Der Störenfried

Ein Wehrdienstverweigerer in Israel Die Armee will Yoni Ben-Artzi nicht wegen "psychischer Defekte" nach Hause schicken - sie will an ihm ein Exempel statuieren

Der 20-jährige Yoni Ben-Artzi stammt aus einer renommierten israelischen Familie. Seit er darauf beharrt, Pazifist und nicht geisteskrank zu sein, hat er die wichtigste Institution des Landes gegen sich aufgebracht - die Armee. "Ich bin nicht bereit, Teil irgendeiner Organisation zu sein, die tödliche Gewalt anwendet - an keiner Stelle und unter keinen Bedingungen", sagt er.

Dieser Junge weiß, seit er 14 Jahre alt ist, dass er jede Form der Gewalt ablehnt. Er hat sich geweigert, am Judo-Unterricht teilzunehmen und jedem, der es hören wollte, gesagt, dass er nicht zur Armee gehen wird, weil er das Militär für eine schlechte Sache hält. Yoni ist der Pazifist schlechthin." - Michael Sfard, Mitglied einer der angesehensten Rechtsanwaltskanzleien in Israel, vertritt Yoni Ben-Artzi vor dem Militärgericht. Was der junge Anwalt dort vor zwei Wochen erlebt hat, lässt ihn noch heute den Kopf schütteln. Sechs Stunden lang wurde der Vorsitzende der Gewissens-Kommission, Oberst Shlomi Simchi, befragt, und irgendwann mittendrin fiel der Satz: "Der Angeklagte glaubt zwar, dass er ein Pazifist ist, aber er glaubt gar nicht an das, woran er zu glauben glaubt."

Was aus der Feder von Ernst Jandl stammen könnte, ist der - bisherige - Höhepunkt in der Streitsache "Yoni Ben-Artzi gegen die israelische Armee", die vor einem Jahr in ihre entscheidende Phase ging. Am 8. August 2002 wurde der damals 19jährige Yoni zum Wehrdienst eingezogen, noch am Abend dieses Tages befand er sich bereits im Militärgefängnis Nr. 4, verurteilt zu 28 Tagen Arrest wegen Befehlsverweigerung. Dabei war ihm sein Vorgesetzter sogar entgegengekommen: Er müsse weder in den besetzten Gebieten noch in einer kämpfenden Truppe seinen Dienst leisten, er könne auch im Militärhospital arbeiten. Sogar auf die Uniform dürfe er verzichten, solange er formal seine dreijährige Wehrpflicht bei der Armee erfülle. Doch Yoni war nicht kompromissbereit. "Ich bin bereit, einen Ersatzdienst der gleichen Länge zu leisten", erwiderte er, "doch nur in einer rein zivilen Struktur, die nichts mit der Armee zu tun hat."

Erziehung vor Verdun - einmal ein Franzose, dann ein Deutscher, 19 Jahre alt

"Yoni ist eigentlich kein politischer Mensch", betont sein Vater Matania, ein renommierter Physikprofessor, "seine Interessen gelten der Physik und dem Computer."

Die Eltern sympathisieren mit Peace Now und erziehen ihren Sohn zum kritischen Nachfragen: Als seine Klasse 1996 in den Norden des Landes fährt, bittet Yoni seinen Lehrer, nicht die Westbank zu durchqueren. Er brauche keine Angst zu haben, erwidert dieser, in den besetzten Gebieten herrsche eine allgemeine Ausgangssperre. "Das ist es nicht", antwortet der damals 13-Jährige, "ich habe keine Lust, mit lauter kreischenden Kindern in einem Bus zu sitzen, während andere nicht einmal auf die Straße dürfen". Der Lehrer ist verblüfft, Yoni nimmt als einziger Schüler nicht an der Klassenfahrt teil.

Deutliche Spuren hinterlässt auch ein anderes Ereignis: Zusammen mit seinen Eltern besucht Yoni 1998 den Soldatenfriedhof von Verdun. "Die riesigen Gräberfelder aus der Zeit des Ersten Weltkrieges haben uns alle berührt", erzählt der Vater, "aber Yoni am stärksten. Er ist mit seiner Videokamera durch die endlosen Reihen gezogen und hat immer wieder auf die Namen der Gefallenen gezoomt; einmal ein Franzose, dann wieder ein Deutscher - alle 19 Jahre alt."

Als er nach Hause kommt, beginnt der 15-Jährige, sich auch theoretisch mit dem Pazifismus auseinander zu setzen. Ein Jahr später wird er zum ersten Mal von der Armee vorgeladen. Matania Ben-Artzi erinnert sich: "Yoni bestand darauf, die Armee abzulehnen - und das nicht, weil er religiös oder verrückt sei. Das zu sagen, ist vielleicht der größte Tabu-Bruch, den es in Israel geben kann. Da haben wir gespürt - es wird ein Problem geben."

Ben-Artzi weiß, wovon er spricht; die Politik hat in der Familie schon für manches Problem gesorgt. Er selbst war zwölf Jahre in der Armee, doch die Euphorie über die Ausdehnung seines Landes bis an den Jordan, die 1967 so viele Israelis überfällt, ist ihm schon damals fremd. 1980 verweigert er den Reservedienst in den besetzten Gebieten, nachdem er die Demütigung der Palästinenser durch Besatzung und Ausgangssperren zuvor selbst erlebt hat. Sanktionen muss er nicht erleiden. Wenig später entscheidet er sich, einen seiner Brüder nicht mehr zu besuchen, weil der in einer Westbank-Siedlung lebt und dort für die Errichtung Groß-Israels kämpft.

Auch mit seinem Schwager ist die Politik bald nur noch ein Reizthema: Matanias Schwester Sara ist mit dem späteren Premier- und heutigen Finanzminister Benjamin Netanyahu verheiratet. Bis heute weiß niemand in der Familie, ob die Armee Yoni auch deswegen so unnachgiebig verfolgt, damit es nicht heißt, er werde wegen seiner prominenten Verwandtschaft bevorzugt behandelt.

Im Mai 2000 muss Yoni Ben-Artzi zum ersten Mal vor die "Gewissens-Kommission" der Armee treten. Die Verweigerung des Kriegsdienstes aus Gewissensgründen ist - für Männer - im Gesetz zwar nicht vorgesehen, doch als Israel 1991 den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte ratifiziert, sieht sich der Staat gezwungen, auch die dort in Artikel 18 festgeschriebene Freiheit des Gewissens zu garantieren. Eine Gewissens-Kommission soll die Ernsthaftigkeit des Verweigerers prüfen - ihre Mitglieder sehen das Gremium als eine mehr therapeutische Einrichtung für junge Männer mit "pazifistischen Neigungen".

Anhörung vor der Kommission - kein Pazifist, sondern ein Anarchist

Drei Mal in drei Jahren muss Yoni vor die Kommission, dann steht das Urteil fest: er sei kein Pazifist, sondern Anarchist. "Sie konnten nicht tolerieren, dass Yoni selbstbewusst argumentiert hat", sagt seine Mutter Ofra, "in ihren Augen ist ein Pazifist jemand, der brav akzeptiert, was andere entscheiden." Ein Störenfried aber, der sich nicht einordnen will, muss diszipliniert werden.

28 Tage nach seinem ersten Arrest wird Yoni aus dem Gefängnis entlassen, einen Tag und eine Befehlsverweigerung später ist er schon wieder drin. So geht das sieben Mal, dann kann der inzwischen 20-Jährige einen Rekord für sich verbuchen: 196 Tage. Während die Armee derart uneinsichtige Fälle in der Vergangenheit nach spätestens rund 100 Tagen Arrest nach Hause schickte, will sie nun ein Exempel statuieren, um Yonis Konsequenz zu brechen. An einen Kompromiss ist nicht mehr zu denken, so auch nicht an die in Israel weit verbreitete Variante: "Ausmusterung aufgrund psychischer Defekte".

"Jeder weiß, dass wir in Israel nicht so viele Geisteskranke haben", sagt Michael Sfard, der Anwalt, "aber weil es bei uns keine Alternative zum Kriegsdienst gibt, gehen die Leute eben zum Arzt." Yoni nicht: trotz guten Zuredens ranghoher Militärs weigert er sich, einen Psychiater zu sehen. Auf ihren Geisteszustand hin sollten die untersucht werden, insistiert er, die freiwillig und gern zur Armee gingen und doch wüssten, dass sie andere Menschen umbringen werden.

Nachdem die sieben Disziplinarstrafen den Willen des 20-Jährigen nicht zerschmolzen haben, wird der Fall Ben-Artzi seit Februar 2003 vor Gericht verhandelt, seitdem befindet sich der Angeklagte auf einer Militärbase in einer Art Hausarrest. Trotz Einspruchs seines Anwaltes beim Obersten Gericht findet der Prozess nicht vor einer Zivil-, sondern einer Militärkammer statt. Begründung: der Angeklagte sei Soldat - die Frage, ob er Pazifist sei, müsse folglich auch von einem Militärgericht geklärt werden. Als Soldat der israelischen Armee sind ihm Interviews mit den Medien verboten - Pressekontakte halten seine ihn vorbehaltlos unterstützenden Eltern.

Parallel zu Yoni stehen fünf weitere Jugendliche vor demselben Gericht. Auch sie weigern sich, ihren Wehrdienst zu leisten, auch sie berufen sich auf ihr Gewissen, auch sie haben bereits in der High-School kein Geheimnis aus ihren Überzeugungen gemacht. Doch im Unterschied zu Yoni handelt es sich bei ihnen um selektive Verweigerer: ihr Widerstand richtet sich nicht gegen das Militär als solches, sondern gegen die Besatzungsherrschaft gegenüber den Palästinensern. Auch Yoni Ben-Artzi lässt auf Nachfragen keinen Zweifel, dass er die Besetzung der Westbank und des Gaza-Streifens ablehnt. Für den Militärstaatsanwalt ein untrügliches Indiz dafür, dass der "angebliche Pazifist" ein politischer Verweigerer ist.

"Darf ich keine politische Meinung haben, nur weil ich Pazifist bin?" - zitiert Michael Sfard seinen Klienten - "von einem Pazifist zu verlangen, nur Pazifist zu sein, das gleicht der Forderung an einen religiösen Juden oder Christen, keine politischen Ansichten zu haben." Inzwischen wurden vor dem Militärgericht die Plädoyers gehalten, doch anstatt einen Termin für die Urteilsverkündung bekannt zu geben, verwies das Gericht den Fall erneut an die Gewissenskommission. Begründung: Nach den Ausführungen des Angeklagten, seiner Schwester und von Oberst Shlomo Simchi seien nun alles etwas klüger; das Gremium solle noch einmal prüfen.

Eine klare Rüge an die Gewissenskommission, kommentiert Yonis Anwalt. Das Gericht hat es damit zunächst vermieden, auf zwei Fragen zu antworten: Ist Yoni Ben-Artzi ein Pazifist? Und hat ein Pazifist in Israel ein Recht darauf, vom Militärdienst befreit zu werden. Sollte die Gewissenkommission allerdings zu dem gleichen Ergebnis kommen wie bisher, könnte das Militärgericht ohne erneute Verhandlung eine Strafe von drei Jahren Gefängnis verhängen. An Yonis Überzeugungen ändert all das nichts, er hat mehrfach erklärt, eher ins Gefängnis zu gehen, als in irgendeiner Armee der Welt zu dienen.

Es geht dabei längst nicht mehr nur um den Fall Yoni. "Wir brauchen endlich einen zivilen Ersatzdienst in Israel", fordert Michael Sfard, "und eine zivil besetzte Gewissenskommission. Die Militärs haben eine natürliche Abneigung gegen den Pazifismus, ohne sich je mit ihm beschäftigt zu haben." Für Yonis Eltern hat die Hartnäckigkeit des Sohnes zu gewissen Verwerfungen geführt - auch im liberalen Freundeskreis. "Die Stärke des Militarismus in Israel, das hat uns ehrlich gesagt erstaunt", sagt Matania, "gerade im säkularen Teil der Gesellschaft ist die Armee längst zu einer Ersatzreligion geworden."

"Zusammen mit den Verweigerern werden wir uns eines Tages durchsetzen und eine Alternative zum israelischen Militarismus sein", hat Yoni Ben-Artzi vor einem halben Jahr in einer e-Mail an seine Unterstützer geschrieben.

00:00 15.08.2003

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