Der schöne Klaus

Biografie Thomas Karlaufs Buch über den Hitler-Attentäter Stauffenberg räumt mit zählebigen Mythen auf
Der schöne Klaus
Klappe, Deutschland! Rassismus und Militarismus des Herrn werden eher nur am Rande verfilmt

Fotos [M.]: Imago (3), dpa (2), Getty Images

Eine denkwürdige, anderswo nicht verbürgte Bezeichnung für Claus Schenk Graf von Stauffenberg findet sich in einem erst kürzlich entdeckten Brief des im amerikanischen Exil lebenden Historikers Ernst Kantorowicz: „Mir war sofort klar, dass es kein anderer als Klaus (‚Klaos kalos‘ – der ‚schöne Klaus‘ war sein Kosename) gewesen sein kann“.

Dies schrieb „EKa“ am 23. Juli 1944, drei Tage nachdem eine vom Generalstabsoffizier Stauffenberg im Führerhauptquartier gezündete Bombe ihr Ziel verfehlt hatte und der geplante Staatsstreich schon im Ansatz gescheitert war. Den Mythos vorweg nimmt auch eine weitere Bemerkung Kantorowicz’: „In gewisser Weise erschient (diese Tat) wie eine Rechtfertigung von uns allen, in erster Linie von Stefan George“ – dem Dichter also, der nicht ohne Eitelkeit eine geistige „Ahnherrschaft“ über den Nationalsozialismus für sich reklamiert hatte, ohne sich diesem jedoch anzudienen.

In der so bestimmten wie einschränkenden Wendung „in gewisser Weise“ steckt eine Frage, die Thomas Karlauf in seiner Biografie Stauffenbergs beantwortet, ohne sie direkt anzugehen. Dieses Vorgehen ist ein Gewinn. Am Ende von Karlaufs 2007 erschienener Biografie Georges steht ein Kapitel, das kaum einmal zwei Seiten umfasst und Die Tat – Statt eines Epilogs überschrieben ist. Deren Vorgeschichte rollt Karlauf nun anhand der Person Stauffenbergs auf. Es ist dies nicht die Geschichte des Fehlschlags der rettenden Tat – was immer auch zu retten gewesen wäre –, sondern des Entschlusses zu ihr, der keineswegs im Anfang angelegt ist.

Gräfin Dönhoff lag falsch

Auf dem Weg zum 20. Juli 1944 wird klar, dass, wenn Stefan George ein Anteil an der Tat zukommen soll, es auch diese geistige Sozialisation war, die Stauffenberg zunächst an den Nationalsozialismus heranführte.

Vor allem aber erscheint Stauffenberg zuallererst als Soldat, für den sein Urgroßvater August von Gneisenau ein mindestens ebenso wichtiges Vorbild war wie der Dichter. Als Soldat begrüßte Stauffenberg den Wiederaufbau der Reichswehr über die von den Siegern in Versailles gesetzten Grenzen hinaus, die insgeheim schon in den späteren Jahren der Weimarer Republik betrieben wurde.

Was George Stauffenberg mitgab, war nicht eine Ideologie die, einmal konsequent zu Ende gedacht, zum Attentat führte, sondern ein Sendungsbewusstsein, besser: die Vorstellung eines Lebens in Würde – und damit ein Ethos, das ihm die Kraft gab, „fünf Tage nach dem Debakel in der Wolfsschanze“ – dem ersten, abgebrochenen Attentatsversuch am 15. Juli – „das Unmögliche noch einmal zu wagen“.

Karlauf will das Scheitern des Attentats und damit auch des Staatsstreichs am 20. Juli nicht darauf reduzieren, dass es Stauffenberg im letzten Moment nicht gelang, die zweite Sprengladung scharfzumachen – was den Schlag danebengehen ließ, war vielmehr die fehlende Geschlossenheit in den eigenen Reihen. Gerade gegenüber den wankelmütigen Mitverschwörern an den militärischen Schaltstellen läuft Stauffenberg zu voller Größe auf.

Dass es sich, entgegen der Formulierung der Gräfin Dönhoff, mitnichten um einen „Aufstand des Gewissens“ gehandelt habe – an ihren wie anderen von Historikern gern aufgegriffenen „Märchen“ übt Karlauf gründliche Quellenkritik –, sondern um eine Tat aus verantwortungsethischer Erwägung, schmälert sie nicht im Geringsten. Stauffenberg war zwar kein Demokrat – müßig, dies weiter auszuführen –, wohl aber bereit, mit Sozialdemokraten wie Julius Leber zusammenzuarbeiten.

Beim „Ethos der Tat“, von dem hier die Rede ist, handelt es sich um eine Ethik, deren Hauptinstanz die Einschätzung der Situation und ihrer Möglichkeiten ist. Dazu zählte auch, die Tat erst zu wagen, als man auf breitere Unterstützung in einer Bevölkerung und vor allem einem Militär, welche die sich anbahnende Niederlage innerlich längst noch nicht akzeptiert hatten, rechnen konnte. Das war die Verantwortung des Militärs im Gegensatz zu einem Einzeltäter wie Georg Elser. Sie auf sich genommen zu haben, rechnet Karlauf Stauffenberg hoch an.

Umstritten und mythenumwoben sind Stauffenbergs letzte Worte vor dem Erschießungskommando: War es das „heilige“ oder das von Kantorowicz noch 1933 gegen Hitler beschworene „geheime Deutschland“, das er ein letztes Mal hochleben ließ? Karlauf entscheidet sich, die Diskussion nur in einer Endnote streifend, für das „geheiligte Deutschland“. Dass Stauffenbergs Selbstopfer das unheilvoll gewordene Deutschland habe heiligen wollen, ist ein nicht ganz von der Hand zu weisender Mythos.

Karlauf betont jedoch auch, Stauffenberg habe kein Selbstmordattentat riskiert, weil er an der Überwindung des Nationalsozialismus weiterhin beteiligt sein wollte. Bedeutend ist vor allem, was der Biograf den Todgeweihten nicht sagen lässt. Damit verabschiedet Karlauf den Mythos vom „geheimen Deutschland“ als durch Stauffenberg wirkenden Urheber der Tat und richtet den Blick auf einen Mann, der seinen Prägungen treu blieb, indem er über sie hinauswuchs.

Info

Stauffenberg: Porträt eines Attentäters Thomas Karlauf Blessing 2019, 368 S., 24 €

06:00 11.05.2019

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