Der Schmutz der Alten

Bücher Früher war alles besser, so von der Ökobilanz her? Ralf Klausnitzer blättert in Klassikern der Reiseliteratur
Der Schmutz der Alten

Foto: [M.]: Gerlach Delissen/Corbis/Getty Images

Homer

Der erste Reisende in der europäischen Literatur und exzessiver Geschichtenerzähler ist der von Homer besungene Odysseus, der zehn Jahre durchs Mittelmeer cruist. Wir erinnern uns: Zuerst hängen die griechischen Krieger zehn Jahre vor Troja und können die Stadt nicht einnehmen, bevor Odysseus auf die Idee mit dem hölzernen Pferd kommt. Danach braucht der listenreiche Held ein Jahrzehnt, um zurück auf die Heimatinsel Ithaka zu gelangen. Besteht jede Menge Abenteuer. Und setzt ziemlich viel Kohlendioxid frei: denn obzwar mit Segelschiff und Rudern unterwegs, muss er immer wieder diverse Opfer bringen, um die Götter günstig zu stimmen – und diese Opfer bestehen vor allem in der Verbrennung von Tieren oder Tierteilen. Die Menge an Kohlendioxid, die dabei freigesetzt wird, ist heute nicht mehr genau zu berechnen. Muss bei zehn Jahren Reisezeit aber gewaltig gewesen sein.

Eichendorff

Als einer der ersten Autoren beschreibt der Romantiker Joseph von Eichendorff die Eisenbahn. Einige Jahre zuvor hatte er seinen Taugenichts noch per pedes und auf der Kutsche in die Welt geschickt, nun erlebt er 1845 die Geschwindigkeit des dampfenden Zugs: „An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das Allerschleunigste ein Ende zu machen.“ Dabei war die Geschwindigkeit mit etwa 50 km/h noch moderat. Schlimmer: Der Wirkungsgrad einer kohlebetriebenen Dampflokomotive ist sehr gering: Von der Brennstoffenergie der Kohle werden nur acht Prozent in Arbeit umgesetzt; mehr als 60 Prozent werden als Abdampf in die Luft geblasen. Der Wasserdampf ist noch harmlos; schlimmer sind die im Qualm enthaltenen Schwefeldioxid- und Kohlenwasserstoffverbindungen sowie Grus- und Rußemissionen.

Plinius

Einer von Herodots berühmten Nachfolgern ist Plinius der Ältere: Er beobachtete im August des Jahres 79 n. Chr. den Ausbruch des Vesuv, bei dem die antiken Städte Pompeji und Herculaneum verschüttet werden. Die Menge an Asche und Gasen, die der Vulkanausbruch in die Atmosphäre pustete, war so groß, dass sich über dem Schlot des Vesuv eine 30 Kilometer hohe Säule bildete. Beobachter Plinius bezahlt seine wissenschaftliche Neugier mit dem Leben: Er stirbt an einer Vergiftung durch Schwefeldämpfe in der Nähe des Vulkans. Bekannt ist dieser Plinius auch wegen eines Tadels, mit dem er seinen Neffen kritisierte. Als dieser jüngere Plinius zu Fuß ging, warf ihm der Onkel Zeitverschwendung vor: Hätte er eine Sänfte benutzt, wäre mehr Zeit für Lektüre gewesen ...

Goethe

Als Johann Wolfgang von Goethe im August 1786 endlich nach Italien aufbricht, benutzt er Pferd und Kutsche und braucht über zwei Monate bis nach Rom. Er durchstreift die Ewige Stadt, fährt weiter nach Neapel und durchquert sogar die nicht ungefährliche Insel Sizilien, bevor er 1788 zurück nach Weimar kutschiert. Diese italienische Reise hat ihren Preis: Wie eine Schweizer Studie errechnet hat, entspricht die Haltung eines Pferdes in einem Jahr der Umweltbelastung einer 21.500 Kilometer langen Autofahrt. Für den gewaltigen ökologischen Hufabdruck sorgt vor allem die Nahrung der wiehernden Vierbeiner. Nicht die methanproduzierenden Kühe, sondern die Pferde sind die größten Klimasünder unter den Nutztieren.

Herodot

Als erster professioneller Reiseschriftsteller Europas gilt der Grieche Herodot, der von Halikarnassos bis nach Ägypten und Babylon gelangt. Wenn seine Berichte zutreffen, war auch er mit dem Schiff unterwegs, das von Rudersklaven und Wind angetrieben wurde. CO₂-Emissionen sind trotzdem nicht zu unterschätzen: Die Ernährung der Schiffsmannschaft musste ebenso gesichert werden wie die Gunst der Götter (siehe Homer). Besonders fatal: Die Schiffe der Griechen werden aus Holz gemacht. Vor allem aus Holz von Zedern. Heute hat der Libanon zwar den Zedernbaum in der Flagge, doch nur noch wenige Bäume.

Willemsen

Weder Flugscham noch Schiffspein hatte Roger Willemsen: Für sein Reise-Buch Die Enden der Welt fliegt er bis Kamtschatka (im Fernen Osten) und nach Patagonien (tief im Süden Südamerikas). Selbst der Nordpol ist nicht sicher vor ihm: Ein Eisbrecher trägt ihn und die Reisegesellschaft vom russischen Murmansk – wohin sie mit dem Flugzeug gelangten – in die Arktis. Bewegende Literatur, doch katastrophale Ökobilanz.

Frisch

Flugreisen sind ebenfalls beliebt. Und gefährlich. Der Schweizer Autor Max Frisch lässt seinen Helden Walter Faber in einer Lockheed Super Constellation in New York starten und in Mexiko bruchlanden. Ein Menetekel? Eine Warnung vor den Folgen des Luftverkehrs? – Kann es denn Zufall sein, dass nach dem Flugzeugabsturz andere Verkehrsmittel gewählt werden? Die Schiffsreise, die den Protagonisten von Homo faber von Nordamerika nach Europa führt, kennt der Verfasser auch: Als Max Frisch 1951 bis ’52 als Stipendiat der Rockefeller Foundation durch die Vereinigten Staaten reisen kann, kommt er mit dem Passagierdampfer Ile de France im Hafen von New York an. Doch ist die Schifffahrt keine saubere Technologie: Der Ausstoß von Stickoxiden und Schwefeldioxiden ist zum Teil größer als bei der Luftfahrt.

Bierbaum

Mit dem Auto ist die Literatur (und der Literat) schon früh unterwegs: Bereits 1904 unternimmt Otto Julius Bierbaum eine Empfindsame Reise mit dem Automobil. Thomas Mann kauft 1925 ein sechssitziges Fiat-Cabriolet (hat ja auch große Familie), später eine Horch-Limousine H8 und einen offenen Buick. Die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach fährt mit dem Auto sogar bis nach Persien und berichtet darüber in Reisereportagen. Tragisch: Sie stirbt nach einem Fahrradunfall.

Kracht

Gut, dass es jetzt den modernen ICE gibt, in dem postmoderne Schriftsteller wie Christian Kracht unterwegs sind und ihre Helden durch die Gegend schicken. Im 1995 veröffentlichten Roman Faserland erleidet der namenlose Ich-Erzähler eine Deutschland-Durchquerung von Sylt nach Zürich und berichtet: „Heute kann man die Fenster natürlich nicht mehr aufmachen, da im ICE, dessen Einrichtung ganz grauenvoll ist und mich immer an irgendwelche Einkaufspassagen erinnert, gar nichts mehr schön ist und erst recht gar nichts mehr so wie früher.“

06:00 12.01.2020
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