Der schmale Grat

Freiheit In einer aufgeklärten Welt endet die moralische Verantwortung für die Not der anderen nicht an der Landesgrenze. Wo dann?
Arnd Pollmann | Ausgabe 36/2013
Der schmale Grat
Kriegerischer Universalist
Foto: Jana Birchum / Getty

Humanitäre Verbrechen, wie die Giftgasangriffe im längst ausweglosen Bürgerkrieg in Syrien, rufen nicht nur die internationale Politik, sondern auch die philosophische Ethik auf den Plan. Wer aber ethische Verantwortung einklagt, macht sich rasch unbeliebt, weil er sich in das Leben anderer Leute einmischt. Die Ethik will uns vorschreiben, wozu wir anderen Menschen gegenüber verpflichtet sind: Du sollst nicht lügen, betrügen oder stehlen. Man soll sein Wort halten, andere nicht instrumentalisieren oder gewaltsam zwingen und Menschen in Not helfen. Diese moralischen Vorschriften durchkreuzen manchmal unsere Pläne. Sie weisen den natürlichen Egoismus des Menschen in tolerierbare Schranken. Zugleich aber ermöglichen sie das menschliche Miteinander: Ein vollends schrankenloser Egoismus wäre die Hölle auf Erden; der „Kampf aller gegen alle“, von dem einst Thomas Hobbes sprach.

Allerdings ist damit auch ein großes Problem verknüpft: Wo beginnen die moralischen Verpflichtungen? Und vor allem: Wo enden sie? Klar scheint zunächst nur zu sein, dass die Moral die Grenzen der jeweils eigenen Welt sprengt. Wer sagt: „Ich habe da meine ganz persönliche Moral“, hat offenkundig nicht verstanden, worum es geht. Eine Moral, die nur für einen selbst gilt, kann keine allgemeine Moral der Mitmenschlichkeit sein. Aber wie weit reicht deren Anspruch? Wenn uns die Moral vorschreiben will, was Menschen einander nicht antun dürfen: Haben wir diese Pflichten tatsächlich gegenüber allen anderen? Oder doch nur gegenüber denen, die wir unmittelbar als unsere Mitmenschen betrachten? Man müsste dann nicht bloß denen helfen, die jeweils vor Ort notleidend sind, sondern auch allen anderen Menschen, und zwar weltweit. Das klingt utopisch. Die Moral käme einer heillosen Überforderung gleich, die uns allzu viel Verantwortung aufbürdet. Die entscheidende Frage ist also: Wie allgemein ist moralische Allgemeinheit wirklich?

Andere Länder, andere Sitten?

Ethisch verwirrend ist, dass mit dem Begriff „Moral“ zwei ganz verschiedene Dinge gemeint sein können: eine Moral, die die Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft teilen und durch die sie sich von anderen unterscheiden. Oder aber eine Moral, die Rechte und Pflichten aller Menschen festschreibt und die weder nationale noch kulturelle Grenzen kennt. Im ersten Fall spricht die Ethik von einer „partikularistischen“, im zweiten von einer „universalistischen“ Moral. Was ist der Unterschied?

Die meisten Menschen dürften im Alltag einem partikularistischen Moralverständnis verhaftet sein. Im Grunde gilt hier der Satz: Andere Länder, andere Sitten! Ein Moralverständnis ist dann partikularistisch, wenn es die Mitglieder der jeweils eigenen Gemeinschaft und deren Spielregeln gegenüber anderen, fremden Traditionen favorisiert. Man verteidigt dann die „Leitkultur“, die „christliche Moral des Abendlandes“ oder auch „amerikanische Werte“ gegenüber einer Moral mit Migrationshintergrund, einer muslimischen Moral des Vorderen Orients oder gegenüber dem globalen Vormarsch „asiatischer Werte“.

Seit der Aufklärung jedoch macht sich immer stärker eine ganz andere Moralauffassung breit, nach der alle Menschen weltweit als gleichermaßen achtungswürdig zu gelten haben. Zu einer Universalmoral gelangt, wer das menschliche Miteinander aus der Perspektive konsequenter Unparteilichkeit hinterfragt: Entspricht das, was ich tue, auch tatsächlich dem, was mit Rücksicht auf beliebige andere Menschen geboten wäre? Wer aber sind diese beliebigen anderen? Meine Familie? Meine Freunde? Meine Landsleute? Menschen in Europa? Warum sollten moralische Pflichten an diesen – eher zufälligen – Grenzen haltmachen? Diese Fragen stimmen skeptisch, ob meine Nachbarin oder ein Mitbürger tatsächlich moralisch wertvoller sind als ein x-beliebiger fremder Mensch in der Ferne. Eine „richtig“ verstandene Moral hat vielmehr den global entgrenzten Sinn, gleiche Rechte und Pflichten wahrhaft aller Menschen begründen zu wollen.

Für Jean-Paul Sartre war dies die Kehrseite moderner, aufgeklärter Freiheit: Wenn der Mensch tatsächlich frei sein soll, all das zu tun, was seinem Leben Sinn gibt, dann ist er zugleich auch voll für sein Handeln verantwortlich; und zwar nicht nur für das, was er tut, sondern immer auch für das, was er nicht tut. Wir haben stets die Wahl, so Sartre: Greifen wir ein, um die Not fremder Menschen zu bekämpfen, so ist dies eine freie Entscheidung. Greifen wir nicht ein, so geschieht dies ebenfalls aus Freiheit. Die Verantwortung ist dieselbe. So trägt jeder Mensch, wie Atlas in den griechischen Sagen, die gesamte Welt auf seinen Schultern. Und so muss es den modernen Menschen eben doch persönlich kümmern, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Oder wenn bei Giftgasangriffen unzählige Menschen auf barbarische Weise zu Tode kommen.

Es sind übrigens internationale Völkerrechtsabkommen in der Folge großer Kriege gewesen, wie etwa das bereits 1925 verabschiedete Genfer Protokoll zur Ächtung biochemischer Waffen oder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die diesem universalistischen Moral- und Rechtsverständnis zum Durchbruch verholfen haben. Schon in der Präambel des Genfer Protokolls heißt es, dass biochemische Kriegswaffen „in der allgemeinen Meinung der zivilisierten Welt“ verurteilt werden, um so ein Verbot „in der ganzen Welt zur Anerkennung zu bringen, (...) das sich dem Gewissen und dem Handeln der Nationen gleichermaßen aufdrängt“. Und die Barbareien des Zweiten Weltkrieges und des europäischen Totalitarismus waren es, durch welche die Vereinten Nationen nach 1945 noch ein Stück näher zusammenrückten, um für Frieden und Menschenrechte zu sorgen.

Das ganz alltägliche moralische Dilemma ist allerdings, dass man sich nicht einfach gegen die Partikularmoral und für den Universalismus entscheiden kann. Im Zweifel neigen viele Menschen eben doch dazu, und teilweise wohl auch zu Recht, die eigene Familie, die eigenen Freunde oder Landsleute vorzuziehen. Vielmehr agieren sie immer schon in einem Spannungsverhältnis zwischen partikularen und universellen Verbindlichkeiten: Einerseits verspürt man gegenüber seinen Nächsten ganz besondere Pflichten, die mit wachsender Entfernung schwächer werden und die uns überdies dazu anhalten, uns nicht vorschnell in fremde Angelegenheiten einzumischen. Andererseits sieht man sich als aufgeklärtes Moralsubjekt immer auch allen anderen Menschen gegenüber verpflichtet, bloß weil sie Menschen „wie wir“ sind. Und mit dieser moralischen Weltoffenheit droht zugleich auch ein gewisser kultureller Identitätsverlust.

Es ist nicht zuletzt diese konfliktreiche Spannung, die viele Menschen zögern lässt, ob militärische Interventionen im Namen der Menschenrechte legitim sind. Erschwerend hinzu kommt eine geradezu alltägliche Erfahrung, die für beide Moralauffassungen bedeutsam ist: Man kann mit den besten moralischen Absichten unbeabsichtigt katastrophale Konsequenzen bewirken; etwa dann, wenn eine militärische Intervention im Namen der Menschenrechte, wie in Afghanistan und im Irak, alles nur noch schlimmer macht. Ist diese Intervention dann als moralisch gut oder schlecht zu beurteilen? Man kann aber auch umgekehrt mit schlechten Absichten unbeabsichtigt etwas moralisch Gutes bewirken; zum Beispiel dann, wenn ein regierungsamtlicher Giftgasangriff die Welt endgültig zum Einschreiten bewegen würde und dies dann auch tatsächlich den erwünschten Erfolg brächte, indem es unzähliges weiteres Leid verhindert. Wäre der Giftgasangriff dann im Nachhinein eben doch als moralisch begrüßenswert anzusehen? Diese Frage mag zynisch oder unmenschlich klingen. Aber die Antwort ist keineswegs ethisch eindeutig.

Der moralische Universalismus verbietet es übrigens auch, sich im Konfliktfall vorschnell auf nur eine der beiden rivalisierenden Seiten zu stellen. Er muss vielmehr auch hier unparteilich bleiben, indem er die Menschlichkeit als solche in den Mittelpunkt rückt. Im Fall Syrien bedeutet das: Barbarische Kampfhandlungen – von welcher Seite auch immer – sind zu unterbinden, solange sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Folglich ist es ganz gleich, auf welches Konto die jüngsten Giftgasangriffe gehen; auch wenn die These, die Rebellen selbst hätten sie verübt, ziemlich merkwürdig anmutet, da sie das Gas dann ja auch gegen die Regierungstruppen hätten einsetzen können.

Eine gefährliche Sache

Diese Rigorosität des Universalitätsanspruches ist es dann auch, die ihn nicht nur zu einer großartigen, sondern auch zu einer gefährlichen Sache macht, mit der man rasch über das Ziel hinausschießt. Er will eben nicht nur mancherorts, sondern überall auf der Welt verwirklicht werden, notfalls auch mit Gewalt. Es ist daher kein Wunder, dass man beim Thema Interventionen vorschnell an militärische Operationen denkt, obwohl diese überhaupt nicht notwendig sind, solange, wie fast immer, politische Optionen offenstehen.

Besonders gravierend wird das Problem dann, wenn der kriegerische Universalismus nur als Vorwand für letztlich partikulare Zwecke dient. Genau das ist eines der hervorstechendsten Merkmale der Regierung von George W. Bush gewesen, der einmal sagte: „Weil Amerikaner sich dem gottgegebenen Wert allen menschlichen Lebens verpflichtet fühlen, schätzen wir die Freiheit einer jeden Person in jeder Nation und streben danach, den Respekt vor den Menschenrechten zu fördern.“ Die Folgen sind bekannt.

Auch in Syrien wäre ein militärischer Alleingang der USA und einiger Verbündeter fatal. Aber eben nicht bloß wegen der hohen Wahrscheinlichkeit, dass dies alles nur noch schlimmer macht. Auch der Universalismus humanitärer Moral wird korrumpiert, wenn man ihn bloß partikularistisch exekutiert. Die Klemme ist: Entweder entschließt sich die Welt als Ganze, und zwar unter dem Dach der Vereinten Nationen, zu effektiven, wenn auch nicht notwendig militärischen Interventionen. Oder aber das Morden muss weitergehen. Selbst dann aber wird sich niemand, der von den Ansprüchen einer humanitären Moral der aufgeklärten Moderne weiß, damit herausreden können, dass uns die Sache nichts angeht.

Arnd Pollmann lehrt Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien Unmoral. Ein philosophisches Handbuch

 

06:00 19.09.2013

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