Der Signalmeister

Porträt Gewerkschaftschef Claus Weselsky steuert die GDL in einen neuen Streik zur Ferienzeit. Auch Lokführer sind systemrelevant, sagt er
Der Signalmeister
Über das CDU-Mitglied Weselsky schrieben „Bild“ und „Focus“ einst, er sei „wohl der meistgehasste Deutsche“. Wie hat er das weggesteckt?

Foto: Annette Riedl/dpa

Claus Weselsky will es noch mal wissen. Der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) droht mit einer „harten Auseinandersetzung“. Statt vereinzelter Warnstreiks gibt es gleich eine Urabstimmung über einen richtigen Streik, am 9. August wird ausgezählt, danach könnte man loslegen. Mitten im Reiseverkehr, kurz vor der Bundestagswahl.

Wie wird die Sache diesmal ausgehen? Auf dem Höhepunkt der letzten GDL-Streiks prasselte ein mediales Trommelfeuer auf die Gewerkschaft und ihren Vorsitzenden ein, als sei die GDL von einem Schurken aus James-Bond-Filmen gekapert worden, um – einem perfiden Plan folgend – die deutsche Wirtschaft zu ruinieren und unschuldige Pendler wie brave Urlaubsreisende als Geiseln zu nehmen. In der Hauptrolle ein frecher, stolz sächselnder Ossi aus Leipzig mit CDU-Parteibuch.

Claus Weselsky, Lokführer und Gewerkschaftsfunktionär, wurde 1959 in Dresden geboren. Seine Ausbildung zum Schienenfahrzeugschlosser und Lokführer absolvierte er noch bei der Deutschen Reichsbahn, bevor diese mit der Bundesbahn zusammenging und zur DB wurde. Weselsky hat allerdings schon lange selber keine Lok mehr gefahren; seit den frühen 1990er Jahre ist er Funktionär der GDL, seit 2008 ihr Chef.

Der „Bahnsinnige“, wie ihn die Bild genannt hat, sagt im Interview Anfang Juli über den letzten Streik: „Sie sehen, dass ich sechs Jahre danach immer noch gesund und munter und mit meinen 62 Jahren, zumindest sagt das mein Umfeld, durchaus agil unterwegs bin. Deswegen sage ich, dass es mir nicht geschadet hat. Das hat den Lokomotivführern nicht geschadet. Das hat den GDL-Mitgliedern nicht geschadet. Und das hat auch einen Grund. Die veröffentlichte Meinung stimmte nicht überein mit der öffentlichen Meinung.“

Was ihm damals nicht geschadet haben soll, ist die Art, wie Teile der Medien über seine Rolle in dem viereinhalbtägigen Streik im Herbst 2014 berichteten. Focus Online schrieb: „Er ist aktuell wohl der meistgehasste Deutsche“, ein „Hardliner“, ein „harter Hund“, „kompromisslosester Arbeiterführer“ einer „Kampfgewerkschaft“, der, von „Machtgelüsten“ getrieben, den „Zorn von Millionen“ auf sich ziehe und zu allem Überfluss in einem „schmucken Altbauhaus“ lebe. Obendrein wurde damals seine Privatadresse veröffentlicht, was neben einer Rüge durch den Presserat auch zu Morddrohungen und der Notwendigkeit von Polizeischutz führte.

Weselsky sagt zwar, das habe ihm nicht geschadet, doch „nachhaltige Wirkung“ hätten die Berichterstattung und ihre Folgen sehr wohl auf ihn gehabt. Er habe „nach der Auseinandersetzung auch besondere Methoden angewendet, um mich wieder wohler zu fühlen“, darunter eine Ayurveda-Kur.

Ob sich diesen Sommer der Streik und mit ihm auch die Darstellung des einzigen Ostdeutschen an der Führungsspitze einer gesamtdeutschen Gewerkschaft als Superschurken wiederholen wird? Zwei Dinge könnten einen Streik noch verhindern: ein negatives Votum der GDL-Mitglieder bis zum 9. August. Oder ein Einlenken des Bahn-Managements. Beides gilt als unwahrscheinlich, zumal eine dritte Kraft zwischen der GDL und der Führung der Deutschen Bahn steht. Die DGB-Gewerkschaft EVG wurde vom Management für die Rolle der „good guys“ aufgebaut, während die GDLer die „bad guys“ abgeben sollen. Weselsky sagt dazu: „Wenn die Bahn mit uns ernsthaft einen Abschluss machen will, der nah an diesem Schreckensszenario liegt, das das DB-Management mit einer anderen Truppe abgeschlossen hat, dann treibt sie uns gezielt in diesen Arbeitskampf.“

Im Kino werden die „bad guys“ nur insgeheim geliebt. Aber sie werden unbedingt gebraucht, um verborgene Sehnsüchte im Publikum anzusprechen und die Handlung voranzutreiben. Man könnte sagen, dass Weselsky die Rolle offensiv annimmt. Auf die Frage, warum denn schon wieder ein Streik in der Ferien- sprich Reisezeit stattfinden müsse, antwortet er: „Wir werden es nicht schaffen und auch nie wollen, bis zum Ende der Ferien abzuwarten, um niemanden zu beeinträchtigen. Sollen wir etwa nachts zwischen halb zwei und zwei streiken, wo niemand weiter betroffen wäre, als durch eine halbe Stunde Verspätung? Das ist nicht der Effekt, den wir erzielen wollen. Wir müssen das Management empfindlich treffen und klare Signale setzen vonseiten der Eisenbahner: So nicht mit uns!“

Unklar ist, wer die Sympathie der Öffentlichkeit auf seine Seite ziehen kann: Berichte, nach denen die deutsche Wirtschaft aufgrund von punktuellen Warnstreiks am Abgrund stünde, dürften angesichts der jüngsten Megakrisen und Naturkatastrophen lächerlich wirken. Die GDL kann dazu den Corona-Trumpf aus dem Ärmel ziehen: Wer hat im Lockdown die Drecksarbeit gemacht hat? Wer arbeitet weiter und wird gebraucht, mehr als je zuvor? Besonders, wenn auch die Sache mit dem Klima noch was werden soll?

Auf der anderen Seite können die Gegner der GDL anführen, es sei schlicht nicht der Moment, Gehaltserhöhungen zu fordern. Doch wann ist der eigentlich? Weselsky sagt dazu: „Es darf nicht sein, dass ausgerechnet für die ‚systemrelevanten‘ Beschäftigten in diesem Jahr eine reale Minusrunde rauskommt.“ Oder, sollte es jemand noch klarer hören wollen: „Wir treten dagegen an, dass man sich oben die Taschen vollstopft und die da unten einfach nur für dumm verkauft.“

Spannend wird, wie die Grünen sich in den nächsten Wochen positionieren. Die Eisenbahner jedenfalls haben ein vitales Interesse an einer sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft und des Verkehrs. Und an einer Neuausrichtung sowohl der DB als auch des Verkehrsministeriums.

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06:00 26.07.2021

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