Bert Rebhandl
Ausgabe 0516 | 17.02.2016 | 06:00

Der Seitenarm der Donau

Umschreibung Drei neue Bücher über Literatur und Philosophie in Afrika. Aber was genau bedeutet „Afrika“? Das fragt vor allem Robert Stockhammer

Von der berühmten Bibliothek im antiken Alexandria erzählt man sich, dass sie das sogenannte Pflichtexemplar erfand. Heute muss ja von bestimmten Druckwerken in Deutschland immer ein Exemplar an die Nationalbibliothek abgeführt werden, damit man dort den Überblick behält, was hierzulande so veröffentlicht wird. Im dritten Jahrhundert vor der Kalenderwende war das, auch mangels nationstaatlicher Zuständigkeit, noch weniger klar geregelt, so kam es manchmal vor, dass von Schiffen, die im Hafen von Alexandria Halt machten, alle mitgeführten Manuskripte beschlagnahmt und durch Kopien ersetzt wurden. Die Originale gingen in die Bibliothek, und dort machten sich Experten an die Arbeit, etwa indem sie Textvarianten verglichen und dann darangingen, den Text – etwa die Odyssee von Homer – zu „therapieren“, ihn von Korruption zu befreien.

„Minimalinvasiv“ musste das geschehen, so schreibt Robert Stockhammer in seinem eben erschienenen Buch über Afrikanische Philologie, das sich über die beeindruckende Gelehrsamkeit hinaus durch einen sehr heutigen Sprachgestus auszeichnet. So wird die Bibliothek von Alexandria pointiert, aber aufschlussreich als „das erste Wissenschaftskolleg im Mittelmeerraum“ bezeichnet. Die kulturelle Ausrichtung wird dabei auch gleich mitgeliefert: Alexandria blickte nach Griechenland, Griechenland blickte nach Ägypten. Und Afrika? Das ist eben eine Frage des Begriffs, und zwar auf nahezu jeder Ebene, wie Stockhammer, Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und auch gelegentlicher Freitag-Autor, herausarbeitet. Aus heutiger Globalperspektive liegt Alexandria auf dem Kontinent, der als Afrika bezeichnet wird, von dessen Einheitlichkeit es aber viele verschiedene Konzeptionen gibt. Eine betrifft die „Schwärze“ der Bewohner. Schwärze wurde lange mit Kulturlosigkeit assoziiert, das ließ sich aber spätestens mit der napoleonischen Ägyptomanie nicht mehr so einfach aufrechterhalten. Lösbar wurde die Sache durch rassistische Differenzierungen wie die Hamiten-Theorie, die in Afrika auch degenerierte Weiße kennt, denen man die Herkunft aus dem Kaukasus und die Abstammung von einem der Söhne Noahs bloß nicht mehr ansieht.

Stockhammer referiert solche Sachverhalte immer mit Blick auf moderne Um- und Überschreibungen. Er verweist auf den senegalesischen Historiker Cheikh Anta Diop, der ein Buch über die Antériorité des civilisations nègres schrieb, also an einem positiven Begriff von „Schwärze“ interessiert war. Für ihn sind die Hamiten (Chamiten) tatsächlich „gres“, was zur Folge hat, dass auch Ägypten, wo der Augenschein etwas anderes suggeriert, zum „schwarzen“ Afrika gehört. Dass sich der Jazzmusiker Sun Ra als Pharao stilisierte, gehört auch in dieses Bild, wie auch die Afrocentricity einer Rapperin wie Nefateri.

„Gefahren meines Dilettierens“

Interessanterweise fehlt dieser zentrale popkulturelle Begriff bei Stockhammer, seine polyloge Bildung schließt zwar auch Paul Gilroys Black Atlantic, das zentrale Buch über die untergründige Kultur der Sklavenrouten, ein, er muss aber nun einmal zuerst eine Menge Grundlagenarbeit in einem eigentlich unmöglichen Forschungsgebiet leisten, kann also nicht auch noch Hip Hop hören.

In seiner Afrikanischen Philologie wird zuerst einmal lange Griechisch und Latein geschrieben. Und später eher Englisch als autochthone Sprachen. Seine fehlenden Kenntnisse des Arabischen räumt Stockhammer unter Verweis auf die „Gefahren meines Dilettierens“ ein; diese Koketterie kann er sich leisten, denn sein Buch ist von einem souveränen, also einerseits grundsoliden, andererseits aber lockeren Umgang mit Wissenschaftlichkeit und einer inspirierenden intellektuellen Neugierde geprägt. Die führt ihn tatsächlich bis an „die Ränder von Aussageakten“, also auch an den „eigenen Rand“ des Faches.

Herodot und J. M. Coetzee bilden die Klammer: ein antiker griechischer Kulturwissenschaftler und Erzähler, und ein südafrikanischer Erzähler, der sich ein weibliches australisches Alter Ego erschaffen hat und inzwischen selbst in Australien lebt. Herodot ist für Stockhammer ein positiver Bezugspunkt, denn er „macht unaufhörlich Unterschiede in Näheverhältnissen und Gemeinsamkeiten in Fernverhältnissen“ aus (entsprechend sind die Menschen in Afrika für ihn nicht einfach „schwarz“, sondern „verschieden schwarz“), zudem arbeitet Herodot die Inkompatibilität von Ethno- und Geografie heraus, und er reflektiert Prozesse des „Miteinander-Verkehrens“. Coetzee wiederum lässt auf einem Kreuzfahrtschiff einen nigerianischen Autor namens Emanuel Egudu über den „Roman in Afrika“ sprechen, wobei zentrale Probleme einer afrikanischen Philologie zur Sprache kommen: Schriftlichkeit und Oralität vor allem, und damit das Verhältnis von traditionellen afrikanischen Kulturen zu den Modernitätsstandards, die die europäische Vernunft gesetzt hat. Egudu setzt dem ein „afrikanisches Wir“ entgegen, das übrigens phonozentrisch bestimmt ist, in dem also die Stimme wichtiger ist als der Text.

Wer sich – als Leser, als Filmkritiker oder einfach als Zeitgenosse mit einem Interesse an gerechteren Weltverhältnissen – mit Stockhammers Afrikanischer Philologie beschäftigt, wird einen reichen kulturellen Horizont für dieses Interesse finden. Der Zufall bringt es mit sich, dass jüngst auch noch zwei Sammelbände zu angrenzenden Themen erschienen sind, die sich gewinnbringend zu dieser Lektüre hinzufügen lassen. Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen und African Thoughts on Colonial and Neo-Colonial Worlds. Facets of an Intellectual History of Africa setzen jeweils deutlich andere thematische und methodische Schwerpunkte, haben es aber mit den gleichen Konstellationen zu tun, durch die auch Stockhammer sich arbeitet: Die Diskurse waren über Jahrhunderte kolonial geprägt, bis heute dominieren Rhetoriken des Aufholens auch die postkoloniale Kondition.

Zu den Quellen

Dabei ist zum Beispiel für die Philosophie gar nicht ausgemacht, wie Franziska Dübgen und Stefan Skupien in ihrer Einleitung deutlich machen, dass es auf einen der westlichen akademischen Philosophie vergleichbaren Professionalisierungsgrad hinauslaufen muss. Möglicherweise gehen dabei originäre Formen des Wissens verloren. Aber ist das dann wiederum (noch) Philosophie, wenn man mündlich überlieferte Weisheitsformen oder „Ethnophilosophie“ stärker berücksichtigt?

In den einzelnen Aufsätzen, in denen es um das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, um Formen des afrikanischen Feminismus, um Freiheitsbegriffe geht, tauchen dann nicht selten typische Kompromissbildungen auf: eine vergleichsweise unvermittelte Lektüre von Heideggers Konzept der „Gelassenheit“ trifft auf das „opake, obskure und mehrdeutige Enigma“ des heutigen Afrika.

Der von dem Wiener Afrikanisten Arno Sonderegger herausgegebene Band über „Facetten einer intellektuellen Geschichte Afrikas“ ist durchgängig in Englisch und trägt so den heutigen Gegebenheiten Rechnung. Es zeigt sich, dass der Begriff einer „intellektuellen Geschichte“ eher einen probaten Zugang zu den afrikanischen Verhältnissen erlaubt. Denn es ist vor allem der Typus des engagierten Denkers, der in den andauernden Emanzipationsbestrebungen wirkmächtig wurde, und es kommen auf diese Weise auch literarische Formen in den Blick. Ein Kapitel über Romane in Swahili (Suaheli) von Lutz Diegner könnte auch bei Stockhammer eine Rolle spielen, der ja auch auf das Konzept des writing back („Zurückschreiben“ gegen die dominanten Traditionen des Westens) eingeht. Diegner arbeitet heraus, dass die Romanform hier der Gedankenarbeit dient, dass die Autoren als „Denker“ auftreten und sich dabei in Konkurrenz zu den Klassikern stellen, die zum Teil – von Sokrates bis Nietzsche – auch als Figuren auftreten.

In seinem Geleitwort lässt Arno Sonderegger recht unverhohlen erkennen, dass er im Westen einflussreiche afrikanische Denker wie V. Y. Mudimbe (über den im letztjährigen Forum Expanded der Berlinale der Film Les Choses et le Mots de Mudimbe lief) oder Achille Mbembe (von dem Suhrkamp 2014 eine Kritik der schwarzen Vernunft herausbrachte) für „naive Idealisten“ hält. Die parallele Lektüre seines Sammelbands mit dem zur Afrikanischen politischen Philosophie lässt dieses Verdikt durchaus plausibel erscheinen. Allerdings sind alle drei genannten Bücher selbst auch wiederum Symptome der komplexen studia humanitatis zum Thema Afrika. Am besten ist wirklich, man liest alle drei. Beginnen würde ich aber auf jeden Fall mit Robert Stockhammers Afrikanischer Philologie, denn dort geht es in vielerlei Hinsicht nicht zuletzt für Europäer ad fontes – zu den Quellen etwa auch einer mythologischen Donau, die einen Seitenarm in die Adria führt. Und von da ist man schon fast wieder in Afrika.

Info

Afrikanische Philologie Robert Stockhammer Suhrkamp 2016, 310 S., 18 €

Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hg.) Suhrkamp 2015, 353 S., 18 €

African Thoughts on Colonial and Neo-Colonial Worlds Arno Sonderegger (Hg.) Neofelis 2015, 220 S., 22 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/16.