Der Schuss zurück

1939 Mit dem Überfall auf Polen wollte Hitler die Fehler des Ersten Weltkrieges vermeiden. Die Frage nach der Kriegsschuld stellte sich jedoch von Anfang an nicht

Wenn es eine besondere Tragik in der Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt, so liegt sie in den falschen Lehren, die ein großer Teil des deutschen Volkes aus dem Verlauf des Ersten Weltkrieges gezogen hat. Es mag sicher zutreffen, dass die Härten des Versailler Vertrages die revanchistischen Strömungen in Deutschland begünstigen. Aber nicht nur Adolf Hitler hatte nach 1918 – auch unter dem Einfluss der "Dolchstoßlegende" – für sich den Schluss gezogen: Den nächsten Krieg gilt es nicht zu verhindern, sondern zu gewinnen, indem die tatsächlichen oder vermeintlichen Fehler des Ersten Weltkrieges vermieden werden.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlicher, welche absurden Volten die deutsche Politik in den letzten Augusttagen 1939 schlug. Und mit ihr die deutsche Propaganda. Beide versuchten gemeinsam das unmögliche Kunststück zu vollbringen, einen deutschen Angriff auf Polen vor der Welt als Akt der Selbstverteidigung darzustellen. Dieser Versuch gipfelte schließlich in dem berühmten Satz in Hitlers Reichstagsrede vom 1. September: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!“

Hitler versprach "propagandistischen Anlass"

Der Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes wenige Tage vor Kriegsbeginn hatte dazu gedient, den Zwei-Fronten-Krieg von 1914 zu verhindern und die Auswirkungen einer britischen Seeblockade abzumildern. Nun galt es weiterhin, vor der Welt nicht wieder als alleiniger Urheber des Krieges dazustehen. Die Regieanweisung dazu gab Hitler in einer Besprechung mit den Wehrmachtsspitzen am 22. August: „Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.“ Begleitet wurden die folgenden wütenden Presseattacken auf Polen von einer diplomatischen Posse, die nicht einmal mehr den Anschein zu erwecken versuchte, als habe sie eine friedliche Beilegung der Konflikte um die Stadt Danzig und den polnischen Korridor, der Danzig vom Reichsgebiet trennte, zum Ziel. Nachdem er den für den 26. August gegebenen Angriffsbefehl kurzfristig aufgehoben hatte, verlangte Hitler am 29. August von der polnischen Regierung, dass ein mit Vollmachten ausgestatteter Gesandter unverzüglich nach Berlin kommen sollte ‒ dem er dann seine „loyalen“ und „bescheidenen“ Bedingungen hätte diktieren können. Doch mit dem Wissen um den Anschluss Österreichs und die Zerschlagung der Tschechoslowakei konnten weder Polen noch dessen Beistandsmächte Großbritannien und Frankreich sich auf ein solches Vorgehen einlassen. Selbst um die Rettung des Friedens willen nicht.

Zwar wurde jeden Tag mit dem Ausbruch des Krieges gerechnet, doch die diplomatischen Schachzüge waren für Beobachter kaum noch zu durchschauen. In den Morgenstunden des 1. September berichtete der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung noch: „Wider Erwarten ist die Nacht von Donnerstag auf Freitag noch ohne Proklamation an das deutsche Volk und ohne Generalmobilisation vergangen … Die Gründe, die Hitler am Donnerstagabend zu einer Verschiebung des letzten Entscheides bewegen, werden vielfach erläutert. Das Bedürfnis, Polen als Angreifer erscheinen zu lassen, steht dabei sicher an erster Stelle. Die Beobachtung der deutschen Volksstimmung, die keine Spur von Kriegsbegeisterung zeigt, daneben die allerdings nur ganz vage und kaum greifbare Hoffnung, dass England sich doch noch zu Nichtintervention bekehren könnte, veranlassen die regierenden Kreise in Deutschland zu einer ausgeklügelten und undurchsichtigen Taktik.“

Der Bericht wurde von den Ereignissen überrollt. In der Mittagsausgabe der NZZ prangte gleich daneben schon die Nachricht vom deutschen Überfall auf Polen. Um den Überraschungsmoment möglichst vollständig zu nutzen, war keine Kriegserklärung erfolgt. So war es kein Zufall, dass das Wort Krieg in den offiziellen Stellungnahmen und auf den Titelseiten der Zeitungen zunächst nicht auftauchte. „Der Führer verkündet den Kampf für des Reiches Recht und Sicherheit“, lautet die zynische Schlagzeile des Völkischen Beobachters vom 2. September 1939, mit der Unterzeile: „Zum Gegenangriff angetreten“. Auf den hinteren Seiten wurde man jedoch deutlicher: „Im modernen Krieg kämpft der Gegner nicht nur mit militärischen Waffen, sondern auch mit Mitteln, die das Volk seelisch beeinflussen und zermürben sollen“, hieß es in einem Artikel über das soeben eingeführte Abhörverbot ausländischer Sender. Und als wolle man beweisen, wie gut man die Lehren des Ersten Weltkrieges beherzigt hatte, schrieb das Blatt: „Im Weltkrieg arbeiteten die Gegner Deutschlands mit der gemeinen Waffe der Hetze, mit dem Gift der Lüge und mit der aufrührerischen Provokation …“

Wochenlange Presseattacken

Es fällt leicht, in der Nazipresse des Jahres 1939 die Methoden aufzuzeigen, die sie selbst anprangerte. Dazu genügt ein Blick auf die Titelseiten des Völkischen Beobachters im August. Die Aufmacher lauteten: „Polen droht mit Massaker in Ostoberschlesien“ (18.8.), „Polens Größenwahn eine Gefahr für Europa“ (19.8.), „Polen-Terror wächst von Tag zu Tag“ (21.8.), „Polnische Geiselliste im Olsagebiet“ (22.8.), „Polen konzentriert Truppen an den Grenzen“ (23.8.), „Polens Schuldkonto wächst – Mord reiht sich an Mord“ (24.8.), „Polen mobilisiert zu Abenteuern“ (25.8.), „Staatssekretär Stuckart im Flugzeug von polnischen Flakbatterien beschossen“ (26.8.), „Ganz Polen im Kriegsfieber“ (27.8.), „Toller Wirrwarr bei der polnischen Mobilmachung“ (28.8), „Polnische Terrororganisation in Danzig aufgedeckt“ (29.8.), „Polenterror fordert fünf weitere Todesopfer“ (30.8.), „Polens europäische Schande am Pranger – 66 Todesopfer in 3,5 Monaten“ (31.8). Und als folgerichtiger Abschluss am Tag des Kriegsausbruchs: „Deutschlands Vorschläge ‒ Polen verweigert Verhandlungen“.

Das Ausland fiel jedoch nicht auf den „propagandistischen Anlass“ herein, den Hitler für den Krieg liefern wollte. Im Gegenteil. Die Medien führten die Diskussion über die Schuld am Ausbruch des Krieges, die das internationale Klima nach 1918 stark belastet hatte, bereits in der ersten Kriegswoche 1939. Viel eindeutiger als beim Ersten Weltkrieg stand für die Kommentatoren fest, dass der neue Krieg nur das Werk eines Landes war. Beziehungsweise einer Person: „Die lange Periode internationaler Spannung, nie merklich reduziert während des Sommers, ist gestern beendet worden durch einen Akt nackter Gewalt, der durch sich selbst die Hohlheit aller Nazi-Deklarationen über friedliche Absichten und Hitlers plumpe Spitzfindigkeiten offenbart hat“, schrieb die britischeTimes . Breiten Raum nahmen in den Berichten und Kommentaren die Scheinverhandlungen ein, die Hitler bis zuletzt mit London und Warschau geführt hatte. So empörte sich die Times darüber, dass die polnische Regierung den 16 Punkte umfassenden Vermittlungsvorschlag Hitlers bis zuletzt nicht erfahren hatte. Auch dem britischen Botschafter Nevile Henderson war es in Berlin nicht anders ergangen. Außenminister Joachim von Ribbentrop hatte ihm das Papier zwar vorgelesen, aber zunächst nicht ausgehändigt. Nach Ansicht des Historikers Hermann Graml eine Szene, „die in der Geschichte der europäischen Diplomatie beispiellos dasteht“. Am Abend vor dem Kriegsbeginn hatte dann überraschend der deutsche Rundfunk die 16 Punkte verbreitet. Versehen mit dem Hinweis, dass der Vorschlag hinfällig geworden sei, weil Polen keinen Bevollmächtigten geschickt habe. Der Zweck dieses diplomatischen Manövers bestand für die Times darin, dass dem deutschen Volk der Eindruck vermittelt werden sollte, die Regierung habe die letzten Verhandlungen mit Mäßigung und Geduld geführt. „Wenn das die Absicht war, haben die Naziführer vielleicht selbst die Leichtgläubigkeit der Deutschen überstrapaziert.“

Keine Kriegsschulddebatte erforderlich

Deutliche Worte fanden sich auch auf der anderen Seite des Atlantik. In einer fast minutiösen Chronologie schilderte die New York Times die Entwicklung der letzten Friedenstage und notierte beispielsweise: „Der polnische Befehl zur Teilmobilisierung – Deutschland war vollständig mobilisiert – erzürnte die deutsche Presse und das Radio, die die Polen mit neuem Eifer verurteilten und den Truppenaufruf als ‚schwere und völlig ungerechtfertigte Provokation‘ verurteilten.“ Auch für dieses Blatt stand fest, dass Historiker sich anders als beim Ersten Weltkrieg nicht mit einer Debatte über die Schuld am Krieg befassen müssten. „Es ist im höchsten Maße unwahrscheinlich, dass es ähnliche Meinungsverschiedenheiten zwischen kompetenten und unparteiischen Historikern geben wird, was den am Freitag begonnenen unerklärten Krieg zwischen Deutschland und Polen betrifft.“

Schwieriger war für die Medien jedoch die Frage zu beurteilen, ob sich die Deutschen von der Propaganda hatten beeinflussen lassen. Von begeisterten Massen, wie im August 1914, war jedenfalls nichts zu sehen. „Berlin hat einen ganz alltäglichen und ruhigen Morgen erlebt, weil von hundert Einwohnern kaum mehr als einer beim ersten Ausgang wusste, dass das Land sich im Kriegszustand befand“, berichtete die NZZ . „Im Flüsterton ging dann die Nachricht: ‚Es ist soweit‘ von Mund zu Mund.“ Erst im Laufe des Tages sei der Bevölkerung der „Ernst der Situation“ bewusst geworden: durch einen ersten Fliegeralarm gegen 19 Uhr. Denn „dass Deutschland sich im Kriegszustand mit Polen befindet, ist nämlich verschwiegen worden“.

Zumindest innerhalb der Armee schien eine aufgeräumte Stimmung geherrscht zu haben. „Der Geist der Mobilmachung trägt einen bemerkenswerten Aspekt“, schrieb in derNew York Times der Journalist Arno Dosch-Fleurot, der Deutschland in diesen Tagen von Nord nach Süd durchreist hatte. „Die Mittel- und Norddeutschen sind äußert fröhlich, die Bayern und Österreicher heiter und gelassen. Es gab kein trauriges Lebewohl auf den Bahnhöfen. Ich sah tausende Abschiede, aber keine einzige in der Öffentlichkeit vergossene Träne.“

Einigkeit herrschte dagegen bei den Beobachtern im Ausland, dass sich der Konflikt nicht auf Deutschland und Polen beschränken lassen würde, auch wenn die deutsche Regierung mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes die Westmächte vom Eingreifen hatte abhalten wollen. Vor allem die Exilanten sahen nun ihre düstersten Vorahnungen bestätigt. „Denn wir wussten – wir konnten nie die Illusion teilen, die bei Anderen über Hitler möglich waren –, wir wussten, dass das Hitler-Regime früher oder später den Krieg heraufbeschwören werde“, schrieb die Pariser Tageszeitung am 2. September. „Wir wussten, dass der Sturz Hitlers das einzige Mittel war, um Europa vor dem Unglück eines Krieges zu retten. … Er wird aus Deutschland ein Trümmerfeld machen, und je länger er dauern wird, desto irreparabler würde der Ruin sein.“ Anders als mit anderen Vorhersagen sollte die Zeitung in diesem Fall recht behalten.


Der vorstehende Text ist die Langfassung des Artikels im Freitag vom 27.08.2009 (Nr. 35)

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05:00 27.08.2009

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