Der Sündenstolz auf die eigene Geschichte

Im Gespräch Der Historiker Norbert Frei über die Deutungshoheit der 68er, die Entstehung der Neuen Linken und absurde historische Vergleiche

Erinnerungen beschert das Jubiläumsjahr der 68er-Bewegung zuhauf, seltener sind Würdigungen auf historisch sicherem Grund. Eine Ausnahme ist die Studie des in Jena lehrenden Zeithistorikers Norbert Frei 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. 1955 in Frankfurt geboren, gehört Frei nicht mehr zur deutungsbesessenen Aktivistengeneration, vielmehr interessieren ihn die Vorgeschichte und die weltweite Entflammung des Protests. 1968, so Frei, sei mehr als die realen Ereignisse, es bilde den "Assoziationsraum" von "Zuschreibungen" und "Selbstdeutungen", eine "beispiellos florierende Begegnungsstätte", die die Protagonisten bis heute euphorisch oder sich abgrenzend zusammenführe. Auch dies, so der NS-Forscher, sei ein Grund, weshalb ´68 in unzulässiger Weise in die Erregungszone des Nationalsozialismus geraten ist.

FREITAG: Woran erinnern Sie sich persönlich, wenn Sie an das Jahr 1968 zurückdenken?
NORBERT FREI: Konkret erinnere ich mich an eine Demonstration in Frankfurt, vermutlich gegen den Vietnamkrieg, zu der wir als Schüler von den "Großen", den Studenten, abgeholt wurden. Das Gefühl, am helllichten Tag vom Schulhof gehen zu können und die plötzliche Machtlosigkeit der Lehrer zu erleben, das war auch schon für mich als 13-Jähriger erhebend.

Kaum ein Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte polarisiert derart wie die 68er-Bewegung. Kürzlich hat der brandenburgische Innenminister Schönbohm wieder ´68 für alle gesellschaftlichen Negativbestände verantwortlich gemacht, während sich der harte Kern der 68er in Berlin und anderswo feiert. Wie kommt es, dass eine vergleichsweise minoritäre Bewegung, die nur kurze Zeit aktiv war, noch solchen Einfluss auf die Deutungsmuster der Zeit hat?
Tatsächlich war es nur eine sehr kleine Gruppe, die bereits seit etwa 1966 aktiv wurde. Aber auf ihrem Höhepunkt erfasste die Bewegung doch Zehntausende junger Menschen. Und auch deren Generationengenossen, die gar nicht unmittelbar beteiligt waren und in anderen als studentischen Zusammenhängen lebten, spürten etwas von diesem Aufbruch. Sie trauten sich jetzt, gegen die aus ihrer Sicht rückständigen Verhältnisse aufzubegehren, und sie teilten damit Erfahrungen derer, die auf die Straße gingen. Nur vor dem Hintergrund dieser starken Gefühle von damals kann man erklären, warum ´68 bis heute solche Nachwirkungen hat. Deshalb lassen die Beteiligten seit 25 Jahren auch keine Gelegenheit aus, sich selbst zu feiern, und wenn die öffentliche Aufmerksamkeit nachzulassen droht, inszenieren sie sich als Renegaten. Auf der anderen Seite fühlen sich auch viele derjenigen, die nie zur Bewegung gehört haben, immer noch herausgefordert. Es geht um Deutungshoheit, um die Interpretation einer Geschichte, deren Teil man war und auf die man bis heute stolz ist, und sei es sündenstolz.

Im Unterschied zu vielen anderen Publikationen zeigen Sie in Ihrem Buch, dass 1968 die gesamte westliche - und teilweise sogar die östliche - Hemisphäre in Bewegung geriet. Das scheint immerhin erklärungsbedürftig zu sein.
Mitte der sechziger Jahre war die Rekonstruktionsperiode nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in ökonomischer als auch in politischer, gesellschaftlicher und sozialpsychischer Hinsicht zu Ende. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa und - schon etwas früher - auch für die USA. Ein Merkmal dafür war die Tatsache, dass die Gesellschaften in West und Ost aufgrund hoher Geburtenraten plötzlich sehr jung erschienen. Das waren gewissermaßen die objektiven Rahmenbedingungen für den Aufbruch um ´68.

Die Bewegungen in den Ostblockstaaten handeln Sie etwas stiefmütterlich ab. Ist das der Blick des West-Historikers oder sehen Sie diese Bewegungen als weniger nachhaltig?
Mir war es wichtig, die Anfänge der Protestbewegung herauszuarbeiten, und die liegen nun einmal in den USA. Dass die Bundesrepublik hierzulande besonders interessiert, liegt auf der Hand. Die übrigen westlichen Länder und Osteuropa haben in meiner Darstellung dann in etwa das gleiche Gewicht. Und bei aller Bedeutung, die dem Prager Frühling und den bei uns lange ignorierten Vorgängen in Polen beizumessen ist, die ich ebenso beschreibe wie die Situation in der DDR: Das, was wir mit der Protestbewegung vor allem verbinden, war in Osteuropa weniger stark ausgeprägt - schon aufgrund der repressiven Verhältnisse, die dem dort entgegenstanden. Hinzu kommt, dass die Quellen- und Forschungslage für Osteuropa ungleich schwieriger ist als etwa für die USA. Meine Absicht war, vor Augen zu führen, dass ´68 globale Bedeutung hatte, aber im einzelnen ausführen konnte ich das natürlich nur in Ausschnitten.

Das bezieht sich auch auf die Träger, denn Mitte der sechziger Jahre erstarkte ja auch die Arbeiterbewegung. Erstaunlich ist, dass die Studentenbewegung, die die Befreiung der Arbeiter zumindest theoretisch im Munde führte, wenig Attraktion außerhalb des studentischen Milieus hatte, wenn man einmal von Frankreich absieht. Worin sehen Sie die Gründe?
Ein gewisser Brückenschlag zur Arbeiterbewegung gelang nicht nur in Frankreich, wo die Rebellion auf die jungen Arbeiter vor allem in der Automobilindustrie übersprang. Auch in Italien gab es den vielbeschworenen Konnex zwischen Intelligenz und Arbeiterklasse. Wenn das in der Bundesrepublik so gar nicht gelungen ist, dann liegt das auch daran, dass die Arbeiterschaft und die Gewerkschaften in die korporative Struktur des Rheinischen Kapitalismus eingebunden und die kommunistische Tradition schon aufgrund der deutschen Teilung abgeschnitten war. Insofern war es hierzulande die akademische Neue Linke, die die theoretische und praktische Führung übernahm. Das galt aber auch für andere Länder in Westeuropa, wo die linke Intelligenz im so genannten Spätkapitalismus Ausschau hielt nach einem neuen revolutionären Subjekt. In diesem Punkt ist die westdeutsche APO gar kein Sonderfall.

Ein, wie Sie sagen, "Katalysator der Bewegung" wurde der Vietnamkrieg. In der Bundesrepublik waren es außerdem der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und der Anschlag auf Rudi Dutschke 1968, in den USA das Attentat auf Martin Luther King und Robert Kennedy. Es scheint, als habe die Bewegung auf solche Initialzündungen gewartet.
Soziale Bewegungen benötigen ein kritisches Moment, einen Auslöser, um aus ihrer theoretisch-elitären Minderheitensituation herauszukommen und diejenigen zu mobilisieren, die vielleicht sympathisieren, bis dahin aber abwartend am Rand bleiben. Ein Moment der moralischen Empörung wie nach dem Tod von Ohnesorg kann, muss aber nicht dazu führen, dass eine breite Bewegung in Gang kommt. Das heißt aber auch, dass Protestbewegungen ihrem Wesen nach nicht auf Dauer zu stellen sind, dass sie sich auch wieder erschöpfen, wie es in der Bundesrepublik schon ab Herbst 1968 zu beobachten war.

Im Hinblick auf die westdeutschen Vietnamkriegsgegner vertreten Sie die These, die Älteren unter ihnen seien auch von der eigenen Kriegs- und Fluchterfahrung als Kinder motiviert gewesen. Wie meinen Sie das?
Man fragt sich doch, warum so viele junge Leute, die um 1945 herum geboren sind, von den Bildern einer fernen bäuerlichen Gesellschaft, gegen die eine hochtechnisierte Armee Krieg führt, moralisch entflammt wurden. Mir erscheint es plausibel zu vermuten, dass da eigene, vielleicht nur halbbewusste Familienerfahrungen eine Rolle spielten. Hinzu kamen als Vorerfahrungen ein idealisiertes Amerikabild und politisch-moralische Ansprüche, die in allen vom Zweiten Weltkrieg gebeutelten Gesellschaften in den fünfziger Jahren hochgehalten wurden: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg".

Die deutsche Studentenbewegung prägte dafür die griffige, aber kurzschlüssige Formel USA-SA-SS. In der Bundesrepublik war der kulturelle Proamerikanismus gepaart mit einem politischen Antiamerikanismus. Ist dieser Widerspruch, an dem sich die Protagonisten bis heute abarbeiten, für Sie auflösbar?
Es ist die Frage, ob es sich überhaupt um einen Widerspruch handelt. Die kulturelle Amerikanisierung war die Basis dieser Generation, und erst darüber lag bei den Kerngruppen der Revolte das, was man als intellektuellen und politischen Antiamerikanismus bezeichnen mag. Aber selbst auf dem Höhepunkt der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung haben ihre Sprecher immer wieder betont, dass der Protest der amerikanischen Regierung und deren Politik galt, nicht den Amerikanern schlechthin. Etliche hatten das Land ja auch kennengelernt, als Austauschstudenten oder als junge Wissenschaftler. Andererseits verstand sich die Bewegung eben als eine antikapitalistische - und die USA waren nun einmal der Inbegriff des Kapitalismus.

Ein interessanter Befund Ihres Buches ist, dass ´68 besonders in den Ländern ausgeprägt und in ihren Ausläufern überaus gewalttätig in Erscheinung trat, die zu den Achsenmächten gehört hatten: Deutschland, Italien, Japan. Sie vermuten, dass hier die jüngere Vergangenheit eine besondere Rolle spielte.
Es handelt sich zunächst mehr um eine Beobachtung, die zur Spekulation reizt. Ich denke schon, dass die Härte der Auseinandersetzungen in diesen drei Ländern und die Gewalt, die dabei freigesetzt wurde, mit der historischen Schuld zu tun hat, die nicht, wie in Frankreich und anderswo, mit der Existenz einer Résistance bemäntelt werden konnte. Diesen Ausweg gab es für die Deutschen nicht, auch nicht für die Japaner; am ehesten noch für die Italiener.

Um die vergangenheitspolitische Bewältigung der deutschen 68er-Generation gibt es Streit, den nicht erst Götz Aly mit seinem kruden Vergleich der 33er und der 68er-Generation vom Zaun gebrochen hat. Was halten Sie vom Vorwurf, unter dem Muff von ´68 steckten verkappte Nazis und Antisemiten?
Ich meine, hier hat sich einer um des medialen Knalleffekts willen zu einer historiographisch völlig überzogenen Darstellung hinreißen lassen.

Ist es überhaupt statthaft, von einer Generation der 33er zu sprechen, wo sich zumindest die männlichen Zeitgenossen schon in der Weimarer Republik aufgrund des noch oder nicht mehr geteilten Kriegserlebnisses gegeneinander absetzten?
Sie haben recht: Man muss allein schon unterscheiden zwischen der engeren Führungsgruppe der NS-Bewegung, die den Krieg mitgemacht hatte, und der ihr folgenden Kriegsjugendgeneration, die als die jungen Funktionseliten im "Dritten Reich" ihre Karrieren begannen und in der Bundesrepublik fortsetzten. Eine 33er-Generation auszurufen und dieser die 68er-Generation an die Seite zu stellen, dient allein der Provokation, nicht der historischen Erkenntnis.

Willi Winkler macht in seinem Buch über die RAF eine andere Rechnung gegen `68 auf: Die Studentenbewegung habe durch ihr verbales Liebäugeln mit der Gewalt die Saat der späteren Gewaltexplosion gelegt. Halten Sie das für stichhaltig?
Es ist ja unwiderlegbar, dass aus der Studentenbewegung heraus ein Ast in den Terrorismus der siebziger Jahre führt, und die Diskussion über Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Personen war ein Ausgangspunkt für manche späteren Entwicklungen. Die Frage ist aber, für wie viele der Protestbewegten von 1967/68 Gewaltbereitschaft anzunehmen ist. Schon die Osterunruhen ´68 verstanden etliche als Signal, dass das Ganze in die falsche Richtung ging, und die überwiegende Mehrheit hat andere Wege gewählt. Mir ging es angesichts der völlig überzogenen RAF-Diskussion des letzten Jahres in meinem Buch auch darum, wieder stärker auf die Anfänge, auf die Vorgeschichte von 1967/68 zu schauen und diese in ihrer Ambivalenz zu beschreiben. Wir neigen inzwischen dazu, ´68 zu sehr aus der Kenntnis der bleiernen siebziger Jahre heraus zu beurteilen. Die Aufgabe des Historikers besteht jedoch gerade darin, die Geschichte multiperspektivisch zu betrachten und nicht zu verkürzen.

Die in den sechziger Jahren von den USA ausgehenden und weltweit eingeübten Protestformen wurden in der Bundesrepublik vor allem in der späteren Bürgerinitiativbewegung erprobt und weiter entwickelt. Müsste man statt der 68er- nicht vielmehr von einer 73er-Bewegung sprechen, beginnend mit den regionalen Bewegungen gegen Kernkraft, wenn man einmal daran denkt, dass diese auch eine Partei wie die Grünen hervorgebracht haben?
Ich halte wenig von diesen engen Generationenkonzepten. Während ein relativ kleiner Teil der Studentenbewegung sich in den Terror verabschiedete, engagierten sich andere immer wieder neu angesichts konkreter Konflikte und neuer Themen. Das vielleicht erfolgreichste "Zerfallsprodukt" von ´68 war die Frauenbewegung, die sich ausgehend vom Frankfurter "Weiberrat" in den siebziger Jahren entfaltete.

Sie weisen in Ihrem Buch mehrmals darauf hin, dass ´68 ein Medienereignis war. Kann man das so zuspitzen, dass ohne die Unterstützung - in zustimmender oder ablehnender Form - der Medien die Bewegung so gar nicht möglich gewesen wäre? Oder scheint uns das heute nur so, weil uns vor allem ein mediales Bild davon überliefert ist?
Andersherum: Die ´68er entdeckten sich selbst und ihre Möglichkeiten vor allem durch und über die Medien. Die Sympathie, die ihnen von Teilen des Journalismus entgegengebracht wurde, war dabei weniger wichtig als die Tatsache, dass Mitte der sechziger Jahre eine neue Stufe der Medialisierung erreicht wurde, die die Politisierung vorantreibt. Denken Sie nur an die Live-Kriegsbilder aus Vietnam, die nun allabendlich auch nach Europa in die Wohnzimmer drangen. Die Verbreitung ikonographischer Bilder war ein wichtiger Faktor dafür, dass sich die Revolte als eine globale wahrnehmen konnte.

Um noch einmal zum Ausgangpunkt unseres Gesprächs zurückzukommen: Muss man das, was ´68 als Negativfolgen angelastet wird wie Individualisierung und Werteverlust, nicht schlicht auf das Konto einer allgemeinen, möglicherweise nur nachgeholten Modernisierung verbuchen?
Ich habe mit dem Modernisierungsbegriff meine Probleme, zumal, nachdem wir gelernt haben, dass schon das Kaiserreich modern war, das Dritte Reich keineswegs auf "Blut und Boden" zu reduzieren ist und ja wohl auch niemand die frühe Bundesrepublik als vormodern wird bezeichnen wollen. "Nachholende Modernisierung" wäre mir deshalb zu diffus, und als ein zu großes Wort erscheint mir auch die Vorstellung von einer erst durch die ´68er durchgesetzten "Fundamentalliberalisierung". Aber sicherlich kann man sagen: Die innere Aneignung der Demokratie, die den Westdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ein zweites Mal geschenkt wurde, ist durch die Ereignisse "um ´68" befördert worden.

Das Gespräch führte Ulrike Baureithel

Das Foto entnahmen wir dem bei Stroemfeld erschienenen Bildband Erika Sulzer-Kleinemeier, Fotografien 1967 bis 2007.

00:00 20.03.2008

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