Der Speicher Arktis ist leck

Alaska/USA Warme und trockene Sommer im ewigen Eis - ein Öko-System verliert seine Balance

Wenn Jim Peterson, der Chef des staatlichen Forstamtes auf der Halbinsel Kenai in Süd-Alaska, sein Revier inspiziert, fährt er den Geländewagen grundsätzlich nur bei geschlossenen Fenstern. Und falls er den Pick-up-Truck verlässt, dann achtet er darauf, extra hohe Stiefel zu tragen.
Grund dieser Vorsorge ist nicht die Befürchtung, aggressiven Braunbären oder Schlangen zu begegnen, auch die gibt es hier. Petersons Revier, das zu durchqueren rund fünf Autostunden dauert, gleicht in den Sommermonaten eher einer Staubwüste denn einem jener berühmten, Kühle spendenden Fichtenwälder Alaskas. An der Straße stehen kilometerweit tote Bäume mit verdorrten Kronen. Nach dem Einbiegen auf einen nicht asphaltierten Waldweg bestätigt ein Blick in den Rückspiegel, dass von Wald im herkömmlichen Sinn keine Rede mehr sein kann: Peterson folgen Wolken von feinstem Staub, die sich minutenlang in der Luft halten.
Die Erklärung des Phänomens heißt "spruce beetle" - Fichtenkäfer. Das Insekt war zwar seit jeher Stammgast in Kenai und angesichts des relativ stabilen ökologischen Gleichgewichts schon immer ein Schädling. Doch in den neunziger Jahren breitete sich der Fichtenkäfer großflächig über Tausende von Quadratkilometern aus. Am Ende verlor die Region 700.000 Hektar Wald.
Peterson läuft auf eine Baumgruppe zu. Er klagt über die Trockenheit der vergangenen Monate, klettert über einen niedrigen Hain und tritt auf einige Bäume zu, die deutlich sichtbar von Käfern befallen waren: Völlig ausgedörrt. Ein Funke, und sie würden in Flammen aufgehen. "Im Winter, wenn die Stürme kommen, dann brechen die Bäume ab wie Streichhölzer, dann liegt das ganze Geäst auf dem Boden - das trägt zu den katastrophalen Bränden bei, die wir hier regelmäßig haben."
Ein vom Fichtenkäfer zerstörter Baum ist leicht zu erkennen. Die poröse Rinde lässt sich ohne großen Aufwand abziehen, deutlich sichtbar sind die Löcher, durch die sich das Insekt gebohrt hat. "Sind sie einmal im Baum, kann man nichts mehr dagegen tun", erläutert Peterson. Die Käfer-Larven fressen sich an der Rinde entlang. Auf diese Weise können die Säfte des Baums nicht mehr fließen, und er stirbt ab.
Hauptursache für die Ausbreitung des "spruce beetle" ist eindeutig die globale Erderwärmung. Höhere Frühlingstemperaturen sorgen für die Vermehrung des Käfers, weniger Regen macht die Bäume anfälliger für Krankheiten. Für Peterson ist es eine Kombination aus beiden Faktoren: "Die Erwärmung hat dem Käfer optimale Bedingungen beschert. Niemand weiß, wie man das verhindern soll."
Die lokalen Behörden sind bis heute ratlos. Die Forstämter raten Privatleuten, die einen besonders alten Baum auf ihrem Grundstück retten wollen, zum Einsatz von Pestiziden. Doch die Methode verbietet sich in größerem Rahmen. Jede einzelne Fichte müsste von oben bis unten abgesprüht werden. Ganze Wälder zu retten, ist extrem kostspielig. Darüber hinaus hat die Behörde alle Hände voll zu tun mit den 130 Waldbränden, die das Revier im Jahresdurchschnitt heimsuchen.

Würmer und Motten im Sommer
Der Forstexperte Glen Juday von der University of Alaska in Fairbanks befasst sich seit Jahren mit dem Lebensraum Wald in Alaska. Eines seiner Forschungsgebiete war zuletzt auch die katastrophale Käferplage auf Kenai. Die Dimension des Waldverlusts nennt Glen Juday den "schwersten Fall eines durch Insekten verursachten Baumsterbens in ganz Nordamerika".
Auch er ist sich sicher: dank der ununterbrochen warmen und trockenen Sommer sowie der für Alaska fast milden Winter seit den späten Achtzigern hätten sich die Fichtenkäfer explosionsartig vermehrt. "Es ist einzig und allein der Umstand, dass die Fichtenkäfer keine Bäume mehr zum Angreifen haben, der ihrer Ausbreitung Grenzen setzt."
Ein Unglück komme selten allein, fügt Juday hinzu. Auch andere Insektenplagen, wenn auch nicht so schlimm wie beim Fichtenkäfer, suchten die Wälder Alaskas heim: Würmer-, Motten- und Fliegenarten, die noch nie soweit nördlich beobachtet worden seien. "Alaska ist wegen des starken Temperaturanstiegs eine Art Modell dafür, was weltweit infolge der Erderwärmung passieren könnte." - Es ist das Modell einer gestörten Balance der Ökosysteme. Alaska liefert dafür erschreckendes Anschauungsmaterial. Nur eine Kausalkette: Wälder beeinflussen die Qualität des Wassers. Wasser wiederum ist der Lebensraum für Fische, und Fisch stellt eine wesentliche Lebensgrundlage für die indigene Bevölkerung Alaskas dar. Es geht also nicht nur um Tiere und Pflanzen in den sterbenden Wäldern, die in ihrem natürlichen Gleichgewicht bedroht sind. Ein wärmeres Klima kann dazu führen, dass sich die Bewohner einer Region urplötzlich ausmanövriert sehen, wenn ihr gesamtes Ökosystem kollabiert.
So wundert es nicht, dass Wissenschaftler inzwischen auch für Zentral- und Nord-Alaska die Alarmglocken läuten. Gunter Weller, Professor für Geophysik, ist einer von ihnen. Er leitet das Klimaforschungsinstitut in Fairbanks. Alaska liefere erste Hinweise auf die Auswirkungen des Treibhauseffekts, ist Weller überzeugt. "Die Temperaturen sind in Alaska sehr viel schneller gestiegen als sonst irgendwo. Weltweit ist es durchschnittlich um knapp ein Grad Celsius wärmer - hier in Alaska liegt dieser Wert zwei- bis dreimal höher". Was nicht nur für Alaska gilt, sondern auch für die gesamte Arktis.

Das Gefrierfach taut allmählich ab
Zentral- und Nordalaska bestehen größtenteils aus einer baumlosen Kältelandschaft, der sogenannten Tundra. Ein Gebiet, das sich über 1.500 Kilometer nach Norden in die Arktis erstreckt, und ebenso weit von Ost nach West. Wo zwischen Tundra und Arktis die Grenze verläuft, liegt an der jeweiligen Definition: Entweder dort, wo der Permafrostboden oder das Eis des Meeres beginnt. Zur Arktis werden Grönland und Teile der nordkanadischen Inseln gezählt, aber auch das Nordpolarmeer und die Nordküste von Alaska.
Die nördlichste Ortschaft Nordamerikas heißt Barrow, erreichbar nur per Eisbrecher über das Polarmeer oder aus der Luft. Barrow wird mehrmals täglich von Anchorage und Fairbanks aus angeflogen, handelt es sich doch mit 4.000 Einwohnern um die größte Eskimo-Siedlung Alaskas. Außerdem beherbergt der Ort eine Forschungsstation, in der sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt mit Naturphänomenen befassen.
Der Australier Craig Tweedie erforscht hier im Auftrag der Michigan State University die Tundra. Eine Kausalität zwischen globaler Erderwärmung und den Konsequenzen für die Region beobachtet Tweedie schon seit Jahren. Die Trockenzonen in der Tundra breiten sich aus, während die Feucht-Gebiete schrumpfen - eine regelrechte Austrocknung, die dazu führt, dass die Tundra von einer Kohlendioxid-Senke zu einer Kohlendioxid-Quelle wird. Dank der niedrigen Bodentemperaturen und der hohen Feuchtigkeit war das CO2 in den vergangenen 10.000 Jahren im arktischen System als Bestandteil von Pflanzen, also als Biomasse gespeichert - aber dieser Speicher ist heute leck.
Craig Tweedie vergleicht den Prozess mit einem Kühlschrank. Das Gefrierfach taue allmählich ab und setze Kohlendioxid frei. "Mehr CO2 in der Atmosphäre bedeutet, dass sich die Arktis wegen des Treibhauseffektes weiter erwärmt. Man sollte sich klar machen, dass dieses Territorium sechs Prozent der Erdoberfläche einnimmt, sich darin aber mehr als doppelt so viel - nämlich 14 Prozent - der weltweit gespeicherten CO2-Vorkommen befinden."

Saison für Grizzly-Bär und Lachs
Eine verfrühte Eis- und Schneeschmelze, das vorzeitige Auftauen des Permafrostbodens sowie der steigende Meeresspiegel sind für viele Bewohner Alaskas heute bereits lebensbedrohlich. Mitte Juli stimmten die Einwohner des Dorfes Shishmaref im äußersten Westen dafür, ihre Siedlung weiter ins Landesinnere zu verlegen. Bisher siedelten sie auf einer schmalen Inselzunge direkt an der Beringstrasse. Nun aber nähert sich die See von beiden Seiten und zerreißt die Notdämme. Die Kosten der Umsiedlung - sie werden vom Bundesstaat übernommen - werden auf mehr als 100 Millionen Dollar kalkuliert.
Keine Frage, dass die Erwärmung Alaskas gerade von der älteren Generation mit früheren Zeiten verglichen wird, als die Wintertemperaturen noch auf minus 45 Grad absanken. Die 56-jährige Altenpflegerin Mar-
gret Glasstetter aus Barrow ist sich sicher: "Das Sommerwetter bei uns hat sich geändert. Das Gras ist höher, auf einmal gibt es bei uns Lachse an Stellen, wo früher nie welche auftauchten. Grizzly-Bären kommen zu uns hoch, ebenso Elche. Das gab es früher nicht."
Einer der Dorfältesten, der ehemalige Rentierhirte Edward Edwardson, der als Jugendlicher noch Iglus baute, um sich vor Kälte und Eisbären zu schützen, ist fassungslos über lang anhaltende sommerliche Temperaturen. Er trägt Mitte Juli ein T-Shirt und in seiner Wohnung hat er Ventilatoren aufgestellt, um nicht in Schweiß auszubrechen. Die Temperatur beträgt freilich nur knapp über 20 Grad, für einen Barrower allerdings schon eine unerhörte Hitze. Der 76-jährige erinnert sich: "Dieser Sommer 2002 ist der wärmste, den wir je hatten. Ganz ohne Mücken. Früher hatten wir sie zu dieser Jahreszeit scharenweise. Jetzt nicht ein einziger Moskito."
Eine vertrocknende Tundra, ausbleibende Moskitos, aussterbende Tierarten im Norden, Insektenplagen im Süden Alaskas - die Reihe der durch den Klimawandel verursachten Phänomene wird länger. Obwohl der Staat Alaska immer neue Areale zu Katastrophengebieten erklären muss, stellen bislang nur wenige seiner Bewohner eine Verbindung zur Erderwärmung her. "Die Leute kennen die Geschichte nicht", klagt Randy Virgin, Direktor des Umweltzentrums Alaska in dessen Hauptstadt Anchorage, "und viele wollen es einfach nicht wahrhaben". Die Bundesregierung in Washington wisse sehr wohl, was vor sich gehe, halte sich aber bedeckt solange keine akuten Krisensymptome aufträten und das politische Kräftegleichgewicht nicht angetastet werde, glaubt Virgin. Präsident Bush und Vizepräsident Cheney seien früher selbst im Öl-Business gewesen. "Sie bekommen von dort ihre Wahlkampfspenden, da gibt es doch überall Seilschaften."
Auch Gunter Weller vom Klimaforschungsinstitut an der Universität in Fairbanks stimmt dieser Analyse zu und verweist auf den Ausstieg der USA aus dem Kyoto-Prozess und das 97 : 0 - Votum im US-Senat gegen das Kyoto-Protokoll. Wissenschaftler spielten in den USA zwar eine Rolle, wenn es darum gehe, für neue Entwicklungen in Öffentlichkeit und Politik Gehör zu finden. Aber bei Warnungen, dass es sich bei der globalen Klimaveränderung um eine ernste Herausforderung handelt, mit der man sich endlich befassen müsse, seien sie weniger erfolgreich. Das Gegenargument gegen staatliche Eingriffe laute immer, gezielte Klimapolitik schade den Interessen der US-Industrie. "Ein bedauerlicher Trugschluss", denkt Weller, "in vielen europäischen Ländern, in denen die Klimaveränderung ernst genommen wird, lässt sich mit neuen Technologien viel Geld verdienen."
Da hilft auch das Engagement der politisierten Native Alaskans nicht weiter. Die Interessenvertreter fast aller Eskimo-Stämme bemühen sich im Gegensatz zu den konservativen Weißen sehr wohl um die Erklärung der Zusammenhänge von Klimawandel und lokaler Ökologie. Es ist traditionell Bestandteil ihrer Kultur, im Einklang mit der Natur zu leben. Die zugewanderten weißen Neu-Alaskaner scheren sich um den Temperaturanstieg nur wenig. Wenn es wärmer werde, lautet der ebenso naive wie traurige Kommentar, das sei doch gut für das kalte Alaska.

00:00 23.08.2002

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