Der Schnurrbart und die Fistelstimme

Musik Franz Ferdinand haben sich mit Sparks zur Supergroup FFS vereint. Ist im Privatuniversum wirklich so viel Platz?
Alexis Petridis | Ausgabe 24/2015

Ein Track auf dem gemeinsamen Album von Sparks und Franz Ferdinand heißt Collaborations don’t work. Er dauert fast sieben Minuten, in deren Verlauf wird aus sanftem Geklimper Stakkato, Musicalsounds weichen einem Jazzpotpourri, finsterem Ambientfunk, es folgt eine Opernparodie, dann gibt ein Synthesizer den Puls vor und mündet schließlich in eine filigrane Klaviercoda. Die Musik verändert sich also, die Botschaft bleibt die gleiche: Erst werden alle Tücken einer Fusion thematisiert – Missverständnisse, verpasste Abgabefristen, die Gefahr, dass der eine mit den Musikern des andern durchbrennt –, am Ende brüllen Sparks-Sänger Russell Mael und Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos sich nur noch an. Mael: „I don’t like your navel gazing! I don’t get your way of phrasing!“ (Ich mag deine Nabelschau nicht, und deine Texte checke ich nicht.) Daraufhin Kapranos zu dem 26 Jahre älteren Mael: „I am a bastard! Independent! And if I ever need a father, it won’t be you, old man.“ (Sollte ich einen Vater suchen, dann sicher nicht dich, alter Mann.)

Collaborations don’t work ist clever und extrem unterhaltsam. Es widerlegt den Titel aufs Trefflichste, ohne dass hinter dem Gag das Unbehagen an solchen Fusionen verschwindet. Auf dem Papier klingen FFS wie die Union von Elton John und Leon Russell – ein prominenter Künstler reicht einem anderen, der ihn prägte, generös die Hand. So platt ist es hier zum Glück nicht.

Seit Sparks 1973 in England landeten, vermitteln sie den Eindruck, in einer hermetisch abgeriegelten Welt zu leben, die sie selbst erschaffen haben. Es war einer der seltenen Momente in der Geschichte der Popmusik, in denen es ein Mann in die Hitparade schaffen konnte, der mit Fistelstimme verquere Texte singt, während sein Bruder über einen fragwürdigen Schnurrbart hinweg bedrohlich in die Kamera starrt. In den folgenden fünf Jahrzehnten klangen Sparks immer wie Sparks, egal ob sie Klassik parodierten oder Giorgio Moroders Euro-Disco. Franz Ferdinand stellt es vor das Problem, wo in diesem Privatuniversum Platz für sie ist.

Karrieremotto: „Piss off“

Auf FFS versuchen sie es 45 Minuten lang, ruhmreich. Johnny delusional und Call girl klingen wie Franz-Ferdinand-Songs, die leicht umgeschrieben wurden, damit sie zu Russell Maels Stimme, Ron Maels Keyboards und Sparks’ lyrischer Präsenz passen. Das funktioniert, nicht zuletzt weil es sich mit um die besten Popsongs handelt, die Franz Ferdinand seit Jahren geschrieben haben. Es ist, als würden sie in der Gegenwart einer Band, deren Musik sie überschattet – der erste Song, den Franz Ferdinand zu spielen versuchten, war eine Coverversion von Sparks’ Achoo –, alles aus sich herausholen. Weniger gelungen ist, wenn sie versuchen, der Verschrobenheit der Maels zu entsprechen.

Der Schlusssong heißt Piss off, er verhandelt gut gelaunt den Abbruch aller sozialen Kontakte: „Tell everybody to piss off, they should piss off and leave you alone in your world.“ Das könnte das Motto für Sparks’ gesamte Karriere sein, es passt aber auch auf FFS ganz gut. Es zeigt auch einmal mehr, dass Franz Ferdinand anders sind. Keine andere vom Postpunk inspirierte Band aus den frühen Nullerjahren, die bis heute überlebt, hätte diesen Weg beschreiten könnte. Er ist sehr schön, auch wenn er in eine Sackgasse münden wird. Eine dauerhafte Zusammenarbeit ist bei diesen beiden schwer vorstellbar.

Info

FFS FFS Domino Records 2015

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06:00 24.06.2015

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