Der Sturm aufs Salzgebäck

Frankreich Sie alle sind das Volk! Zu Besuch bei Gelbwesten in Rouen und Rotschals in Paris
Der Sturm aufs Salzgebäck

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Einer der legendären Kreisel, die der Aufstand der Gelbwesten in öffentliche Bürgerforen verwandelt hat, ist „Des Vaches“. Er ist zweispurig, hier ergießt sich der Schwer- und Individualverkehr von der Autobahn in die Industrievorstädte von Rouen.

Es war gegen Abend, auf der Verkehrsinsel der Kreisel-Zufahrt hatten Gelbwesten ein Feuer entfacht. Als Vorrat einige gestapelte Holzpaletten, ein dürrer Christbaum wurde ins Feuer geworfen und loderte auf. Eine der Gelbwesten war ein kleiner schmächtiger Bursche, der „Sechste Republik“ und „Frexit“ auf seine Weste geschrieben hatte. Er hielt manchmal einen Lkw auf, wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer, ließ ihn weiterfahren. Nur einen polnischen Fahrer ließ er etwas länger schmachten.

Auf der anderen Seite des Kreisels, auf einem verschlammten Stück Wiese, hatten die reiferen Gelbwesten ihr Feuer und ihren Unterstand. Ich näherte mich vorsichtig, standen die Gelbwesten doch im Ruf, den Medien zu misstrauen, besonders Journalisten der französischen Fernsehnachrichten rückten eine Zeit lang nur mit Bodyguards zu den Aufständischen aus. Ich fand das verständlich: Kaum ein Politiker hatte europaweit eine so gute Presse wie Emmanuel Macron, und seine gelben Gegner hatten eine ziemlich schlechte.

Sie nahmen mich aber herzlich auf. Ich fand keine Rechtsextremen vor, sondern arbeitende, globalisierungsgeprüfte Franzosen aus den Vorstädten. Der schmächtige Bursche erwies sich als Linker und seine Mutter als bürgerliche Dieselfahrerin, die an ihrem Arbeitsplatz in der Transportbranche hatte zusehen müssen, wie französische Fahrer durch billigere Polen ersetzt wurden. Die Hautfarbe dieser Gelbwesten war weiß – wenn man von Elia absah, einer maghrebinischen Mutti, deren schwarze Sturmmütze als Schleier durchgehen konnte und die wie jeden Abend Suppe aus einem ausrangierten Kinderwagen schöpfte.

Um den Aufstand der Gelbwesten zu kanalisieren, veranstaltet der französische Präsident in diesem Winter eine „große nationale Debatte“. Emmanuel Macron tritt selbst in Regionalkonferenzen von Gemeindepräsidenten auf; der Figaro berichtete bewundernd, dass Macron sechseinhalb Stunden durchgehend auf Fragen antworte, „ohne zu trinken und ohne zu schwitzen“.

„Wahlpflicht? Unfranzösisch!“

Ich sah mir die große nationale Debatte in Rouen an, im größten Saal eines Freizeitzentrums für Kinder. Da keine Politiker angekündigt waren, blieb es gesittet. Durchgeführt wurde die Debatte von „Éveil“, „Erwachen“, einem Verein zur Förderung staatsbürgerlichen Engagements von Jugendlichen. Die Animateure von Éveil waren freundliche, gut aussehende und elegant gekleidete Jugendliche, mehrheitlich Franzosen mit Migrationshintergrund. Ihr Wortführer war ein normannischer Wiedergänger des jungen Obama, cool, calm & collected. Die etwa hundert Teilnehmer debattierten nach der Methode „World Café“ – alle 20 Minuten den Tisch und das Thema wechselnd. Es waren so viele Journalisten da, dass sie sich auch schon mal gegenseitig interviewten. Obama versprach, alle Ideen des Diskussionsabends „der Regierung zu übermitteln“.

An meinem ersten Tisch klagte ein Rentner über „überquellende Spitäler“, ein im Irak Geborener warb für „Transparenz und Rechenschaftspflicht“, ein Rentner schimpfte auf eine Umstrukturierung, und ein anderer meinte: „Man müsste den Mut haben, die Öffentlichkeit von einer Umstrukturierung zu überzeugen.“ Auf dem Tisch lag ein weißes Plakat. Die Animateurin fragte: „Soll ich langsam was aufschreiben? Soll ich schreiben, zulasten von Technokraten‘?“ Sie schrieb schließlich hin: „Umstrukturierung von Gesundheitseinrichtungen unter Berücksichtigung der Patientenbedürfnisse.“

Ich wechselte an Obamas Tisch. Dynamisch stehend las er die pralle Ideenliste von seinem Plakat ab: Proporzwahlrecht, Wahlpflicht, Wahlannullierung bei einer Mehrheit von Weißwählern, Nationale Konferenz für Privilegienstopp, Neudefinition des Laizismus. Eine Madame Sophie nannte Kiezbürgerforen ein „Alibi“, diese würden nie zu wichtigen Themen einberufen. An meinem dritten Tisch wurde gesagt: „Wahlpflicht, so was ist unfranzösisch.“ Eine sanfte junge Linke plädierte für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer ISF. Ein liberaler Intellektueller – taubengrauer Pullover, silbrige Bartstoppeln – fuhr ihr in die Parade: „Aus Ihnen spricht die Emotion. Frankreich hat eine Staatsquote von 55 Prozent. Wollen Sie noch mehr?“ Die Sanfte sagte: „Ja.“ Auf dem Plakat stand bislang nur: „Zusammenleben, Spaltungen vermeiden, Bindungen wiederherstellen. Bürgerinitiativrecht für Referenden (RIC). Septennat.“ Der Animateur bat um weitere Vorschläge. Der Liberale sagte: „Na, dass Macron weitermacht.“ Das wurde nicht notiert.

In meiner vierten Runde wurde über Föderalimus diskutiert. Einer: „Das Einheben von Steuern durch Regionen ist effizienter.“ Ein anderer: „Belgien beweist das Gegenteil.“ Ein kluger Hüne mit deutschem Akzent forderte die Abschaffung nicht gewählter Körperschaften wie der „Intercommunautés“. Einer der bloß zwei Teilnehmer, die eine gelbe Weste trugen, beklagte die Künstlichkeit der von Hollande fusionierten Regionen: „Und warum lernt man in der Normandie nicht Normannisch?“ – „Aber man lernt es ja!“ Sie einigten sich darauf, dass Frankreich nicht zu viele Beamte, aber zu viele hohe Beamte habe.

An meinem letzten Tisch fragte der Animateur scheu: „Gibt es Leute, die gegen den ökologischen Umbau sind?“ Solche Leute gab es nicht. Das war spannend, trugen die Gelbwesten doch Züge einer antigrünen Revolte, Auslöser ihres Aufstands war die Erhöhung der Ökosteuer vor allem auf Diesel gewesen. Hier am Tisch zählten nun aber alle auf, was man wollen sollte: Bahn statt Bus, Atomausstieg, mehr Radwege und mehr Mülltrennung, Plastik vermeiden statt trennen, Clouds sind Energiefresser. Der Animateur erzählte von einem Stadtviertel, das eigenverantwortlich ein Windrad betreibt. Der Vorschlag eines Jünglings polarisierte: „Rote Ampeln mitten in der Nacht, das hat keinen Sinn.“

Fülle des Widerspruchs

Nach etwa zwei Stunden löste sich das kleine nationale Palaver in Richtung Salzgebäck und Limo auf. Der normannische Obama nannte die Debatte in seiner Schlussrede einen Erfolg und ließ noch einmal alle Vorschläge verlesen. Als da plötzlich „Dieselverbot“ zu hören war, rief der Liberale aus: „Diese Ideen sind vollkommen widersprüchlich!“ Obama sagte: „Das ist wahr. Die Auswahl der Ideen ist aber nicht unsere Aufgabe.“

Am darauffolgenden Wochenende kam ich nicht nur rechtzeitig zum elften Aufmarsch der „Gelbwesten“, sondern auch zur ersten Demo ihrer Gegner. Diese nannten sich „Rotschals“. Es drängt mich, zu bekennen, dass mich der direkte Vergleich zum Sympathisanten der Gelbwesten machte. Es ist dies vielleicht die erste französische Revolte, die nicht von Paris dominiert wird und die am Wochenende stattfindet – von Montag bis Freitag gehen die Gelben nämlich arbeiten. Mir schien, das sind normale Leute.

Der „XI. Akt“, wie es in der Sprache der Gelbwesten heißt, ging so aus: 69.000 Gelbwesten und 10.5000 Rotschals demonstrierten. Zählte man die gegangenen Schritte, klaffte das Verhältnis noch viel deutlicher auseinander: Entsprechend einer lieb gewonnenen Tradition marschieren die Gelben samstags acht Stunden am Stück durch, während der reine Fußweg der Roten 25 Minuten betrug.

Ich begleitete die Gelbwesten am Samstag ab zehn in Rouen. Sie standen vor der normannisch-gotischen Abteikirche Saint-Ouen, eigentlich an der Bushaltestelle davor, als warteten sie auf den Bus. Ein großes „Buh“, und der Zug durch die immer gleichen Straßen begann. Das war kein Regenbogenvolk, bis auf zwei, drei Schwarze keine Minderheiten, das weiße Frankreich. Niemand war nach irgendeiner Mode gekleidet oder frisiert. Einige Gewerkschafter, vor allem die linke CGT mit Lautsprechern und Zetteln voller vorbereiteter Parolen. Auf „Macron“ reimte sich „Arschloch“, „Unternehmer“ und „Rücktritt“. Ihr Mantra war: „Gelbwesten, was ist euer Beruf?“ – „Ah-uh, ah-uh, ah-uh!“

Fass meinen Bullen nicht an

Lange war keine Polizei zu sehen, der Straßenverkehr wich wie von unsichtbarer Hand. Anspannung, als kurz unterhalb des Bahnhofs eine Reihe junger muskulöser Polizisten ins Blickfeld kam. Innehalten, Faxen, Papierflieger, Steinchen, dann ging es weiter. Am Ende eines langen leeren Boulevards stand ein Polizeiauto quer. Flinke, schmale Jungs zündeten eine Mülltonne an, ein Halbmaskierter rannte vor und stieß die rollende Mülltonne auf das Polizeiauto zu. Die Spielverderber fuhren weg. Ratloses Warten. Die Jungs warfen Plastikteile einer Baustellenabsperrung in die brennende Plastiktonne, die elegant in sich zusammenschmolz und einen schönen Rauch ergab. Und weiter ging’s. Auf einem abfallenden Boulevard drehten sich viele um und fotografierten die gelb herabfließende Woge. Eine nette Omi rief allumarmend: „Gelbe, ich liebe euch!“

Ich ging erschöpft mittagessen. Als ich sie in ihrer fünften Stunde vorbeiziehen sah, war die Demo jünger und ungeordneter geworden. Vom Zug abweichende Jugendliche wurden von einem Trupp Polizisten in Schach gehalten. Ein Polizist zielte mit einem schwarzen Plastikgeschoßgewehr auf einen halb vermummten Jungen. Die Jugendlichen begaben sich zurück ins Glied.

Die Rotschals begleitete ich an einem Sonntag ab zwei in Paris. Kaum jemand trug einen roten Schal. Der Altersschnitt war etwas höher, versprochen war eine kurze Demo, „anderthalb Stunden, höchstens!“. Mir schien, die Demonstranten waren feine Leute, die Sensibleren aus dem Bildungsbürgertum. Der Anteil ethnischer Minderheiten war ein wenig höher, zumindest hinter dem Haupttransparent. Die Dutzenden Journalisten waren den Demonstranten recht ähnlich, zwei Fernsehjournalistinnen lächelten verzückt. Als alle in dieselbe Richtung filmten, fragte ich: „Geht dort jemand Prominentes?“ Ein Macron-Wähler mit Trikolore-Halstuch antwortete: „Nun ja, ein Halbprominenter. Der mit der Brille, er hat das organisiert.“ – „Der Asiate?“ – „Ja.“

Alle, mit denen ich sprach, waren Macron-Anhänger. Einer nannte die Gelbwesten „rechtsextreme und linksextreme Randalierer, ihre legitimen oder nicht legitimen Forderungen kosten schon jetzt 10 Milliarden“. Eine ältere Asiatin schrie auf dem Bürgersteig „gegen Fundamentalismus“ und meinte auf Nachfrage, Fundamentalisten seien zugegen, „aber nicht erkennbar“. Ein ewiges Pariser Girlie mit kokettem Hüftschwung forderte „mehr Konstruktivität“ und suchte die Menge mit dem Namen von Macrons Partei aufzustacheln: „En Marche! On marche!“ Das Echo war verhalten. Der relativ größte Zorn richtete sich auf den linken Oppositionsführer Jean-Luc Mélenchon und dessen Konzept einer „Sechsten Republik“, die das monarchische, auf De Gaulle zugeschnittene Präsidentenamt der Fünften Republik zurückstutzen würde. Mélenchon reimte sich auch auf „Rücktritt“.

Abgesehen vom Motto „Stopp der Gewalt“, schienen mir die Parolen beliebig. Die Rotschals stimmten oft die Marseillaise an und riefen im Chor: „Freiheit“, „Demokratie“, „auch wir sind das Volk“. Außerdem demonstrierten sie – das hätten sich diese behüteten Bürger früher wohl nicht träumen lassen – für die Fünfte Republik und für die Polizei: „Fass meinen Bullen nicht an, fass meine Republik nicht an!“ Am Ende, vor der Bastille, beschimpften einander Rote und Gelbe.

06:00 23.02.2019
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