Der Sound der 70er

Film Paul Thomas Anderson zeigt in der Boy-meets-Girl-Geschichte „Licorice Pizza“ die Kraft der Musik

Paul Thomas Anderson ist ein Ohrenmensch. Seine Filme – Boogie Nights, Magnolia, Punch Drunk Love, There Will be Blood, The Master – haben einen ganz eigenen Groove. Gemeint ist nicht nur, wie der Regisseur Musik setzt, sondern, wie er generell mit Sound umgeht.

Licorice Pizza beginnt mit einem heftigen Knall, und zwar buchstäblich. Ein paar Jungs, darunter auch Gary (gespielt von Philip Seymour Hoffmans Sohn Cooper), sind in der Schultoilette und legen sich vor den Spiegeln die Haare zurecht, als ihnen eine Toilettenschüssel um die Ohren fliegt. Die Halbstarken fliehen aus dem Klo, Nina Simones July Tree setzt ein, die Kamera schleicht mit Alana (Alana Haim) eine Schlange von Schülerinnen entlang. Hier lernen sich Alana und Gary kennen, was folgt ist eine Boy-meets-Girl-Geschichte mit Ab- und Umwegen, die für Anderson fast schon unverschämt locker und flockig daherkommt. Oberflächlich gesehen.

Ein ganz eigener Drive

Jonny Greenwood, Radiohead-Gitarrist und seit 2007 Andersons „partner in crime“, verantwortet auch den Soundtrack von Licorice Pizza: ein gleichsam fließender Teppich aus Hits der späten 60er und frühen 70er Jahre – darunter Sonny & Cher, Suzi Quatro, Paul McCartney & Wings und David Bowie –, den Greenwood um seine eklektische Partitur und rhythmische Perkussionsparts ergänzt. Alles fließt in diesem Film, die Bilder und Ereignisse sind ebenso in Bewegung wie das Geschehen auf der Tonspur. Musik ist zentral bei Anderson, der auch Musikvideos dreht, etwa für Haim, die Pop-Rock-Band der Licorice-Hauptdarstellerin und ihrer beiden Schwestern (im Film samt Eltern Alanas Familie). Bei Netflix erschien zuletzt sein Kurzfilm Anima zum gleichnamigen Album von Thom Yorke.

In seinen Filmen misst Anderson Musik und Sound seit jeher eine ganz eigene Rolle bei: nicht als klassischer Emotionsverstärker, sondern als Ausdruck der inneren Figurenzustände, komplex, manchmal verstörend, zwischendurch auch Gespräche bewusst übertönend. In Punch Drunk Love, einer Geschichte um einen zwischen Unsicherheiten, Aggressionen und seinen sieben Schwestern lavierenden Außenseiter (Adam Sandler), schlägt sich dessen inneres Brodeln als beinahe durchgehender, unruhiger rhythmischer Teppich in einer Weise auf der Tonspur nieder, dass es einen selbst fast wahnsinnig macht, im besten Sinne. Dass er ein Harmonium ins Zentrum der Handlung stellt, passt ins Bild.

Den Soundtrack von Punch Drunk Love verantwortete der Komponist Jon Brion, ebenso wie den des Vorgängerfilms Magnolia. Zu diesem episodischen Los-Angeles-Panoptikum ließ sich der Regisseur von der amerikanischen Singer-Songwriterin Aimee Mann inspirieren. Bei ihr gab er schließlich acht Songs in Auftrag, die Magnolia – dem Goldenen Bären-Gewinner der Berlinale 2000 –einen ganz eigenen Drive verleihen. Sie sind ein verbindendes Element, einmal sogar im ganz direkten Sinn: als verschiedene Figuren plötzlich gemeinsam den Song Wise Up singen.

Mit der Kapitalismus-Parabel There Will Be Blood um Aufstieg und Fall eines Ölmagnaten (Daniel Day-Lewis) beginnt die Greenwood-Ära. Für den sich ankündigenden Untergang entwickelte der Musiker einen sperrigen, atonalen Soundtrack, eine schrille, dissonante Symphonie der Dunkelheit. Auch in The Master kehrte Greenwood das Innere der Bilder nach außen. Der Film über die Beziehung eines Sektengurus (Philip Seymour Hoffman) und eines vom Zweiten Weltkrieg traumatisierten Navy-Veteranen (Joaquin Phoenix) beginnt mit assoziativen Bildern von einem Strand: Eine rhythmische Kakophonie begleitet den Soldaten im Sand, zusammenkauert, irre lachend, bis der auffällige Mann seinen Hosenstall öffnet und sich vor den Augen seiner Kameraden über die aus Sand geformte Frau hermacht. Am Ende des schwer zu fassenden Films singt Hoffman das von Frank Loesser geschriebene On a Slow Boat to China (1948), eine gesungene Liebeserklärung an den ungleichen Freund: „I’d like to get you on a slow boat to China, all to myself alone.“

Kompositorisch klassischer gab sich Greenwood in Der seidene Faden um einen (wieder von Day-Lewis gespielten) Londoner Modeschöpfer der 1950er Jahre, der sich eine Kellnerin (Vicky Krieps) als Muse ins Haus holt. Wie maßgeschneidert legt sich der aus Klavier- und Streichersätzen bestehende Soundtrack über die Bilder, Form und Inhalt bedingen einander: Alles ist stilvoll, visuell und akustisch; in 90 der 130 Minuten Laufzeit ist Musik zu hören.

Jetzt also Licorice Pizza, mit dem der Regisseur historisch und akustisch, wie schon in seinem „Golden Age of Porn“-Porträt Boogie Nights und der Thomas-Pynchon-Verfilmung Inherent Vice,in die 1970er Jahre eintaucht. Und mit dem er in seine Heimat, das San Fernando Valley zurückkehrt.

Vor Farben nur so leuchtend

In Licorice Pizza – und nein, hier isst niemand Lakritzpizza, der Titel referiert, apropos Musik, auf eine ehemalige südkalifornische Schallplattenladenkette – wird das Valley zum Ort für eine nostalgisch gefärbte Liebesgeschichte. Alana und Gary, sie 25 und noch auf der Suche nach sich, er 15 und scheinbar schon mitten im Leben, lernen sich in anfangs erwähnter Schlange kennen. Sie arbeitet für den Fotografen, der die Schüler:innen fürs Highschool-Jahrbuch ablichtet, er gibt im ersten Gespräch erfolgreich den Altklugen, prahlt mit seinen Projekten als Entrepreneur und den Sitcom-Erfolgen als Jungschauspieler.

Damit nimmt ein vor Leben regelrecht explodierender Film seinen Anfang, eine Geschichte zwischen zwei Menschen, die sich wechselweise anziehen und abstoßen. Licorice Pizza folgt keiner geschlossenen Dramaturgie, sondern wird in kleinen Episoden erzählt: Alana begleitet Gary als Anstandsdame zu einer Varieté-Show in New York, bei der er auftritt; die beiden werden Geschäftspartner, als Gary spontan ins Wasserbetten-Geschäft einsteigt; später eröffnet er, schon ganz Businessman, noch eine Flipperautomatenhalle, als er Wind davon bekommt, dass das Glückspielgesetz geändert wird. Es ist ein irrwitziger Ritt, für den sich Anderson vom Leben des Gary Goetzman, einst Jungschauspieler und später Produzent von Filmen wie Mamma Mia, inspirieren ließ. Die Debütanten Hoffman und vor allem Haim gehören zu den großen Entdeckungen des vergangenen Filmjahrs.

In langen Kamerafahrten, gedreht mit vor Farben nur so leuchtendem 35-mm-Film und begleitet von seiner Jukebox-Collage, folgt Anderson dem ungleichen Paar. Immer wieder rennen die beiden über die Straßen dieser kinematografischen Wiederbelebung der 70er, in der die Musik einerseits popkulturell aufgeladener Nostalgieverstärker ist, andererseits Geschichten vorwegnimmt oder eigene erzählt. Im Flugzeug säuseln Suzi Quatro und Chris Norman „Our love is alive“ über Kopfhörer in Garys Ohren, kurz darauf wird Alana von einem seiner Schauspielkollegen angegraben. Später im Film ist Bowies Life On Mars? zu hören, als Gary an einer langen Schlange von Autos vorbeiläuft, die wegen der Ölembargo-Krise liegengeblieben sind: ein Song auch über die Sehnsucht nach anderen Wirklichkeiten. In einer geschichtsträchtigen Szene manövriert Alana einen Laster mit leerem Tank rückwärts die Hollywood Hills hinunter. In einer anderen schweigen die beiden herrliche Minuten lang am Telefon zusammen. „Ich kann dein Atmen hören!“

Täuschen lassen sollte man sich nicht, denn Licorice Pizza erzählt am Rande der zuckersüßen Geschichte um Gary und Alana auch von falscher Nostalgie. Alanas Chef klatscht ihr einfach auf den Po, eine Filmagentin, zu der Gary sie schleppt, lobt sie für ihre jüdische Nase, der von Bradley Cooper herrlich überdreht gespielte Barbra-Streisand-Liebhaber Jon Peters erweist sich als gewalttätig und sexuell übergriffig, ein Bürgermeisterkandidat (Benny Safdie) versteckt seine Homosexualität. Die amerikanische Filmkritik rieb sich vor allem an jenem Restaurantbesitzer, der vorgibt, mit seinen wechselnden japanischen Ehefrauen japanisch zu sprechen, indem er sein Amerikanisch mit pseudo-japanischer Betonung ausstattet. Aber letztlich entlarvt Anderson all diese Figuren gleichermaßen mit Humor, während er uns bewusst anecken lässt.

Zwischen Erinnerungen, Fiktion und realpolitischem Zeitkolorit entspinnt sich in Licorice Pizza eine unterhaltsame, bild- und musikgewaltige Erzählung mit doppeltem Boden, die auch das Filmbusiness reflektiert (herrlich: Sean Penn als eine William Holden nachempfundene Figur). Und am Ende schenkt Anderson seinen Helden, na was sonst, einen Song.

Info

Licorice Pizza Paul Thomas Anderson USA 2021, 133 Minuten

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