Der schwarze Rabe fliegt nicht weit

In der Uckermark Viele Bürger sagen - so nicht. Viele fragen - wie weiter? Die Stadt Templin vor der Wahl

Der Kaffee ist gut, das Wetter schlecht, das Altstadtcafé bestens besucht. Herr Köhn legt eine Mappe auf den Tisch. Unterlagen und Fotos über Anfang und Ende einer Erfolgsgeschichte. Herr Köhn spricht leise. Er ist vorsichtig geworden, wägt jedes Wort. Er sagt: "Ich war einer, der die Wende wollte. Ich habe die westdeutsche Wirtschaft als ideal empfunden." Eine Stunde weiter: "Dass dieses Wirtschaftssystem schwer krank ist, das weiß ich jetzt. Die Arbeitslosenzahlen sind ein Beleg. Und nicht der einzige."

Zwischen den Sätzen liegt seine Geschichte. Sie klingt wie ein höhnisches Echo auf das Trommeln für mehr Eigenverantwortung und Unternehmergeist, wie es jetzt wieder über das Land schallt, in Talkshows tönt, aus Wahlprogrammen dröhnt. Beides hat Jochen Köhn, als er sich 1990 selbstständig und eine steile Karriere als Unternehmer macht. Davor ist dem Mathematiker - noch in der DDR - ein Wunder passiert: 1987 beantragt er die Rückgabe des Grundbesitzes seines Großvaters in Templin und erhält den Bescheid, dass die Enteignung unrechtmäßig war. Der Eintrag ins Grundbuch Ende 1989 erleichtert den Start in die Marktwirtschaft. Seine Elektrofirma boomt. Die Leute kaufen weiße Ware wie verrückt. Westfirmen sind auf diesen Ostmarkt nicht eingestellt, jedenfalls nicht so schnell wie Köhn in Templin. Im ersten Jahr schreibt er 3,5 Millionen DM Umsatz. Banken geben gern Kredite. Er bewirbt sich bei der Treuhand um einen ausgeschriebenen Baubetrieb und erhält den Zuschlag. "Es lief ohne eine einzige Mark Fördermittel" - und es lief sehr gut. Erstmals - und vielleicht zu gut. 200 Arbeitsplätze, 20 Ausbildungsstellen, kein Auftragsmangel für Fertighäuser. "Dem gehörte doch halb Templin", ist noch heute zu hören.

Was Köhn im Rausch des Aufstiegs nicht kalkuliert, ist der steuerliche Rechtsdschungel. Das Finanzamt will mehr vom Kuchen, als dem Unternehmer rechtens erscheint. Köhn besteht auf seinem Standpunkt. Es kommt zur Pfändungsverfügung. Die Hausbank kündigt die Kredite. Folge: Insolvenz, Betriebsabwicklung, Arbeitsplätze weg, die Familie wirtschaftlich ruiniert. Mittlerweile ist belegt, dass die Pfändungsverfügung der Finanzbehörde sowie ihre Vollstreckung durch die Justiz unrechtmäßig waren. Mit einem Antrag auf Staatshaftung will Köhn nun die Rückgabe seines Betriebes erreichen. Für ihn ist das die Nagelprobe auf Recht und Gesetz. Staatshaftung sei eine aus der DDR in den Vereinigungsvertrag, "aber wahrscheinlich aus Versehen" übernommene Regelung. Nun ist sie drin. Der Fall könnte zum Präzedenzfall werden, würde Köhn Klage einreichen. Doch das Recht auf Recht kostet Geld, das er nicht hat. Vom Amt für Grundsicherung in Templin bezieht er ALG II Ost, 331 Euro.

Ein Antrag auf Prozesskostenhilfe wird nicht genehmigt. "So gesehen gibt es praktisch keine Zukunft für mich." Gern würde der 64-Jährige den Appellen folgen und den deutschen Karren mit aus dem Dreck ziehen. Einerseits. Aber der Bürger Köhn traut keinem mehr. Er habe die Wahlprogramme gelesen und frage sich, ob eine erhöhte Mehrwertsteuer aus dem Dilemma führt. Auch würde er gern wissen, ob die Kanzlerkandidatin, wenn sie ihre Eltern in Templin besucht, auch einmal ins Amt für Grundsicherung geht. Wohl eher nicht. Kein Wunder, dass "die Politiker in Berlin ganz einfach eine andere Lebenswirklichkeit" haben.


Zwischen Berlin und Templin liegen etwa 80 Kilometer und verschiedene Welten. Die heißen zunehmend Oben und Unten, Sozialabbau und Existenzangst, Politpropaganda und Alltagserfahrung. Doch der "Perle der Uckermark" sieht man die Widersprüche nicht an. Templin ist Kur- und Bäderstadt und mit 3.500 Hektar Fläche Brandenburgs zweitgrößte Waldgemeinde. Es gibt etliche Seen und die Naturtherme. Aus dem großen FDGB-Ferienheim Friedrich Engels am Lübbesee wurde ein Ferienhotel. Hotels und Pensionen verbuchen jährlich 400.000 Übernachtungen. Allein im Dienstleistungsbereich arbeiten fast 1.800 der 14.000 Templiner. Die Kommune lebt von ihren Gästen. Die Innenstadt ist saniert, der Marktplatz zeigt neues altes Pflaster, einen Brunnen. Das barocke Rathaus steht frisch geputzt und vorläufig leer. Ringsherum rauschen Linden. Sensationen finden nicht statt. Demnächst gibt es vielleicht ein aufgeregtes Wahlkampftreiben mit glänzenden Plakaten, Werbeständen und Anbietern der nun wirklich neuen und wahren Chancen. Politik im Ausverkauf, die Wahlen ein Schnäppchen?

Man wird sehen. Marlis Marquardt* zum Beispiel wird dabei sein, ob sie will oder nicht: Ihr Modegeschäft liegt am Markt. Eine gute Lage. Leute gehen durch, befummeln die hübschen Sachen. Probieren, fragen, gehen. Über die Tageseinnahmen will Marlis nicht reden. Seit 1992 ist sie im Geschäft. Existenzgründung im Osten - das bezeichnet den Mut von Leuten, die nach der Wende aus abgewickelten Betrieben kommen, eine Ausbildung, ein Studium, einen Beruf haben, aber keine Arbeit mehr finden. Das packe ich, sagt sich Marlis und sattelt um. "Alles ging in den Laden. Energie, Ehrgeiz, Erspartes. Man dachte immer: Nächstes Jahr wird es besser."

Seitdem gingen drei Bundestagswahlen über die Stadt hinweg Und? Marlis lässt die Arme fallen. Sie lacht gern, jetzt lächelt sie müde. "Alle Leute, die heute noch da sind mit ihren Geschäften - das allein ist schon eine Heldentat unter diesen Bedingungen." Es gäbe bei den Politikern keine Idee, wie eine Gesellschaft funktionieren könne. Die Politik ein Ramschladen - was soll man da nehmen? Aber egal, "ein bisschen Hoffnung habe ich." Weniger Sorgen wäre schön. Vielleicht wird es besser. Vielleicht.

Templin spiegelt deutsche Gegenwart. Viele Bürger sagen: So nicht. Viele fragen: Wie weiter? Die Stadt liegt im allgemeinen Abwärtstrend: Insolvenzen, mehr als 5.300 ALG II-Empfänger im Altkreis Templin, 2.149 Arbeitslose, davon 129 Jugendliche. Eine Quote von 27 Prozent. Tatsächlich liege die bei 50 Prozent, meint Bürgermeister Ulrich Schoeneich. Er spricht von Armut hinter hübschen Fassaden und von leeren Stadtkassen. Von Baubetrieben, die "nix zu tun haben", von fehlenden Ausbildungsplätzen, vom Einzelhandel, der sich keine Einstellungen leisten kann. Nein, Templin geht es nicht gut. Und jetzt noch das Problem mit der Therme, eine lange Geschichte über allgemeine Begeisterung, Mehrheitsbeschlüsse der Stadtverordneten und versäumte Kontrolle. Es geht um Baufehler und Sanierungskosten in Millionenhöhe, um Kredite und Belastungen der Bürger, um Arbeitsplätze - letztlich stehen Ansehen und Einnahmen als Kur- und Badeort auf dem Spiel.

Natürlich wird ein Schuldiger gesucht und der Ton schärfer. Das Stadtparlament als lokale Wahlkampffiliale. Die Parteiprovinz steht zu ihren jeweiligen Heerführern im Bund. "Die CDU wittert Morgenluft", meint der Bürgermeister. Er sollte auch die Vertrauensfrage stellen. Großes Theater auf kleiner Bühne. Schoeneich ist Anfang des Jahres aus der SPD ausgetreten. Tut aber nichts. Es macht sich einfach gut. Besonders in Templin.


Hier drückte Angela Merkel einst die Schulbank, "Sie ist im FDJ-Hemd rumgelaufen und gehörte zur Kaderreserve der SED." So war es nun mal. Ulrich Schoeneich, wie Merkel aus einer Pfarrersfamilie und bekennender Nicht-FDJler, sagt es ohne Häme und findet es eher witzig. "Diese Frau hat ihre Chance erkannt und ihre Ziele durchgesetzt. Wir freuen uns." Und vermarkten es. Die Kanzlerkandidatin als PR-Gag. Mehr wird nicht rauskommen für die Stadt, vermutet Schoeneich. Mehr wird auch nicht erwartet.

In fünf Abteilungen ist die kleinstädtische Parteienlandschaft unterteilt. CDU, SPD und PDS liefern sich bei Wahlen Kopf-an-Kopf-Rennen. Im Landkreis Uckermark schnitt die PDS 2003, beim letzten kommunalen Urnengang, ziemlich gut ab. Trotz Namenswechsel und mancher Rangelei zwischen WASG und PDS punktet die Linkspartei auch in Templin. Keiner befürchtet den Ausbruch der Weltrevolution. Linksruck ist nicht angstbesetzt. Es ist mehr als purer Protest und weniger als der Auftrag zum Regieren.

Für den PDS-Mann Uwe Göritz ist es die Chance, "halbwegs faire Lebensverhältnisse" für Ost und West zu fordern. Herr Köhn hofft auf interessante Sachdebatten, Marlis Marquardt findet das gut und normal für Deutschland, "was die wollen, wollen wir doch alle", Herr Schoeneich ist ebenfalls für soziale Gerechtigkeit und sieht die Linken lieber als die Rechten.

Kathrin Behrendt*, 36 Jahre, ist mit ihrer Tochter Sabrina, 16 Jahre, unterwegs. Ein Stadtbummel? Sie sehen sich an und müssen lachen. Stadtbummel! Richtig so mit Einkauf, essen gehen, vielleicht in die Therme oder ins Kino? Also so etwas wäre bei ihnen nicht drin. "Wir leben am Existenzminimum." Für die Familie mit vier Kindern "ist der Zug abgefahren." Der Vater arbeitet als Saisonarbeiter außerhalb auf dem Bau und "schuftet sich die Knochen kaputt", Kathrin würde gern arbeiten, "aber hier findet sich doch nichts." Sie bezieht nach allen An- und Verrechnungen 179 Euro ALG II und fühlt sich "bestraft, weil man Kinder und einen Partner hat. Immer wird nur bei denen gespart, die sowieso nichts haben." Sie ist froh, dass wenigstens die Tochter eine Ausbildungsstelle gefunden hat - in Kassel und probeweise. Von Optimismus könne keine Rede mehr sein. "Jetzt stehen wir vor dem Abgrund. Einen Schritt weiter - und aus." So sähe ihre Zukunft aus. Im Gegensatz zu Bernd Grimmer will sie "auf jeden Fall wählen gehen".


Dieser Bernd Grimmer, 62 Jahre, wohnt richtig schön im Wald. Seenähe, Natur pur, Hühner im Freilauf. Ein schwarzer Rabe läuft herum und hackt nach jedem Fremden. Er fliegt nicht mehr weit. Grimmer wohnt im Obdachlosenheim. Das ehemalige Ferienlager der Kommunalen Wohnungsverwaltung Templin ist das Zuhause für 16 Menschen. Den Landmaschinenmotorenschlosser traf es 1990: LPG weg, Arbeit weg, viele Bewerbungen, aber kein Erfolg, gelegentlich ABM, Magenkrebs. Und dann noch die Wohnung. Innerhalb von 48 Stunden musste er raus, weil der Besitzer bauen wollte. Das war der Herr Köhn, "dem hat ja damals fast die ganze Stadt gehört. Ein Vorzeigekapitalist, erst hoch, dann runter." Nein, da sei nichts zu machen gewesen. Da nicht und überhaupt. Die meisten, die er kennt, sind arbeitslos.

Wer hierher in den Wald kommt, der bleibt. Zu den Wahlen wird keiner gehen. Der Weg lohne sich nicht, sagt Grimmer. "Wie soll es besser werden? Letztendlich wird gemacht, was die Wirtschaft will. Dagegen wird keiner wie ´89 auf die Barrikade gehen. Sie werden sehen." - Wir stehen vor der Tür. Nach dem Regen duftet der Wald. Der Rabe krächzt, Grimmer hört zu und schweigt.

* Name geändert


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00:00 05.08.2005

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