Der Sinn im Kompost

Medizin Immer mehr Therapeuten nutzen das Gärtnern, um bei ihren Patienten Heilungsprozesse in Gang zu setzen

Die Arbeit mit Pflanzen hat etwas zutiefst Befriedigendes: Wir säen die Samen und sehen die Pflänzchen durch die Erde brechen, wir beobachten ihr Wachstum und können sie oder ihre Früchte schließlich ernten. Dabei sind wir körperlich aktiv, arbeiten an der frischen Luft, stehen im Kontakt mit der Erde und dem Leben. All das macht sich die Gartentherapie zunutze. Gemeinsam mit den Patienten oder Klienten werden Beete bestellt, gesät, umgetopft, gehegt und gepflegt. Damit hat die Gartentherapie gegenüber anderen Therapieformen noch einen weiteren Pluspunkt: „Wenn man mit Pflanzen zu tun hat, schlüpft man in die Rolle des Pflegenden. Das heißt, die Rollen werden vertauscht: Normalerweise wird der Patient selbst gepflegt, und jetzt wird er auf einmal zum Pflegenden“, weiß Martina Föhn, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Aufbaustudiengang CAS Gartentherapie. Dies hat gerade für Demenzpatienten, psychisch Kranke oder ältere Menschen oft eine sehr positive Wirkung, da sie sich so als selbstwirksam und auch als selbstständig wahrnehmen.

Altersheime, Rehakliniken

Die Ursprünge der Gartentherapie im deutschsprachigen Raum reichen bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurück. Ab 1875 ließ man in vielen der neu entstandenen Anstalten psychisch Kranke in der Landwirtschaft und im Handwerk arbeiten. So auch in Zürich: Im 1870 gegründeten Burghölzli arbeiteten die dort internierten Menschen in den dazugehörigen Obstgärten. „Damals hat man in Europa, aber auch in Amerika festgestellt, dass es gerade solchen beeinträchtigten Personen guttut, wenn man ihnen Arbeit und Beschäftigung gibt und sie sich draußen aufhalten können“, erzählt Föhn.

In der heutigen Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich wird das Gärtnern in der Rehabilitation und in der Psychiatrie als Therapie angewendet, allerdings nicht mehr als Arbeitstherapie, sondern zur Förderung der Gesundheit. Während man in der Schweiz an der ZHAW und in Österreich an der Donau-Universität Krems Gartentherapie studieren kann, gibt es in Deutschland nur die Möglichkeit einer Weiterbildung. Die beiden bekanntesten Einrichtungen sind die Bildungsstätte Gartenbau Grünberg in Hessen und die Europäische Akademie für biopsychosoziale Gesundheit/Fritz Perls Institut (EAG/FPI) am Beversee in NRW. Schwerpunkte in der Ausbildung sind dabei gärtnerische Elemente, aber auch Inhalte aus Ergotherapie, Psychotherapie, Heilpädagogik und Sozialarbeit.

Am Beversee leistete man bereits in den 1970er Jahren Pionierarbeit für die neuen Naturtherapien, indem Garten-, Landschafts-, Wald- und tiergestützte Therapie mit älteren Menschen und Suchtkranken gelehrt wurden. Verfolgt wird ein ganzheitlicher Ansatz, in dem nicht nur Körper, Geist und Psyche zusammengedacht werden, sondern auch der Mensch, eingebettet in die Natur. Für den Mitbegründer der Integrativen Therapie, Hilarion Petzold, hat Gartentherapie auch eine politische Komponente: „Ökologische Achtsamkeit, das ist eine Aufgabe, vor der viele PatientInnen, aber letztlich alle Menschen stehen. Natur-, Garten- und Landschaftserfahrungen als solche und in therapeutischen Arbeitsformen können diese Aufgaben in fördernder und heilsamer Weise unterstützen.“

Eingesetzt wird die Gartentherapie bislang vor allem im stationären Bereich: in Rehakliniken, Behinderteneinrichtungen oder Altersheimen, aber auch in der Tagespflege. Im privaten Bereich ist sie dagegen eher selten, da der Aufwand zu groß ist oder Praxen in der Innenstadt nicht über Gärten oder einen geschützten Raum auf ihren Grundstücken verfügen. Erste Ansätze gibt es aber auch, Gartentherapie bei den Klienten zu Hause anzubieten, etwa im Betreuten Wohnen mit älteren Menschen.

Die Therapie kann manchmal erstaunliche Erfolge verbuchen: So berichtet Föhn von einem Schmerzpatienten, der in der Physiotherapie wegen seiner Schmerzen nicht mit zehn Kilogramm schweren Hanteln arbeiten wollte, aber in der Gartentherapie eine noch schwerere Balkonkiste aufheben konnte: Offensichtlich war die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit der Schlüssel.

Bei der Arbeit mit Demenzkranken nutzt man in der Gartentherapie gerne sogenannte Biografiepflanzen, um Erinnerungen zu wecken. Viele dieser Menschen sind zu Kriegszeiten aufgewachsen, damals hatten Gärten noch eine ganz andere Bedeutung als heute: Sie dienten der Selbstversorgung, und die heutigen Heimbewohner mussten ihren Eltern dort bei der Ernte helfen. Anders als an das, was in der letzten Viertelstunde geschehen ist, können sich Menschen, die unter Demenz leiden, oft noch gut an ihre Kindheit und Jugend erinnern. „Insofern kann man sie sehr gut dort abholen mit den Pflanzen, mit dem Garten und diesen Aktivitäten, weil das im Langzeitgedächtnis noch vorhanden ist“, versichert Föhn. „Gespräche sind dabei ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Und wenn Therapie es schafft, über Pflanzen Zugang zu den Patienten zu finden, kommt damit eine Beziehung zustande, an die immer wieder angeknüpft werden kann.“

Andreas Niepel lehrt in Grünberg und hat die Ausbildung dort mitentwickelt. Außerdem leitet er an der neurologischen Rehaklinik Helios Klinik Hattingen das Team Gartentherapie. Je nach Störung und nach Altersgruppe fällt die Gartentherapiestunde anders aus: „Zum Teil geht es dabei erst einmal darum, die Menschen wieder zu mobilisieren und wieder einen Naturkontakt herzustellen, denn dieser ist für alle Menschen extrem wichtig“, erklärt der gelernte Gärtner. Mittels Umtopfen oder Pikieren wird die Geschicklichkeit trainiert, die Patienten müssen wieder stehen und sich bewegen lernen. Kinder sind durch ihre Erkrankung oft aus ihrem natürlichen Entwicklungsprozess herausgerissen. Gartentherapie ist auch Arbeiten mit für sie spannenden Elementen wie Erde, Wasser, Feuer – in Form von Temperatur – oder Licht. So können die Kinder in den Therapiestunden fehlende Erfahrungen damit nachholen.

Für Konrad Neuberger, der viele Jahre auf Hof Sondern bei Wuppertal mit jungen Psychosepatienten gartentherapeutisch gearbeitet hat, ist das Kompostieren sehr wichtig: „Der Kompost ist für mich ein Sinnbild dafür, wie schnell sich Dinge verändern“, erklärt er. „Nichts bleibt, wie es war, wenn wir es zulassen und etwas dafür tun.“ Begleitet wird die Arbeit auch hier durch Gespräche, stets in Analogie zu dem, was gerade passiert.

Kein geschützter Beruf

Beim Pflanzen hat Neuberger immer wieder beobachtet, wie behutsam die jungen Menschen vorgehen, um die Pflanzen nicht zu beschädigen. „All das ist immer begleitet von inneren Prozessen: Wie verwurzelt sind sie selber? Mit welchen Gedanken und Gefühlen setzen sie sich auseinander, die ihre Handlungen begleiten?“, erklärt er. „Dabei ist das Wichtigste die Beziehungsarbeit – untereinander, zur Natur und zu sich selbst. Wie pflege ich mich und mein Inneres, was ist mir wichtig, und welche Dinge tauchen auf, die bislang nicht gut gepflegt worden sind?“

Dabei passte der Therapeut – wie sich Ann-Marie Weber aus ihrer Studienzeit bei ihm erinnert – die gärtnerischen Tätigkeiten an die Stimmungslage und Verfassung seiner Klienten an: „Borderline-Patienten können autoaggressiv sein. Konrad Neuberger suchte in solchen Phasen für sie eine Tätigkeit aus, in die sie diesen Impuls leiten konnten, etwa indem sie die Tomaten ausgeizten“ (also die Triebe in den Blattachseln herausknipsten), erzählt sie. Auf diese Weise konnten sie ihren inneren Druck loswerden.

Natürlich hat Gartentherapie aber auch ihre Grenzen, denn sie setzt originär darauf, Gesundheit zu fördern, nicht Störungen zu beseitigen. So kann Gartentherapie Menschen mit einer schweren Krebserkrankung sicherlich aufmuntern, motivieren oder Sinn stiften, aber sie kann sie in der Regel nicht heilen. Ebenso verhält es sich bei Psychosen, bei denen Gartentherapie – ebenso wie im Bereich der Forensik oder bei Suchterkrankungen – recht häufig eingesetzt wird. Bei ihnen wird sie deshalb meist mit anderen Behandlungsmethoden und Medikamenten gekoppelt. Wie bei allen anderen Therapieformen muss bei den Klienten zudem natürlich eine Affinität vorliegen. Nicht alle Menschen haben einen Zugang zu Pflanzen und zum Gärtnern, genauso wenig wie andere zu Musik oder Kunst.

Gartentherapie ist en vogue. Die Nachfrage nach Ausbildung und Durchführung steigt hier und anderswo, wie in der Schweiz oder im asiatischen Raum. Dabei erhalten interessierte Einrichtungen von Andreas Niepel Unterstützung bei der Planung. „Da wird dann oft – zum Beispiel in einem Altersheim – irgendetwas hingebaut, ohne sich vorher Gedanken zu machen, was man damit überhaupt will“, erzählt er. Ein wesentlicher Unterschied zum einfachen Gärtnern besteht aber genau darin, dass die Gartentherapie systematisch an ihre Klienten herangeht. Gemeinsam mit den Einrichtungen überlegt Niepel deshalb, welche Prozesse dort geleistet werden sollen und wie sie sich erreichen lassen – im Rahmen einer Gartengruppe oder einer offenen Runde –, welches Personal und Budget und eben auch welcher Garten dafür benötigt wird.

Ein zentrales Problem der Gartentherapeuten im deutschsprachigen Raum ist, dass weder ihr Beruf geschützt ist noch ihre Tätigkeit bei der Krankenkasse abgerechnet werden kann. So gibt es nach ihrer Ausbildung keine Stellen für sie. „Diejenigen, die eine andere Ausbildung haben, können die Gartentherapie darüber abrechnen, sie dürfen es aber nicht so nennen“, kritisiert der Geschäftsführer der Bildungsstätte in Grünberg, Matthias Hub. Er und Niepel setzen sich mit der Internationalen Gesellschaft GartenTherapie (IGGT) im deutschsprachigen Raum für eine Vereinheitlichung der Kriterien für den Abschluss zum Gartentherapeuten und eine generelle Kassenzulassung ein. Denn eine breitere Anwendung kann es erst dann geben, wenn Gartentherapie als gleichwertige Therapieform anerkannt wird.

Ingrid Wenzl interviewte zuletzt im Freitag (9/2019) Ludwig Fischer über Nature Writing

06:00 21.07.2019
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