Der Schweine Glück

Film Dokus über kommende Apokalypsen sind passé, jetzt boomen die Öko-Filme. Ob Vorbildsein sich rechnet, wird selten gefragt
Der Schweine Glück
Es gibt Menschen, die solche Wesen essen

Foto: Prokino Filmverleih

Im Jahr 2004 katapultierte sich der österreichische Regisseur Hubert Sauper mit dem Cannes-Auftritt seines später mehrfach preisgekrönten Films Darwin’s Nightmare in die Aufmerksamkeit der Welt. Der Albtraum im Titel war Programm: Sauper schilderte in seinem Film mit teils drastisch sensationalistischen Mitteln den (später von anderen wiederum bezweifelten) Zusammenhang zwischen forciertem Fischexport, postkolonialer Ausbeutung und ökologischem Desaster rund um den Viktoriasee und vor allem in Tansania. Die Doku war eine intendierte Schockbotschaft an den konsum- und kapitalismuskritisch orientierten Teil der westlichen Welt. Weitere, etwas weniger spektakuläre und dabei ganz unterschiedlich gestaltete umfassende Kritik an industrieller Nahrungsmittelproduktion und Landwirtschaft präsentierten ein Jahr später Saupers österreichische Kollegen Nikolaus Geyrhalter mit Unser täglich Brot und Erwin Wagenhofer mit We feed the World. Die Filme befeuerten als dutzendfach nachgeahmte Vorlagen ein neues, sich durch artikulierten Fatalismus auszeichnendes dokumentarisches Subgenre.

Doch in der letzten Dekade gesellte sich zu solchen Katastrophenbildern – angefeuert durch die Verunsicherungen der Finanz- und Klimakrise ab 2007 – vermehrt auch eine konträre „Best Practice“-Abteilung als eigenständige filmische Strömung. Die setzt nun explizit auf das Positive: vom erbaulichen Blümchen-Yoga bis zum praktischen politischen Engagement. Beispiele der letzten Jahre wären Hermann Scheers 4. Evolution (2010), der französische Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen (2015) von und mit Schauspielerin Mélanie Laurent, oder zuletzt auch Marc Pierschels The End of Meat – Eine Welt ohne Fleisch (2017). Und auch die vielen Filme zu selbstverwaltet alternativen Schulprojekten wie Hella Wenders’ Berg Fidel – Eine Schule für alle über ein Inklusionsprojekt oder Alexander Kleiders für Schulabbrecher aller Art inspirierender Berlin Rebel High School (2016).

Auch dieses Jahr waren drei Filme prominente Vertreter dieser Spezies: Unsere große kleine Farm erzählt autobiografisch von der Gründung einer ökologischen Musterfarm im ländlichen Kalifornien durch ein Paar aus dem urban-alternativen Milieu. Fair Traders präsentiert verschiedene gemeinwirtschaftlich arbeitende UnternehmerInnen von Augsburg bis Afrika. Und dann hat dieses Jahr auch Erwin Wagenhofer nach Let’s Make Money und Alphabet mit But Beautiful seinen ersten Feelgood-Film herausgebracht, der der Anklage von kapitalistischer Ausbeutung und Umweltzerstörung die Präsentation des Wahren und Schönen in praktischer und geistiger Hinsicht entgegensetzt.

Her mit den Vorbildern

Dazu lässt er Protagonisten antreten, die auf ihrem Gebiet Vorbildliches leisten: Bunker Roy gründete 1972 im indischen Rajasthan das preisgekrönte Barefoot College, wo Frauen aus den ärmsten Dörfern (nicht nur Indiens) zu Solartechnikerinnen ausgebildet werden und dann als Multiplikatorinnen wieder auf das Land zurückgehen. Ein Schweizer Paar forstet auf den Kanaren durch Raubbau verwüstetes Land naturgerecht auf. Ein österreichischer Förster und Baumflüsterer fabriziert ökologisch einwandfreie Mehrschichtdämmplatten. Und der wohl unausweichliche Dalai Lama und seine Schwester beschwören die Bedeutung mentaler Erhebung für globales und persönliches Glück. Dazu noch drei MusikerInnen, deren Auftritte den Film strukturieren und großflächig bespielen.

Die Aufzählung deutet die Verzettelung des Films an, die den einzelnen doch sehr unterschiedlichen Personen und Schauplätzen notgedrungen nur beschränkte Aufmerksamkeit gestattet. Dabei wäre allein schon das Solar-Ausbildungsprojekt von Bunker Roy einen eigenen Film wert gewesen. Doch in der Kürze bleibt zu vieles als verbale Behauptung lediglich abstrakt und wenig sinnlich stehen (etwa wenn die Schweizer Landwirte auf La Palma berichten, dass sie nun seit sechs Jahren autark in Permakultur wirtschaften können). Und es gibt zu wenig konkrete Situationen, die zum kontextuellen Verständnis wirklich beitragen. So beschränkt sich der Aussagewert der Bilder vom Unkrautzupfen oder Bäumchenpflanzen auf Illustration.

Der 1955 geborene italo-schweizerische Regisseur Nino Jacusso dreht seit 1977 dokumentarische und fiktionale Filme. In Fair Traders stellt er drei unterschiedliche Beispiele nachhaltigen Wirtschaftens vor, die von der Schweiz nach Süddeutschland und Tansania reichen, aber nur in zwei Fällen im engeren Sinn mit Fair Trade zu tun haben. Das sind Patrick Hohmann und Niranjan Pattni von der Schweizer bioRe, die in Tansania in großem Stil Bio-Baumwolle zu fairen Preisen mit festen Abnahmeverträgen anbauen. Und die Bio-Bäuerin Claudia Zimmermann zahlt in ihrem schweizerischen Hof- und Bioladen den bäuerlichen Lieferanten für ihre Waren freiwillig mehr als den üblichen Marktpreis. Dann ist da noch die Unternehmerin Sina Trinkwalder, die in ihrer Großnäherei in Augsburg vorwiegend regionale Materialien zu Rucksäcken und Einkaufsbeuteln verarbeitet und ausschließlich Menschen beschäftigt, die auf dem regulären Arbeitsmarkt als nicht vermittelbar galten.

Die GründerInnen haben einen sicheren Arbeitsplatz in Büro oder Kindergarten für den Traum von der selbst gestalteten sinnvollen Arbeit verlassen und viel eigenes Kapital eingesetzt. Das erfährt das Publikum – ebenso wie Beschreibungen der einzelnen unternehmerischen Projekte und ihrer Geschichte – aus ausführlichen Selbstdarstellungen und kurzen, mehr illustrierenden als beobachtenden Szenen. Diese Verkürzungen sind vermutlich ganz schlicht einer zu knappen Drehzeit geschuldet. In der Konsequenz werden grundsätzliche Konflikte gemeinnutzorientierten Wirtschaftens in Konkurrenzverhältnissen aufs Anekdotische zusammengedampft. Überhaupt kommt die schnöde Ökonomie hier nur am Rand vor, vielleicht scheint sie den Redaktionen und Filmemachern neben den menschelndeln Aspekten zu trocken.

John und Molly

Die Ausblendung des wirtschaftlichen Kontextes trifft auch auf den dritten dieser Filme zu, Unsere große kleine Farm, der zeigt, wie sich zwei junge Städter fast ohne bäuerliches Vorwissen auf das Wagnis einer biodynamisch selbstgesteuerten Landwirtschaft einlassen. John und Molly, bis dato Apartment-Bewohner in Los Angeles, kommen mehr oder weniger zufällig zu einem Stück durch Monokultur zerstörtes Ödland, das sie wieder in ein echtes Biotop verwandeln wollen, reich an pflanzlichen und tierischen Arten. Mit einem Öko-Guru als Berater und viel Enthusiasmus machen sie sich ans Werk. Von heute auf morgen aber geht die Verwandlung von Wüste in Paradies selbstverständlich nicht.

Gut also, dass der Neu-Bauer John Chester im früheren Hauptberuf Filmemacher war und nun in entscheidenden Augenblicken mit der Kamera dabei sein kann. Noch besser vielleicht, dass er auch ein Gespür dafür hat, was diese visuell und erzählerisch entscheidenden Augenblicke einer Geschichte sein könnten. Einzelne rührende oder lustige Momente aus dem Farmleben veröffentlichte er schon während der Aufbaujahre in Form von Kurzfilmen. Wirklich bedeutsam wird das Material aber vom (vorläufigen) Ende her als fast tagebuchartige Dokumentation der acht Jahre, die die Umgestaltung der „Apricot Lane Farm“ zum ökologischen Mustergut brauchte.

In der Montage hat Chester daraus eine humoristische Chronik zwischen Bilderbuch und Horrorthriller gebaut, die Hindernisse, Rückschläge und Katastrophen geschickt als dramaturgisches Futter für die erzählerische Aufbereitung eines letztendlich erfolgreichen Projekts einsetzt. Neben konkreten Einblicken in die ökologischen Zusammenhänge wird aber auch hier die ökonomische Einbindung und Vernetzung der Unternehmung weitgehend ausgespart. So erfahren wir zwar, dass anfangs Investoren den Kauf des prall gefüllten Start-Arten-Portfolios aus Flora und Fauna möglich machten. Deren Identität und die Konditionen dieser Kapitalhilfe (die für das Gelingen entscheidend sein dürften) werden im Film aber ebenso wenig offenbart wie die späteren Geschäftsbeziehungen der Farm. So bleibt der finanz-materielle Hintergrund des großbäuerlichen Gegenmodells auch hier weitgehend im Nebel. Doch die jahrelange Ausdauer, mit der Chesters Kamera das Leben auf der Farm begleitet, macht neben sinnlicher Intensität und Teilhabe an Momenten des utopischen Aufbruchs auch immer wieder Einblicke in die inhärenten Widersprüche einer alternativen Landwirtschaft möglich.

06:00 10.01.2020
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