Der Schlüssel ist Empathie

Hoffungszeichen Mit seiner Kairoer Rede hat Barak Obama als Weltpräsident gesprochen und einen Paradigmenwechsel eingeleitet, findet unser Autor Zafer Şenocak

Endzeit ist angebrochen, für alle, die sich in ihren Wagenburgen verschanzt haben, um die Fehltritte und die Schwächen der anderen auszuspähen. Für alle, die nur die Unterschiede zwischen den Kulturen und den Religionen betonen und die Gemeinsamkeiten übersehen. Für die internationale Gemeinschaft der Zyniker, deren ärgster Feind die offene Aussprache, das klare Wort ist.

Dieses klare Wort pflegt Präsident Obama. In seiner Sprache fehlen die politischen Füllwörter weitgehend, die das Schweigen überbrücken sollen. So auch in Kairo, bei seiner mit Spannung erwarteten Rede an die islamische Welt.

Und sogleich ist zu sagen: Barack Obama sprach nicht nur an die islamische Welt, er sprach aus der islamischen Welt. Aus der islamischen Welt hinaus nach Paris und Berlin, nach Rom und Tel Aviv. In manchen Formulierungen hat er ausgedrückt, was vielen Menschen in der islamischen Welt im Kopf herumgeht, ohne dass sie dafür eine Sprache finden, die außerhalb ihrer eigenen Sphäre verstanden werden könnte. Die Ungerechtigkeiten, die sie erfahren, zum Beispiel in Palästina, die Doppelmoral des Westens, die ihnen seit der Kolonialzeit zu schaffen macht, die Korruptheit und der Zynismus der eigenen politischen Elite. Barack Obama aber findet Worte, die die Welt verändern können, eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, weil Misstrauen und Angst nicht nur in den Köpfen sitzen, sondern auch zu Instrumenten von Politik geworden sind.

Da ist auf der einen Seite der Holocaustleugner Ahmadinedschad, der nichts anderes als den moralischen Absturz in Teilen der islamischen Welt repräsentiert. Auf der anderen Seite sitzen Politiker wie die Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Sarkozy, die jede politische Gepflogenheit, jede Staatsräson über Bord werfen, wenn es um ein paar Stimmen in der Europawahl geht. Wie kann man sonst die wohlfeile Ablehnung der türkischen EU-Mitgliedschaft deuten, die prinzipielle Ablehnung eines Landes, mit dem die EU Beitrittsverhandlungen aufgenommen hat und dessen herausragende Bedeutung in der Lösung der Krise zwischen islamischer Tradition und Moderne nicht geleugnet werden kann?

Der Ruf des Muezzin

Schwer hatten es in den letzten Jahren diejenigen, die nicht in den einfältigen Chor des Kulturkampfes einstimmten. In diesem trüben Teich der gegenseitigen Stereotypen und Vorurteile verschwanden die Grautöne, wurden von populistischen Hasspredigten verschluckt. Die Stereotypen vom Islam mit seiner Schreckensbotschaft und die antisemitischen Klischees von der jüdischen Weltverschwörung bildeten eine gefährliche Bilderkette. Eine Verschrumpfung der geistigen Haushalte war die Folge. Wie sehr waren sich doch George W. Bush und Osama bin Laden ähnlich in ihrer primitiven, feuerschürenden Rhetorik. Die Welt, allen voran der Nahe Osten hat dafür einen hohen Preis bezahlt. Und auch die USA, der Modellstaat der Freiheit und der Rechtssicherheit büßten ihr Selbstverständnis ein. Mit fatalen Folgen für die Entfaltung demokratischer Freiheiten in der ganzen Welt. Mit amerikanischen Interessen hatte die Politik von George W. Bush nichts mehr zu tun. Wohl hat kein Präsident zuvor seinem Land so sehr geschadet wie er.

Wie aber geht es weiter? Was bezweckt ein amerikanischer Präsident, wenn er aus dem Koran zitiert und an den Ruf des Muezzins erinnert? Der Schlüsselbegriff für Obamas Konzept lautet Empathie. Wenn sich zwei Konfliktparteien unversöhnlich gegenüber stehen, ist derjenige, der den Blick der anderen Seite mitreflektiert ein potentieller Verräter. Oder ein Botschafter des Friedens. Obama als Feind und Verräter hinzustellen hatte im amerikanischen Wahlkampf keinen Erfolg. Die Wähler setzten auf den Botschafter des Friedens, auf den Mann, der die Kapazität besitzt, die Welt zu verändern.

Mit seiner Rede in Kairo hat Barack Obama einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Hier sprach nicht mehr der erste Mann der Supermacht USA, sondern ein Weltbürger, der nach Partnern sucht, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern.

Barack Obama wurde in den USA auch deshalb zum Präsidenten gewählt weil er den Wählern etwas zugetraut hat. Er sprach die Wähler nicht als schutzbedürftige Wesen an, die sich einem Staatslenker anvertrauen, nicht als Statisten in einem Spektakel, der Wahlkampf genannt wird, sondern machte sie zu Akteuren seiner Botschaften. Du bist es, der persönlich gemeint ist, du hast es in der Hand, du kannst etwas verändern.

Übersetzerdienst

Schon mit seiner Wahl konnte jeder Einzelne das Gefühl bekommen an einer historischen Stunde teilgenommen zu haben. So bekamen die Stimmen für ihn mehr Gewicht, als es in den alten Demokratien des Westens mittlerweile üblich ist. Lässt sich dieses Prinzip der Aufwertung von der nationalen auf die internationale Bühne übertragen?

Wer den inneren Zustand der islamischen Welt kennt, weiß wie mutig es ist, heute aus dem Koran zu zitieren und sich vor den Errungenschaften der islamischen Zivilisation zu verbeugen. Ja, es gibt diese Errungenschaften tatsächlich, es gibt die Wissenschaftler und Poeten, die das kulturelle Erbe der Menschheit bereichert haben. Sie lebten und wirkten vor einem halben Jahrtausend und in noch früheren Zeiten. Lange ist es her und ihre Aura ist verloschen. Es ist gut, dass ein amerikanischer Präsident die Muslime an die Wurzeln ihrer eigenen Kultur erinnert. Und noch mehr: Obama hat sich zum Ziel gesetzt ein Übersetzer zu sein. Er möchte den eigenen Leuten die anderen erklären. Mehr wissen über den anderen, als Heilmittel gegen die Krankheiten unserer Zeit, gegen das Halbwissen, das vorschnelle Urteil. Er zielt auf eine Augenhöhe, die die Grundlage jedes konstruktiven offenen Gespräches ist. Doch diese Augenhöhe wird nur dann entstehen, wenn er Gesprächspartner auf der anderen Seite findet.

Zur Zeit sieht es eher so aus, als würde die Last der beiden Welten, der islamischen, wie auch der westlichen auf seinen Schultern ruhen. Obama spricht mit sich selbst. Er stemmt diese Last eindrucksvoll und nicht wenige Blicke warten nur darauf, dass er unter ihr zusammenbrechen wird. In Kairo aber sah es ganz so aus, als hätte der erste Weltpräsident eine Rede an die Menschheit gehalten.

Zafer Şenocak wurde 1961 in Anakra geboren. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaften und Philosophie in München. Seit 1990 lebt er in Berlin und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Auf Deutsch erschien zuletzt Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch. Babel-Verlag, München 2006

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14:40 05.06.2009

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