Der Stier vom Goldenen Horn

Eine Liebesgeschichte aus Istanbul Buket Uzuner, Jahrgang 1955, ist eine der bekanntesten und meistgelesenen Schriftstellerinnen der Türkei. Die Bücher der studierten Biologin und ...

Buket Uzuner, Jahrgang 1955, ist eine der bekanntesten und meistgelesenen Schriftstellerinnen der Türkei. Die Bücher der studierten Biologin und Umweltforscherin stehen seit mehr als zehn Jahren auf allen Bestsellerlisten im Land. Buket Uzuner arbeitete als Lektorin für ausländische Literatur des türkischen Verlages Remzi-Publishers in Istanbul. Sie ist Mitglied des türkischen Pen und der türkischen Schriftstellervereinigung. 1993 gewann Buket Uzuner für ihren Roman The Sound of Fishsteps den Yunus-Nadi-Preis. Zuletzt erschienen von ihr 2000 der Roman New York Defteri und 2001 The Long White Clud Gallipoli. Im Freitag (Nr.36) veröffentlichte Uzuner kürzlich die politische Rede Ein 800 Jahre alter Traum. Die hier abgedruckte Liebesgeschichte stammt aus der Kurzgeschichtensammlung A Cup of Turkish Coffee und erscheint in dieser Freitag-Ausgabe erstmals in deutscher Übersetzung.

Die Fremden nennen die Meeresbucht in unserer Stadt Das Goldene Horn. Als einzige Stadt der Welt besitzt Istanbul ein goldenes Horn". Das genau waren ihre Worte. Sie sagte sie oft, sehr oft. Dann schweiften ihre Augen verträumt in die Ferne. Ob sie dabei mit Sehnsucht an gelebte oder doch eher mit Bedauern an ungelebte erste Liebeleien ihrer Mädchenzeit in Istanbul zurückdachte, blieb mir immer rätselhaft. Überhaupt war ich damals viel zu jung, um zu wissen, dass unsere Erinnerung alle Liebesbeziehungen, gleich ob in Wahrheit erlebt oder nur in der Phantasie, unter dem Schleier der Vergangenheit nur noch getrübt wahrnimmt.

"Die einzige Stadt mit einem goldenen Horn! Das Goldene Horn!"

Jedes Mal, wenn ich diese Worte hörte, öffnete sich für mich eine Tür, und davor erschien ein riesiger schwarzer Stier. Weshalb der Begriff "Horn" mir immer wieder einen Stier, und nicht einen Hirschen oder einen Ochsen, vor Augen führte, auch das konnte ich damals noch nicht wissen. Auf jeden Fall war es so, dass bei jeder Erwähnung der "einzigen Stadt mit einem goldenen Horn" oder auch nur bei dem Gedanken daran ein mächtiger Stier wutentbrannt auf mich zugerannt kam. Was heißt hier gerannt, angestürmt kam er, fest entschlossen, mich anzugreifen und zu zerfleischen. Ich hatte Angst, große Angst. Ich begann zu zittern, meine Knie gaben nach. Trotz meiner panischen Angst bemerkte ich jedoch jedes Mal ausnahmslos als erstes, wie schön und jung dieser Stier war; erst dann schloss ich die Augen und erwartete seinen Angriff. Ich war zu sehr im Banne der Angst, um fortzulaufen. Es war immer wieder das Gleiche. Und jedes Mal war ich gleichzeitig verzaubert von der Aura der Gesundheit und Lebensfülle, der Kraft und Lebendigkeit, die das Tier ausstrahlte. Dieses Gefühl der Bewunderung für die Schönheit eines wütigen Stieres, der mich als nächstes zerfleischen würde, trat neben meine durch genau diese Wut und Angriffslust ständig wachsende Angst. Das Auftreten dieser beiden scharf umrissenen (starken) Emotionen - der Bewunderung und der Angst - so eng nebeneinander, hinterlässt im Menschen gewöhnlich den Eindruck der eigenen Minderwertigkeit. Als begäbe er sich in eine freiwillige Sklaverei, mit allen Gefahren der Abhängigkeit, wie unter einer Hypnose ...

Doch der Angriff blieb aus. Ein Wunder geschah, der Stier griff mich nicht an. In dem Moment, wo ich meine Augen öffnete und ihn unmittelbar vor mir erblickte, sahen wir uns höchst verwundert an. Denn der Stier und ich bemerkten stets im gleichen Augenblick, dass etwas an ihm nicht in Ordnung war, dass er einen Mangel aufwies; und dass wunderbarerweise in genau diesem Mangel seine außergewöhnliche Schönheit bestand: Dem Stier fehlte ein Horn! Oder aber, er besaß nur eines, ein goldenes Horn, das genau aus der Mitte seines Kopfes hervortrat und glänzend himmelwärts strebte. Er war der einzige Stier mit einem einzigen goldenen Horn! Er war eine Legende! Wenn ich meine Augen mit Gewalt von diesem in den Istanbuler Himmel strebenden Horn losriss und in die seinen sah, dann blickte dieser wütendste unter allen legendären Stieren der Welt mich traurig und unschuldig an. Dieser weiche, dunkle Blick umfing mich mit einer Zärtlichkeit, die in krassem Gegensatz stand zu der jungen, energischen Kraft seines gewaltigen Körpers. Und zum ersten Mal erlebte ich den ästhetischen Genuss, den ein solcher, den geltenden moralischen Vorstellungen völlig widerstrebender Gegensatz hervorzubringen vermag. Ich fühlte mich wie in einem seltsamen Licht gebadet, eine unbekannte Freude erfüllte mich.


Und während ich, von meiner Angst befreit, voller Bewunderung dieses im Licht glänzende einzelne Horn betrachtete, stand er dort und wartete mit einem Blick in seinen traurigen Augen, in dem eine tiefe Besorgnis über sein Anderssein lag, gleichzeitig aber auch die Kraft, dieses zu akzeptieren. Seine Haltung drückte den ganzen Schmerz und die Einsamkeit dieses Augenblicks der Resignation aus. Wenn ich es heute nachvollziehen kann, wie schwierig und schmerzhaft ein solches Eingeständnis ist, dann verdanke ich es diesem legendären Stier. Wie viele Menschen mag es schon geben, die einen solchen Moment des Eingeständnisses miterlebt, mit eigenen Augen gesehen haben? Wo wir doch stets eifrig darauf bedacht sind, solche Augenblicke der Resignation sogar vor uns selbst zu verstecken ... Dieser Stier aber war etwas Besonderes. Er war ganz er selbst, einsam und sehr schön. Als ein Symbol der Macht, der Fruchtbarkeit, der Wut und der Angriffslust auf die Welt gekommen, trug er, wegen seines ganz besonderen Mangels, eine zärtliche Traurigkeit in seinem Blick. Er war Istanbul, der Stier von Istanbul. Meine Bekanntschaft mit dem quälenden Schmerz der Spannung, zwischen den Gegensätzen zerrissen zu werden, fällt in genau jene frühe Zeit meiner Jugend. Bewunderung und Mitleid! Das Gefühl des Mitleids hat einen sauren Geruch; die Bewunderung duftet nach Vanille. Seit jenem Tag verabscheue ich Essig und Stierkämpfe. Anders ist es mit der Vanille: Alles, was nach ihr duftet, verzaubert und verführt mich, ja, nimmt mich gefangen.

Die einzige Stadt, durch welche das Meer fließt!" pflegte sie zu sagen, als wenn sie ein Gedicht rezitierte, mit einem in die Ferne schweifenden Blick. Die einzige Stadt der Welt, durch welche das Meer floss, war Istanbul. Aber was, um Gottes willen, konnte das bedeuten? Wie wäre es wohl, wenn das Meer durch mich flösse?

In solchen Augenblicken dachte ich an Deniz*. Deniz auf dem Fahrrad, beim Ballspiel oder singend. Deniz, der sich so wunderbar begeistern konnte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Deniz mit seiner ganzen schönen Konzentration, mit der er alles, was er unternahm, anging. Ich hatte damals noch keine Ahnung von den Verstellungskünsten jener, die sich bis zu Ermüdung selbst darstellen, noch von der Aufrichtigkeit jener, die sich ganz ihrer jeweiligen Tätigkeit hingeben. Außerdem war ich zu unerfahren, um zu wissen, dass Gefühlsarmut auf Arroganz und Unaufrichtigkeit zurückgeht, und dass Liebesbeziehungen nur Freude zu bringen vermögen, wenn sie von der Wärme gegenseitigen Vertrauens gespeist werden. Man könnte auch sagen, dass ich noch einen langen, mühsamen Weg zurücklegen musste, bis ich zu der Erkenntnis meiner eigenen Vorlieben und Wahrheiten gelangen sollte. Aber Deniz war mein bester Freund, das wusste ich damals schon, und mit ihm zu spielen, liebte ich mehr als alles andere. Auch er spielte gern mit mir. Sehr gern.

Was hätte ich darum gegeben zu wissen, was die Stadt empfand, durch die das Meer hindurchfloss! Ich dachte dabei immer sofort an Deniz, der den Namen dieses großen Gewässers trug. Deniz war ein lebhaftes, widerspenstiges und unruhiges Kind. Er war wie Quecksilber, man konnte ihn nicht fassen. Weil er es hasste, zum Frisör zu gehen, fielen seine feinen braunen Haare im Sommer bis auf die Schultern herab. So stellte ich mir Deniz immer vor, als ein quicklebendiges, ganz aus Haaren bestehendes Wesen. Ich erträumte ihn mir oft und mit großer Leichtigkeit. Dieser aus langem, feinem, fließenden Haar bestehende Deniz ging durch meinen Mund in mich hinein und durchfloss mich. "Hurra, das Meer fließt durch mich durch, jetzt bin ich Istanbul", dachte ich dann. Ich spürte einen Hustenreiz und fühlte mich auch sonst eigenartig, irgendwie verändert; trotzdem gefiel mir das Ganze sehr. Doch Deniz war ungezogen, er wollte nicht stillhalten. Er floss in meinem ganzen Körper hin und her. Manchmal sogar bis zu meinen Tränendrüsen, um mich dort zu kitzeln. Worauf ich, anscheinend grundlos, zu weinen begann. Wenn Deniz sich zu meinen Ohren wendete, wurde mir schwindlig, und es begann in ihnen zu klingeln. Und wenn er sich etwas zu lange in meinem Innenohr aufhielt, dann kam zum Schwindel noch Übelkeit dazu, und ich fühlte mich bald richtig krank. Auch in meine Achselhöhlen floss Deniz und kitzelte mich, bis ich laut zu lachen begann. Deniz kannte mich gut, er wusste, dass ich überaus kitzelig war. Wenn ich mich vor Lachen kaum noch halten konnte, drang er in meine Nase ein. Dann kratzte es mich im Hals und ich musste nießen. "Hatschii! ... Gesundheit!" Wir waren beide noch klein, Deniz und ich, klein genug, um an unsere Träume zu glauben. Trotzdem spürte ich, wenn Deniz durch meinen Leib strömte, ein wohliges Kribbeln, eine Erregung, trotz allem ...

Damals begann ich zu begreifen. Zu begreifen, dass in der einzigen Stadt der Welt, durch die das Meer hindurchfloss, jederzeit alles geschehen konnte: dass diese Stadt wie aus heiterem Himmel nießen, schreien oder aber unsägliche Freuden und Genüsse für die Menschen bereithalten konnte. Ich fühlte, dass es Istanbul mit der Macht seiner Wut ein Leichtes war, den Menschen zuzusetzen, sie aufzureiben, ja zu zermalmen. Istanbul konnte aber auch, mit seinem großen Herzen und seiner unbegrenzten Vorstellungskraft, die Menschen in einen Gefühlsrausch versetzen und sie vor Glück den Boden unter den Füssen verlieren lassen. Denn es wurde vom Meer durchflossen ...

Deniz glich eigentlich niemandem. Hinter seinem ruhigen und freundlichen Äußeren verbarg sich ein hyperaktives, starrsinniges und irgendwie nicht "fassbares" Wesen. Wie hätte also eine Stadt, durch die Deniz, das heißt, das Meer, hindurchfloss, brav und ruhig, wie hätte sie ordentlich und zurückhaltend sein können? Deniz war unberechenbar, nie im Voraus einzuschätzen, und darin lag seine ganze Schönheit. Ich spielte sehr gern mit ihm. Und er mit mir. Sehr sogar.

Dabei lebte ich damals gar nicht in der vom Meer durchflossenen Stadt mit dem goldenen Horn. Es war meine Mutter, die mir mit verträumtem Blick und Poesie in der Stimme das Istanbul ihrer Jungmädchenjahre nahe brachte. Nachdem sie meinen aus Ankara stammenden Vater geheiratet hatte, brachte sie mich dort zur Welt und zog mich dort groß. Doch mit ihren Gedanken, mehr noch wohl ihren Träumen, war sie immer in Istanbul geblieben. Mein Vater, aufgewachsen in dem stolzen Bewusstsein, ein echter Bürger von Ankara zu sein, verteidigte heldenhaft und mit Leidenschaft seine Stadt, auch wenn sie kein goldenes Horn besaß und von keinem Meer durchflossen wurde. "Wenn Ankara nicht gewesen wäre", so pflegte er immer wieder zu sagen, "dann müsstet ihr heute euer geliebtes Istanbul mit einem Pass in der Hand besuchen." Die Stimme meines Vaters war nicht verträumt und kein bisschen poetisch. Es war eine starke, Vertrauen erweckende, entschiedene, durch nichts zu erschütternde Stimme. Klar, durch ihn floss ja auch kein Meer hindurch. Anatolien und Istanbul, das waren zwei verschiedene Stimmen; doch beide waren sie mir gleich nahe, so notwendig wie mein Vater und meine Mutter. Soviel verstand ich schon. Auch dass Istanbul zu einem Teil in Europa, zum anderen in Anatolien lag. Wie eben die Stimmen meiner Eltern sich nicht ähnelten. Ich verstand das alles.

"Du wolltest aber immer fortgehen, wolltest in ferne Länder reisen ...", sagte er (Deniz).


Ich hatte inzwischen den Unterschied zwischen wirklicher und nur erträumter Liebe erfahren, genau so wie den unterschiedlichen Nachgeschmack von Liebe und Trennung, und auch herausgefunden, wie Wut und Schmerz dem Menschen zusetzen kann. Ich war erwachsen geworden. Enttäuschungen und Verrat hatten mir tiefe, manchmal blutige Wunden geschlagen; und auch ich hatte andere enttäuscht, gelegentlich wohl auch unwillentlich verletzt, doch betrogen habe ich nie. Bisher jedenfalls. Ich war erwachsen geworden. Essig und Stierkämpfe waren mir aber immer noch zuwider, genau wie Vanilledüfte mich nach wie vor verzauberten. Und ich dachte oft, sehr oft, an meine Kindheitsliebe Deniz.

"Ja, das stimmt", erwiderte ich. "Wenn man jung ist, glaubt man ganz ehrlich daran, die Vollkommenheit oder doch zumindest die Harmonie finden zu können. Man sucht nach dem Unterschied, dem ›Anderen‹. Deswegen begibt man sich auf weite Reisen, folgt Spuren, Zeichen und Gerüchen. Viele Jahre lang war ich überzeugt, dass es ›das Vollkommene gibt, dass es mit Sicherheit irgendwo existiert‹. Ich glaubte fest daran."

Meine Stimme war bei diesen Worten nicht kalt oder bitter. Es war einfach meine Stimme geworden.

"Immer warst du diejenige, die fortging, ihren Weg suchte, sich nicht begnügen konnte oder wollte. Du hast dich selbst ins Exil geschickt. Vielleicht war es der Schmerz des Exils, der dich lockte. Jetzt, nach Istanbul zurückgekehrt, stehst du mir gegenüber, als ob nichts geschehen wäre, als ob du nie fortgegangen wärest und bei diesem Fortgehen nichts zerstört hättest. Das ist nicht fair. Dazu hast du kein Recht."


Damals war Istanbul noch so östlich (orientalisch), und ich war viel zu westlich eingestellt. Istanbul schien mir zu unordentlich, hektisch, aggressiv, zu zornig und vor allem zu alt. Das Ordentliche, Saubere, Ruhige und Junge, das war für mich damals das Exotische. Istanbul war brünett, also lag in der Blondheit für mich ein exotischer Reiz. Ich musste vor Istanbul fliehen. Ich fürchtete seine aggressive Kraft, gleichzeitig zitterte ich vor Wut. Keinen Raki, nein Danke, ich zog Wein vor. Den in den schlanken Gläsern servierten Tee wies ich zurück, ich trank ihn lieber aus der Tasse. Und unsere (Sesamkringel) Simit waren mir auch nicht gut genug, ich wollte Bagels, Croissants oder Pasteten. Ich war doch erst neunzehn", sagte ich.

"Wir waren damals neunzehn", verbesserte er mich.

"Musstest du wirklich fortgehen?", fragte er dann.

Es lag kein Vorwurf oder Zorn in seiner Stimme. Noch weniger Unversöhnlichkeit oder Rachegelüste. Ich hörte darin den Wunsch zu verstehen. Das gab mir Mut.

"Ich musste fortgehen, um zurückkehren und verstehen zu können. Manche von uns müssen fortgehen", sagte ich.

Er seufzte.

Ich auch.

Jeden Sommer, ohne Ausnahme, brachte meine Mutter unsere ganze Familie nach Istanbul. Während der Wochen, die wir dort verbrachten, war ihr keine Mühe zu groß, uns dreien ihr Istanbul zu zeigen. Sie strengte sich dabei an wie eine echte Fremdenführerin, die um ihren Job fürchten muss, wenn es ihr nicht gelingt, die ihr anvertrauten Touristen in die Stadt verliebt zu machen. Als ob die Welt unterginge und uns alle mit sich risse, wenn wir ihr Istanbul nicht in der gehörigen Weise sehen, verstehen und lieb gewinnen würden. Was, frage ich mich heute, war es wohl, dass sie zu diesem Verhalten zwang?


Sie trug selbstgeschneiderte luftige, pastellfarbene Sommerkleider mit Puffärmeln und an den Füßen weiße, flache Capri-Sandaletten heimischer Provenienz (aus türkischer Produktion). Dazu setzte sie ihre weiß geränderte, nach oben geschwungene Sonnenbrille auf. Ein Strohhütchen und eine Handtasche aus dem gleichen Material vervollständigten die Garderobe. Weder ihre Kleider noch ihre Schuhe waren je teuer, und doch war sie stets elegant, irgendwie raffiniert, angezogen. Wenn ich mich an meine Mutter in dieser bestimmten Aufmachung erinnere, dann sehe ich sie meistens mit einem glücklichen Lächeln auf einem Istanbuler Fährschiff sitzen, mit einem der typischen schlanken Teegläser in der Hand.

"Die haben wieder Carbonat (Natron, Soda, Backpulver?) in diesen Aufguss getan", sagte sie dabei. "Der Tee schmeckt grässlich, aber ich muss mir immer wieder ein Glas bestellen, das gehört bei diesen Istanbul-Fähren doch einfach dazu!" Während der Überfahrten sprach sie unentwegt, wobei sie manchmal ihre Umgebung zu vergessen schien; sie erzählte mit lauter Stimme, so als ob wir ganz allein da gewesen wären, zum Beispiel vom Mädchenturm (Leanderturm). Alle Passagiere hörten ihr zu. Auch mein Vater - er sagte selten etwas und nahm nie von dem an Bord servierten Tee - war ganz Ohr, wobei er aufrecht dasaß und sich auf keinen Fall anmerken lassen wollte, wie stolz er auf meine Mutter war. Ich wusste, dass er stolz auf sie war, sie jedoch wusste das nicht. Frauen müssen etwas hören, um es zu verstehen, Kinder begreifen es auch so. Zwar war mein Vater zugegen, er war bei uns, mit uns zusammen, doch durch meine Mutter floss das Meer hindurch. Deswegen war meine Mutter in Istanbul so glücklich. Nie sah ich sie so glücklich wie in Istanbul, weder bei den traditionellen Bayram-Festen, wo sie bald in der Herstellung der köstlichen Ankara-Spezialität "Kol Börek" mithalten konnte, noch bei den Familienfesten, wo sich alle an Großmutters "Ankara-Pfanne" gütlich taten, und noch nicht einmal bei unseren zahlreichen, von ihrer tiefen Vaterlandsliebe beflügelten Besuchen des Atatürk-Mausoleums oder des indischen Elefanten Mohini im Atatürk-Nationalpark ...Wenn es etwas gab, das meine Mutter ähnlich glücklich machen konnte wie Istanbul, dann wusste ich jedenfalls nichts davon ...

"Der Mädchenturm", so pflegte sie zu beginnen, mit verträumter elegischer Stimme. "Er ist einer der ältesten Leuchttürme, um die sich eine Geschichte rankt. Es heißt, er sei noch vor der Geburt des Propheten Jesu erbaut worden. Doch dies ist nicht irgendein alter Turm oder Leuchtturm. Der Mädchenturm gewinnt seine Schönheit durch die um ihn gewobene Legende."

Diese Legende erzählte meine Mutter jedes Mal, wenn wir bei einer der traditionellen Schiffsüberfahrten während unserer alljährlichen Pilgerreise nach Istanbul an dem "Mädchenturm" vorbeiglitten. Wie die wunderschöne Prinzessin - warum sind die eigentlich immer so schön? - von ihrem Kaiserpapa in diesen Turm eingesperrt wurde, weil ein Orakel geweissagt hatte, das Mädchen würde durch den Biss einer Giftnatter sterben. Aber kann man seinem Schicksal entfliehen? - Natürlich kann man das, Mutter! - Als es nach vielen Jahren einer Schlange gelingt, sich versteckt in einem Korb mit Trauben in den Turm einzuschleichen, erfüllt sich das Schicksal der schönen, einsamen Prinzessin. Die Schlange tötet sie mit einem Biss - weswegen ich sie lange mit Kleopatra verwechselte. Und was die berühmten Istanbuler Trauben angeht, so sind diese auch längst ins Reich der Legenden eingegangen ...

Es störte uns überhaupt nicht, dass die arme Prinzessin im Turm in manchen Sommerferien als Tochter eines byzantinischen Kaisers, in anderen dagegen eines osmanischen Padischah auftrat. Die ethnische und religiöse Zugehörigkeit der jungen Frau war uns ziemlich egal, nicht so ihr Unglück, das die ganze Familie tief betrübte. Was machte es da aus, wenn die Legende jedes Jahr ein bisschen variierte, wenn die den Turm erhellende Lampe rückwirkend durch eine Fackel oder auch eine Öllampe ersetzt wurde. Gleich, ob man die Geschichte den Athenern, Spartanern, Griechen, Byzantinern, Arabern, Osmanen oder Türken zuschrieb, es war und blieb die Legende dieses Turms. Und Legenden brauchten ihre Zeit zum Entstehen, ganz abgesehen davon, dass noch lange nicht jedermann und jeder Ort sich mit so etwas brüsten konnte ...

"Dann, eines Tages kehrst du zurück, trotz all dieser abgenutzten, ermatteten, fremd gewordenen, vielleicht sogar verlorengegangenen Gefühle ...", sagte er.

"Ja."

Meine Stimme tönt klar und energisch; reingewaschen nach Jahren der Erfahrung, nach Erfolgen, Niederlagen, Kämpfen und Versöhnungen, ist das jetzt meine Stimme geworden. Deniz und ich haben beide mit dem Rauchen aufgehört und sind inzwischen vierzig Jahre alt.

"Ja", wiederhole ich. "Alle diese Abschiede, neue Menschen, Städte und Länder, neue Lieben und Trennungen, neue Enttäuschungen und alte schmerzliche Entdeckungen, das alles brauchte es, damit ich zurückkehren konnte."

"Diese Erklärung sieht dir ähnlich", sagte er.

Mein Gott, wie wunderbar ist doch diese Seelenverwandtschaft! Diese absolute Sicherheit, zumindest auf dem Niveau eines Minimalkonsens verstanden zu werden, an die Aufrichtigkeit selbst der Fehler des anderen glauben zu können und daran, dass in dem flüchtigen Kuss nach der Liebe kein persönlicher Vorwurf steckt. Er ist mein Seelen-Gegenüber! Mein Seelenpartner Istanbul!

"Du bist die Königin der Widersprüche! Das warst du immer! Erst hast du auch mich in Istanbul verliebt gemacht mit all deinen Berichten und Legenden, die du mir nach den Sommerferien erzähltest und von denen du die meisten selbst erfunden hast ... und dann bist du fortgegangen", brummte er.

Brummen ist eine Gefühlsäußerung. Das gab mir Hoffnung. Ich sagte mir, freudig erregt ›Er liebt mich, er liebt mich noch immer.‹

"Ich lebte in einer westeuropäischen Kleinstadt".

Er starrte mich ungläubig an, als ob ich scherzte.

"Nein, wirklich", lachte ich.

Auch er lachte. Ich hatte es vermisst, sein Lachen, das mich während so vieler Jahre irritiert hatte. Denn es war ein aufrichtiges Lachen. Er benutzte es damals als Waffe gegen mich, wenn ich ihn sehr gekränkt hatte. Dieses Lachen verstörte mich.

"In dieser westeuropäischen Kleinstadt - glaub nicht, dass in meinen Worten Geringschätzung liegt; immerhin kommen auf ihre zweihundertfünfzig tausend Einwohner zwei Kunstmuseen, fünfzehn Volksbüchereien und eine ernstzunehmende Universität - dort also ging ich eines Nachts mit jemandem spazieren."


Sein Gesicht verfinsterte sich. Er glaubte anscheinend, ich wollte ihm von einer meiner europäischen Eroberungen erzählen. Es machte mir Freude, diesen Gedanken von seinem Gesicht abzulesen. Wenn du verstehen kannst, was dein Gegenüber missverstanden hat, dann stehen die Chancen für eine Verständigung gut.

"Mit einer Freundin", vervollständigte ich meine Aussage.

Wir sahen uns an. Er hatte verstanden, dass ich verstanden hatte. Es freute ihn zu verstehen, dass ich verstanden hatte. Wir hatten beide in der Zwischenzeit genügend Menschen kennen gelernt, genug an Schmerzen und Hoffnungslosigkeit durchlitten, um ermessen zu können, wie selten man während eines ganzen langen Lebens zu einem solchen Verständnis gelangen kann. Zusammen, aber auch jeder für sich, hatten wir dieses herausgefunden ... Er lächelte. Er war glücklich, mich erkannt zu haben.

"In jener Nacht standen wir in der kleinen westeuropäischen Stadt auf einer Brücke. Das Mädchen fragte mich: ›Ist das nicht wunderschön hier?‹ Ich sah mich um. Ja, es war wirklich schön dort. Die Stadt hatte alles, was uns exotisch vorkommt: sie war ordentlich, sauber, übersichtlich, die Straßen gerade wie mit dem Lineal gezogen. Sie war schön und unendlich langweilig. Das habe ich damals, als ich dort mit dem Mädchen stand, zum ersten Mal ganz klar empfunden. Es war eine genau geplante und sehr bequeme Stadt. Nie fiel dort der Strom aus, Feuerwehr und Krankenwagen waren verlässliche Institutionen. Die Polizei würde es sich nie einfallen lassen, die eigene Bevölkerung zu drangsalieren; der Bürgermeister und die städtischen Politiker waren für alle Mitbürger erreichbar und unterstanden dem Gesetz genau so wie diese. Niemand kümmerte sich darum, was die Frauen anzogen oder mit wem sie schliefen. Und es gab weder Superreiche mit undurchsichtigem Einkommen noch Bettelarme ohne jede Zukunftsperspektive. Das waren die eigentlich interessanten und aufregenden Aspekte. Nicht die Stadt selbst. Die hatte, genau genommen, gar keinen Charakter."

Ich hielt an, um Luft zu holen. Er hörte mir aufmerksam zu.

"Dort auf der Brücke drehte das Mädchen sich zu mir um und sagte, indem es mit einer weit ausholenden Bewegung ihres Armes die ganze Stadt zu grüßen schien: ›Das ist meine Stadt!‹ In ihrer Stimme lag ein unglaublicher Stolz; sie schien berauscht vom Bewusstsein ihres Besitzes, ihre Augen blickten verklärt. Sie war in Ekstase! Ich werde diesen Moment nie vergessen. Und, weißt du, ich war neidisch. Ich neidete ihr die Naivität, das Zugehörigkeitsgefühl und die völlige Hingabe, mit der sie diese kleine und ordentliche Stadt liebte, die keine Geschichte, keine Wunder und Legenden ihr eigen nannte und nie nennen würde."

"Du hingegen hast dich immer dagegen gewehrt, zu jemandem oder zu einem Ort zu gehören", sagte er. Seine Stimme klang traurig.

"Ja, ich habe jahrelang darum gekämpft, mich von sämtlichen politischen, ökonomischen und kulturellen Bindungen zu befreien, ich wollte weder besitzen noch in Besitz genommen werden. Ich wies das alles zurück, obwohl das, bei Gott, nicht immer leicht war. Besonders in schwierigen Zeiten erfordert diese Verweigerung erhebliche Willenskraft. Und mit jeder Verweigerung wächst deine Einsamkeit. Du kennst das ja", sagte ich, nach Atem kämpfend. "Ich gehörte zu keiner Stadt und zu keinem Land. Ich besaß keine eindeutige Adresse, keine ordentliche Arbeit, keinen ständigen Freund, keinen Mann, keine Kinder, keine Familie. Ich war unendlich frei und ungebunden. Frei und manchmal hungrig."

"Du hast das Exil gewählt. Du wolltest wissen, wie es ist, auf sich allein gestellt, ohne irgendwelche Zugehörigkeit, zu leben und gleichzeitig herausfinden, wieweit du hierbei gehen konntest. Das hast du schon als Kind getan. Bei allen unseren Spielen und gemeinsamen Träumen bist du immer an die Grenzen gestoßen, hast mich damit verrückt gemacht. Du hast ständig meine Grenzen verletzt."

Er hatte Recht. Erst jetzt konnte ich begreifen, dass er im Recht war. Genau wie er erst jetzt sein Recht verteidigen konnte.

"Du warst frei, ungebunden und ohne Vergangenheit, aber du hattest Angst, dich zu verlieren. Deswegen musstest du wie eine Verrückte schreiben. Du schicktest mir so viele Briefe, dass ich mit dem Lesen nicht nachkam. Du schriebst Geschichten, Tagebücher, Essays, Gedichte und Briefe. Um dich nicht zu verlieren, suchtest du Zuflucht in deiner Muttersprache. Das Schreiben war dein Kompass, deine Uhr, dein Kalender geworden."


Es stimmte, was er sagte. Ich war ein Produkt meiner Mutter, welche Istanbuls Legenden mehr liebte als die Stadt selbst, und meines Vaters mit seinem unerschütterlichen Glauben an Ankaras solide und nüchterne Realität; in diesem Gegensatz von Traum und Wirklichkeit wuchs ich auf. Diese Spannung führte schließlich dazu, dass mein Leben nur noch aus Gegensätzen bestand. Deniz hatte Recht, ich liebte ihn, aber ich hatte nicht den Mut, bei ihm zu bleiben. Denn da war ein anderer Wunsch, der stärker war: ich wollte mich verlieren und selbst neu gestalten, wollte mich ganz von neuem zur Welt bringen. Und ich wollte meine eigenen Legenden schaffen, diese leben.

"Es war wohl in erster Linie deine Angst, dich zu verlieren", sagte er. "Du kamst aber immer wieder zu mir zurück. Ich hatte mich ja mit deinen Erzählungen in Istanbul verliebt, war nach dem Schulabschluss genau wie du zum Studium in diese Stadt gekommen und war hier bald ganz zuhause. Und jedes Mal, wenn du fortgegangen bist und mich zurückgelassen hattest, hasste ich dich dafür; aber es ging mir wie dir mit deinem einhörnigen Stier: du warst eben etwas Besonderes, sehr attraktiv und einnehmend. Ich konnte nicht auf dich verzichten. Jedes Mal, wenn du zurückkamst und diese Stadt und ich dich mit offenen Armen, ohne Frage oder Vorwurf, aufnahmen, hasste ich mich dafür. Dieser Zwiespalt zwischen Liebe und Hass machte mir das Leben zur Qual".

"Wie Istanbul ...", dachte ich.

"Als ob ich hier nichts anderes zu tun hätte, als auf dich zu warten und darum zu beten, dass du allein zurückkehrtest, unberührt wie der Mädchenturm ..."

Im Gegensatz zu mir war er ein strebsamer Student. Er schloss sein Medizinstudium ab und spezialisierte sich in Psychiatrie. Lachend sagte er: "Hör zu, Mädchen, um dich besser zu verstehen, bin ich ›Legendendoktor‹ geworden". Er heiratete und trennte sich zweimal. Er hatte eine heranwachsende Tochter, sie hieß Efsane, das heißt Legende.

"Eines nachts in jener kleinen, ordentlichen und langweiligen westeuropäischen Stadt habe ich, als ich diese wieder einmal zusammen mit meiner kleinstädtischen europäischen Freundin betrachtete, begriffen, dass ich Istanbul nicht entfliehen kann. Und dir auch nicht. Doch diese Einsicht machte mir erst recht Angst. Sie war der Grund, weswegen ich in den Jahren darauf unaufhörlich meine Adressen und meine Lebensweisen änderte."

Er starrte mich an, als ob er herausfinden wollte, ob ich scherzte.

"Auch die unter uns, die das absolut hassen, haben ab und zu ihre kleinen Melodramen", sagte ich, mit leichtem Spott in der Stimme. "Im Grunde haben wir alle ein Lieblingsmelodram tief in uns versteckt, das nur darauf wartet, herauskommen zu dürfen".

Wir schwiegen beide. Ich spürte, dass der Arzt in ihm meine Worte abwog. Als Privatperson hatte er mir längst Recht gegeben. Seinem Liebsten kann der Mensch erst Recht geben, wenn ihm dies selbst widerfahren ist. Ich war sein Melodrama.

"Jahre später kam jenes westeuropäische kleinstädtische Mädchen nach Istanbul. Sie war wie vor den Kopf gestoßen. Es war fast zuviel für sie. Die mit der ganzen Wucht ihrer östlichen und Dritte-Welt-Herkunft belasteten Legenden der Stadt, ihre Geschichte, Kultur und Schönheit, verunsicherten sie im gleichen Maße wie die herrschende Unordnung, die Armut, die Kulturlosigkeit und die unglaubliche Energie. Sie glich einer wohlerzogenen Musterschülerin, die bei der Prüfung mit ganz anderen Fragen konfrontiert wird als jenen, für die sie sich vorbereitet hat. Wenn sie anfangs auch versuchte, tapfer zu lächeln, so gewann doch bald ihre Hilflosigkeit die Oberhand, und sie begann zu nörgeln. Solche Fragen war sie nicht gewohnt, sie wollte Fragen, auf die sie die Antworten wusste. Sie wollte gute Noten, wollte es wieder genießen, Klassenerste zu sein. Istanbul war sehr schön, aber für sie viel zu unberechenbar, zu unsicher und zu fremd. Sie machte schleunigst kehrt und rannte nach Hause. "Wie kannst du hier leben?", fragte sie mich auf dem Weg zum Flughafen. Inzwischen kommt sie jedes Jahr in den Ferien, und sie hat ein Haus auf der Insel Heybeli."


Ich sah ihn an. Seine Augen verloren sich in einem Motiv des Teppichs am Boden. Er dachte über meine Worte nach. Er wollte kein neues Melodrama, doch aufgeben mochte er genau so wenig. Seine Haare waren noch immer gewellt wie zu seiner Kinderzeit, jetzt aber kürzer geschnitten. Inzwischen ging er wohl selbst zum Frisör. Einzelne graue Haare schimmerten durch, und er hatte etwas zugenommen. Doch er hatte sich nicht gehen lassen. Ich sah ihn lange an, mit größter Intensität und Aufmerksamkeit. Es freute mich, dass ich dabei den Eindruck gewann, dass er für Scherze und Schabernack noch immer zu haben war. Man sah es vielleicht nicht auf den ersten Blick, und doch, er hatte sich nicht zu einem braven, gehorsamen und langweiligen Mann entwickelt. Ich verstand das. Er war mein Seelenpartner, mein bester Freund, meine widersprüchliche Liebe.

"Deniz", sagte ich erschüttert. "Deniz, ohne Istanbul und ohne Dich kann ich nicht leben".

Er hob den Kopf nicht, sah mich nicht an. Und doch spürte ich, wie seine forschenden Augen mir tief ins Herz drangen.

"Komm, Deniz", sagte ich. "Komm und fließe durch mich!"

Diesmal hob Deniz den Kopf und sah mich an. Mit dem gleichen Blick, mit dem er mich während unserer Kindheit angesehen hatte, wenn ich ihm die Istanbul-Legenden erzählte. Sein Blick flehte darum, mir glauben zu können und drückte gleichzeitig seinen Unglauben aus. Deniz sah mich an.

"Istanbul ist noch immer der Orient, es ist immer noch alt und zornig und riecht nach Raki. Es hat sich nicht geändert, ist höchstens noch aggressiver geworden", sagte er mit müder Stimme.

"Aber ich habe mich verändert. Ich bin genau so orientalisch wie Istanbul und genau so alt. Wie Istanbul gehöre ich zum Mittelmeer, zum Balkan und zu Europa. Ich möchte den Raki neben dem Wein, die Ordnung neben dem Chaos und die Wut neben der Liebe!"

"Und dann gehst du wieder fort", sagte er.

Ein kleines "Nein" von mir, und er würde mir sofort glauben, so schien es mir.

"Ich bin ein Zirkel, Deniz. Ich bin ein Zeichenzirkel geworden."

"Du warst jener wütende Stier als Kind. Mit all deiner Trauer und Wut, deiner Einsamkeit und Schönheit ..."

"Aber jetzt bin ich ein Zirkel geworden", sagte ich.

Er sah mich abwartend an, ob ich wieder mit einer neuen Legende aufwarten würde.

"Ich bin ein Zirkel, dessen spitzer Schenkel fest in Istanbul verankert ist, während der andere, mit der Bleistiftmine bestückte, sich im Kreise dreht ..."

"Wie die Derwische", sagte er lachend.

Zusammen mit seiner Stimme hatte auch sein Herz wieder zu mir gefunden, doch sein Körper war noch immer weit weg. Nicht nur mir, auch sich selbst mochte er nicht trauen. Ich war nicht der einzige Grund für meine Fluchten gewesen. Ich hatte ihn nicht verlassen, nur um fortzugehen. Das wusste auch Deniz. Es war nie einfach gewesen mit ihm. Deniz würde nie ein ausgeglichener, ruhiger, braver Zeitgenosse sein. Wie könnte das Meer auch einem stillen Gewässer ähneln? Er kannte sich jetzt selbst gut genug, um nicht mir allein die Schuld geben zu können.

"Du hast die Liebe begriffen, du wütiger, zärtlicher Stier mit dem goldenen Horn", sagte er und sah mich an.

"Und du, Deniz?", fragte ich.

Er antwortete nicht.

Wir schwiegen beide eine zeitlang. Dann sagte er:

"Wir können es nicht wissen, bevor wir es noch einmal versuchen, von neuem, mit frischem Mut, auch wenn es uns Angst macht ..."

Er zierte sich noch, aber das passte zu ihm. Schließlich war ich diejenige, der ein Horn fehlte, aber dieses einzelne goldene Horn machte mich zu einer Legende. Das wusste er.

"Komm, fließe durch mich, Deniz."

Deniz sah mich an.

Deniz kam auf mich zu.

Übersetzung aus dem Türkischen: Ute Birgi

(*) türk. das Meer; auch männl. und weibl. Eigenname

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00:00 11.10.2002

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