Der Sturz

Berliner Abende Kolumne

Plötzlich war es vorbei mit dem Schneewetter, ein zwar eisiger Regen, aber immerhin ein Regen, der brutal vom Himmel fiel, als sie den langen dunklen Columbiadamm entlang fuhr, schon beim Gang zum Auto waren ganz schwere kalte Tropfen auf den Kopf gefallen.

"Das zieht sich, dieser Columbiadamm!" dachte sie jedes Mal, wenn sie hier entlang fuhr. Die Parkplatzsituation vor der Halle war gut.

Daraus konnte man immer schon auf den Altersdurchschnitt der Konzertbesucher schließen. Ältere Musikfans kommen mit dem eigenen Pkw, jüngere Menschen mit Bus und Bahn, und die ganz Jungen lassen sich von Mutti oder Vati vor der Halle absetzen.

Vor der Columbiahalle hatte sich eine riesige Menschentraube gebildet Tausende standen da und warteten auf Einlass.

Unbeirrt mit forschem Schritt lief sie auf das Kassenhäuschen rechts am Eingang zu, da passierte es.

Zuerst war es nur eine Irritation, ein Straucheln, ein unfreiwilliger Stopp in der Zeit, ein Fehler in der Matrix und dann dieser sehr lange Moment des Fallens.

Ein Schmerz im Knie, dann der dumpfe Schlag aufs Gesicht, der Asphalt kam auf sie zu, fiel ihr praktisch ins Gesicht, die praktische Bedeutung des Ausdrucks: Auf die Fresse fallen wurde ihr bewusst.

Dann die Stille danach und viel zu früh die Fragen der hilfsbereiten Unfallzeugen. "Ist alles o.k.? Geht es?"

Wie demütigend doch das Hinfallen ist, noch demütigender ist es, wenn hilfsbereite fremde Menschen die Arme ausstrecken, einem hochziehen wollen, und selbst ist man gar nicht innerlich dazu bereit.

Sie hätte sehr gut noch eine Minute da liegen bleiben können auf dem kalten nassen aber doch auch heimeligen Asphalt - warum wollen die anderen immer, dass man so schnell aufsteht? Dann hängt man wie ein schwerer Sack an den Armen dieser fremden Leute, entwürdigend. Diese übertriebene Betriebsamkeit, als müsste die im Sturz stehen- gebliebene Zeit so schnell wie möglich aufgeholt werden.

Der Kopf, der Kopf, der Kopf.

"Während wir hier stehen sind schon drei Leute fast hingefallen", sagte ein teilnahmsvoller Mann und wies mit den Zeigefingern auf eine hohe Bordsteinkante, die so ganz unvermittelt, ganz ohne Sinn und Zweck plump aus dem glatten geteerten Boden ragte.

Gerade ging jemand darauf zu, stolperte darüber, fing sich aber im Stolpern wieder.

Der Kopf, der Kopf, der Kopf. "Das ist der Unterschied, dachte sie, die anderen stolpern auch, aber ich falle hin!"

Sie befühlte verschiedene Körperteile: Sie war am linken Knöchel, am rechten Knie verletzt, war zusätzlich auf die Hände und aufs Gesicht gefallen Die Stelle an der Wange brannte, zwei Mädchen reichten ein Papiertaschentuch. Sie bedankte sich bei den Fallhelfern und machte sich verstohlen davon, in die warme Anonymität der Halle.

Vor der Damentoilette stand eine lange Schlange junger Frauen, Teenager, 20-Jährige. Sie trugen ärmellose Tops in Frühlingsfarben, eng anliegende Jeans, hatten sich zurechtgemacht für diesen Abend.

Sie ging an der Schlange vorbei direkt zu den Waschbecken und schaute in den Spiegel, eine verwirrte, zerzauste alte Frau mit einer abgeschabten roten Wange schaute zurück.

Die Mädchen in der Schlange schauten zu ihr her, nicht direkt feindselig, aber irritiert, peinlich entsetzt. Gleichzeitig schien sie aber unsichtbar für die anderen zu sein.

"So schnell geht es", dachte sie, "ein Sturz, ein Fall, eine zerrissene Hose, eine beschmutze Jacke, ein hinkender Gang und schon wird man zur Pennerin".

Immer voller wurde es in der Halle, auch auf der Empore war alles voll, sie suchte einen Platz, um zu ruhen, das Knie zu strecken. Die Sicherheitskräfte klärten sie auf: Man durfte nicht auf der Treppe sitzen, nicht ans Geländer lehnen- und so hinkte sie immer weiter, immer krummer und mutloser durch die Halle und die vielen Menschen.

Auf einmal stand sie in einem schönen Raum, durch die große Glasscheibe sah man die Lichter vom Flughafen. Weiße Sofas und Sessel waren zu großzügigen Sitzgruppen angeordnet. Einige sehr junge Jungs mit asymmetrischen Haarschnitten und Viva -Mikrofonen interviewten einander gegenseitig.

An einer Bar wurden Freigetränke ausgeschenkt, alle trugen blaue Plastikbändchen am Handgelenk und tranken Wodka-Red Bull.

Es war eine Art Vip-Lounge - aber warum hatte man sie hereingelassen? Wegen der Ausstrahlung einer natürlichen Autorität, wegen ihres jammervollen Zustands? Hatten sie Angst vor ihr gehabt? Sie blieb sitzen.

Später kamen dann die Musiker herein, alles sprach Englisch und Schwedisch, trank. Lachte, gackerte. Da stand sie endlich auf, hinkte hinaus und machte sich auf den Weg nach Hause.


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00:00 01.04.2005

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