Der Schlüssel zur Sicherheit

Frieden von unten Zwei Bücher zur politischen Lage in Israel und Palästina

Der israelisch-palästinensische Konflikt scheint nur noch durch eine internationale Kraftanstrengung gelöst werden zu können, wenn die unterlegenere Seite, die der Palästinenser, nicht völlig unter die Räder kommen soll. Mit dieser Forderung ergänzen sich die Autorinnen von zwei jüngst erschienenen Büchern: Felicia Langer verlangt schon seit Jahren die Solidarität der Staatengemeinschaft mit den "Verdammten dieser Erde", Sophia Deeg liefert quasi das Rezept dazu. Sie selbst ging mit ihrer Tochter Julia und anderen im Rahmen der Internationalen Solidaritäts-Bewegung (ISM) als Schutzschild für die Menschen in den vom israelischen Militär belagerten Regierungssitz von Palästinenserpräsident Yassir Arafat, um diesen vor der Tötung oder einer Deportation zu schützen. Für Deutsche eine überaus mutige Entscheidung - nicht nur aufgrund der historischen Bürde. Eine Folge dieses humanitären Engagements: Beide dürfen nicht mehr nach Israel einreisen!

Das Buch der ehemaligen israelischen Menschrechtsanwältin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, Felicia Langer, deckt die Heuchelei sowohl der israelischen Regierung als auch des Westens auf. Der Nahe Osten bleibt für die Autorin ein Brandherd, insbesondere nach der gezielten Tötung von Hamas-Gründer Scheich Ahmed Yassin. Ein seit seiner Jugend an den Rollstuhl gefesselter, völlig paralysierter Mensch wird durch eine von einem Apache-Kampfhubschrauber Made in USA abgefeuerten Rakete getötet. Stellt diese Tat nicht die moralische Bankrotterklärung der israelischen Regierung dar? Ministerpräsident Sharon zeigte sich von den massiven Protesten wenig beeindruckt und setzte noch eins drauf: Er verkündete kurze Zeit später, dass auch Yassir Arafat zum Abschuss freigegeben sei. Langer macht eine traurige Bilanz von Terror und Gegenterror in Israel und Palästina seit dem 29. September 2000 auf: 2.962 tote Palästinenser; 954 tote Israelis. Noch nie hat dieser Konflikt soviel Tote gefordert wie unter der Sharon-Regierung.

Die Autorin hat zahllose Politiker-Statements, Auszüge aus Berichten von Menschenrechtsorganisationen und Friedensgruppen sowie Zeitungskommentare über Israel und Palästina zusammengetragen und kenntnisreich interpretiert und politisch eingeordnet. Langer weist auf die einseitige Sichtweise der USA in Bezug auf Israel hin, die durch die Sicherheitsberaterin von US-Präsident Bush, Condoleezza Rice, so formuliert wurde: Israel sei die Seite, die den Frieden wolle, und die Sicherheit Israels sei der Schlüssel zur Sicherheit der Welt! Wie kann, fragt man sich entsetzt, jemand die Realität so falsch interpretieren, der für den Frieden in der Welt eine so große Verantwortung trägt?

Selbstmordattentate und Besatzung gehören zusammen wie siamesische Zwillinge. Die Autorin verurteilt beide, weiß aber, wer dafür die Verantwortung trägt: "Israel hat alle Pforten zum palästinensischen Leben hermetisch abgeriegelt und die Palästinenser durch Unterdrückung, Demütigung und dem Kampf gegen ihre Existenz zur suizidalen Verzweifelung gebracht." Die Autorin deckt weitere Vorgänge auf, die weder in Deutschland noch in den USA aufgrund der teilweisen Tabuisierung der Politik Israels jemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätten.

Engagiert äußert sich Langer zur Antisemitismusdebatte in Deutschland, die sich an den Politikern Jamal Karsli und Jürgen Möllemann personifiziert hat. An dieser Debatte waren der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland und sein Stellvertreter maßgeblich beteiligt. "Jüdische Gemeinden erwecken oft den Eindruck, als seien sie Filialen der israelischen Botschaft", so die Autorin. "Diejenigen, welche die Antisemitismus-Debatte anzettelten, hatten das Ziel, die Stimmen der Kritik an Israel zum Schweigen zu bringen." Aber warum verkämpft sich Langer an dieser Front? Die Autorin hat einen schonungslosen Zustandsbericht über die letzten dreieinhalb Jahre gegeben. Nach dieser Lektüre sind selbst die treuesten Verteidiger Israels aufgefordert, die Politik der Sharon-Regierung zu kritisieren und sie zur Umkehr sowie zur Achtung des Völkerrechts aufzufordern. Solidarität mit der Politik dieser Regierung schadet letztendlich der eigenen Glaubwürdigkeit. Dies gilt besonders für die USA, aber auch für Deutschland. Zuviel Hoffnung auf die Einsicht Sharons sollte man sich nicht machen.

Sophia Deeg vertritt im Gegensatz zu Langer einen viel globaleren Ansatz. Durch ihr Engagement in der Anti-Globalisierungs- und Anti-Kriegsbewegung sowie in ATTAC und in der Dritte-Welt-Bewegung sieht sie die Unterdrückung der Palästinenser nur als ein Mosaik in der globalen Dominanzstrategie des Neoimperialismus, dessen Speerspitze die USA sind. Motiviert durch ihre Teilnahme am Weltsozialforum in Porto Alegre im Februar 2002 und durch die zum gleichen Zeitpunkt einsetzenden Bombardements und Massenverhaftungen von Palästinensern durch die israelische Armee, entschied sie für sich, "mit ihrem Pass" als Schutzschild primär für bedrohte Zivilisten einzutreten. Wie riskant dieses Unternehmen war, zeigt die brutale Ermordung von Rachel Corrie und anderer durch israelische Bulldozer und Militärs. Kurz vor Ostern 2002 entschied sich Deeg zusammen mit 100 anderen "Internationalen" in das belagerte Hauptquartier von Arafat zu gehen.

Das Buch ist ein sehr anschaulicher und persönlicher, aber auch ein überaus spannender und bewegender Erfahrungsbericht. Darüber hinaus liefert er Hintergrundanalysen zu folgenden Fragen: Welche Kräfte in der israelisch-palästinensischen Gesellschaft stehen für eine politische und gerechte Lösung zur Verfügung? Wie kommt es zu den Selbstmordattentaten und wie sehen die Internationalen ihre Rolle in diesem Zusammenhang? Wie ist es zu der aussichtslosen Lage und zum Scheitern des Friedensprozesses gekommen? Was hat die globalisierungskritische Bewegung mit Palästina zu tun, und warum engagiert sie sich dort so stark?

Für die deutschen Leser/innen besonders erhellend: die Darstellung einer unbekannten weltweiten Bewegung gegen die Besatzung. Diese kommt fast ohne Vereins-, Partei- oder NGO-Strukturen aus, sondern funktioniert, diskutiert und organisiert ihre Aktionen aufgrund "weltweiter Strukturen". Dass dies nur durch das Internet möglich geworden ist, wissen auch die Kritiker der USA. Deeg weist ausdrücklich auf das Motto der Zapatisten hin: "Fragend gehen wir voran", das auch für die globalisierungskritische Bewegung gilt. Dieses Motto bestehe auch für die neue Allianz von Israelis, Palästinensern und Internationalen für die Rechte der Palästinenser. Warum sollten sich die Deutschen oder besser die Europäer nicht dieser Allianz anschließen, insbesondere wenn sie bewusst miterleben, wie die USA im Irak und Israel in den besetzten Gebieten Tabula rasa machen?

Felicia Langer: Brandherd Nahost oder: Die geduldete Heuchelei, Lamuv, Göttingen 2004, 170 S., 9,90 EUR

Sophia Deeg: Ich bin als Mensch gekommen. Internationale Aktivisten für einen Frieden von unten, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004, 296 S., 9,50 EUR

00:00 28.05.2004

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