Der Staubsauger

Action Nie war „Godzilla“ wichtiger als heute: Im 27. Kinoauftritt des Monsters werden die Traumata vergangener Jahrzehnte spektakulär entsorgt
Elena Meilicke | Ausgabe 20/2014 3
Der Staubsauger

Bild: Warner Bros

Dass das Katastrophenkino mit seinen Monstern, Aliens und Naturgewalten historische Traumata bearbeitet, ist längst ein kulturwissenschaftlicher Gemeinplatz, ergibt aber nirgendwo mehr Sinn als im Fall der urtümlichen Riesenechse Godzilla. Im Herbst 1954, nicht einmal zehn Jahre nach Hiroshima und Nagasaki und nur wenige Monate, nachdem die Besatzung des japanischen Fischerboots Daigo Fukuryū-Maru durch amerikanische Atomtests auf dem Bikini-Atoll verstrahlt worden war, brachte das japanische Tōhō-Studio den ersten Godzilla-Film unter der Regie von Ishirō Honda in die Kinos, 26 weitere folgten.

Als Meeresmonster, das von Atombombentests aufgescheucht entsetzliche Verwüstungen anrichtet, wurde Godzilla zur Chiffre für technikkritische Science-Fiction, die das Trauma von Hiroshima und Nagasaki in verfremdeter Form zur Wiederaufführung brachte und das Schweigen brach, das im Japan unter amerikanischer Okkupation über die Atombomben herrschte. Es ist insofern von fast zwingender Notwendigkeit, Godzilla im Jahr 2014 erneut in die Kinos zu bringen: als eine Art Hommage zum 60. Geburtstag des Filmmonsters, aber auch als katastrophenfilmische Reaktion auf das Reaktorunglück in Fukushima im Frühjahr 2011.

Appropriation Art?

Die Adaption von Gareth Edwards lässt Godzilla gegen zwei insektenähnliche, von Radioaktivität genährte Riesenmonster antreten – sogenannte MUTOs – und weiß dabei genau, in welchem film- und zeitgeschichtlichen Diskursfeld sie sich bewegt. Schon der Vorspann versammelt in einer schnellen Montagesequenz Memoranden, Presseartikel und Filmaufnahmen von den US-amerikanischen Atomtests in der Südsee. Eine kleine Taschenuhr, stehengeblieben am 6. August 1945, stellt die Verbindung zu Hiroshima her.

Godzilla beginnt als dramatisches Spektakel um den Einsturz eines japanischen Kernreaktors und die Vertuschungsversuche eines korrupten Elektrokonzerns, der an Tepco erinnert, erweitert dann das Feld der Anspielungen und Referenzen und vergrößert den Resonanzraum. Mit ungeheurem Appetit inkorporiert und vermengt Edwards’ Godzilla vieles von dem, was die westliche Welt im Allgemeinen, die USA im Besonderen in den letzten Jahren erschüttert hat: neben Fukushima der 11. September 2001 (wiederholt zirkuliert im Film die Schlagzeile „America under Attack“), aber auch der Tsunami von Weihnachten 2004 sowie – vager und schon länger her – der Zweite Weltkrieg, Pearl Harbor, Vietnam.

Die Vervielfältigung von Schauplätzen – der Film bewegt sich von den Philippinen über Japan und Hawaii langsam auf den Höhepunkt in San Francisco zu – und die Verschmelzung unterschiedlichster Untergangsszenarien irritieren ein wenig. Aber natürlich ist Edwards’ Blockbuster-Katastrophentourismus eine bombastische Angelegenheit von höchstem Schauwert. Ästhetisch und poetologisch gesehen, ist der Film von der Atombombe nicht so weit entfernt, wie sein Plot in Godzilla-Tradition glauben machen will. Überhaupt könnte man darüber nachdenken, was passiert, wenn Hollywood ein japanisches Narrativ aufnimmt, das ursprünglich vom US-Atombombenabwurf über Japan erzählt, um damit (unter anderem) die Geschichte der eigenen Nation zu schreiben: Ist das Appropriation Art? Revisionismus? Auf alle Fälle ein durch und durch hybrides Produkt, und das sind ja immer die spannendsten.

Spektakeltechnisch operiert Godzilla auf höchstem Niveau (mit 3D) und hat sich mir in etlichen Miniaturen ins Gedächtnis gebrannt. Wie wendige Kampfflugzeuge neben der Golden Gate Bridge in den Ozean stürzen, als wären sie faulige Äpfel. Wie Godzillas brachialer, ultrabassiger Urschrei an den kleinen, roten Lampions in San Franciscos Chinatown zerrt, bis ihre Aufhängung reißt. Wie Fallschirmspringer sich vor rosigem Abendhimmel in den Abgrund stürzen, untermalt von einem Soundtrack dissonanter Chöre, die immer lauter werden und so schrill, dass der Kopf zu zerspringen droht – dann wieder absolute Stille (Musik: Alexandre Desplat, der zuletzt mit Roman Polanski oder Wes Anderson gearbeitet hat). Oder, etwas heiterer, wie ein MUTO die illusionsmächtigen Innenräume der Fassadenstadt Las Vegas stampfend in Schutt und Asche legt und dabei Elvis Presleys You’re the Devil in Disguise läuft. Aufs Schönste bedient Godzilla die Lust am Apokalyptischen und schenkt jenes seltsam perverse Gefühl der Befriedigung, das entsteht, wenn die Insignien hochgradig komplexer Zivilisationen im Kino zu Staub pulverisiert werden.

In letzter Instanz liefert der MUTO einen weiteren Schlüssel zum Verständnis der überschießenden Akkumulation von Katastrophenschauplätzen in Godzilla. Durch diese Anhäufung übernimmt der Film genau jene Funktion, die er selbst den MUTOs zuweist: Indem diese menschenfeindlichen Monster sich von tödlicher Radioaktivität nähren, binden und neutralisieren sie sie. Analog scheint Godzilla sich als filmischer Staubsauger zu begreifen, der die traumatischen Nachrichten- und Fernsehbilder der letzten Jahre in sich aufnimmt und so an ihrer Verarbeitung wirkt. Auf Griechisch heißt Reinigung Katharsis.

Godzilla Gareth Edwards USA, J 2014, 123 Min.

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06:00 15.05.2014

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