Der Skandal ist im Hintergrund

Erweiterte Kampfzone Lukas Langhoff inszeniert Elfriede Jelineks "Raststätte oder Sie machens alle" am Theater Magdeburg als Beitrag zur "Ekeltheater"-Debatte

Himmel, Blut und Hoden! Das Ekeltheater hat wieder einmal zugeschlagen! Spritzende Fäkalien, Gummipuppen, Live-Strips und eine Kannibalenorgie - das ganze Programm war auf der Bühne des Theaters Magdeburg zu sehen, als am vergangenen Sonnabend Elfriede Jelineks Komödie Raststätte oder Sie machens alle dort Premiere hatte. Ein Beitrag zur aktuellen Debatte? Eine furchtlose künstlerische Positionsbestimmung? Oder lediglich sinnleere Provokation?

Bereits die Wahl des Stückes als etwas anderen Beitrag zum Mozartjahr zeugt von Mut. Zwar ist Elfriede Jelinek nobelpreisgeadelt, aber ihre Texte sind dadurch keineswegs verdaulicher geworden. Für die Sex-Farce frei nach Così fan tutte gilt dies in besonderem Maße. Zwei Frauen haben sich an einer Autobahnraststätte mit einem "Bären" und einem "Elch" zum Blind Date verabredet. Ihre Männer bekommen von den offensichtlichen Vorbereitungen dazu nichts mit und wollen zunächst dem Kellner nicht glauben, der vom geplanten Seitensprung berichtet und ihnen empfiehlt, sich selbst als die "Tiere" zu verkleiden. Als diese erscheinen und feststellen müssen, dass die Frauen in ihren Selbstbeschreibungen maßlos übertrieben haben, geben sie ihre Masken gerne an die gehörnten Ehemänner ab. Das Sexdate mit ihren Gattinnen endet als große Enttäuschung, die die vier kompensieren, indem sie die "Tiere" verspeisen.

Isolde und Kurt sowie Claudia und Herbert sind keine Charaktere, sondern Typen, die Sätze wie "Mit gierigen Verteilerfingern greift der Partner nach uns, bis unser Motor bis zur Mortalität hochgejagt ist" in scheinbar endloser Folge von sich geben. Jelineks Sprache ist ein schwer verdaubares Assoziationsgeflecht, das es in sich hat. Schon bei der Lektüre muss man jeden Satz einzeln entwirren. Den bösen Mehrdeutigkeiten als gesprochenem Wort nachzuspüren, ist nahezu unmöglich. Warum also sollte man ein derart inkommensurables Stück inszenieren, zumal an einem ostdeutschen Theater? Haben die Menschen hier nicht andere Probleme?

Regisseur Lukas Langhoff hat sich von Alexander Wolf die Mausefalle nachbauen lassen, ein Magdeburger Lokal, das in seiner ramschigen Neon-Ästhetik perfekt zu Jelineks Vorstellung eines Raststättensettings passt. Hier schweben die "Tiere" Wolfgang und Jochen göttergleich vom Himmel herab und zeigen ihre narzisstischen Bodybuilderposen in Riefenstahlästhetik. Wenig später sehen Kurt und Herbert in den gleichen Tangas nur lächerlich aus. Kurz tritt eine Magdeburger Stripperin auf, die auf ihre perfekt geformten Brüste zeigt und sich ans Publikum wendet: "Sie fragen sich bestimmt, ob die echt sind. Sind sie nicht." Isolde (herausragend: Iris Albrecht) und Claudia hingegen waren offensichtlich noch nicht unter dem Messer oder im Sonnenstudio. Das hält sie nicht davon ab, pausenlos über ihre Körper, ihre Männer und Sex zu sprechen.

In einer Szene des auch sonst beherzt gestrichenen und klug bearbeiteten Textes hat der strippenziehende Mephisto-Ober (mit grandioser wienerischer Nonchalance: Gisela Hess) einen kleinen Monolog, der nicht bei Jelinek steht, sondern in Michel Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone: "Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen." Nun beginnt auch Jelineks Text zu leuchten, wird die ungeheure und ungeheuerliche Durchdringung von Sport und Körperwahn, Nationalismus und Ausländerhass, Kapitalismus und Sex ebenso sinnfällig wie der Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Situation von Magdeburg, die nur wenigen Menschen eine Perspektive bieten kann, und den vielen solariumgebräunten und studiogestählten Jugendlichen. Mit seiner Inszenierung der bitterbösen und vielschichtigen Farce legt Langhoff seinen Finger in eine Wunde, die man erst nach und nach erspürt, obwohl sie schon lange da war.

Ähnlich verhält es sich mit dem Bildschirm an der Raststättenwand, über den während des gesamten Stücks stumme Musikvideos flimmern. Dort ist das, was auf der Bühne verstört - Strips, zerschlagenes Mobiliar, literweise Kunstblut - pausenlos zur Primetime und als unspektakulärer Kneipenhintergrund präsent. Nicht die Schlacht mit Bühnenfäkalien, sondern die Allgegenwärtigkeit von Sex und Gewalt und unsere "Fähigkeit", sie nicht mehr wahrzunehmen, ist ein Skandal. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie macht deutlich, warum wir "Ekeltheater" wie dieses brauchen.


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00:00 14.04.2006

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