Der Schock-Report

Ernüchterung Eine Studie des MIT für den Club of Rome ­­­widerlegt 1972 den Mythos vom ewigen Wachstum. Den Industriestaaten des ­Nordens wird bescheinigt, von der Substanz zu leben

Wenn man heute zuweilen Wirtschaftsnachrichten hört, entsteht der Eindruck, Wachstum sei die einzige Antwort auf unsere Probleme. Als hätte es vor 40 Jahren nicht den Report The Limits to Growth (Die Grenzen des Wachstums) gegeben, der mit einem bis dahin geltenden Tabu brach. Geforscht hatten Sozialwissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) um Donella und Dennis Meadows im Auftrag der 1968 gegründeten Intellektuellen-Vereinigung Club of Rome. Ihr Ergebnis ließ keinen Zweifel: Auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen müsse auch Wachstum endlich sein, also eingedämmt werden. Sonst ergebe sich daraus eine Überlebensfrage.

Es war nicht das erste Mal, dass jemand aussprach, es könne kein endloses Wachstum geben, dies sei weder möglich noch wünschenswert. Bereits 1821 hatte der Ökonom David Ricardo von jenem Gleichgewicht geschrieben, zu dem die wirtschaftliche Entwicklung letztlich führe. In seinen Grundsätzen der Politischen Ökonomie (Principles of Political Economy) von 1848 warf John Stuart Mill die gleiche Frage auf und beantwortete sie wie folgt: „Auf welchen Endpunkt entwickelt sich die Gesellschaft durch den industriellen Fortschritt hin? Wenn der Fortschritt erlischt, in welchem Zustand wird er die Menschheit zurücklassen? Politikökonomen müssen schon immer – mehr oder weniger deutlich – gesehen haben, dass die Mehrung des Reichtums Grenzen hat: dass am Ende dessen, was sie einen fortschrittlichen Zustand nennen, der stationäre Zustand liegt, und dass aller Fortschritt in der Mehrung des Reichtums nur einen Aufschub des letzteren bedeutet.“ Im „stationären Zustand“ würde die Entwicklung vorangetrieben wie bisher, „nur mit dem Unterschiede, dass die industriellen Verbesserungen – anstatt nur der Vermehrung des Vermögens zu dienen – ihre ursprüngliche Wirkung hervorbrächten, nämlich die Arbeit zu verkürzen.“

Die eigentliche Entdeckung

Warum also hat der Report Die Grenzen des Wachstums 1972 für so große Unruhe, teils sogar Entrüstung gesorgt? Weshalb löst es bis heute Unverständnis, Skepsis und Wut aus, wenn Wachstum in Frage gestellt wird? Der MIT-Bericht war Wasser auf die Mühlen der Umweltbewegung. Deren Gegner redeten dagegen umgehend von einem Mythos. Wenn der Bericht Vorhersagen über schrumpfende Ressourcen enthalte, seien die schlichtweg falsch, überzogen und alarmistisch, hieß es. Inzwischen wissen wir, es waren die Kritiker der Mythen, die falsch lagen.

Die von den Wissenschaftlern des MIT bei ihren Darstellungen angewandten Modelle verzichteten auf präzise Vorhersagen. Sie prognostizierten vielmehr, was wahrscheinlich eintreten werde, sollten sich bestimmte Trends fortsetzen. Dieses Vorgehen erlaubte flexible Annahmen zum Ressourcen-Verbrauch. Die eigentliche Entdeckung war nicht, dass es in einem bestimmten Jahr oder Jahrzehnt mutmaßlich zum Kollaps komme, sondern dass sich nach dem Überschreiten eines Scheitelpunktes Weltbevölkerung und Wirtschaftsleistung rapide verringern dürften. Es wurde daran erinnert, dass es nach 1650 etwa 250 Jahre gedauert habe, bis sich die Weltbevölkerung verdoppelte. 1972 hingegen sei von einer auf 33 bis 35 Jahre geschrumpften Verdopplungszeit auszugehen. Wenn es dabei bleibe, so sahen es die MIT- Analysten damals, sei mit einem solchen Nahrungsmittelbedarf und Ausbeutungsgrad natürlicher Rohstoffe zu rechnen, dass die Erde spätestens 2070 ihre Wachstumsgrenze erreiche.

Danach müsse es unweigerlich zur Abnahme der Weltbevölkerung kommen. Die einzige Möglichkeit, dies zu vermeiden und einen Zusammenbruch aufzuhalten, bestehe darin, die Produktion schon jetzt – gegen Ende des 20. Jahrhunderts – zu kappen. So radikal und kategorisch das klingen mochte – Donella und Dennis Meadows konnten sich bestätigt fühlen, als im Herbst 1973 die Erdöl exportierenden Länder die Preise um bis zu 70 Prozent steigerten und damit in den westlichen Industrieländern eine Rezession auslösten. Zwar war diese Anhebung als Reaktion auf den Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten Ägypten, Syrien und Jordanien im Oktober 1973 politisch motiviert. Doch ließ sich erahnen, wozu ein Preisschock führen konnte, den beschränkte Ressourcen verursachen.

Natürlich können unsere Modelle die Wirklichkeit nicht ersetzen, räumten 1972 die MIT- Forscher ein. Dennoch haben sich ihre im Vergleich zu heutigen Möglichkeiten groben Computer-Modelle – es galt seinerzeit als Sensation, dass überhaupt mit derartigen Simulationen gearbeitet wurde – in ihren Prognosen als erstaunlich akkurat erwiesen. Schließlich lassen sich 40 Jahre später die damaligen Datenbestände mühelos mit aktuellen Bevölkerungszahlen oder Werten zur Industrieproduktion, zur Umweltverschmutzung und zum Lebensmittelverbrauch – also den Realitäten des Jahres 2012 – abgleichen. Und überprüft werden kann auch die vor vier Jahrzehnten unter dem Eindruck des MIT-Reports vertretene These, Wirtschaftswachstum könne durchaus aufrechterhalten werden. Man brauche lediglich mehr Effizienz, mehr Recycling und mehr Ersatz fossiler Brennstoffe durch die Atomkraft.

Während eine gültige Projektion zur Vereinbarkeit ewigen Wachstums in den reichen Ländern mit umweltpolitischen Limitierungen bis heute auf sich warten lässt, kommt eine Expertise des Tyndall Centre for Climate Change Research an der Manchester University vom November 2011 zu dem Schluss: In den Industriestaaten Europas und Nordamerikas sei bereits jetzt kein Wachstum mehr zulässig. Ansonsten werde der Klimawandel weiter beschleunigt. Die Studien des Stockholm Resilience Centre über die Belastbarkeitsgrenzen unseres Planeten kommen zum gleichen Ergebnis. Sie zeigen, dass viele Grenzen bereits überschritten wurden und längst große Ressourcen-Einsparungen in den Ländern des Nordens geboten sind.

Tragfähige Modelle

Auch wenn im Frühjahr 1972 der MIT-Report teils harsch ablehnende Reaktionen hervorrief – Newsweek sprach von einem „unverantwortlicher Unfug“, die Washington Post von einem „reinen Katastrophenszenario“ – fühlten sich Fürsprecher des Wachstums fortan zu dem Hinweis genötigt, dass weiteres Wachstum selbstverständlich nur bei effizienterer Ressourcen-Nutzung möglich sei. Zudem bleibt bis heute die Erkenntnis, die die MIT-Forscher schon damals nach vorne stellten: dass sie sich nämlich zu spät geäußert hatten. Je länger Umweltschäden unentdeckt blieben, desto schwerer werde es fallen, ihnen entgegen zu wirken oder sie zu beheben, fanden sie bereits damals. Der NASA-Klimawissenschaftler James Hansen hat dies erst kürzlich bestätigt. Er verwies die Entwicklung im Klimaschutz: Hätten die Industrieländer 2005 angefangen, den Kohlendioxid-Ausstoß zu drosseln, hätte die jährliche Reduzierung drei Prozent betragen müssen, um die Erderwärmung aufzuhalten. Wartet man hingegen bis zum Jahr 2013, müssten es bereits sechs Prozent jährlich sein. Werde erst 2020 damit begonnen, steige die Reduktionsquote auf un­realistische 15 Prozent pro Jahr.

Wer nach dem größten Verdienst der MIT-Analysten von 1972 fragt, dem sollte geantwortet werden: Es besteht in ihrer Aufforderung, tragfähige Modelle zu entwickeln, um das Zusammenleben auf unserem Planeten zu organisieren. Damit wurde die Beweislast umgekehrt und denjenigen übertragen, die sich der klaren Botschaft des Berichtes über die Grenzen des Wachstums widersetzten. Sie mussten zeigen, wie es möglich sein soll, in einer endlichen Welt „unendliches Wachstum“ zu genießen. Kenneth Boulding, der Begründer der Allgemeinen Systemtheorie, hielt dies für eine Sicht, die nur „Verrückte und Ökonomen“ einnehmen können.

Andrew Simms leitet das Klimawandel-Programm der Denkfabrik New Economic Foundation in London. Zuletzt veröffentlichte er die Studie Global Warming and the Wealth of Nations

Übersetzung: Holger Hutt

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10:00 18.03.2012

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