Der Star dieser WM

Fußball Lange hat er daran gearbeitet, bei der Fußball-WM in Südafrika hat es geklappt. Die Welt spricht nur noch über ihn, die Pfeife Gottes. Eine Würdigung des Schiedsrichters

Das Herz eines Spielers: Im Grunde bleibt bei allem ehrenwerten sportlichen Ansinnen eines Schiedsrichters ein Problem: Sein Herz ist eigentlich das eines Fußballprofis, der nur leider in den Schulmannschaften immer als Vorletzter ins Team gewählt wurde. Weil man es so nie zum Mittelfelddribbelballsturmstar schafft, bietet sich eine andere Lösung für das Dilemma an: Man besorgt sich eine Pfeife und entscheidet einfach mit über Helden und jene anderen, die an ihren Schicksalskärtchen verzweifeln. Gott kennt ja so einige Wege.

Kopfgeburt: Naturgemäß entscheidet sich die Qualität und Begabung eines guten Schiedsrichters im Kopf: Er muss den Anwärterlehrgang absolvieren (Mindestalter 12 Jahre) und Prüfungen zum Regelwerk sowie der körperlichen Fitness absolvieren. Des weiteren wird erwartet: „Eine gewisse charakterliche Festigkeit der Persönlichkeit, um gebotene Neutralität gewährleisten zu können“ (Konsens-portal Wikipedia). Was so logisch klingt, endet jedoch schnell in einem moralischen Dilemma. Auch wenn die Bezeichnung Schieds-Richter suggeriert, es handele sich um ein demokratisches Element auf dem Platz, so beweist die alltägliche Praxis doch eher eine Ahnung von Carl Schmit­tianischer Dimension: Als Hüter des Platzes hat die Einzelperson die ganze Verantwortung. Ein Mensch. Das kann rational betrachtet nicht fair zu gehen. Hat dafür Anti-Helden-Potenzial.

Schlechte Karten: Das gelb-rote Spektakel, über das sich bei dieser WM alle beklagen, ist eine relativ neue Erfindung. Bis in die 1960er Jahre gab es lediglich mündlich ausgesprochene Platzverweise. Erst als sich der Argentinier Antonio Rattin bei der WM 1966 dem Verweis des deutschen Schiedsrichter Rudi Kreitlein widersetzte und 10 Minuten trotzig auf dem Platz blieb – wie ein Kind, das man aufforderte den Sandkasten zu verlassen –, wurde über eine Strafreform nachgedacht. In der Folge entwickelte man analog zur Ampel eine Gelbe und eine Rote Karte. 1991 kam dann noch die „Ampelkarte“ (Gelb-Rot) hinzu.

Geld ist alles: Selbstverständlich ist die Tätigkeit eines Schiedsrichters in Deutschland eine ehrenwerte und deshalb fällt sie unter die Kategorie „Ehrenamt“. Daher heißt die Entlohnung im professionellen Bereich Aufwandsentschädigung und liegt bei 3.800 Euro (1. Bundesliga), 2.000 Euro (2. Liga) sowie 750 Euro (3. Liga). Ein Assistent erhält die Hälfte des Schiedsrichters und der vierte Offizielle ein Viertel des Betrages. Bei einer WM erhalten Assistenten sowie Schiedsrichter von der FIFA rund 33.000 Euro plus 80 Euro Spesen am Tag. Entlohnungen für besondere Leistungen sind dennoch gern gesehen: Robert Hoyzer etwa ­freute sich 2005 unter anderem über einen Plasma-Bildschirm für tippgerechte Pfeifleitungen.

Neulich auf dem Head-Set: Seit einigen Jahren kommuniziert der Schiedsrichter per Funk mit seinen Linienrichtern. Aus gegebenem Anlass nun die mutmaßlichen Funksprüche vom 27. Juni 2010 zwischen Schiedsrichter Roberto Rosetti und Linienrichter Stefano Ayrol, Sekunden nach dem regel­widrigen 1:0 der Argentinier gegen Mexiko.

Rosetti: „Ich gebe das Tor, okay?“

Ayrol: „Tolles Tor! Von mir aus kein Abseits.“

Rosetti: „Danke, mein Freund (signalisiert: Tor, keine Proteste der Mexikaner)“

Im Hintergrund läuft auf der Video-Leinwand der argentinische Führungstreffer. Die mexikanischen Spieler sehen, was alle im Stadion sehen: Tevez stand ungefähr 80 Meter im Abseits.

Ayrol: „Äh …“

Rosetti: „Was äh?!“

Ayrol: „Ich … äh … möchte dir noch etwas sagen … es war Abseits“.

Die Mexikaner laufen auf den Linienrichter zu. Es wirkt, als habe auch der die Szene auf der Leinwand gesehen. Um den Linienrichter hat sich eine Traube von Spielern gebildet.

Ayrol: „Ich … nein … ich weiß nicht, wovon sie reden … Hilfe, Roberto!“

Rosetti: (laut) „Zurück!“ (hinter vorgehaltener Hand): „Was ist los?“

Ayrol: „Da, da, da … auf der Leinwand … ich … “

Rosetti: „Verflucht, nicht hinzeigen und halt dir die Hand vor den Mund, verdammt, sonst werden später Lippenleser unser Gespräch rekonstruieren können.

Ayrol: (murmelnd) „Eswarabseitstutmirleid“.

Rosetti: „Quatsch. Egal. Versuch, es dir nicht anmerken zu lassen. Das war eine Tatsachen- entscheidung. Blatter lässt mich hinrichten, wenn ich das Tor zurücknehme.“

Ayrol: „Und was ist mit der mexikanischen Mafia? La Familia? Ich bin erledigt!“

Rosetti: „Sobald die Mexikaner es in den Strafraum schaffen, gebe ich Elfmeter.“

Dumm gelaufen: Schiedsrichter laufen je nach Spielverlauf mindestens (!) genau so viel wie die Spieler. Also zwischen 10 und 12 Kilometer.

Mann mit Pfeife: Schiedsrichter gibt es im organisierten Fußball erst seit 1890, bis dahin war es Aufgabe der Spielführer, sich untereinander über begangene Regelverletzungen zu einigen. In der Folge brachte jedes Team seinen eigenen „Unparteiischen“, damit sich die Kapitäne mehr aufs Spiel konzentrieren konnten. Seit der Jahrhundert­wende gibt es einen alleinigen Schiedsrichter. Die patriarchal anmutende Position des modernen Fußball-Schiedsrichters ist eine Ausnahme in der Sportwelt. In allen anderen großen Sportarten gibt es mindestens zwei gleichberechtigte Offizielle, die sich zumeist auch auf Videobeweise stützen dürfen. Die einzige Sportart, die heute ohne Schiedsrichter auskommt, ist das kontaktarme Frisbeespiel Ultimate.

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17:05 07.07.2010

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