Der Spieler

Helmut Kohl Den Bundeskanzler der deutschen und der europäischen Einheit haben viele unterschätzt
Der Spieler
Helmuth Kohl war ein begnadeter Spieler – auch und gerade in der Politik
Foto: imago/Sven Simon

Von Konrad Adenauer, dem großen Vorbild Helmut Kohls, gibt es die Bemerkung, ein guter Politiker müsse ein Spieler sein. Der erste und der sechste Bundeskanzler waren hervorragende Spieler. Kohl bewies dies nie erfolgreicher als beim Herbeiführen der Wiedervereinigung, die den Deutschen mitnichten einfach in den Schoß fiel. Er hatte es auch bewiesen, als er nach einem ersten vergeblichen Anlauf, Bundeskanzler zu werden, seinen Konkurrenten, den heute schon legendären CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß ausmanövrierte. Nach dessen Scheitern hatte er freie Bahn. Doch um diesen Aspekt ganz zu würdigen, lohnt es sich, der Reihe nach vorzugehen.

Kohl, der nicht aus einem wohlhabendem Elternhaus kam, studierte im Hauptfach Geschichte, verzichtete aber darauf, wie viele politisierende Studenten, ein Lehramt zur Absicherung einer unsicheren Karriere anzustreben, und nahm einen Job in der Industrie an, der ihm Zeit für die Parteiarbeit ließ. In der CDU strebte er jede mit Abstimmungen verbundene Position so früh wie möglich an. Als er 1971, schon Ministerpräsident in Mainz, Bundesvorsitzender seiner Partei werden wollte, unterlag er Rainer Barzel. Doch als der mit seinem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt scheiterte und hernach die Bundestagswahl verlor, rückte Kohl sofort vom zweiten auf den ersten Platz vor. Er hatte ein Spiel verloren, nicht die Partie.

Kohl galt damals als der reformfreudigste Länderchef in der Bundesrepublik und mit den Veränderungen, die er den Rheinland-Pfälzern zugemutet hatte, war er manches Wagnis eingegangen. Aber er gewann. Als er 1976 Kanzler werden wollte, erzielte die Union bei der Bundestagswahl ein gigantisches Wahlergebnis, aber es reichte nicht aus. Kohl ging trotzdem nach Bonn, und das schien ein Fehler gewesen zu sein. Denn gegenüber dem perfekten Kanzlerdarsteller Helmut Schmidt hatte er in der Performance keine Chance. Kohl wurde zur Witzfigur in der deutschen Politik. Dann begann er ein besonders riskantes Spiel. Für die Bundestagswahl 1980 – Gegner Helmut Schmidt – brachte er den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ins Gespräch, einen smarten aber dennoch blassen Politiker. Das trieb die Bayern auf die Zinnen. Sie, aber auch viele CDU-Leute in Kohls Bonner Fraktion wollten stattdessen Franz Josef Strauß. Kohl wechselte die Rolle vom Protagonisten zum Moderator und am Ende kämpferischer Tage sah sich der stets zögernde CSU-Matador als Kanzlerkandidat ausgerufen. Er verlor die Wahl deutlich. Und wieder rückte Kohl vom zweiten Platz auf den ersten vor. Nach zwei Jahren scheiterte Schmidt an seiner SPD und Kohl wurde mit Hilfe der FDP Kanzler.

Meisterstück Mauerfall

In diesem Amt schien Kohl lange Zeit glücklos zu agieren und so kam es dass 1989 auf dem Bremer Parteitag die Parteifreunde einen Putsch gegen ihn versuchten. Kohl brachte den schon im Ansatz zum Scheitern, weil er zuvor dessen Hauptakteur, seinen alten Freund Heiner Geissler, als CDU-Generalsekretär absetzte. Geissler hatte das nicht für möglich gehalten, denn er war in der Partei beliebter als Kohl. Aber jetzt fehlte in Bremen der Kopf der Bewegung und als es Kohl auch noch gelang, sich mit dem ungarischen Außenminister über das passende Timing für die Öffnung der ungarischen Grenze für DDR-Flüchtlinge zu einigen, war schon am Vorabend der Parteitages für Kohl alles klar.

Das Meisterstück gelang ihm wenige Monate später. Die Mauer fiel, die Nachfolger Erich Honneckers gerieten ins Schwimmen, alles wollte die Wiedervereinigung. Kohls europäische Partner wollten sie mit wenigen Ausnahmen nicht. Aber der Kanzler wusste, dass die USA bei den sich abzeichnenden Verwerfungen in Mittel- und Osteuropa nicht riskieren würden, die treuen Deutschen zu verärgern. Kohl musste nur aufpassen, dass die Europäer keine Gründe fanden, sich gegen Bonn zusammenzuschließen. Man braucht nur einige Seiten in den Memoiren der englischen Premierministerin Margaret Thatcher zu lesen, um zu begreifen, womit er es zu tun hatte. Aber es gelang Kohl, Thatcher vom französischen Präsidenten zu trennen – und die Gegner einer Wiedervereinigung zu isolieren.

Er durfte allerdings den Amerikanern nicht zu viel zumuten und er musste bei Michail Gorbatschow die Überzeugung wach halten, dass der sich für die marode Sowjetunion von den Deutschen mehr versprechen könnte, als von Franzosen, Engländern, Italienern und wem sonst noch zusammen. Zudem musste er unauffällig aufs Tempo drücken, weil die Situation in der DDR zu kippen drohte. Kohl gewann auch dieses Spiel. Und als Mitterand dafür die Abschaffung der D-Mark und die Einführung einer europäischen Gemeinschaftswährung forderte – gegen den wütenden Protest von Maggie Thatcher – war das für den Europäer Kohl kein Preis, den er zu zahlen hatte, sondern ein Bonus, den er oben drauf bekam.

Mit dem Versprechen an die Bürger in den neuen Bundesländern, dort würden demnächst überall blühende Landschaften entstehen, schien sich Kohl verzockt zu haben, denn diese kamen nicht über Nacht. Und wer schon immer den Kanzler verhöhnt oder verlacht hatte, fand jetzt Gelegenheit, den alten Umgang mit Kohl wieder aufzunehmen. Hinzu kam der Vorwurf, mit dem Versprechen gelogen zu haben. Tatsächlich gibt es seit langem in Sachsen oder Brandenburg oder Thüringen mehr blühende Landschaften als etwa im Ruhrgebiet oder Ostniedersachsen.

Im letzten Spiel die bitterste Niederlage

Aber als es so weit war, damit aufzutrumpfen, war Kohl schon nicht mehr Kanzler. Er hatte 1998 die Wahl gegen einen anderen vorzüglichen Spieler verloren: Gerhard Schröder. Erst hatte Schröder seinen Konkurrenten Oskar Lafontaine ausmanövriert, dann hatte er – von der Wirkung dieses Coups getragen – Kohl als alten Mann aussehen lassen, dessen Zeit vorbei sei. Dagegen hatte dieser keine Chance. Er musste abtreten.

Das letzte Spiel, das er wagte, verlor Helmut Kohl danach auf die bitterste Weise. In der Parteispendenaffäre, die seine Partei auf Ärgste belastete, glaubte er damit durchzukommen, dass er von einem Ehrenwort sprach, dass er einigen Spendern, die dem Kanzler Geld überreicht hatten, gegeben habe: ihre Namen sollten nicht genannt sein. Für die Plausibilität dieser Behauptung gab es einen Grund: Die SPD griff Spendengeber an die CDU stets massiv an. Aber jetzt gab es doch etliche in der Union, die Kohl nicht mehr folgten – und darauf beharrten, dass er sein Wort nicht über das Gesetz stellen dürfe. Alte Weggefährten wandten sich von ihm ab. Als dann noch sein Nachfolger als CDU-Vorsitzender, Wolfgang Schäuble , in den Spendensumpf geriet, erlebte er eine Überraschung.

Angela Merkel, eine junge Frau aus dem Osten, die Kohl zur Ministerin gemacht hatte, jetzt Generalsekretärin der CDU, zeigte, dass sie das Spiel, das ein Politiker beherrschen muss, inzwischen gut gelernt hatte. Sie erfasste die Gunst der Stunde und veröffentlichte in der FAZ einen Artikel, in dem sie die CDU aufforderte, sich von Kohl, der 25 Jahre lang der Vorsitzende gewesen war, zu emanzipieren. Damit war der Bann gebrochen. Wenig später war Kohl auch nicht mehr Ehrenvorsitzender seiner Partei. Er schied grollend aus Berlin.

Kohl war eine mutige Spielernatur. Aber er hatte sich – anders als andere Spieler – stets im Griff. Dabei half ihm, dass er hochgebildet war. Man übertreibt kaum, wenn man ihn den belesendsten Kanzler seit Adenauer nennt. Das Studium, das er bei bedeutenden Gelehrten mit der Promotion abschloss, war das anspruchsvollste im Vergleich zu dem seiner Politiker-Kollegen. Aber er vermochte nicht, das anderen zu zeigen. Gregor Gysi sagte, „die meisten Menschen können ja besser reden als denken. Bei Kohl ist das umgekehrt“. Ihn habe immer fasziniert, wie Kohl hinnimmt, „dass die meisten das nicht durchschauen.“ Da hat Gysi recht.

13:11 19.06.2017

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