Der Sexappeal vergangener Zeiten

Vision Mittelalter, Barock und Bergbau in ein und derselben sozialrealistischen Siedlung. Die polnischen Städte Nowa Huta, Muranów und Tychy aus den fünfziger Jahren gewinnen wieder an Attraktivität

Auf den sonnendurchfluteten Bildern von Andrzej Czyzewski, einem der Erbauer von Tychy, sprießen die Wohnblöcke direkt auf den Feldern in die Höhe, Bagger versinken im Schlamm, und Kleinkinder spielen auf einer verlassenen Betonmischmaschine. Kühe weiden vor dem Hintergrund von Hochhäusern. Fensterreihen, leere Straßen, kümmerliche Bäumchen neigen sich im Wind.

Neben Nowa Huta ist Tychy die zweite Musterstadt des Realen Sozialismus. Bloß ohne Schornsteine. Die einzige Stadt in Polen, die von Grund auf nach den Plänen der Architekten Tadeusz Todorowski und Kazimierz und Hanna Wejchert zu bauen gelungen war.

Tychy ist Ziel von ganzen Pilgerreisen von Fans des Sozrealismus, die dort Farben, Details und Klima der Volksrepublik Polen suchen. Bewunderer der alten Architektur unternehmen sogar des Nachts Ausflüge und teilen ihre Eindrücke dann in Internetforen mit. Als die Stadt den 55. Geburtstag der Siedlung A ausrichtete, kamen einige hundert Menschen zusammen. Sie schauten alte Fotos an und schwelgten in Erinnerungen. Genau so wie an Ostalgie (der Sehnsucht nach der alten deutschen Republik) leidende Bewohner von Leipzig oder Dresden.

Kazimierz Kutz (in Tychy spielt die Handlung seines Filmes Ein Wendehals, die Geschichte eines Dorftrottels, der in die dramatischen Ereignisse des Kriegszustandes in Schlesien hineingezogen wird) erzählt: "Ohne den Sozrealismus sähe Tychy ganz anders aus, vielleicht würde es auch gar nicht existieren? Sich daran zu erinnern ist für diese Leute ein Teil ihrer Identität. In der neuen Realität hat man es nicht geschafft, ähnliche ästhetische Modelle zu entwerfen, denn mit einem ›Marienkäfer‹- oder ›Tesco‹-Supermarkt kann man sich schwerlich identifizieren. Nicht nur im Hinblick auf deren fremde Herkunft und ihren Kettencharakter."

Städtische Beamte haben der ältesten Siedlung von Tychy, A, eine spezielle konservatorische Pflege angedeihen lassen. Vielleicht wird die Stadt ja in Kürze an Popularität mit Krakaus Nowa Huta gleichziehen?

Und wo stellt der Bergmann den Kühlschrank hin?

Beide Städte, Tychy und Nowa Huta, hat man etwa zur selben Zeit zu errichten begonnen: Die ersten Gebäude von Tychy entstanden im Jahre 1951, in Nowa Huta einige Monate früher. Die Entscheidungen über den Baubeginn waren auf höchster Regierungsebene, im engsten Kreise des Zentralkomitees gefallen. Beide Städte sollten Musterbauwerke des Sozialismus sein. Beide sollten auf einem bis dahin von Dörfern besetzten Gebiet entstehen.

Das polnische Paradox besteht darin, dass in der öffentlichen Debatte über diesen Stadtraum nicht ökonomische oder politische Tatsachen die wichtigste Rolle zu spielen begonnen haben, sondern eine Diskussion um Kollektivgedächtnis und die Methoden zu seiner Wiedererlangung beziehungsweise Neuschöpfung. Als liebstes Spielfeld stellt sich hierbei nun die jüngste Geschichte heraus, und da vor allem die Zeit der Volksrepublik Polen. In meinem Land ist das Gedächtnis längst Teil des politischen Spiels geworden, ohne Rücksicht darauf, ob es bedeutende historische Ereignisse betrifft oder private Erinnerungen.

Anders war dies in den fünfziger Jahren, als man auf grüner Wiese sozrealistische Städte baute und Ziel der Baumeister die Realisierung der Utopie vom glücklichen Proletariat war. Die Einwohner von Tychy verbanden die Arbeit auf dem Feld mit der Arbeit in den Bergwerken. Felder mit Blick in die Beskiden waren ausgesucht worden für sie, unweit der träge dahinfließenden Weichsel, um deutlich zu machen, wie gut die Regierenden die Bedürfnisse der Bergleute verstehen. Nach der schweren Arbeit unten sollten sie sich am Busen der Natur erholen.

Am wichtigsten jedoch waren praktische Gründe: Die neue Stadt sollte auf einem von Bergbauschäden freien Terrain entstehen, und dabei doch in der Nähe von Katowice; eine Viertelstunde braucht man von dort aus mit Bus oder Bahn. Die Planer machten sich die Erfahrungen bei der Erweiterung Moskaus zunutze, ebenso griffen sie - ohne auf Anschuldigungen wegen bürgerlicher Einflüsse zu achten - auf den Agglomerationsplan des "Großen London" von 1946 zurück.

Die erste Siedlung (A, anschließend wurden bis zum Ende der VR Polen weitere bis Z gebaut) entstand auf 18 Hektar an der Stelle des früheren Gutshofes unweit der Bahnstation. Die Straßen wurden wie auf einem Schachbrett entworfen, beinahe wie im Mittelalter. Zentrum der Siedlung stellte - nach dem Vorbild des Barock - ein Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte dar. Er trug den Namen Iosif Stalin, und dann Wincenty Pstrowski - der berühmte Held der Arbeit, dessen Antlitz auf Plakaten zu sehen war, die im ganzen Land hingen. Das charakteristischste Gebäude ist dort bis heute das Kulturhaus, dessen Wände Flachreliefs von Bergmann und Hüttenarbeiter stützen. Wie in Rom oder in Wien wurden über den Haustüren Keramikembleme angebracht. Nur eben nicht mit Heiligenbildern, sondern mit solchen von Tieren: mit Hund und Schlange, Giraffe oder Schaf. Mit Hilfe jener Zeichen fiel es den Kindern leicht, vom Kindergarten wieder in ihren Wohnblock zurückzufinden - in einen von Dutzenden gleicher Bauten mit Einheitsfassaden und standardisiertem Wohnungsschnitt.

Die Ethnologin Maria Lipok-Bierwiaczonek, Museumsdirektorin in Tychy, sammelt Materialien, die mit der Siedlungsgeschichte verbunden sind: "In der Siedlung A sind die Details am Schönsten. Dieser Stadtteil entstand zwischen zwei Bächen. Um die Höhenunterschiede des Terrains auszugleichen hat man Stufen und Mäuerchen gebaut. Entstanden sind wahrhaft bezaubernde Plätze, die es zum Beispiel in Nowa Huta nicht gibt. Ja, und diese ungewöhnlichen Flachreliefs auf den Mauern, die eben eher Spuren von Geschichte und Lebensart sind als von Ideologien."

Zusammen mit den Häusern wurden Kinderkrippen, Schulen und Polikliniken gebaut. Alles, was zum Leben an einem Ort notwendig ist. Ein wenig erinnert dies an die Katowicer Siedlungen Giszowiec und Nikiszowiec, die von den deutschen Grubenbesitzern zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die schlesischen Bergarbeiter gebaut worden waren. Einer wie ich, der in einer Warschauer Plattenbausiedlung wohnt, die sich aus vor drei oder vier Jahren entstandenen Apartmenthäusern zusammensetzt, darf nicht einmal träumen von Schulen, Krippen oder Kindergärten, denn die unsichtbare Hand des Marktes verbietet die Existenz von allem, das man nicht sofort in Bargeld verwandeln kann. So wie es aussieht sind Bedarfsartikel in dieser neuen Zeit eher Handy-Läden, an denen es in Neubausiedlungen nie mangelt.

"Tychy war Werk eines totalitären Staates, der zugleich einziger und ausschließlicher Eigentümer und Disponent war und darin seine eschatologische Vision von der ewigen Glückseligkeit der klassenlosen Gesellschaft realisierte", sagt die Kunsthistorikerin Ewa Chojecka. Und doch vermochten die damaligen Planer sich viel besser als die heutigen Entwickler die Existenz von grundlegenden Funktionalitäten städtischen Raumes vorzustellen.

Hier hatten alle gleich sein sollen. Sie wohnten in den gleichen winzigen Wohnungen, drängten sich in engen Schlafnischen und Küchen. Jene Beengtheit war sogar Wladyslaw Gomulka aufgefallen, als er Tychy 1959 besuchte. "Und wo stellt der Bergmann den Kühlschrank hin?" - Diese Frage des damaligen 1. Sekretärs der Arbeiterpartei, bekannt für seine Vorliebe für die Askese, hatte das lokale Wochenblatt emsig notiert. Die Beengtheit hatte enorm sein müssen, wenn sie sogar auf Gomulka Eindruck gemacht hatte, einen Befürworter kleiner Wohnungen mit Küchennischen (die Arbeiter sollten in den Kantinen essen) und von Siedlungen ohne Parkplätze (denn wozu braucht einer Autos, wenn der öffentliche Nahverkehr doch hervorragend funktionieren sollte?).

Als die Zeit sozialistischer Glückseligkeit vorüber war, kam in den achtziger Jahren das dicke Ende für die Siedlung A. Nach und nach verschwanden viele der Plastiken, niemand kümmerte sich um die Fassaden der Wohnblöcke. Vandalen knickten Bäume um. Die Siedlung begann, gemeinsam mit ihren Bewohnern, zu altern. Unter den Arkaden, die denen von Nowa Huta zum Verwechseln ähnlich sind, huschten dunkle Gestalten vorbei, die nach heftigen Erregungen Ausschau hielten, Arbeitslose handelten mit Amphetaminen, weniger geschäftstüchtige Einwohner nahmen einen tiefen Schluck aus einer Flasche "Arizona"-Wein. Es kam sogar die Überlegung auf, die Siedlung A abzureißen.

Unsere Marke ist der Sozialismus

In Tychy und Umgebung mangelt es nicht an touristischen Attraktionen. Es gibt das Multimedia-Brauereimuseum der Brauerei von Tychy, und nicht weit davon entfernt, in Pszczyna, das Palais der aus dem Film Magnat von Filip Bajon bekannten Familie von Pleß, und noch ein Wisentgehege in Jankowice. Daneben liegt dort auch der Friedhof mit dem Grab des Kopfes der Rockgruppe Dzem, Ryszard Riedel (die ersten Konzerte gab sie im Kulturhaus am Pstrowski-Platz), das von Fans wie das Pariser Grab von Jim Morrison, das von Edith Piaf oder wie die Heilig-Geist-Kirche mit den Wandmalereien von Jerzy Nowosielski besucht wird.

Das Museum von Tychy hat vor, sein Bildungsangebot ab Mai um Ausflüge durch die Siedlung A zu erweitern. "Dieser Ort hat ein außergewöhnliches Potential, Visitenkarte der Stadt zu werden, ein touristisches Markenprodukt, das seine Besucher davon überzeugt, dass hier mehr geschaffen werden kann als nur ein Schlafzimmer für die Brüder der Arbeiterfabriken von Opel und Fiat, die die Gegend immer stärker bevölkern", ist Bierwiaczonek überzeugt.

Die Beamten wollen dem Stadtviertel neues Leben einhauchen. Nach der umfassenden Instandsetzung der Kanalisation soll nun die Zeit für die Erneuerung der Straßen und Gebäudefassaden kommen, Bänke sollen aufgestellt werden. Schon bald wird einer der Teilnehmer der Fernsehshow You can dance des Senders TVN im früheren Kinosaal des monumentalen Kulturhauses (für gewöhnlich werden hier Skatturniere organisiert) Tanzunterricht geben, und in den übrigen Räumlichkeiten nimmt die "Universität des Dritten Lebensalters" ihre Arbeit auf. Denkmäler und Keramikembleme werden erneuert.

Wawrzyniec Ratajski, 28 Jahre alt und Sohn von Architekten aus der Wejchert-Werkstatt (auch er ist Architekt): "Für meine Generation stellt die Siedlung A eine Attraktion dar. Sie ermöglicht einem ein Verständnis davon, was der Sozrealismus hatte sein sollen. Und daneben ist sie, wenn auch ein wenig runtergekommen, ein guter Ort zum Wohnen. Es lohnt sich, einmal näher die Axialstruktur der Straßen und den Reichtum an bildhauerischen Details anzuschauen. Ich befürchte, dass all diese schönen Details mit Styropor zugedeckt oder im Rahmen der Entkommunisierung städtischen Raumes abgemeißelt werden", sagt er.

Für uns, Kinder des neuen Jahrtausends, ist die Siedlung A ein Unikat, die schönste Verkörperung des Sozrealismus. Nowa Huta ist pompös, und das MDM, das realsozialistische, 1950-52 in der Warschauer Innenstadt gebaute Marschalls-Wohnviertel, wiederum war brutal in das Vorkriegs-Warschau hineingesetzt worden. Hier ist es anders, hier mischt sich der Geschmack schlesischer Traditionen mit dem Pathos der Neuen Zeit.

Kazimierz Kutz: "Die Siedlung A ist für Tychy das, was der Kultur- und Wissenschaftspalast für Warschau ist. In der Hauptstadt ist der Palast längst ein Denkmal, ein charakteristisches Element unter all den Blechschachteln. Das sozrealistische Tychy ist ein außergewöhnlicher Ort, den man liebevoll pflegen muß, damit er überlebt. Er besitzt den Wert von etwas Einzigartigem."

Die Heilige Mutter der Siedlung

In der Siedlung A, wo alles vorhanden war, was der Mensch zum Leben brauchte, gab es lediglich keine einzige Kirche, auch Synagoge oder Griechisch-Orthodoxes Gotteshaus wie vor dem Krieg gab es hier nicht mehr. Dafür standen dort Figuren von "Heiligen" des sozialistischen Staates: Bergmann, Hüttenarbeiter, Maurerin - eine Heldin der Arbeit. Letztere hält bis heute in der einen Hand eine Maurerkelle, und in der anderen ein Buch. Ihre klassisch gegossene Figur erinnert an Ausschmückungen katholischer Gotteshäuser. Die Urheber der Skulptur würden sich sehr wundern, wenn sie erführen, dass man von dem Mädchen heute als "Heiliger Mutter der Siedlung" spricht, und leicht verunsicherte Kinder bekreuzigen sich bei ihrem Anblick und seufzen fromm. Es erinnert an das gewaltige Bild der Muttergottes von Wejherowo, wie eine Reklame, direkt auf die Wand eines riesigen Wohnblockes aus den siebziger Jahren gemalt - aber das wiederum ist eine ganz andere Geschichte ...

Aus dem Polnischen von Christina Marie Hauptmeier

Michal Witkowski, 1975 geboren, lebt als Schriftsteller in Warschau. Zuletzt erschien von ihm der Schwulenroman Lubiewo (Freitag 48/2007). Der hier abgedruckte Essay wurde für das von der Leipziger Buchmesse und dem Literarischen Colloquium Berlin organisierte Autorenspecial "Stadteinsichten - Akzeptanz und Aggression in der urbanen Gesellschaft" verfasst und am 15. März in Leipzig vorgetragen. Alle Beiträge der Vortragsreihe werden in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter veröffentlicht.

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00:00 02.05.2008

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