Der Spaß kostet

Monografie Er war einer der wichtigsten Designer des Zwanzigsten Jahrhunderts. Wie Gio Ponti durch die Diskurse der Zeit führt
Der Spaß kostet
Das Pirelli-Hochhaus, mitentworfen von Gio Ponti. Lange Zeit war es das höchste Gebäude in Mailand

Foto: H. Tschanz-Hofmann/IMAGO

Was für ein herrliches Foto: Der Junge hat sich in Schale geworfen. Die guten Schuhe, der Zweireiher. Eine Fliege. Mit heiligem Ernst blickt er auf den Stuhl, den er mit nur einem Finger lupft. Der Stuhl nennt sich „Superleggera“, der Superleichte. Er wiegt lediglich 1,7 Kilogramm.

Der „Superleggera“ stammt vom Gio Ponti und steht heute in allen relevanten Design-Museen der Welt. In der kürzlich erschienenen Monografie zu dem italienischen Designer und Architekten wird dem Stuhl ein eher knappes Kapitel gewidmet. Das passt, denn der Stuhl ist kein Angeber-Möbel. Und das Relevante – von den Wurzeln des Stuhls in der italienischen Möbeltradition des 18. Jahrhunderts bis zur Finalisierung für das Unternehmen Cassina 1957 – findet sich, auch die Bebilderung ist reich.

Kühne Kaffeemaschine

Gio Ponti gehört zu den wichtigsten Designern des 20. Jahrhunderts. Er hat von Italien aus eine Art der Moderne entwickelt, die eigentlich überhaupt nicht unter diesem Begriff zu fassen ist. In ihr ist stets die jeweilige Zeit zu erkennen, aber sie unterwirft sich dieser Zeit nie. Gerade Pontis frühe Keramiken haben, was Form und Motivwahl angeht, die Antike verinnerlicht. Der Blick ging aber immer auch nach vorne. 1952 gestaltete Ponti gemeinsam mit seinem Kollegen Alberto Rosselli ein Auto: ein kühnes Konzept mit selbsttragender Karosserie, für die damalige Zeit zu kantig. Der Entwurf für Alfa Romeo verschwand in der Schublade. Als 25 Jahre später Saab den ikonischen Saab 900 entwickelte, landeten die Designer bei einer ähnlichen Form; dass sie die Ponti-Skizzen kannten, scheint unwahrscheinlich.

Es ist erstaunlich, dass erst jetzt ein wirklich ausführliches Referenzwerk zu Ponti erscheint, aber es erscheint genau zur richtigen Zeit. Das sehr dicke Buch, das bei Bedarf sogar mit einem eigenen Tisch ausgeliefert wird, natürlich einem von Gio Ponti – derlei kennt man von Taschen, man kennt aber auch den Preis, 3.000 Euro kostet der Spaß –, ruft gerade uns Deutschen, die wir so stolz auf unser gestalterisches Erbe sind, etwas Wichtiges entgegen. Ein: „Entspannt euch mal. Habt Mut zur Farbe!“ Vielleicht auch ein: „Nehmt das alles bitte nicht so ernst, beziehungsweise: Nehmt es ernst, aber verteufelt nicht jeden Eklektizismus.“ Es mag auch an unserer unstillbaren Italien-Sehnsucht liegen, aber nach drei Jahren, in denen man das Bauhaus feierte und untersuchte, hat der Blick in den Süden etwas Befreiendes; es ist wie ein Besuch in einem Bonbonladen nach jahrelanger Schonkost. Wobei: Ponti hat tatsächlich einen Bonbonladen entworfen, den „Dulciora Candy Store“ (Mailand, 1949).

Gio Ponti wird am 18. November 1891 in Mailand geboren. Ab 1913 studiert er ebendort Architektur, schließt nach einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg 1921 ab. Schon zwei Jahre später wird er zum künstlerischen Leiter der Porzellanmanufaktur Richard-Ginori berufen; weitere vier Jahre später eröffnet er sein erstes Büro. Was folgt, sind viele Markierungen auf der Landkarte des italienischen Designs. Er entwirft während der 30er, 40er und 50er Jahre zahllose Gebäude, darunter Wohnhäuser, Institutionen, aber auch das ikonische Pirelli-Hochhaus in Mailand oder das Denver Art Museum. Er entwickelt „La Cornuta“, eine kühne Kaffeemaschine für die Gastronomie, die so aussieht, als würde sie gleich auf die nächste Rennstrecke abbiegen. Und ganz nebenbei erfindet er mit der Zeitschrift Domus auch noch die wichtigste Architekturzeitschrift der Welt!

Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt er vor allem einem leisen, internationalen Luxus sein Gesicht, der die zweite Hälfte dieses Bandes prägt: Da sind die Büros der Alitalia und das Innere zahlreicher Ozeandampfer, vor allem des 1956 gesunkenen Transatlantikers Andrea Doria. Da ist die Villa Planchart in Caracas, 1955 entworfen. Offen und licht, jenseits klassischer Raumplanung, und so wie das Haus auf dem Hügel oberhalb der venezolanischen Hauptstadt zu schweben scheint, schwebt das Dach über dem Haus. Und dann ist da noch das „Parco Dei Principi“. Das Hotel im süditalienischen Sorrent wurde von Ponti Anfang der 1960er Jahre als Gesamtkunstwerk gestaltet, in dem jedem Vorhang und jeder Fliese die gleiche Sorgfalt gewidmet wurde wie dem eigentlichen Gebäude. 14 Seiten widmet das Buch diesem Hotel, das immer noch im Betrieb ist, und das im Originalzustand, jede dieser Seiten ist ein Vergnügen.

In diesem Kapitel wird Ponti mit einem Satz zitiert, der durchaus stellvertretend für seine Arbeitsweise zu sehen ist: „Give someone a 20 x2 0 square, and even if people have been coming up with endless designs for centuries, there is always room for a new design, for your own design. There will never be a final design.“

Das Ponti-Buch misst keine 20 mal 20, sondern luxuriöse 36 mal 36 Zentimeter. Es wiegt fünfeinhalb Kilo, das ist mehr als drei der eingangs erwähnten „Superleggera“-Stühle. Das Erstaunliche: Trotzdem handelt es sich keinesfalls um einen der sogenannten Coffeetable-Bände, die lediglich Repräsentationszwecken dienen, sondern ist auch inhaltlich voluminös.

Herausgeber Karl Kolbitz führt den Leser ebenso kenntnisreich wie unterhaltsam in die Diskurse der Zeit, zeigt Pontis Einflüsse von der Wiener Sezession bis zu William Morris auf (und versieht sie mit einem großen „aber“), untersucht sein Verhältnis zum italienischen Faschismus ebenso wie jenes zum Industriedesign und zu den verschiedensten Strömungen der Moderne. Manchmal sagen dabei die Bilder mehr als die Worte, wenn wir etwa eine Büroeinrichtung sehen, wo Pontis Lampen und Möblierungen einträchtig neben einem Freischwinger des Bauhäuslers Mart Stam stehen.

Info

Gio Ponti Karl Kolbitz (Hrsg.), Texte: Salvatore Licitra, Stefano Casciani, Lisa Licitra Ponti, Brian Kish, Fabio Marino Taschen Verlag 2021, 572 S., 200 €

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06:00 24.10.2021

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