Matthias Dell
18.07.2011 | 13:00 1

Der Schuldverschreiber

Wissensabspaltung Eine umfangreiche, kluge Monografie über den problematischen Weg des Autors Herbert Reinecker („Derrick“) durch das bundesdeutsche 20. Jahrhundert

Zuerst, Reineckerland ist ein sehr schönes Buch. Von der Edition Text+Kritik kennt man die gleichnamige Literaturzeitschrift, die in nüchternem Schwarzweiß gehalten ist und deren schlichte Typografie ein wenig in die Jahre gekommen ist. Bei Reineckerland (Gestaltung: Sarah Lamparter) nun wurde aus dem silbernen Einband mit einem Schwarzweiß-Foto Herbert Reineckers ein weißes Rechteck geprägt – ausgespart bleibt eine Deutschlandkarte von 1937, durch die hindurch man in Reineckers traurig-ernste Augen schaut.

Die Aufmachung des Buches verströmt so etwas Kostbar-Seriöses und etwas Unerhörtes zugleich, was dem Gegenstand unbedingt angemessen ist. Reineckerland ist ein Schatz. Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen von der Deutschen Kinemathek in Berlin sowie der Kasseler Soziologe Niels Beckenbach porträtieren in dem großformatigen, 330 Seiten starken Buch den „Schriftsteller Herbert Reinecker“, wie der Untertitel lautet. Das ist bemerkenswert, weil der 1914 in Hagen geborene Reinecker populär geworden ist als Fließbandautor für die ZDF-Krimiserien Der Kommissar und Derrick, die im Buch zusammen ein Kapitel ausmachen.

Wenn Reinecker hier als der Schriftsteller ernst genommen wird, der er sein Leben lang sein wollte, dann liegt das zum einen quer zum deutschen Verständnis von Hoch- und Unterhaltungskultur. Zum anderen wird durch die umfassende Weise, in der sich die Autoren Reineckers Werk von der ersten Kurzgeschichte 1932 über die als Zeitbericht kaschierte Autobiografie von 1992 bis hin zu den letzten, ins Religiöse driftenden Traktaten widmen, die Fluchtbewegung verstellt, die in der Selbststilisierung zum verkannten Schriftsteller auch liegt.

„Dreck“ der späten Jahre

Die Tragik von Reineckers Leben bestand weniger in der aufs Ästhetische verkürzten Wahrnehmung, als Dienstleister eines „Schmuddelmediums“ gegolten zu haben. Sie ist vielmehr in den politischen Anteilen seiner Biografie zu suchen: dem Aufstieg als Journalist und Dramatiker bis zum Waffen-SS-Mitglied unter den Nazis und der Unmöglichkeit, mit der daraus entstandenen Schuld anders als schweigend umzugehen. Insofern bildet das Jahr 1945 die entscheidende Zäsur in Reineckers Leben. Rein­eckerland arbeitet etwa am Vergleich zweier Filmstoffe dies- und jenseits von 1945 heraus, wie das Schreiben Reineckers seine Richtung änderte, ohne an den Fundamenten des Denkens zu rütteln. Das Los der Pimpfe, die Reinecker in seinem Drehbuch zu dem Film Junge Adler von 1944 noch kraft des Führerideals in den Krieg gehetzt hatte und an dem 1954 in dem Roman Kinder, Mütter und ein General vor allem die Mütter Schuld tragen, bleibt das gleiche. Der Unterschied: „Treue und Vertrauen ... hatten die Seiten gewechselt.“ Ähnlich verhält es sich mit der Sprache: Mit dem Wort „Dreck“ aus der LTI, der Sprache des Dritten Reichs, sind in dem Drehbuch Der Arzt und das Ungeheuer von 1960 über den Masseur Himmlers die Juden gemeint. „Später werden es die sein, die aus der Gesellschaft ausscheren und unter Umständen zu Tätern werden.“

Die Lektüren zu Der Arzt und das Ungeheuer bilden nur ein Beispiel, für das umsichtige und kluge Vorgehen der Autoren von Reineckerland. Die Lücken in der Herkunftsgeschichte des Manuskripts werden mit Vermutungen gefüllt, die nie billige Spekulationen sind. Zugleich zeigen Aurich, Jacobsen und Beckenbach an dem Drehbuch – das bedeutsam ist, weil „wohl in kaum einem anderen Text Reineckers“ der Riss in dessen Biografie zwischen Nazi-Schuld und Nachkriegserfolg so deutlich bearbeitet wird –, wie die Bewegung vom „Ich“ zum „man“ nach 1945 funktioniert: „Der Mensch Herbert Reinecker schweigt, der Schriftsteller jedoch äußert sich.“ Das Wissen würde vom Erinnern abgetrennt, Schuld so abgewehrt, lautet die These über Reineckers Umgang mit seiner problematischen Vergangenheit. Was vielleicht auch erklärt, wieso die sublimierte Arbeit an der eigenen Schuld so anschlussfähig war für Millionen von Fernsehzuschauern.

Zeit als Metapher

Reineckerland ist ein anregender, detailreicher Essay über eine paradigmatische Figur des (bundes)deutschen 20. Jahrhunderts. Fern jeder akademischen Hermetik gelingt es den Autoren durch präzise Materialbeherrschung ein Bild vom „Rein­eckerland“ zu zeichnen, das die Bundesrepublik war, das den mentalen Raum von Hitlers Deutschland aber nie wirklich verlassen hatte.

Der einzige Schönheitsfehler des Buchs ist, dass diese räumliche Metapher kaum mit Bedeutung gefüllt wird. Viel treffender – denkt man nach der Lektüre des Buchs über einen Autor, der selbst immer wieder von „Zeitgebundenheit“ und „Zeitbericht“ gesprochen hat – schiene in diesem Fall doch das Bild der Zeit zu sein. In dieser „Reineckerzeit“ wäre 1945 nicht zu Ende gewesen, was 1933 begonnen hatte – auch wenn das auf dem Einband wohl nicht so plastisch darzustellen gewesen wäre.

Reineckerland. Der Schriftsteller Herbert Reinecker Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen, Niels Beckenbach Edition Text+Kritik 2010, 330 S. mit zahlr. Abb., 29,90

Kommentare (1)

paulart 09.08.2011 | 19:39

Neben "Kommissar" und "Derrick" gab es noch einen anderen Herbert Reinecker. Mir war diese Vergangenheit nicht bekannt und so bin ich froh, jetzt wenigstens darüber zu lesen.

Dieses Buch darf man nun wahrlich nicht als einen Versuch auslegen, einen renommierten Fernseh-Autoren etwa zu diskreditieren, sondern ein Bild zu entwerfen, das der Wirklichkeit - dem gelebten Leben - sehr viel näher kommt.

Man wünschte sich, diese Menschen hätten nach dem Kriege selbst den Mut aufgebracht, ihre Verstrickungen offenzulegen. Der Kommissar hätte Reinecker überführt. Derrick ebenfalls. Dann hätte es deren "Erfinder" doch auch selbst machen können. Heute hätte kaum noch einer über eine Beichte aus den Endvierziger oder Anfang Fünfziger Jahren geschrieben. Schade!