Der schwierige Freund

Regionale Gottheit Zwei Bücher beschäftigen sich mit Uwe Johnson und seinen Zeitgenossen

Im Jahr 1993 erschien im Berliner Kontext-Verlag das vielbeachtete Lesebuch Wo ich her bin. Uwe Johnson und die D.D.R, das sich mit dem Autor aus nachholender ostdeutscher Sicht auseinander setzte. Nun haben die beiden damaligen Herausgeber Roland Berbig und Erdmut Wizisla jeder für sich das Thema Uwe Johnson noch einmal aufgenommen. Beide Male geht es um Freundschaft und wie schwer, fast unmöglich es für Zeitgenossen war, über einen längeren Zeitraum mit Uwe Johnsons auszukommen - oder er mit ihnen.

Zeitlich knüpft Erdmut Wizisla mit seinem bei Transit erschienenen, vorbildlich editierten Band Leaving Leipsic next week an das Lesebuch von 1993 an. Beschrieben wird die Beziehung zwischen den Studenten Uwe Johnson, der 1955 nach politischen Querelen von Rostock an die Leipziger Uni wechselte und dem zwei Jahre älteren Jochen Ziem, der 1954 aus Halle nach Leipzig gekommen war. Der Name des letzteren ist inzwischen erklärungsbedürftig. Jochen Ziem ist ein nahezu vergessener, in den sechziger Jahren an den Theatern der alten Bundesrepublik häufig gespielter Autor, der auch Prosa und Drehbücher verfasste.

Aus der Zeit zwischen Ziems Aufenthalt bei den Eltern in Hannover im März 1955 bis Ende 1957, als er in Düsseldorf schlecht bezahlten Brotarbeiten nachgeht, datiert der Briefwechsel, bei dem das Leitmotiv das Bleiben oder Weggehen ist. Ziem hatte Johnson in etwas flapsigem Ton beauftragt, auf seine Freundin Sonja aufzupassen. Johnson nahm diese Aufgabe sehr ernst und erstattete regelmäßig Bericht. Jochen Ziem blieb, nach langem Abwägen des Für und Wider und zum Missfallen Uwe Johnsons, schließlich im Westen und verzichtete auf den Universitätsabschluss. (Johnson: "Ich habe jetzt noch Sorge, Sie möchten ein westlicher Jüngling werden, aber werden Sie es bitte nicht.") Zwei Jahre später überquert auch Uwe Johnson die Grenze - und bleibt ein Fremder.

Uwe Johnsons an Manieriertheit grenzende stilistische Besonderheiten - englische Wortstellung ("Vom 2. bis 5. August findet statt das Zweite Deutsche Turn- und Sportfest", Brief vom 30.6.1956) oder geschraubte Konjunktive ("Sie hatten gestern Ihren Geburtstag. Ich halte für möglich, daß Sie diesen fünften April als einen Festtag hielten.", Postkarte vom 6. April 1955) - finden sich schon in den Korrespondenzen des Studenten. Leider sind nur die Uwe Johnsons überliefert, bis auf den schönen, von Johnson in einem Antwortbrief zitierten Satz Ziems: "...die Heimat lässt sich am bittersten aus der Nähe betrachten". Um auch Ziem eine Stimme zu geben, lässt uns Erdmut Wizisla Einblick nehmen in seine literarischen Texte aus den fünfziger Jahren, von denen "Brief aus Halle, Juni 1953" - ein nüchterner Bericht über den 17. Juni 1953 - an Qualität hervorsticht. So werden Johnsons Urteile zu Texten Ziems, wenn auch oberlehrerhaft vorgebracht, Formulierungen "poetologischer Grundsätze, die spätere Positionen vorwegnehmen", so Erdmut Wizisla in seinem, auch für Jochen Ziem geltenden kenntnis- und detailreichen Vorwort.

Wenig schmeichlerisch für Johnson ist der Auszug aus Ziems in den siebziger Jahren verfassten, unveröffentlichten Jahrbüchern, wo er ein gemeinsames Treffen nach Johnsons Rückkehr aus den USA beschreibt. Zwei Fremde sitzen sich gegenüber, einer hat noch eine Rechnung offen. Der endgültige Bruch kam, als Johnson Ziem bezichtigte, er habe Details aus dem Leben seiner Frau, die Ziem gerade erst kennen gelernt hatte, an eine Boulevardzeitung verkauft, ein Vorwurf der erst mit juristischen Mitteln aus der Welt geschafft werden konnte.

Uwe Johnson konnte sich zerreißen für eine Freundschaft, war aber unerbittlich bis zur Todfeindschaft, wenn jemand seine Liebe nicht in gleichem Maße erwiderte. Das Maß bestimmte Johnson, und so spricht das im Kontext-Verlag erschienene Buch Befreundungen oft vom Gegenteil - dem Ende einer Freundschaft. Johnsons "Neigung zur Eifersucht, zum Insistieren, zu selbstzerstörerischem Mißtrauen" (Erdmut Wizisla) zieht sich wie ein Faden durch das Buch, das sowohl Interviews mit Zeitgenossen als auch Essays des Herausgebers Roland Berbig und seiner Mitarbeiter Thomas Herold, Gesine Treptow und Thomas Wild enthält.

In einem Nachruf der Frankfurter Rundschau auf Siegfried Unseld stand der Satz, dass das Unerbittliche jener Zeit, Mitte des 20. Jahrhunderts, zu einer "zärtlichen Erinnerung" geworden sei. Was Uwe Johnson angeht, wollen sich einige, wie Martin Walser oder Hans Magnus Enzensberger, dann doch lieber nicht erinnern. Andere tun das nicht unkritisch. Es gibt offene Wunden und offene Rechnungen, es gibt Klatsch über die Gruppe 47 und Erinnerungen an das Westberlin vor der Studentenbewegung, in dem es offenbar schwer war, sich aus dem Weg zu gehen. Autoren und ihre Vermittler haben auf hohem Niveau zusammengegluckt. Klaus Wagenbach erinnert sich an die Zeit, als Ingeborg Bachmann in Berlin lebte und man sich zum Frühstück traf. "Das fand einmal bei Johnson statt, einmal bei Grass, einmal bei Ingeborg, einmal bei mir. Immer sonntags, immer um elf. Das hörte dann auf, weil diese Sonntage danach im Eimer waren. Die Frühstücke dauerten nämlich bis nachmittags, dann waren alle besoffen, und du konntest keinen Schritt mehr tun."

Überraschend ist die Beziehung Johnsons zu Wolfgang Neuss, der sich lange um eine Freundschaft bemühte. Interessant zu lesen ist die von Hans Werner Richter organisierte öffentliche Salondiskussion mit Franz Josef Strauß über den Kalten Krieg, an der auch Uwe Johnson teilnahm. Beide Kapitel zeigen Johnson als politischen Menschen, der sich in die öffentlichen Diskussionen Anfang der sechziger Jahre einmischte. Dazu gesellen sich die unaufgeregten Erinnerungen der Kollegenwitwen, Tankred Dorst redet über Johnson in der Rolle eines evangelischen Pfarrers in einem seiner Filme, und die Studienkollegin aus Leipziger Zeiten, Christine Jansen, hat einen traurig-schönen Brief Johnsons aus seiner Einsamkeit in Sheerness beigesteuert. Immer wieder geht es um die Frankfurter Vorlesungen, in denen Johnson seine Privatsphäre ausbreitete.

Viele der Befragten haben Johnsons Hauptwerk, die Jahrestage, nicht zu Ende gelesen oder wollten sie radikal kürzen wie Klaus Wagenbach. "Ich hätte ihm den vierten Band verboten!", sagt Thomas Brasch. Reinhard Baumgart, dem Johnson das Lektorat antrug, lehnte ab und sagt im Nachhinein: "Ich hätte, glaube ich, die langen Zitate aus der New York Times problematisiert." Rühmkorf hat das Buch unendlich gelangweilt: "Eine Kapitulationsurkunde." Und Peter Wapnewski, der in Frage stellt, dass überhaupt jemand die vier Bände gänzlich gelesen hat, meint im Nachhinein: "So wie ich Wagner-Opern kürzen würde, würde ich auch Johnsons ›Jahrestage‹ kürzen."

Die Erinnerung ist mitunter trügerisch, so als Reinhart Baumgart erzählt, sich am Abend nach der Büchner-Preisverleihung mit Johnson über die Fernsehbilder der Verhaftung Ulrike Meinhofs so verstritten zu haben, dass die Freundschaft faktisch beendet war. Nur, Ulrike Meinhof lebte 1971 noch im Untergrund. Im Polizeigriff war die Terroristin Margrit Schiller. Was im ersten Moment wie ein Fehler erscheint, sagt doch viel über die rückwärtige Sicht der Protagonisten auf diese Zeit. Johnson und Meinhof, das passt besser zusammen als Johnson und Margrit Schiller. Meinhof war eine Intellektuelle, eine außergewöhnliche Journalistin, die auch in der Gruppe 47 keine Unbekannte war. Die Erinnerung Baumgarts wird zur künstlerischen Verdichtung - zwei Ikonen der alten, zur Geschichte gewordenen Bundesrepublik auf einem Bild. Denn beide - Meinhof wie Johnson - gehören zu ihrem Mythos. Was die moralische Rigorosität der beiden angeht, standen sich die fast Gleichaltrigen in nichts nach, die Konsequenzen waren nur verschieden - tödlich war sie für beide. Vielleicht sollte dieser Fehler in einer späteren Auflage nicht korrigiert, sondern eher kommentiert werden, wie vieles andere in diesem mit reichlich Anmerkungen versehenen, in seiner Dichte und Qualität heterogenen Band.

Peter Rühmkorf spricht von Uwe Johnson als einer "Regionalen Gottheit", der zum Gemeindebildner wurde. Im allerletzten Satz des 544 Seiten starken Buches bekennen sich die Herausgeber dann auch indirekt zur Mitgliedschaft.

Der beeindruckendste Text findet sich am Ende: Thomas Brasch spricht über Uwe Johnson, das Ankommen im Westen, Poetologisches, den "writer´s block" und eine Todesart, der er nur wenige Monate nach dem Interview selber erliegt. Da spricht einer auf vorausahnende Weise von sich selbst - und wenn man dieses Ende kennt, liest man atemlos jede Zeile. Johnsons Problem, das riesige Konvolut seiner Jahrestage nicht bündeln zu können und darüber die Bindung an die Welt zu verlieren - ähnlich ging es Brasch mit seinem Mädchenmörder Brunke. Über allen Wortmeldungen aber liegt ein Schweigen - das von Elisabeth Johnson.

Uwe Johnson: "Leaving Leipsic next week". Briefe an Jochen Ziem. Texte von Jochen Ziem. Herausgegeben und eingeleitet von Erdmut Wizisla, Transit, Berlin 2002, 124 S., 14,80 EUR

Roland Berbig u.a. (Hg.): Uwe Johnson. Befreundungen. Gespräche, Dokumente, Essays. Berlin und Zepernick: Editon Kontext, Berlin 2002, 544 S., 30 EUR

00:00 30.05.2003

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