"Der Sturm" in Schwerin

Bühne Was ist mit Prosperos Insel los? Ganz offensichtlich hat sie ihre besseren Tage schon gesehen. Heruntergekommen wirken die Renaissancelogen mit ihren ...

Was ist mit Prosperos Insel los? Ganz offensichtlich hat sie ihre besseren Tage schon gesehen. Heruntergekommen wirken die Renaissancelogen mit ihren Fünfziger-Jahre-Lampen und die Pfeiler samt verblassenden Kapitellen, mit denen Florian Parbs den Zuschauerraum des Mecklenburgischen Staatstheaters zitiert. Im weiten Bühnenraum, dessen Boden mit blauen Krepppapierschnipseln bedeckt ist, wirkt jeder klein und verloren. Dahinter schimmern die Sterne.

Auch Prospero, der in Unterhemd, Bademantel und auf einen umgedrehten Golfschläger gestützt durch die Gegend schlurft, scheint es schon besser gegangen zu sein. Zwar gebärdet er sich als Regisseur des Tohuwabohu, doch bekommt er, der wegen seiner Forscherleidenschaft bereits seinen Job als Manager-Herzog vermasselt hat, die Gewalten nicht wieder in den Griff. Da kann er seiner Tochter Miranda noch so schön von den Planeten erzählen, die als Videoprojektion geheimnisvoll und beeindruckend plastisch über ihnen zu schweben scheinen: Den Überblick über das komplexe Weltgefüge hat er längst verloren. Bettina Schneider als verzogene Göre in Kolonialherrenweiß interessiert sich eh nur für Prinz Ferdinand: "Ich sag Ferdi, ok? Willste mal anfassen?"

An diesen Ton muss man sich gewöhnen bei Marc von Henning, der sich mit seinen Shakespeare-Nacherzählungen einen Namen gemacht hat, in Stuttgart, Hamburg, zuletzt in Athen (Der Kaufmann von Las Vegas). Das Ergebnis wirkt wie ein Kommentar zu den Werken des Barden, zusammengesetzt aus Probeneinfällen, dramaturgischen Fußnoten und aktuellen Ereignissen. Die Schweriner Sturm-Version, die nur gute eineinhalb Stunden dauert, beginnt mit einem Vorspiel auf dem Theater. Stéphane Maeder schiebt sich durch den Samtvorhang auf die leere Proszeniumsbühne und berichtet, dass Shakespeare persönlich ihm aufgetragen hätte, noch hier und da was an der Geschichte zu ändern. Um gleich zuzugeben, das sei eine Lüge wie das gesamte Stück. Schließlich ist jede Lüge eine Erfindung, "und Erfindungen macht hier nur Prospero". Da übernimmt Ariel und berichtet dem Publikum, dass jeder Zauber aus drei Teilen besteht: dem Versprechen, der Verwandlung und der Verführung.

Hennings Versprechen: Uns den Sturm als Globalisierungsmärchen zu erzählen, in dem Aids und Öl, Cola und Konzerne ihren Platz haben; als ein Stück, das uns heute angeht. Seine Verwandlung: Stéphane Maeder nicht nur als Prospero, sondern auch als dessen hinterhältigen Bruder Antonio zu besetzen und zu zeigen, dass beide die Seiten eines Charakters sind; Prospero also als fehlerhaften Menschen zu skizzieren, der Caliban gegen Ende um Verzeihung bittet.

Und die Verführung? Da sind zum einen großartige Bilder zur minimal-artigen, zerbrechlichen Musik (The Penguin Cafe Orchestra): das leere Theaterrund. Die Schiffsbesatzung, aufgereiht vor einem zweiten Vorhang, im Sturm. This Maag im Rettungsring sitzend, der als Ferdinand Wasser zählen muss und Papierschnipsel hortet. Fallende Ascheflocken im kalten Licht. Da sind zum anderen wunderbar genau gezeichnete Figuren: Charlotte Sieglins langbeiniger Ariel etwa in violettem Trikot, Netzstrumpfhosen und sichtlicher Beule im Schritt, hinreißend lächelnd zwischen diebischer Freude und Zähnefletschen. Oder Brigitte Peters Sekretärin Señora Gonzalo, die mit dem Zucken ihres Mundwinkels alles über die komplizierte Beziehung zu ihrem Boss Alonso erzählt und ihre Gesellschaftsutopie an der Rampe abgeklärt, wie über die Schulter spricht, während sich hinten Alonso und Sebastian verzweifelt prügeln. Oder Hagen Ritschels Caliban, ein harmloser Psychopath mit handfestem Mutterkomplex, in sich gekrümmt und sympathisch in seiner kindlichen Wut.

Manchmal nerven die rotzigen Dialoge, die vielen SCH-Wörter und der Globalisierungszeigefinger, und nicht immer sind alle Schauspieler in der Lage, Marc von Hennings Weg des ironisch-ernsten Shakespeare-Kommentars überzeugend mitzugehen. Aber dann folgt eines dieser überwältigenden Bilder und schwemmt die Skepsis davon. Der erzählerische Faden reißt ohnehin nie ab.

Am Ende rufen alle nach Antonio und Prospero, die Verwirrung ist groß. Der Sturm, den Prospero und Ariel entfacht haben, sie werden ihn nicht los. Wie auch? Die Globalisierung kennt kein Ende.

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