Der Sokrates der Geheimdienste

Überwachungsphilosophie Was passiert, wenn ein gescheiterter Autor als Spion anheuert? Er publiziert Ratgeber-Kolumnen für die NSA – und wird zum Hausphilosophen
Daniel Roßbach | Ausgabe 39/2015 2

Ich bemerkte, dass ich mir wünschte, ständig und komplett überwacht zu werden.“ So stellt sich im November 2012 der selbsternannte „SIGINT-Philosoph“ seinem Publikum vor, den Analysten der National Security Agency. SIGINT steht für signals intelligence und ist der Begriff der US-Geheimdienste für die Sammlung und Auswertung digitaler Daten. Die dafür zuständige Abteilung der NSA unterhält ein über das Intranet verbreitetes Magazin namens SIDtoday, in dem der „Sokrates der Geheimdienste“ regelmäßig Kolumnen publizierte. Die von Glenn Greenwald mitbegründete Online-Plattform The Intercept berichtete.

Einige Kolumnen sind der Allgemeinheit zugänglich. In den sechs veröffentlichten Artikeln, die Überschriften wie „Descartes would have been a lousy SIGINT reporter“ tragen, findet sich philosophische Ratgeberliteratur für Analysten: Überschätz dein Wissen über dein Fachgebiet nicht; bleib fair, auch wenn du im Wettbewerb mit Kollegen stehst; halt deine Berichte kurz, aber vollständig.

Zwischen den Zeilen scheint auch einiges vom Selbstbild des Geheimdiensts durch. Erstaunlich ist etwa, dass stets die Rede von den „Kunden“ der NSA ist – und nicht von deren Auftraggebern in demokratischen Institutionen. The Intercept vermochte sogar die Identität des NSA-Philosophen zu recherchieren, hat aber entschieden, diese Daten nicht zu veröffentlichen. Bekannt ist, dass der Autor kein akademisch ausgebildeter Philosoph ist und beim einstigen Versuch, Schriftsteller zu werden, scheiterte. Danach heuerte er beim Geheimdienst an.

Wir können ihn als Umkehrung von Gerd Wiesler verstehen, dem von Ulrich Mühe gespielten Stasi-Offizier in Das Leben der Anderen, der zunehmend an der Richtigkeit seines Handelns zweifelt. Der NSA-Philosoph befürchtet beispielsweise, bei einem Lügendetektortest missverstanden und fälschlich verdächtigt zu werden, weil seine Vorgesetzten nicht genug über ihn wissen – und schließt daraus auf die Notwendigkeit totaler Überwachung. Diese Haltung überträgt er auf seine Arbeit für den Geheimdienst, für den er auch Zielpersonen überwacht, die eindeutig keine Feinde des Staats sind. Es sei schließlich in deren Interesse, dass die USA, deren Macht nur knapp hinter der Gottes zurückstehe, sie nicht fälschlicherweise für Feinde hält.

Dieser vielleicht schockierendste Gedanke des NSA-Hausphilosophen legitimiert die Massenüberwachung. Nicht nur, dass jede Überwachung richtig ist, indem sie entweder als feindlich definierte Ziele findet oder vor Fehleinschätzungen schützt. Das Modell erlaubt auch den Schluss, dass jeder Versuch, sich der Überwachung zu entziehen, nur dazu dienen kann, die eigene Schuld zu verbergen. Offenbar soll die Kolumne zwar, so entnimmt man der ebenfalls veröffentlichten Ausschreibung, die NSA-Mitarbeiter „wirklich zum Nachdenken bringen“ – aber eben bitte auch nicht zu sehr.

Deutlich wird dies nicht zuletzt dann, wenn Analysten darüber belehrt werden, was zu tun ist, wenn sie Anweisungen bekommen, die sie für falsch halten. Eine selbstverantwortliche Haltung ist demnach keine echte Option. Auf den Bürgerkriegsgeneral Grant verweisend, empfiehlt der Philsoph, die Direktiven zu verfolgen, als wären sie richtig. Denn entweder täusche man sich, und die Anweisungen seien richtig. Oder der Kurs der Führung sei falsch, führe aber trotzdem zu den besten Ergebnissen, wenn er nur entschlossen genug verfolgt werde.

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