Der schreibende Nachtportier

Erinnerung Wolfgang Welt war Zeit seines Lebens ein Geheimtipp – aber irgendwie auch eine Legende. Nun ist er gestorben
Der schreibende Nachtportier

Foto: Screenshot, Youtube

Am Sonntag ist Wolfgang Welt gestorben. Zeitungen, Radiosender und soziale Netzwerke waren voll mit Nachrufen und Trauerbekundungen. Welts "Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe" schoss im Laufe des Dienstags bei Amazon auf Rang 2. Dabei war dieser Autor zu Lebzeiten trotz eines Suhrkamp-Samplers nie mehr als ein Geheimtipp. Ein Geheimtipp, aber irgendwie auch eine Legende, und daran scheinen sich jetzt, angesichts seines Todes, viele zu erinnern. Einerseits lag dieser besondere Status an einer seltsamen Leidensgeschichte: Ein Junge aus dem Ruhrgebiet versucht sich als internationaler Musikjournalist, doch nach vielversprechenden Anfängen wird er psychisch krank und lebt von nun als schreibender Nachtportier des Bochumer Schauspielhauses, permanent unter Psychopharmaka.

Andererseits war da natürlich seine Literatur selbst. Wie kaum ein deutscher Autor der Gegenwart verarbeitete er völlig ungeschminkt und unverfremdet seine eigene Autobiografie. Wolfgang Welts Romane und Erzählungen handeln von nichts anderem als dem, was er selbst erlebt hat, seinem Aufwachsen im Ruhrgebiet, das mit viel Lokalkolorit geschildert wird, den Versuchen, im Journalismus-Geschäft Fuß zu fassen, auch seinem Abgleiten in die Psychose. Immer ehrlich, geradeaus, nicht gerade frauenfreundlich. Seine Sprache passt dazu, einfache Hauptsätze, hervorgeknurrt mit derselben Wortkargheit, die er auch im persönlichen Umgang an den Tag legte – nur zu typisches Erbe einer Generation von Bergleuten, die nur wirklich wichtige Dinge einer Äußerung für wert erachtet. 1986 erschien sein erster Band im konkret Literaturverlag, "Peggy Sue", betitelt nach dem erfolgreichsten Song des von ihm verehrten Buddy Holly. Erst 1999 folgte der Roman "Der Tick", der den Beginn seiner Krankheit beschreibt. 2006 wurden – auf Vermittlung von Peter Handke – diese beiden Romane mitsamt einem weiteren Text im Suhrkamp Verlag aufgelegt. Bis dahin hatte Welt bereits eine kleine, aber feine Fangemeinde für sich gewinnen können. Neben Handke gehörten dazu etwa Leander Haußmann, die Kritiker Willi Winkler und Volker Weidermann.

Doch der ganz große Ruhm wollte sich damit nicht einstellen. Während Welts Form strikter Selbstbeschreibung von den Popliteraten der 1990er Jahre übernommen und kommerzialisiert wurde, blieb er stets am Rande. In keinem der umfangreichen Popliteratursampler, die später herauskamen, wurde er berücksichtigt. Die boomende "Pop-Literaturwissenschaft" der Nuller Jahre, junge Nachwuchsgermanisten ließen Welt links liegen und beschäftigten sich lieber ausgiebig mit Stuckrad-Barre oder Christian Kracht.

Was nun macht diesen Autor so einzigartig in der deutschen Literaturlandschaft? Es ist wohl vorrangig dieser ungekünstelte Realismus, trotz wirklich krasser Erlebnisse ganz nah am Abgrund wird Welt niemals sentimental oder gar selbstmitleidig. Ganz im Gegenteil: Es besitzt eine unglaubliche Tragikomik, mit welch nüchterner Distanz er jene Tage beschreibt, die sein weiteres Leben für immer verändern sollten. Er irrt durch Bochum und Köln, deren städtische Szenerien sich in seiner Vorstellung in grotesker Weise verformen: „Ich ging die Castroper Straße hoch, und auf einmal kam mir die Erleuchtung, dass dies die letzte Folge von Dallas sei und ich J.R. (…) Wie konnte ich nur beweisen, dass ich der wahre J.R. war?“ Er geht in das Novotel, um dort einen „Hotelroman“ zu schreiben und ihn direkt per Telex an „Die Zeit“ zu senden. Und immer so weiter. Völlig ungerührt berichtet Wolfgang Welt, wie ihn ein ums andere Mal die Polizei abholt, er schließlich in ein Klinikum eingewiesen wird.

Diese unmelancholische Wahrhaftigkeit würde man sich auch bei anderen deutschen Schriftstellern wünschen. Natürlich kann es nicht der alleinige Königsweg der zeitgenössischen Literatur sein, die eigene Autobiografie ins Zentrum des Schreibens zu stellen. Doch die Erdnähe und Ehrlichkeit Wolfgang Welts täte jedem literarischen Ansatz gut. Rein fiktionale Literatur könnte sich ebenfalls solche Authentizität erarbeiten, über intensive Recherche, in Archiven oder im investigativen Gespräch mit Menschen. In diesem Sinne kann man sich durchaus an Wolfgang Welts Schreiben ein Beispiel nehmen.

Im Juni 2014 wurde eine Unterschriftenliste veröffentlicht. Darin plädierten 30 Autoren und Kritiker – unter anderem Dietmar Dath, Marc Degens und Peter Handke –, den Literaturpreis Ruhr an Wolfgang Welt zu verleihen. Die Jury verpasste damals diese Chance. Jetzt ist es leider zu spät, jenen Autor auszuzeichnen, der wie kaum ein anderer unserer Zeit dem Ruhrgebiet ein Gesicht gegeben hat.

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11:42 22.06.2016

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