Der Schlick hält jung

Lissabon Im Tejo-Delta sammeln die Armen Muscheln für teure Restaurants. Auch der Ururenkel eines einstigen Königs lebt davon

Zulmira sieht nicht so aus, als wäre sie harte Arbeit gewöhnt, schon gar nicht diese. Ihre Haut ist bleich, wirkt samtig, nicht braungebrannt und faltig gegerbt wie die Haut von hunderten anderen Muschelsammlern, die an diesem Montagmorgen schon viele Kilometer durch den Schlick gelaufen sind.

Um neun Uhr war Ebbe. Das Wasser am südlichen Ufer des Tejo-Deltas mit Lissabon malerisch im Hintergrund zog sich dieser Tage besonders weit zurück – am Vortag war Vollmond. Zurück blieb ein Areal aus modrig riechenden Schlamm und grünlichen Algen, so weit das Auge reicht. Eine von Wasserkanälen durchfurchte Landschaft wie eine riesige Kanalisation, welche die noch vor wenigen Stunden hoch stehende Wassermasse in Richtung Atlantik ableitete.

Es ist inzwischen fast elf Uhr, in den Kanälen flutet das Wasser jetzt aus der Gegenrichtung vom offenen Atlantik her und wird die Uferzone des Mar da Palha, des Strohmeers, wie ihn die Lissabonner nennen, binnen weniger Stunden wieder auffüllen. Die Brücke Vasco da Gama, zwölf Kilometer lang und zur Weltausstellung Expo 1998 fertiggestellt, verläuft etwas weiter flussaufwärts. Teilweise ist der große See, oder das kleine Meer, im oberen Bereich der Flussmündung 23 Kilometer breit. Zulmiras Blick ist südwärts gerichtet. Hinter ihr am Horizont sieht man die verschwommenen Umrisse der anderen Brücke Lissabons, die über den Tejo führt und in etwa so aussieht wie die Golden Gate Bridge in San Francisco.

Die Frau ist 37 Jahre alt, trotz sichtlicher Erschöpfung hält sie das rote Plastiknetz voller Muscheln in fast stolzer Pose in die Höhe. „Fast vier Kilo, dafür war ich viereinhalb Stunden draußen in der Kälte, im Wasser. Es war sehr windig“, sagt sie. Die Lufttemperatur am Morgen lag bei zehn Grad, die des Wassers bei 13 Grad. Wer von der Flut überrascht wird und zu weit vom Ufer weg ist, gerät in Lebensgefahr. Weiter oben auf dem Parkplatz stehen die kleinen Lieferwagen der Einkäufer. Für das Kilo zahlen sie zwischen 3 und 3,50 Euro. In den Restaurants der Lissabonner Innenstadt, dem Ribadouro, Ramiro, Rainha, und wie sie alle heißen, kommt das Kilo für 44 bis 60 Euro auf die Teller der wohlhabenden Lissabonner und der Touristen.

„Wenn ich für den ganzen Morgen zehn Euro netto kriege, dann bin ich froh”, sagt Zulmira. „Ich komme mit dem Auto, für Benzin gebe ich schon fünf Euro aus. Mein Mann ist vor drei Wochen ausgewandert, nach Belgien, er konnte noch kein Geld schicken.“ Mit dem Geld, das sie mit den Muscheln verdient, kauft sie im Supermarkt Milch und Mehl. Zulmira hat noch zwei Kinder zu Hause. „Die sind jetzt allein, ich musste ja schon um halb sechs aus dem Haus.“ Sie geht zu ihrem Auto, das zwischen abgestellten, vergammelten Booten parkt, auf der Rückbank sind zwei Kindersitze zu sehen. Zulmira öffnet die Heckklappe, legt die abgewetzte Regenjacke und den Pullover über die Lehne der Rückbank, dann stellt sie die mit Schlamm bedeckten Gummistiefel auf eine Plastikplane, welche sie fein säuberlich auf der Ladefläche ausgebreitet hat.

Wladimir will bleiben

Eine größere Muschelernte bringen Marco und João an Land. Sie graben nicht mit kleinen Handrechen die Muscheln aus dem Schlick heraus, sondern verfügen über eine selbstgebaute Taucherausrüstung, die mit Gartenschläuchen und aufgeschnittenen Flaschen versehen ist, durch die die beiden Männer atmen. Leere Plastikbehälter treiben oben an der Wasseroberfläche, damit laufen sie in die zwei, zweieinhalb Meter tiefen Kanäle hinein, um die Muscheln mit einem selbstgeschweißten Stahlgerät aus dem Grund zu pflügen. Fast 40 Kilogramm haben sie heute aus dem Fluss geholt.

Viele der Muschelsammler sind Rumänen und Ukrainer, die zu besseren Zeiten nach Portugal kamen, als das Gelände am nördlichen Ufer für die Expo bebaut wurde. Wladimir ist seit 20 Jahren im Land. „Früher habe ich auf dem Bau gearbeitet, jetzt gibt es nur noch hier etwas Geld zu holen, aber es ist kleines Geld, ganz kleines Geld.“ Er will trotzdem bleiben. Woanders ist das Elend größer, das Leben gefährlicher und das Geld noch rarer.

Seit Beginn der Eurokrise sind es immer mehr Menschen, die im Takt des Gezeitenwechsels zum Muschelsammeln an die Moraste des Tejo kommen. „An manchen Tagen sind mehr als tausend Menschen hier, laufen auf den halbwegs trockenen Wegen durch den Schlamm, laufen wie die Ameisen, bis zu den Booten“, sagt Maria Clara, 36 Jahre alt. Bei Flut sind die kleinen Boote in etwa einem Kilometer Entfernung vom Ufer aus nicht zu erreichen. Bei Ebbe liegen sie in kniehohem Wasser. Manche Muschelsammler laufen mehrere Kilometer hinaus, andere bezahlen Bootsbesitzer, um zu den ertragreichen Muschelfeldern rausgefahren und wieder zurückgebracht zu werden. Maria Clara sagt, sie sammle die Muscheln mehr zum Zeitvertreib, sie habe es nicht nötig. Es gehe ihr gut. „Ich putze an sechs Tagen die Woche Privathäuser und Büros.“ Das Geld, ja, das könne sie natürlich immer gebrauchen, aber es gehe vor allem darum, „draußen im Freien“ zu sein, „die Möwen fliegen über uns, wir kennen uns und reden und singen“ das sei ihr wichtig. Dafür steigt sie am Wochenende, mitten in der Nacht, in sumpfiges Wasser.

Neben ihr sitzt ihre Großmutter, Dona Alice. Sie ist 86, ihr Gesicht sieht aus wie die Flusslandschaft bei Ebbe. Früher seien es nur wenige gewesen, die Muscheln sammeln gingen, sagt sie. Damals gab es auch Austern und Krebse direkt am Ufer. Über 70 Jahre lang hat Dona Alice im Flussschlamm gearbeitet und in den Salzbecken von Samouco, aus denen das aus dem Meerwasser gewonnene Salz seit dem 12. Jahrhundert auf kleine Boote verladen und ans andere Flussufer, nach Lissabon, gebracht wurde. Die Arbeit mit Schlick, Wasser und Salz halte jung, lächelt Dona Alice, anders als die bleiche Zulmira, die bei jedem Satz Tränen in den Augen zu haben schien. „Wer mehr fangen will, muss auf einem der Boote an den Kanälen entlang weiter raus.“ Deren Besitzer sammeln meist keine Muscheln, sie befördern sechs oder acht Passagiere pro Boot; fünf Euro kostet die Fahrt pro Person.

António hat heute zwei Netze voller Muscheln. Das sind gute zehn Kilo. Er zeigt die blauen Flecken an der Hüfte. Das waren die Polizisten. Zwei-, dreimal im Jahr kommen sie, beschlagnahmen alles, Boote und sogar Gummistiefel. Wer nicht spurt, der werde getreten, sagt António. Die Gegend ist ein Naturschutzgebiet, weshalb das Sammeln der Muscheln illegal ist.

In Samouco, am Flussufer, befindet sich ein kleiner Park. Vor Jahren hat die Stadtverwaltung hier Turngeräte aufgestellt, am Montagmorgen ziehen ein paar Jogger ihre Runden. Ein älterer Mann im neuen Trainingsanzug sitzt auf einer angerosteten Stemmbank, ein etwas jüngerer tritt in einen ebenfalls rostigen Stepper. Er sagt, es sei schlimm: die ganzen Leute an der Promenade, jeden Tag. „Überall sind leere Flaschen. Und wenn sie nachts rauslaufen, schmeißen sie die leeren Batterien der Taschenlampen einfach auf den Boden.“

Francisco Fontes lebt auch vom Muschelsammeln, allerdings einer anderen Art und Technik. Er kann es sich nicht vorstellen, in der Herde zum Muschelfang stundenlang durch den Flussschlamm zu stampfen. Er hat einen alten Surfanzug. Zerschlissen und teilweise zerrissen, aber er isoliert gut und hält die Körpertemperatur so, dass er ein paar Stunden im Wasser bleiben kann. Nach der letzten Biegung, wo der Tejo in den Atlantik übergeht, beginnt der 30 Kilometer lange Sandstrand der Caparica. Am südlichen Horn zwischen Fluss und Meer liegt das Fischerdorf Cova do Vapôr. Hier schneidet Francisco, der Mitte 30 ist, aber älter aussieht, Entenmuscheln von den Steinen in der Brandung. Bis zu einen Zeigefinger groß werden diese Krebstiere, sie gehören zu den Rankenfüßern, ernähren sich von Plankton, brauchen sehr sauerstoffreiches Wasser und leben fest verankert an den Felsen, wo die Wellen brechen. Entenmuscheln gelten als Delikatesse und bringen den Sammlern bis zu 15 Euro pro Kilo. Entsprechend gefährlich ist die Arbeit.

An der Algarve seilen sich die, die nach Entenmuscheln jagen, von den Klippen ab und müssen aufpassen, nicht von den aufschlagenden Wellen erfasst zu werden. Bei Lissabon, an der Costa da Caparica, arbeitet Francisco an den Steinmolen. Hier sind vor allem die Strömungen und auch der hohe Wellengang gefährlich.

Der Aristokrat zeltet

Francisco ist wasser- und wetterfest. Er lebt ganzjährig auf dem Campingplatz, für sein Zelt mit Vordach und Strom bezahlt er 170 Euro im Monat. In der Umgebung, im reichen Villenviertel am Pinienwald, kennt ihn jeder. Nicht weil er wie andere mutige Taucher der gefährlichen Arbeit nachgeht, zwischen den Steinen und in den Intervallen der hohen Wellen Entenmuscheln zu sammeln. Sondern wegen seiner Familie.

Seine Großmutter, „Infanta de Portugal“ Maria Adelaide de Bragança, geboren 1912 im französischen Saint-Jean-de-Luz und gestorben 2012 an der Costa da Caparica, durfte erst Ende der 1940er Jahre aus dem Exil in Österreich nach Portugal zurückkehren. Sie war die Enkeltochter Dom Miguels – des Königs, mit dessen Abdankung 1834 der Absolutismus in Portugal endete. Vorausgegangen war der „Guerra dos Dois Irmãos“, ein Bürgerkrieg zwischen Miguel und seinem liberaler gesinnten Bruder Pedro, in welchem Miguel den Thron verlor und dann ins Exil ging.

Sein Ururenkel Francisco, ein verarmter Aristokrat, wie er im Buche steht, hat seine festen Kunden, die er je nach Fangmenge anruft. Abends steht er oft mit seiner alten Labrador-Hündin am Strand, ein Einzelgänger in einem armen Land, das kaum noch jemandem eine sichere Arbeit bieten kann. Ein Hauch Nostalgie und Exzentrik in der Menschenmasse, die sich jeden Tag in gefährliches Terrain begibt, um etwas Geld zum Überleben zu verdienen.

06:00 14.06.2017

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