Der Schlüssel der Erzählung

FRAUEN OHNE GEDÄCHTNIS UND MÄNNER MIT ABSICHTEN In "Mulholland Drive" konfrontiert David Lynch das Kino mit seinem Trauma Hollywood

Ich erinnere mich an die Dinge lieber auf meine Art, nicht unbedingt wie sie passiert sind", sagte Fred Madison, kurz bevor er auf mysteriöse Weise aus dem Film Lost Highway verschwand und damit zum Anlass einer tiefen Verunsicherung wurde. In David Lynchs Filmen war schon immer von Bedeutung, dass sich das, was man sah, auch nach mehrmaligem Hinsehen nicht in eine narrative Logik bringen ließ. Denn in dem Bedürfnis, zu verstehen, was man nun einmal gesehen hatte, meldete sich ein vertrautes Bewältigungsmuster des Alltags. Auch an Lost Highway sollte sich später jeder auf seine eigene Art erinnern.

In seinem letzten Film, The Straight Story, ließ David Lynch seinen Protagonisten Alwin Straight auf einem Rasenmäher quer durch den amerikanischen Mittelwesten gurken ohne ihm - zum großen Erstaunen der Lynch-Kenner - ein Haar zu krümmen. Mulholland Drive beginnt mit einem Schleudertrauma und setzt damit dort ein, wo Lost Highway endete. Auf dem Mulholland Drive, einer der kurvigen Straßen, die die Villengegenden oberhalb von Los Angeles erschließen, ereignet sich mitten in der Nacht ein verheerender Unfall. Eine dunkelhaarige Frau im Abendkleid kriecht als einzige Überlebende aus einem rauchenden Autowrack. Apathisch stolpert sie auf die Lichter der Stadt zu, die durch die Büsche hindurchscheinen wie ein geheimnisvolles Koordinatensystem, wie ein gigantischer Schaltkreis. Von hier oben betrachtet sieht Los Angeles aus, als müsste es einen lesbaren Sinn ergeben. Wenn sie sich nur erinnern könnte. Aber die Frau hat ihr Gedächtnis verloren.

Ihre Amnesie fällt indes zusammen mit der Geburt des Zuschauers als Augenzeuge. In dem chaotischen Schriftbild der nächtlichen Metropole erkennen wir die Verlockung, auch diesem Film einen lesbaren Sinn zu geben. Könnte die Unbekannte nicht eine weitere Inkarnation Fred Madisons sein? Immerhin war auch dessen Nachfolger Pete in Lost Highway mit einem totalen Gedächtnisverlust im Film aufgetaucht. Eine traumatisierte Figur ohne Vorgeschichte, umgeben von einer Dunkelheit, die das Ungeheuerliche zu bergen scheint.

Im Kriminalfilm stehen am Anfang der Recherche scheinbar zusammenhanglose Fragmente, deren richtige Einordnung schließlich zur Lösung führen wird. Auch David Lynch präsentiert seine Bilder wie Indizien. In ihrer Handtasche findet das unbekannte Unfallopfer neben einer stattlichen Summe sauber gebündelter Dollarnoten einen Schlüssel. Wenn erst das dazugehörige Schloss gefunden ist, so der Verdacht, wird sich auch das Geheimnis der Frau lüften. Aber warum muss ein Mann für ein Buch sterben, das aussieht wie ein gewöhnliches Telefonbuch? Und welche Rolle spielt dabei ein mysteriöser Krüppel, der per Telefon einsilbige Anweisungen erteilt? Könnte es sein, dass unsere mysteriöse Unbekannte für die Hauptrolle in einem Film vorgesehen war, die zwei dubiose italienische Geldgeber offenbar einer anderen zugedacht haben? Die Lücken in der Filmerzählung scheinen mit den Erinnerungslücken der Unbekannten zu korrespondieren. Das eigentliche Gedächtnis des Films ist der Zuschauer. Wie schon in Lost Highway oder Blue Velvet dramatisiert David Lynch dessen Mitwisserschaft, indem er ihn bei dem Versuch, die Fragmente in ein Gesamtbild zu fügen, zum Kollaborateur des eigenen Scheiterns macht.

Der Schriftzug HOLLYWOOD, der wie eine vergessene Filmrequisite über der Stadt hängt, ist das Losungswort einer thematischen Tyrannei, die über alle Figuren dieses Films herrscht. Das inzestuöse Verhältnis zu dieser Herrschaft wird symbolisch, als die Unbekannte versucht, sich einen provisorischen Namen zu geben. Ihr suchender Blick fällt auf ein Filmplakat mit Rita Hayworth. "Ich heiße Rita". "Und ich bin Betty." Natürlich ist auch Betty nach Los Angeles gekommen, um sich als Schauspielerin sozusagen einen Namen zu machen. Gemäß der Lynch´schen Farbenlehre ist Betty blond und wird der brünetten Rita bei der Suche nach ihrer Identität an die Seite gestellt. "Wir werden herausfinden, wer du bist", verspricht sie ihr mit alarmierender Naivität. Wie könnten wir, die Zuschauer, ihr davon abraten? Schließlich spricht sie nur aus, was auch wir uns in aller Verschwiegenheit erhoffen. Und als sich Betty in Rita verliebt, folgt sie auch dabei ganz einem Impuls unserer Fantasie.

In einem anderen Film würde ihre Liebe die beiden Frauen möglicherweise vor dem Identitätsverlust retten, der auf das Trauma HOLLYWOOD folgt. Aber aus Lynchs klaustrophobischer Bilderwelt gibt es keinen Ausweg. Allenfalls für den Zuschauer, den die Köpfe der anderen als dunkle Umrisse vor der erleuchteten Leinwand daran erinnern, dass Betty und Rita Figuren in einem Film sind.

Mitten in der Nacht sitzen die beiden Frauen im Auditorium eines Theaters. Für einen kurzen Moment wird die Leinwand zum Spiegel. Auch wir sitzen dort. Auf der Bühne steht im Scheinwerferlicht ein Entertainer, der das spärlich versammelte Publikum davon unterrichtet, dass alles, was zu sehen und zu hören sein wird, simuliert sei. "Alles Illusion", verspricht er. Eine Sängerin betritt die Bühne, die "Jurena de Los Angeles", die Weinende von Los Angeles. Betty wird von der verzehrenden Traurigkeit ihres Gesangs zu Tränen gerührt. Obwohl ihr gesagt wurde, dass alles in diesem Raum Chimäre sei, ist sie schockiert, als die Frau plötzlich zu Boden sinkt und der Gesang dennoch weitergeht. Durch den plötzlichen Einsturz der Fassade wird sie brutal auf sich zurückgeworfen, auf ein Misstrauen gegenüber ihren eigenen Tränen. Hatte sie zuvor aus Sympathie mit der Sängerin geweint, weint sie jetzt aus Verzweiflung über ihre Liebe, die mit einem mal im Verdacht steht, ebenso eine Chimäre zu sein. Ist ihr selbst nicht bei ihrem Castingtermin am Tag zuvor die perfekte Illusion gelungen? Tränen, Küsse, die wie echt aussahen, die dort aber als schauspielerische Glanzleistung beklatscht wurden?

Nach dieser Lektion über den trügerischen Schein der Fassade findet Betty in ihrer Handtasche ein verschlossenes Kästchen. Wir erinnern uns an den Schlüssel, der zu Beginn in Ritas Handtasche hinterlegt wurde, öffnen ungeachtet der frischen Belehrung über Sein und Schein das kleine Kästchen und starren in ungebrochenes Dunkel, das für einen Moment die Leinwand vollständig einnimmt - ähnlich der Schwärze nach Fred Madisons Verschwinden in Lost Highway. Als es wieder hell wird, haben die Figuren, genau wie dort, ihre Identität gewechselt und ihre vormaligen Zweifel sind neuen Gewissheiten gewichen. Rita ist nun die Geliebte des Regisseurs, der im ersten Teil mit den italienischen Hintermännern und seiner untreuen Gattin gehadert hatte. Allerdings heißt Rita nun Camilla und Betty ist Diane und Diane bleibt als Erinnerung an die Liebe nur noch eine brennende Eifersucht, die sie schließlich zur Mörderin machen wird.

Und die Moral von der Geschicht´? Die Moral in David Lynchs Filmen hing mit der Tatsache zusammen, dass sie keine Pointe hatten. Der Verzicht auf eine Pointe sichert ihnen ein Nachleben in der Fantasie des Betrachters. Mulholland Drive hat aber eine Pointe. Das letzte Bild des Films führt die Erinnerung des Zuschauers noch einmal zurück in das nun leere Auditorium des nächtlichen Theaters. Der Raum wird damit zur Wechselstube des Sinns erklärt, in dem die disparaten Bildfragmente gegen die Währung Bedeutung einzutauschen sind. Hier also, wo alles als Illusion entlarvt wurde, finden wir unter einem Sitz den Schlüssel, von dem wir uns einmal so viel erhofft hatten. Diese Hoffnung, erinnern wir uns, wurde hier ebenso enttäuscht, wie Bettys Hoffnung auf ein richtiges Leben mitten im falschen. Indes waren auch das Theater, der Schlüssel, Betty und unser aller Hoffnungen nur die Chimären eines Kinofilms. Sollen wir nun über unseren naiven Glauben schmunzeln, es könne mehr hinter den Bildern stehen, als der zirkuläre Verweis auf ihr Simulakrum?

Den Verzicht auf eine weitergehende Moral könnte David Lynch damit begründen, dass man in Hollywood nicht moralischer sein sollte, als Hollywood es erlaubt. Das Gefühl des Unbefriedigtseins, das am Ende bleibt, ist vergleichsweise fade, eindimensional und kurzlebig. Aber vielleicht ist das Bedürfnis nach einer tieferen Verunsicherung, wie sie sich etwa nach Lost Highway einstellte, lediglich eine masochistische Vorliebe derer, die das Trauma HOLLYWOOD nur aus Filmen kennen.

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 39/2020

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