Der Silberdrache, der fürs Leben lehrt

gespalten In den Schulen bildet sich die Welt ab, die sich immer stärker teilt. Aber nicht immer lernen Arme schlechter als die Kinder der Mittelschicht

Jeden Morgen überquert Ida-Marie die Seestraße in Berlin-Wedding und taucht in die Silberdrachenwelten ein. In der Toreinfahrt heißt sie ein Banner willkom men, auf dem groß ihr Vorname steht - wie die Namen der anderen Schulanfänger. Auf einem Plakat stehen die Regeln, die ab hier für alle gelten. Ida betritt die Silberdrachenwelt, die offiziell Erika-Mann-Grundschule heißt. Sie klimpert am Riesenbrummsel, einer Art Harfe, die sich durchs Treppenhaus zieht, und verschwindet in einem leuchtend pinkfarbenen Flur.

Zur gleichen Zeit kommt Thomas Köhler mit seinen Mädchen am oberen Ende der Bergstraße in Berlin-Mitte an. Die Sackgasse ist morgens von Kindern und Eltern bevölkert. Manche bringen ihre Kinder mit dem Fahrrad oder dem Auto, um anschließend zur Arbeit weiterzufahren. Thomas Köhler betritt mit seinen Töchtern Franziska und Henriette den Eingang der frisch sanierten Papageno-Grundschule. An der Tür erinnert ein kleines Schild: "Bitte fördern Sie die Selbstständigkeit Ihres Kindes. Verabschieden Sie sich an der Schuleingangstür."

Zwischen Papageno- und Erika-Mann-Schule liegen nur drei Kilometer, dennoch scheinen in den letzten Jahren Welten zwischen beide gerutscht zu sein. Die Kinder in Idas Schule heißen Hasan, Ksenija, Pawel, Cem oder Burku, sie kommen aus türkischen, arabischen, afrikanischen, kurdischen, iranischen oder deutschen Familien, vielen sind Arbeitslosigkeit und Armut vertraut. Um ihre Schule gibt es Second-Hand- und Handy-Läden, türkische Vereinslokale und Kneipen namens Bei Fritze oder Gambrinus. Die Straßen sind belebt, viele Kinder sind draußen - die Wohnungen sind oft beengt, und die Straße kostet nichts, im Gegensatz zum Hort oder Kindergarten.

In der Papageno-Schule heißen die Kinder Paul, Charlotte, Luise, Heinrich oder Clara. Viele wohnen in den umliegenden sanierten Altbauten, deren Erdgeschosse Galerien, Modelabels, Architekturbüros und Cafés beherbergen. Fast drei Viertel der Papageno-Kinder besuchen den Hort, 90 Prozent der Eltern sind berufstätig, darunter viele Akademiker und Freiberufler: Musiker, Architekten, Schauspieler, Mediziner, Designer, Anwälte.

Die Gegend um die Erika-Mann-Schule ist ein altes Westberliner Arbeiterquartier, dem die Arbeit abhanden gekommen ist - der Kiez um die Papageno-Schule ein ehemaliges Ostberliner Arbeiterviertel, dem die Arbeiter abhanden gekommen sind.


Während für Ida, Franziska und Henriette der Unterricht beginnt, kehrt Thomas Köhler in sein Architekturbüro in Mitte zurück. Im zweiten Stock eines Weddinger Mietshauses mit angewitterter Fassade öffnet unterdessen Idas Vater die Tür. Tom Schweers, ein burschikoser Mann im Pullover, führt in die enge, gemütliche Altbauküche mit Hinterhofblick und stellt zwei Kaffeepötte auf den Tisch. Die Küche erzählt davon, dass die Familie hier schon länger zu Hause ist: ältere Möbel, Kräutertöpfe, Erinnerungsstücke. An einer Pinnwand hängt neben Zetteln und Bildern ein Brief an Ida von ihrer Rektorin Karin Babbe: In ordentlicher Schreibschrift steht da, dass sie, die Rektorin, sich auf die Schulanfängerin Ida freut. Idas Mutter Andrea lehnt an der Spüle, die Ärztin ist gerade von der Nachtschicht gekommen und will eigentlich ins Bett, dann redet sie sich doch fest.

Das Paar lebt seit über 20 Jahren im Wedding, und dennoch war die Entscheidung, Ida hier zur Schule zu schicken, keine Selbstverständlichkeit. Viele bildungsbewusste Familien sind weggezogen, aus Angst, ihre Kinder würden in Klassen mit hohem Migrantenanteil und teils schlechten Deutschkenntnissen zu wenig lernen, und aus Sorge über das soziale Milieu. Auch Idas Eltern hatten solche Vorbehalte. Der Besuch eines Schulfestes in der Erika-Mann-Schule hat sie umgestimmt. Alle Kinder sprachen deutsch, aber eindrucksvoller war, wie offen und selbstbewusst sie wirkten. Eine Beobachtung hat Andrea fasziniert: Auf diesem Fest konnte man symbolisch heiraten. Ein türkischer Junge, vielleicht elf oder zwölf, gab ganz ernst und selbstverständlich seinem besten Schulfreund die Hand. Niemand grinste oder machte blöde Bemerkungen. Mitten im Wedding.

Das Konzept der Schule hat sie überzeugt. Andrea sagt: "Es ist interessant, dass gerade die Schule in einem ›schlimmen‹ Viertel für uns die beste war, weil sie reagiert hat auf die Realität, wie sie nun mal ist. Weil sie sich ändern musste und sich etwas einfallen ließ - während Schulen in wohlhabenden Gegenden oft einfach davon ausgehen, dass es von selbst läuft." Dass die Kinder nicht nur das Lesen lernen, sondern auch, Scheitern zu verkraften, Selbstbewusstsein zu entwickeln, soziale und kulturelle Vielfalt zu erleben und auszuhalten. "Sie lernen andere Familien und Probleme kennen. Mir fällt auf, wie nett sich die größeren Mädchen um die Kleineren kümmern, weil sie das von ihren Geschwistern gewohnt sind." Leistung sei schließlich nicht alles im Leben: "Können wir von Migranten nicht auch etwas lernen, zum Beispiel funktionierende Familienstrukturen? Wo sich am Wochenende Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern, Cousins und Cousinen treffen?" Die Namen auf dem Banner am Eingang der Schule sind für Tom ein Symbol: "Das ist wie ein Zuhause. Eine Schule für die Kinder."

Genau das war Karin Babbes Plan. Die agile Frau sitzt in ihrem Rektorenzimmer, der Tisch ist bedeckt mit Schulanmeldungen, weit mehr, als sie aufnehmen kann, und das allein ist ein Erfolg - eine beliebte, vielfach ausgezeichnete Schule in einem "schlimmen" Kiez. Sie hat vor zehn Jahren hier angefangen und sämtliche Register gezogen, sie holt Verbündete ins Boot und geht unkonventionelle Wege, die dann oft "Modellprojekt" heißen, um bürokratische Widerstände zu überwinden. Architekturstudenten haben zusammen mit den Schülern die "Silberdrachenwelten" entwickelt und den düsteren Bau zu einem freundlichen Ort umgestaltet, nun kann auch in den Fluren gelernt und gespielt werden. Ganztagsbetrieb, Theaterbetonung, Kooperationen mit Kitas, Lesepaten, Konfliktlotsen, Schülerparlament, Freizeitangebote, Elternkurse, keine Zensuren bis zur 5. Klasse, dafür Einschätzungen durch Lehrer, Selbsteinschätzungen der Kinder und regelmäßige Elterngespräche. Neulich habe sich eine Mutter beschwert, dass es zwei Stunden gedauert hat, die Selbsteinschätzung mit ihrem Kind zu erarbeiten, Babbes Augen lachen, weil auch das ein Erfolg ist: "Sie hat sich zwei Stunden mit ihrem Kind beschäftigt."

Karin Babbe hat alle wichtigen Zahlen der Schule im Kopf, aber vor allem die 79 macht ihr Sorgen: 79 Prozent "Lernmittelbefreiung" bedeutet, dass vier von fünf Schülern in Familien leben, die nichts für die Schulbücher zuzahlen müssen, weil sie Hartz IV oder Unterstützung als Asylbewerber beziehen. Man debattiert hier nicht über Armut, aber sie ist ständig präsent. Wenn Kinder keine vernünftigen Winterschuhe haben, übergewichtig sind wegen schlechter Ernährung, nicht am Schulessen oder an Klassenfahrten teilnehmen können, wenn überlegt wird, wohin die Exkursion gehen könnte: auch Fahrkarten nach Potsdam, das keine Stunde entfernt liegt, kosten Geld.

Hinter Karin Babbes Kopf schwebt der rote Engel - so nennt sie das Bild, das eine Erstklässlerin gemalt hat, die "es nicht leicht hat". Der Rektorin gefiel das Bild so gut, dass sie es in ihrem Büro aufhängte, und das wollte sie dem Mädchen zeigen. Es kam, völlig verschreckt. Von einem Erwachsenen gerufen zu werden, war für sie bislang nicht mit angenehmen Erwartungen verknüpft.


In Henriettes und Franziskas Papageno-Schule wird auch über Klassenfahrten debattiert - allerdings nicht darüber, ob 90 oder 120 Euro zu teuer sind. Eher diskutieren Eltern, ob sie als Begleiter mitfahren sollten. Es gibt zwar auch alleinerziehende Mütter mit mehreren Jobs, arbeitslose Väter oder Eltern, die kaum Deutsch sprechen, aber das ist eine Minderheit.

Schulleiterin Brigitte Stemmler sähe gern mehr "Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache" an der Schule - es sind sieben Prozent (die Erika-Mann-Grundschule zählt 82 Prozent), aber sie hat weit mehr Anmeldungen aus dem Einzugsgebiet, als sie aufnehmen kann. Die Schule ist beliebt. Sie ist musikbetont, gilt als leistungsstark, hat einen sehr guten Ruf und eine engagierte Rektorin, die energisch für ihre Schule kämpft, und einen aktiven Elternverein.

"Viele Eltern sind sehr bildungsorientiert, haben hohe Ansprüche an die Schule und sind sehr kritisch", sagt Brigitte Stemmler. Es ist eine Gratwanderung: Die Schule braucht das Engagement und die Beteiligung der Eltern, aber Demokratie kann eine schwierige Sache sein. "Manche sind sehr fordernd gegenüber Kindern und Lehrern", die rothaarige Frau mit dem lebhaften Gesicht wedelt zur Illustration mit den Ellenbogen. Das wiederum gehe manchen Lehrern zu weit.

Die Eltern tragen entscheidend dazu bei, dass die Schule so leistungsstark ist: Über zwei Drittel der Kinder verlassen die Schule mit einer Gymnasialempfehlung, etliche bereits nach der vierten Klasse. Nur zwei Kinder hatten im letzten Jahr eine Hauptschulempfehlung. Aber wo Erwartung und Leistung eine große Rolle spielen, ist das Wort "Druck" nicht weit. Die Rektorin weiß, dass etliche Schüler ein straffes Freizeitprogramm haben: Musikschule, Sport, Sprachen, Ballett. "Die Kindheit hat sich verändert." Und: "Der Druck kann auch krank machen."

Wo Leistungsstärke zur Norm wird, kann sie für die, die es schwerer haben, zur Hürde werden: für Mahmut* zum Beispiel, der in der ersten Klasse über einem Aufgabenblatt saß und die Buchstaben H-O-N-I-G mühsam zusammenzog zu einem Wort, das für ihn keinen Sinn ergab. Weil er Honig schlicht nicht kannte. Wie sollte er wissen, dass das Gefäß in den Bärentatzen in Gelb auszumalen war. Jetzt ist Mahmut ein "Verweiler", es klingt nicht so brutal wie Sitzenbleiber.

Thomas Köhler bietet Wein an, hinter der breiten Fensterfront der Wohnküche unterm Dach ist es inzwischen dunkel geworden. Henriettes und Franziskas Übungshefte liegen noch auf dem großen Esstisch. Warmes Licht, helles Holz, großzügige Räume, der Architekt hat den Altbau vor zwei Jahren selbst saniert. Er hält es für selbstverständlich, sich sozial zu engagieren und etwas für sein Umfeld zu tun, deshalb ist er Elternvertreter - auch, weil er findet, dass Schule ein so entscheidender Lebensraum für Kinder ist. Deshalb haben Eltern dort Toiletten und Klassenzimmer renoviert, deshalb diskutieren sie mit.

Seine Frau Patricia ist Notarin, sie hat nach einem langen Arbeitstag eben noch mit den Mädchen Lesen geübt, jetzt fällt sie müde auf einen Stuhl. An sich finden beide den Leistungsgedanken "nicht schlimm". "In den siebziger Jahren sind wir in der westlichen Freizeitgesellschaft groß geworden, heute ist es eine Leistungsgesellschaft", sagt Köhler. Schlimm finden sie es aber, wenn es nur noch um Leistung geht. Patricia wünscht sich, dass Schulbildung weitergeht, "Menschenbildung" sei. Wie neulich in der vierten Klasse des großen Sohnes, als die Kinder Bilder von "typischen Berliner Kindern" malten, "mit dicken Turnschuhen, Handy, MP3-Player", Thomas Köhler lacht. Dann haben sie in Sachkunde über Armut gesprochen, ihr Sohn lernte, dass viele Kinder in Asien oder Afrika von weniger als einem Dollar am Tag leben.

Vom Wedding war nicht die Rede.

Dabei beginnt er nur hundert Meter hinter der Papageno-Schule, an der Bernauer Straße, wo früher die Berliner Mauer stand. Die Grenze, die heute dort verläuft, ist unsichtbar, aber nicht weniger trennend. Thomas Köhler hat sie einmal "die Demarkationslinie" genannt. Marno, ein junger Musiker aus Köhlers Nachbarschaft, hat versucht, sie zu überwinden. Als der Bezirk verfügte, dass Marnos Sohn und andere Kinder aus dem Papageno-Kiez in einer nahe gelegene Weddinger Schule mit über 80 Prozent Migrantenkindern eingeschult werden sollten, weil in den Mitte-Schulen die Plätze knapp geworden waren, fand Marno: Warum nicht - vorausgesetzt, er findet fünf andere, die mitgehen, damit die Freunde aus dem Kindergarten zusammenbleiben. Er hat dann die Eltern der anderen Kinder aus Mitte gefragt.

Kein einziger machte mit.

* Name geändert

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00:00 18.04.2008

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