Der Schmerz geht nicht weg

Terror In Nigeria stehen sich Boko Haram und das Militär unversöhnlich gegenüber. Der Konflikt trifft vor allem die Bevölkerung
Monica Mark | Ausgabe 20/2014 15
Der Schmerz geht nicht weg
Aus einem Bekennervideo der Radikalislamisten: Abubakar Shekau, Anführer von Boko Haram
Bild: AFP/ Getty Images

Die Sonne dämmerte gerade über der Schule in einem abgelegenen Dorf im Nordosten Nigerias am Morgen, als die Männer mit den Gewehren hereinstürmten. Es waren rund zwei Dutzend Mann. Schnell, methodisch und mit gnadenloser Brutalität seien sie vorgegangen, berichteten die Überlebenden später.

Sie riefen „Allahu Akbar“, stellten Schüler in einer Reihe auf und ermordeten sie einer nach dem anderen mit einem einzigen Kopfschuss. Andere Schüler verbrannten bei lebendigem Leibe, nachdem die Angreifer ihre Schlafräume verriegelt und mit Benzin in Brand gesetzt hatten. Diejenigen, die versuchten zu entkommen, wurden mit Messern erstochen. Insgesamt töteten die Terroristen 46 Jungen. Anders als bei der Entführung von mehr als 200 Mädchen aus einer Schule in der Stadt Chibok im vergangenen Monat wurden bei diesem Angriff die Mädchen verschont, aber alle Jungen getötet. International wurde die Gräueltat kaum wahrgenommen. Sie ereignete sich vor etwas weniger als einem Jahr, im Juli 2013.

Die entführten Schulmädchen im Nordosten Nigerias sind zum Symbol eines immer brutaler werdenden Konflikts geworden, der bislang kaum von den westlichen Medien wahrgenommen wurde. Dabei werden in Nigeria seit über einem Jahr immer wieder Schulen überfallen. Den Boko Haram sind sie verhasst – die radikalislamistische Gruppierung kämpft seit fünf Jahren für die Errichtung eines Kalifats im Norden des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes. Tausende Menschen sind dieser Anmaßung bereits zum Opfer gefallen.

Viele Nigerianer, die seit nunmehr einem halben Jahrzehnt im Schatten dieses Aufstands leben, sind frustriert darüber, dass nun ein einzelnes Verbrechen, so schrecklich es auch sein mag, ein weitaus komplexeres Problem überdeckt. Verschiede Social-Media-Kampagnen und die öffentliche Empörung im In- und Ausland über die Entführung der Mädchen haben dazu beigetragen, dass die USA und Großbritannien sich nun in den Konflikt einmischen wollen. Sogar Michelle Obama schaltete sich ein. Zum ersten Mal in der Amtszeit ihres Mannes übernahm sie die wöchentliche Fernsehansprache des Präsidenten und verlangte die Befreiung der Schülerinnen. In ganz Nigeria kam es überdies zu Protesten, wie man sie sonst kaum kennt in diesem Land.

Die Berichte ehemaliger Entführungsopfer der islamistischen Sekte – vom Beamten bis hin zum einfachen Straßenverkäufer – legen nahe, dass die Schulmädchen nun als Sexsklavinnen dienen müssen. Einen Tag nach der Entführung von Chibok wurde eine Einheit der nigerianischen Armee in den Sambisa-Wald geschickt. Ein Soldat dieser Rettungsmission erzählte Folgendes: „Meine Einheit fand in dem Wald 20 von Boko Haram zurückgelassene Frauen. Sie waren traumatisiert, ungefähr 15 von ihnen waren schwanger.“

Was einige der Frauen über ihre Gefangenschaft bei der Terror-Sekte berichteten, klingt noch schlimmer: „Wir wurden in einer Reihe aufgestellt und nach unserer Religion gefragt. Wer Muslimin war, durfte sich frei im Lager bewegen. Die Christinnen aber wurden zu Sexsklavinnen gemacht. Jedes dieser Mädchen musste jeden Tag mit vier, fünf oder sechs Männern der Boko Haram schlafen.“

Verschlüsselte Botschaft

Nigerianische Offizielle halten das Video, in dem Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau drohte, die Mädchen „auf dem Markt“ zu verkaufen, für eine verschlüsselte Botschaft. Sie meinen, die Gruppe sei bereit, sie gegen ein Lösegeld freizulassen. „Man muss verstehen, dass es sich bei diesen Leuten um Terroristen handelt. Sie haben von Anfang an Menschen entführt. Sie betrachten das schlicht als geschäftliche Transaktion“, sagt ein nigerianischer Anti-Terror-Experte. „Erst gestern habe ich mich mit einem Mann unterhalten, der 40 Millionen Naira (180.000 Euro) für seine Freilassung bezahlt hat. Um diese Summe aufbringen zu können, musste er sein Haus verkaufen.“ Mindestens 60 weitere Nigerianer befänden sich derzeit in der Gewalt der Boko Haram, sagt der ranghohe Offizier. In den Nachrichten werde ihr Schicksal aber nur selten erwähnt.

Das derzeitige Narrativ – einen Kampf der guten Vertreter des Staates gegen das „reine Böse“ der Boko-Haram-Sekte darzustellen – mag angesichts der Entführung zwar verständlich sein, ist aber auch problematisch. Für die dreifache Mutter Nafisa (Name von der Redaktion geändert) aus dem Bundesstaat Borno war die Nachricht von der Entführung der Mädchen Alltag. Im Februar ist ihre eigene Tochter von den Boko Haram entführt worden. „Als ich von Chibok hörte, war das für mich ein Tag wie jeder andere auch“, sagt sie leise. „Der Schmerz geht nicht weg.“

Am 14. Februar hatten die militanten Islamisten die Stadt Konduga angegriffen, in der Nafisa mit ihren Kindern lebte. Sie entführten 21 Schüler und Schülerinnen. Auch Nafisas Tochter Hauwa befand sich darunter. Einen Tag später, als die Einwohner die Toten begraben wollten, kehrten die Aufständischen zurück und setzten das Morden fort. Noch einmal 57 Menschen wurden dabei getötet.

Auf nicht weniger entsetzliche Weise verlor Nafisa ein weiteres Kind. In schauriger Parallelität zu den Gräueltaten der Boko Haram war es dieses Mal jedoch das nigerianische Militär, das ihren Sohn tötete. Vier Monate bevor die Boko Haram ihre Tochter entführten, stürmten Soldaten die örtliche Koranschule, die Nafisas 19-jähriger Sohn Baana besuchte. Zusammen mit anderen vermeintlichen Sympathisanten der Boko Haram wurde er in einem Polizeifahrzeug abtransportiert.

Vergebliche Hoffnung

Jedes Mal, wenn Nafisa die örtlichen Kasernen aufsuchte, in denen die Schüler festgehalten wurden, versicherten ihr die Soldaten, dem Sohn gehe es gut. Drei Monate lang zahlte Nafisa die angeblich für eine Entlassung fälligen „Gebühren“. „Ich klammerte mich einfach an die Hoffnung, mein Sohn sei noch am Leben“, erzählt sie. Dann kam ein Freund, der gemeinsam mit Baana verschleppt worden war, aus dem Gefängnis frei. Er besuchte Nafisa und erzählte, dass ihr Sohn tot sei. „Er starb bereits, bevor sie auch nur die Kaserne erreicht hatten. Sie warfen ihn als ersten in den Wagen und dann so viele auf ihn drauf, dass er erstickte.“

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Dutzende Fälle von Massakern dokumentiert, die die nigerianische Armee bei der Bekämpfung des Aufstands im Nordosten verübt hat. Amnesty International berichtet, allein am 14. März seien 600 größtenteils unbewaffnete Männer von der Armee ohne einen Prozess hingerichtet worden.

Die Reaktion von Präsident Goodluck Jonathan auf die Entführung der Mädchen fiel bislang fast beschämend zurückhaltend aus. Beim Weltwirtschaftsforum für Afrika in der nigerianischen Hauptstadt Abuja erwähnte er das Schicksal der Entführten nur am Rande. Seine Rede vor den Delegierten dieses Meeting wirkte so, als sei den Ausführungen über die positiven Aussichten für Afrikas Wirtschaft nachträglich noch das knappe, wenig überzeugende Versprechen beigefügt worden, die Jugendlichen zu befreien.

Am Tag nach den Angriffen auf die Schule in Yobe Anfang dieses Jahres schaute ich die Abendnachrichten des offiziellen nigerianischen Staatssenders NTA. Dort widmete man dem, wie es hieß, „bedauerlichen“ vierstündigen Angriff ganze 45 Sekunden. Dann ging es weiter mit einem Beitrag über die Frage, wie die nigerianische Landwirtschaft sich besser aufstellen könne.

Selbstverständlich ist die Aufmerksamkeit, die sich nun plötzlich auf Nigeria richtet, keineswegs unerwünscht. Journalisten und Aktivisten, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen, hoffen auf mehr Rückhalt für ihre Arbeit. Andererseits fürchten sie auch negative Konsequenzen: „Die weltweite Reaktion war großartig. Meine Sorge ist aber, dass das Gesamtausmaß des Problems angesichts der Popularität der Hashtag-Aktion #BringBackOurGirls in den Hintergrund rücken könnte“, meint Joan Aken‘Ova, die seit Jahrzehnten für die Rechte nigerianischer Mädchen kämpft.

Einstweilen jedoch scheint der Westen die Bedrohung durch die Boko Haram endlich einmal ernst zu nehmen. Ob das allerdings dazu beiträgt, diesen Konflikt, der seine Wurzeln in Korruption und wirtschaftlicher Benachteiligung des Nordostens hat, zu beenden, bleibt abzuwarten.

Monika Mark lebt in Nigeria und berichtet für den Guardian aus Westafrika.

 

Übersetzung: Zilla Hofmann
06:00 29.05.2014

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