von Der Turm ein „unbeschriebenes“ Blatt, das seinem Erfinder die Gelegenheit bietet, es völlig neu zu benutzen.

Fabian war in der letzten Phase der DDR Filmvorführer, Hilfs-Filmvorführer und gilt in der Zeit der Wiedervereinigung mit 22 Jahren als Dissident. Er liest auf einem Papier in der Wendezeit den Namen „Nemo“ und vermutet in ihm den Verräter seiner Eltern, die 1982 von der Staatssicherheit verhaftet worden sind. Dazu will er Gewissheit. Nur deshalb übernimmt er in der Tausendundeinenacht-Abteilung von Treva, einem wiedervereinigten Land mit Verwandtschaft zu Deutschland nach dem 3. Oktober 1990, die Rolle eines Chronisten. Er wurde vom Amt beauftragt, zum 25-jährigen Jubiläum eine Festschrift zu verfassen.

Durch diese Aufgabe macht 2015 ein anderes Ereignis einen Strich: das Eintreffen Hunderttausender Flüchtlinge. Plötzlich flammen überall Diskussionen auf. Wie ist den Geflüchteten zu begegnen? Was machen sie aus dem Land? Diese Debatten in den Medien, aber auch in den Freundeskreisen entwickeln ein Gift, das in die Gesellschaft von Treva einsickert. Ab 2015 verändert das Land langsam und zunächst kaum merklich sein Gesicht.

Fabian gerät in den erbittert geführten Debatten dieser Zeit in eine Lage, in die er nie kommen wollte: Er denkt anders als offiziell gedacht und veröffentlicht wird. Plötzlich ist er ein Abweichler und wird in der Tausendundeinenacht-Abteilung zum Außenseiter. Sich diese Entwicklung klarzumachen, damit beginnt er in der Gegenwart der Romanhandlung das Erzählen.

Das ist 2021. In dieser Zeit – Zeichen dafür, dass er herausgedrängt wurde und sich so fühlt – gibt er seine Wohnung auf und zieht in eine Kajüte des Seglers „Nimrod“. Diese Erzählperspektive ist vom Autor gesetzt. Leider wird sie in einem Romananfang „untergebracht“, der schwer zu entschlüsseln ist. (Auch ich kann mich nicht für jeden hier wiedergegebenen Handlungsumstand verbürgen!)

Ein Stoff, der selbst für 900 Seiten zu groß ist: die Welt von Treva

Uwe Tellkamp benutzt in Der Schlaf der Uhren häufig „Setzungen“ für seine Romankonstruktion. Erzählerisch nicht oder kaum hergeleitete Umstände und Zusammenhänge. Nun sollte in Literatur nicht die Logik des Erzählens über das Recht auf Fantasie und Fiktion gestellt werden, aber in Der Schlaf der Uhren erreicht das Versteckspiel ein Maß, das dem Lesen Freude und Leichtigkeit nimmt. Und wenn es kein Versteckspiel ist (das ist es durchaus nicht immer), dann ist es Tellkamps hoher Anspruch, erzählerisch eine eigene Welt zu schaffen: die Welt von Treva.

Nehmen wir nur Fabians Geschichte: Er tritt 1990 auf der Suche nach „Nemo“ in die Tausendundeinenacht-Abteilung in Treva ein. Treva ist ein wiedervereinigtes Land, ähnlich der neuen BRD nach dem 3. Oktober. Die Abteilung, in der Fabian arbeitet, hat ihren Sitz auf der Kohleninsel und ihre Räume sind mehretagig in einen Berg geschlagen. Die Tausendundeinenacht-Abteilung ist für die Sicherheit zuständig. Dort sind von der Stasi übernommene Personenakten archiviert und es werden neue angelegt, die man – wie es einst die Stasi getan hat – „Operative Vorgänge“ nennt.

Die „Tausendundeinenacht-Abteilung“ ist das mächtigste Organ in Treva (auf jeden Fall mächtiger als die Kanzlerin Anne, die Angela Merkel ähnlich ist, aber im Romanpersonal Fabians Tante), es überwacht die Einhaltung der Ordnung. Ordnung ist der zentrale Begriff. Wer die Fäden in der Hand hat, hat Treva, das nach der Wiedervereinigung neu entstandene Land, in der Hand: die Regierenden und die Regierten. Zum Zweck der Kontrolle (auch von Meinungen) und der Sicherung der Ordnung werden wieder IMs eingesetzt und OVs („Operative Vorgänge“) angelegt. Alles riecht nach einer neuen Staatssicherheit, womit im Roman nicht die Fortsetzung der Stasi der DDR gemeint sein muss, sondern auf den Umstand angespielt wird, dass die Herstellung der Ordnung zu einem Organ wie der Staatssicherheit aus DDR-Tagen führt.

Sicherheit und die „Aufgabe im Grunde“

Das Interesse an Sicherheit – es folgt der Angst vor allem, was nicht kontrolliert werden kann – gleicht sich offenbar im Kern in allen Systemen. Die Aufgabe der Tausendundeinenacht-Abteilung wird im Roman die „Aufgabe im Grunde“ genannt. Die wie eine Chiffre verwendete Bezeichnung der „Aufgabe im Grunde“ steht dafür, alles über Trevas Menschen zu wissen.

Fabian macht bei seiner Recherche für die Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung die Feststellung, dass viele Bürger von Treva über die Vergangenheit schon gar nichts mehr wissen wollen. Die Jahre vor 2015 sind eine „kaum mehr glaubhafte, ins Unwirkliche versinkende Zeit“.

Fabians Obsession: allem auf den Grund zu gehen

Nun bewegt sich der Roman nicht nur um seine beiden Zeitachsen 1989 und 2015. Fabian hat eine Marotte, eine Obsession. Nicht nur in der Tatsache, herausgedrängt und zum Außenseiter gemacht worden zu sein, ähnelt Fabian seinem Autor, auch in der Lust an Abschweifungen, wo er sein Spezialwissen und seine Sprachfähigkeiten aufblitzen lassen kann.

In Dutzenden Etüden breitet er die Herstellung handgemachter Lederhandschuhe, die Anwendung von Rollkoffern, die Systematik der Rasiermesser, die Fertigung von Zwangsjacken, die Welt der Schmetterlinge, der Kosmos von Thomas Manns Roman Der Zauberberg, an der die Begeisterung für Uwe Johnson hängt, selbst Leben und Werk des Avantgardekünstlers Hermann Glöckner ergeben mehrseitige „Romanbeulen“ und waren meine größten Lesefreuden. Freilich besteht ihre Quelle in Fabians übermächtigem Ordnungssinn, und der ist gesetzt. Das Motiv dieser Passagen gehört zu seinen „Setzungen“ in der Figurenzeichnung: Fabian ist eben so.

Ordnung und Freiheit als Thema

Aber im Hintergrund läuft Tellkamps Thema weiter: Ordnung oder Chaos? Dieses Szenarium wird von Trevas Nachrichtenagentur und den ihr angeschlossenen Leitmedien „Die Wahrheit“ (Spiegel) und „Trevische Allgemeine“ (FAZ) so manipulativ aufbereitet, dass es schon lange um die Fortsetzung der Frage geht: Wie viel Freiheit ist für die Ordnung abzugeben? Und wenn diese Frage auch noch auf die (anfangs weitgehend) unkontrollierte Zuwanderung von mehr als einer Million Geflüchteter gelegt wird, dann wird sie zum Anlass für die Giftproduktion in den Medien und unter den Gästen bei Gelegenheiten Weißer-Wand-Partys (Einzugspartys). Plötzlich ist der einstige Dissident Fabian als Andersdenkender wie damals in der DDR raus aus dem sozialen Gefüge.

Diese Erkenntnis, die der Roman nahelegt, kann man dem Autor kaum als Verschwörungstheorie auslegen, sondern als eine pathetische Warnung vor der digitalen Unterwanderung der Wahrheit, die er an uns, seine Leser, richtet. Dass er sich selbst zu den Opfern der Mediokratie rechnet, ist nicht zu überlesen.

Wenderoman und Schlüsselroman

Mit den Geschichten um Meno, dem kurzzeitigen Kulturminister (am Ende der DDR) und später wieder Verlagslektor, und Judith Schewola, der dissidentischen Schriftstellerin, wird das Erzählen fokussiert auf die Lage der Literatur am Ende der DDR und in den ersten Jahren der deutschen Einheit. In diesem Stofffeld macht Tellkamp aus Der Schlaf in den Uhren vollends einen Schlüsselroman und setzt viele Schriftsteller so ins Bild, dass ihre Vorbilder erkennbar sind: Günter Grass und Hermann Kant, aber auch Christa Wolf und Stefan Heym und ihr Aufruf „Für unser Land“.

Hier wird Tellkamps Buch nicht nur ein Schlüssel-, sondern ein Wenderoman. Weil er in diesen Passagen dem Geschichtsbuch zu entkommen sucht, maskiert er das auftretende Personal absichtlich fadenscheinig, aber mit wunderbar klingenden Namen. Im nächsten Satz kann es sein, dass er das Prinzip durchbricht, das Gemeinte kenntlich macht und Klarnamen benutzt. Ein Versteckspiel aus literarischen Gründen, um Zeitgeschichte in Literatur zu übersetzen. Der Teil von Der Schlaf in den Uhren, der Wenderoman ist, weist sich am deutlichsten als Fortsetzungsroman vom „Turm“ aus.

Ein Welttheater – gespielt mit Puppen

Schwierig zu lesen wird der Roman immer dann, wenn der Autor über den Einsatz von Personalpronomen (die Stellvertreter für Nomen und Personen sind) Bedeutungen „verschiebt“: Der eben noch Gemeinte ist mit dem nächsten Er oder Sie ein anderer. Die sicher gegebene Exaktheit des Autors – die sei nicht angetastet – gerät in Konflikt mit Lesefehlern.

Tellkamps Methode des Maskierens zwingt zur Zweit- oder Drittlektüre und zeigt, dass er mit manchem von x-Einschüben aufgepumpten Satz (mit Pronomenwechsel!) auf den Leser keine Rücksicht zu nehmen bereit ist. Was in der Literatur natürlich statthaft ist: keine Rücksicht zu nehmen, aber gegen seinen Roman zum Vorwurf des gelegentlich „Verschwurbelten“ führt. Man wird auch der Figur des Fabian nicht näher kommen, wenn man prüft, wie der 1968 Geborene dieses und jenes wissen kann und passagenweise zu erzählen scheint, als wäre er Beteiligter gewesen.

Es zeigt sich bald, dass es unsinnig ist, Tellkamp bei Abschnitten unklarer Erzählperspektive Verstöße gegen die Logik vorzuhalten – sein Erzählen lebt von diesen Verstößen. Sie sind nicht als Marotte des Stilbewussten zu entschuldigen, sondern sind zusammen mit dem Einwand gegen die oft zu Puppen reduzierten Figuren in seinem Welttheater Teil der Kritik an Der Schlaf in den Uhren. Es sind einfach zu viele Figuren, als dass der Autor sie genauer, geschweige den psychologisch ausführen könnte. Wenn er vorstellen will, was aus der Turm-Besetzung im wiedervereinigten Land geworden ist, wird meist referiert.

Ästhetischer Eigensinn sind keine Verschwörungstheorien

Tellkamp erzählt seinen Stoff in einer ästhetisch eigensinnigen Weise, mit der er eine ganze Welt fassen will. Diese Welt des Romans mit unendlich vielen Fäden zur Welt, in der wir leben, ist auf doppelte Weise gefährdet: durch Verdrängung ihrer Vergangenheit und Konstruktion von falscher Gegenwart – falsch im Sinne von richtig für das Interesse an einer alles Lebendige überformenden Ordnungsmacht.

Die unbestreitbare Leistung des Autors und seines neuen Romans ist, dass er die entscheidenden Themen unserer Zeit angeht: Freiheit und Ordnung und ihr gestörtes Verhältnis zueinander. Er bedarf dazu keiner Verschwörungstheorien und führt sie auch nicht auf. Er weist darauf hin, dass wir mit dem „Krieg“ von Freiheit und Ordnung auf einen Endzeit-Konflikt zusteuern, falls wir ihn nicht eingedämmt bekommen.

Es bleibt, ein Teil Misslungenes an Der Schlaf in den Uhren festzustellen. Vor allem das überstrapaziere Maskenspiel und die Tatsache, dass viele seiner Figuren Kopfgeburten sind. Aber auf der Höhe von Tellkamps Anspruch und Ausführung ist es nicht statthaft, von einem misslungenen Roman zu sprechen.

Als ob der Autor Kreide gefressen hätte

Vieles ist gelungen. Wo Verständnis für den Roman im Ganzen von Eigensinnigkeiten erschwert wird, ist Tellkamp zum ersten Mal in seinem Werk mit Witz und Humor zur Stelle, als wolle er über das Dunkle der neu-alten Staatssicherheit, ihrer Operativen Vorgänge und der vom Autor als drohende Zukunft an die Wand gemalten „Demokratur“ hinweghelfen. Geschichtsrevision, Verschwörungstheorien, neu-rechte Ideologien liegen nicht vor. Im Gegenteil, manchmal gewinnt man den Eindruck, Tellkamp habe nach dem desaströsen Auftritt mit Durs Grünbein Kreide gefressen.

Der damals ausbrechende Shitstorm – an dem sein Verlag irritierenderweise (wie schon bei Martin Walsers Tod eines Kritikers) teilnahm – scheint Tellkamp in die Knochen gefahren, denn er schützt sein literarisches Werk, in dem er sich nachträglich einsichtig zeigt. Zwar baut er in seinen Roman ein, dass gegen ihn wie gegen die als Romanfigur knapp maskierte Kathrin Schmidt (wegen ihrer Impfskepsis in der Zeit als sie Dresdens Stadtschreiberin war) und Jörg Bernig (wegen seiner Kamenzer Rede) Operative Vorgänge angelegt worden seien, aber kommt im Roman nicht weiter darauf zurück. Er lässt dies im Wust anderer Operativer Vorgänge untergehen.

Es scheint so, als ginge er bei der Bereinigung von eingetretenen Flurschäden noch weiter. Auf zwei Seiten nimmt er – so lese ich es – den Geist der 320 Seiten seines 2005 erschienen zweiten Romans Eisvogel zurück. Darin hat der Autor eine unterirdische Macht entworfen, die gegen eine unfruchtbar gewordene Demokratie gefährliche Bündnisse schmiedet. Er konnte damals das Erzählte gegen die anstürmende Kritik im letzten Moment vor dem Autor-Ich schützen. Damals war man bei ihm schon einmal auf der Suche nach rechtem Denken.

Solche Wege geht Uwe Tellkamp in Der Schlaf in den Uhren nicht. Ein Roman, mit dem man sich nach der ersten Welle von – überwiegend – Brachialkritik sehr genau auseinandersetzen sollte. Verdient hat er es, ernst genug ist die Lage.

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