Der Schmerz der Anmut

Alltag Unser Autor wollte im Winter in die Wärme. Und stieß in Malaysia auf ein altes, grausames Schönheitsideal: Gebundene Füße

Als sich Anfang Oktober des vergangen Jahres abzeichnete, dass ich auch diesen Winter der Kälte in Deutschland den Rücken würde kehren können, suchte ich das Reisebüro meines Vertrauens auf. Dort hieß es zu meinem Leidwesen, in Richtung Südamerika, wohin es mich seit Jahren zog, sei kein Flug mehr unter tausend Euro zu haben. Das war für meine ohnehin nicht üppige Reisekasse zu viel. Wie wär´s mit Asien, es gäbe noch günstige Flüge nach Malaysia oder Singapur? Da ich den südlichen Teil Asiens überhaupt nicht kannte und Malaysia mit seiner bunten Mischung verschiedener Kulturen mich schon länger interessierte, buchte ich kurzerhand einen Flug nach Kuala Lumpur. Einen Plan, wo es von dort aus genau hingehen sollte und was dann auf mich zukommen würde, hatte ich nicht.

Beim Durchblättern des bald erworbenen Reiseführers fiel mir ein kurzer Randtext auf. Darin war ein kleiner Laden in Melaka erwähnt, einer alten Hafenstadt an der Schifffahrtsstraße gleichen Namens. In diesem Laden, so hieß es, würden noch Schuhe für gebundene Füße verkauft werden. Gebundene Füße? Das klang nach einer mysteriösen, lange vergangenen Zeit, nach einer Welt, die zu meinem Bild vom modernen Malaysia nicht passen wollte. Das wollte ich entdecken und mich zudem einmal eingehender fotografisch mit den fernöstlichen Religionen auseinandersetzen. Die merkwürdigen Schuhe gerieten darüber bei meinen Reisevorbereitungen wieder in Vergessenheit.

Gut zwei Monate später schlenderte ich durch die Temple Street von Melaka. Ich war auf der Suche nach der Kampung Kling Moschee, die sich hier in der Nachbarschaft eines hinduistischen und mehrerer buddhistischer Tempel befinden sollte. Mein Blick wanderte sorgsam über jedes Gebäude und blieb plötzlich an einem kleinen Laden hängen, der mit großen Lettern für "Bound Feet Shoes" warb. Ich erinnerte mich sofort daran, was ich in dem Reiseführer über die gebundenen Füße gelesen hatte, folgte der Einladung des freundlich lächelnden Herrn hinter dem Verkaufstresen und trat näher. Mit dem Schritt über die Schwelle des Ladens tauchte ich in die Welt der gebundenen Füße ein.

Raymond Yeo und sein jüngerer Bruder Toni stellen in ihrer Ladenwerkstatt die kleinen Schühchen her, in die chinesische Frauen aus Melakas besseren Familien bis weit ins letzte Jahrhundert ihre Füße zwängen mussten. An den Wänden hängen Artikel, die über die mehr als tausendjährige Geschichte der gebundenen Füße informieren, in den Regalen steht dazu traditionelles Schuhwerk aus den vergangenen 100 Jahren. Neugierig geworden durch das, was ich sah und las, begann ich, Toni Yeo über die geheimnisvollen Schuhe auszufragen.


Ich erfuhr, dass chinesische Frauen mit dem Binden ihrer Füße im 10. Jahrhundert begonnen hatten. Der Legende nach ahmten die Hofdamen eine kaiserliche Konkubine nach, die zum Tanzen ihre Füße mit langen Seidentüchern umwickelt hatte. Von den Hofdamen übernahmen bald die Frauen der Oberschicht das Binden der Füße und über die Jahre wurde diese Mode zum Schönheitsideal, das am Ende für alle Bevölkerungsschichten galt. In China erschien es lange Zeit nämlich als wünschenswert, ausschließlich männliche Nachkommen in die Welt zu setzen. Mädchen wurden als Makel und Last empfunden, da man für sie einen Ehemann finden musste, der sie ernähren konnte. Erstrebenswert war es daher, dass die jungen Frauen der gängigen Vorstellungen von Schönheit entsprachen. Und zu diesen Vorstellungen zählten kleine Füße. Nicht nur, weil sie der Frau einen als erotisch empfundenen Gang verleihen sollten, sondern auch, weil sie die Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkten, sie de facto an das Haus ihres Ernährers banden. Darüber hinaus bestand die Auffassung, dass die gebundenen Füße die Liebesfreuden der Männer erhöhten, weil der trippelnde Gang angeblich die Oberschenkel der Frauen stärkte.

Um die Füße der jungen Frauen auf die gewünschte Größe zu bringen, begann man im Alter zwischen zwei und fünf Jahren damit, die Zehen unter die Ballen zu binden. Bis zu zehn Meter maßen die Tüchern, mit deren Hilfe die Füße in diese anormale Position gezwungen wurden. Die Binden mussten sowohl tags als auch bei Nacht getragen und mit jedem Tag fester angezogen werden, bis irgendwann die Knochen brachen und der Fuß in sich zusammenklappte. Eines von zehn Mädchen überlebte dieses Martyrium nicht. Das grausame Procedere wurde 1911 in China und Malaysia verboten, hatte in abgelegenen ländlichen Gebieten zum Teil aber noch bis weit in die dreißiger Jahre hinein Bestand. Angestrebt wurde dabei, den Fuß in die Form des goldenen Lotus zu bringen, damit er in die kaum acht Zentimeter langen Schuhe gleichen Namens passte.

Die Gebrüder Yeo stellen die extrem kleinen Schuhe noch heute nach alten Vorlagen her. In Handarbeit wird der Schuh aus Leder gefertigt und mit bestickter Seiden überzogen. Die Zahl der Frauen, die bei den Yeos ihre Schuhe kaufen, ist freilich gering. Auf meine vorsichtige Frage hin, wer denn die Abnehmer der Lotusschuhe wären, antwortete Toni Yeo, es handele sich um einige wenige Damen weit in den Neunzigern. Sie seien zumeist nicht mehr in der Lage, den Laden selbst aufzusuchen, und würden deshalb von den Brüdern zu Hause besucht werden.

So sind es zumeist Touristen, die ein oder zwei Paare der kleinen Meisterwerke als Souvenir mit nach Hause nehmen. Nebenbei stellen die Brüder auf Bestellung die mit Perlen bestickten Baba-Nonya-Pantoffeln her, das traditionelle Schuhwerk der in Malaysia lebenden Nachfahren chinesischer Händler und malaysischer Frauen. Als ich den Laden zum zweiten Mal besuchte, arbeitete Toni Yeo gerade an einem Paar dieser Pantoffeln, das die Kundin am Nachmittag abholen wollte. Die Sohle schnitt er aus Pappe zurecht und beklebte sie anschließend mit einem Fußbett aus Leder. Die einzelnen Stücke des Überzugs fügte er mit der alten Singer-Nähmaschine zusammen, an der schon sein Großvater gesessen hatte.

Der aus China eingewanderte Großvater von Raymond und Toni hatte den Schuhladen gegründet, vor mehr als hundert Jahren und nur wenige Schritte vom heutigen Standort entfernt in Melakas berühmter Jonkers Street gegründet. Die Jonkers Street war bereits damals eine lebhafte Straße, in der neben den Geschäften von Händlern viele kleine Handwerksbetriebe zu finden waren. Mit der Entdeckung von Melakas Chinatown durch die Touristen Ende der neunziger Jahre hat sich ihr Antlitz stark verändert. Handelshäuser mussten Antiquitätenhändlern weichen, aus den Handwerkerläden wurden Restaurants und Hotels. Dieses Schicksal sollte auch den alten Laden der Yeos ereilen; der Hausbesitzer wollte ebenfalls am Tourismus-Boom in Chinatown teilhaben. Er kündigte den Vertrag für den traditionsreichen Laden, um an Stelle des Hauses ein Hotel errichten zu lassen. Yeo Sing, der Vater der beiden Brüder, überlebte den Umzug in die benachbarte Temple Street nur um ein Jahr.

Das Hotel in der Jonkers Street wurde übrigens nie gebaut. Anwohner, die gegen die Umwidmung des Viertels protestierten, konnten den Abriss des alten Hauses zwar nicht verhindern. Zumindest aber den Hotelneubau.


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00:00 16.03.2007

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