Der Schmerz

Kehrseite I Ihre Braue loderte, ihre Zunge tastete nervös an der Innenseite und suchte die Wand ab, die Wand der Wange, die sie vom Äußeren trennte. Vom ...

Ihre Braue loderte, ihre Zunge tastete nervös an der Innenseite und suchte die Wand ab, die Wand der Wange, die sie vom Äußeren trennte. Vom Äußersten. Hoffentlich passierte heute nichts Schlimmes, gleichzeitig hoffte sie, dass eine rettende Katastrophe über sie hereinbräche. Aber das wagte sie nicht zu hoffen, nicht ausdrücklich. Wäre die nicht, die Wangenwand, hätte man durch sie hindurch gucken können. Glaubte sie. Das Äußere war ein Feind, der sie nicht durchdringen durfte. Sie war innen, und da war es warm und sicher. Sie hielt ein Coolpack an die Wange und genoss den Kälteschock, der die Haut in ein Lärmen versetzte. War ihr Ich im Sprechen mit sich noch in ihr? Oder schon als Gedanke in eine Umlaufbahn geschickt?

Mal mochte sie den Ausblick aus ihrem Fenster, diese Dachlandschaft, die sich in die Ferne wegdehnte und Gewogenheit ausstrahlte, der Himmel weit und offen ... Ein anderes Mal konnte sie die zweiundzwanzig Quadratmeter, auf denen sie zu leben hatte, nicht länger ertragen. Sie hielt den Kopf hoch, blickte durch die Wand aus Glas, and the promise that she is blessed among women, drang es aus den Lautsprechern. Die Schule gegenüber war leer. In einigen Räumen brannte trotzdem Licht, der denimblaue Himmel drückte die Nacht langsam in die Gebäude und der Mann, der einmal ihre ... ach ... was passierte wohl hinter all den Fenstern, die dort in dem Hochhaus ein paar Kilometer entfernt sich an den Wolken rieben? Sie liebte die Idee, dass sie viele Leben hatte, gleichzeitig, simultan hier und dort sein konnte, wie in einem Roman, in dem sie alle Figuren spielte. Und jeder passierte ein anderes Schicksal. Sie musste nicht einmal wählen. Denn das hielt nur vom Leben ab.

Hi, hallo! Awake from my sleep, drückte sie noch einmal die Eins auf der Remote Control ... der Nachmittag war lang gewesen, und sie hatte nichts mit sich anzufangen gewusst. Warum hat keiner angerufen, dachte sie. Und nun war es zu spät, allein loszugehen, sich in den Park zu setzen, auf einer der vielen Banken zu sitzen und die zu beobachten, die auf den Rasenflächen lagen ... die Paare im weichen Geschmeide, das ihre Körper aneinander gelegt bildeten. Nein, das wollte sie nicht gesehen haben. Nicht heute. Sie wollte allein bleiben, rein in ihrer Absicht, die Seele und das Ticken der Uhr mit niemandem teilen zu müssen. Sie schwand in der Ahnung nach Erlösung, und dieses musste verhindert werden. Es war ihre Lust, sich eine eigene Welt zu bauen aus Modezeitschriften, Fantasie-Möbeln und Fantasie-Fernreisen. Sie spürte die schädigenden Auswirkungen in Form einer Trägheit, die die Muskeln lähmte. Sie nahm noch ein Praliné aus der Schachtel und winkelte die Beine hoch, aufs Sofa. Why must not death be redifined, sang es aus den Lautsprechern, während der Fernseher stumm lief und unbrauchbare Visionen zur Musik lieferte.

Der Schmerz war zart und süß und schön in seiner Unerbittlichkeit. Sie sehnte sich nach einer weichen Peitsche, die ihr die Wange streichelte, sie mit einem Riss öffnete. Aus ihr sollte es alles herausströmen! All das Uneingeforderte, das sie zu verschlingen drohte mit einer Taktung, die sie zersetzte. Weil es zu nichts gut war, dieses Leiden still auszuhalten und nichts darin zu finden als einen Ton, der davon kündete, dass man noch am Leben war, da man wartete.

Sie hatte sich den Schmerz als Welle vorgestellt, nicht organisch, eher an einer Kurbelwelle, die sie aufspießte und in ihr das Verlangen erstickte, immer und immer wieder bestraft werden zu wollen für etwas, dass sie nie getan hatte. Sie war es gewohnt, schuld zu sein. Immer wieder. Nur sie. Schuld prallte auf sie ein wie die Wassertropfen auf den Aluboden der Spüle. Sie brauchte das und konnte es nicht ertragen, dass sie das brauchte. Es hatte von ihr Besitz ergriffen und wollte angefasst werden. Mit all ihren Sinnen sollte es sie anfassen, auf dass es groß und immer stärker wurde. Was sich dahinter verbarg? Ein Schmutz? Eine Unebenheit? A promise that she´s blessed among women, sang es.

Sie konnte nicht ruhig sein. Einfach so, ohne zu wissen, dass nicht zumindest etwas vonnöten sei. Nur etwas Schmerz. Ganz ohne, das war kaum auszuhalten. Das war unrealistisch. Unmöglich irgendwie. Und so versuchte sie, in allem etwas Strenges auszuüben. Etwas, das schwierig war oder Schwierigkeiten machte. Ein schneidendes Denken oder eine Facette eines bösen Gefühls, das Unheil anrichtete. Nur etwas davon. Sie nahm das Ölfläschchen, goss sich daraus Flüssigkeit über den linken Unterarm und drehte mit dem Daumen an der Schraube des Feuerzeugs. Es verbrannte sie.

Im Moment spürte sie, wie sehr sie es brauchte, aufgezehrt zu werden. Von etwas, das stärker war als ihr Wille, alles wieder hinzubiegen, es noch einmal zu versuchen, und sich den Schmerzen, die das Versagen mit sich brachte, zu stellen. Es ist ein Mund in mir, schluckte sie wortlos, der das Sprechen nach innen verlagert hat. Ohne Bewegung zucken diese Lippen nach einem inversen Verlangen, das mich verschlingt. Weg von diesem Platz an etwas, wo Ich minus Ich nicht gleich null ist.

Sie drückte die Eins und goss noch einmal Öl auf ihren Unterarm.

Carsten Klook (46) lebt als Autor und Journalist in Hamburg. Zuletzt erschienen von ihm die Hörspiel-CD Halbe Portion Jubel (Gruenrekorder.de) und der Roman Korrektor im Textem-Verlag.


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00:00 17.03.2006

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