„Der Tabubruch ist uns bewusst“

Interview Der Pfleger Tim Umhofer gehört zu den Ersten, die an einem katholischen Krankenhaus gestreikt haben
„Der Tabubruch ist uns bewusst“
Profit mit dem Kreuz: Der Marienhaus GmbH gehören hierzulande 27 Kliniken sowie Altenheime

Foto: McPhoto/Imago

Das Grundgesetz garantiert den Kirchen die Selbstorganisation in Sachen Arbeitsrecht. Eigentlich sind also Arbeitsniederlegungen in kirchlichen Einrichtungen verboten. Im Saarland kam es jüngst in einem Krankenhaus mit katholischem Träger dennoch zum Warnstreik. Tim Umhofer und seine Kollegenfordern damit mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen.

der Freitag: Herr Umhofer, wieso haben Sie und die Belegschaft der Marienhausklinik sich für den Warnstreik entschieden?

Tim Umhofer: In den vergangenen Monaten haben wir viel versucht, von Aktionen am Krankenhaus, bei denen wir auf den Pflegenotstand hingewiesen haben, bis zur Teilnahme an Demonstrationen für bessere Bedingungen in der Pflege. Wir haben auch einen Brief an den Bischof geschrieben. Das alles hat uns kein Gehör beim Arbeitgeber verschafft. Da war der Punkt erreicht, an dem wir uns gesagt haben: Das letzte Mittel, das bleibt, ist der Streik. Uns war bewusst, dass es problematisch ist.

Wegen der katholischen Trägerschaft des Krankenhauses?

Im Vorfeld gab es ein Schreiben vom Arbeitgeber, in dem mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen im Fall eines Streiks gedroht worden ist. Aber uns ging es darum, einen lauten Appell an die Politik zu richten und dem Arbeitgeber zu sagen, dass im 21. Jahrhundert auch ein konfessioneller Arbeitgeber für bessere Arbeitsbedingungen sorgen muss. Mehr Personal ist dabei unser Hauptanliegen.

Zur Person

Tim Umhofer, 24, ist examinierter Krankenpfleger. Seit zwei Jahren arbeitet er auf der Station für Inneres in der Marienhausklinik im saarländischen Ottweiler. Als Verdi-Mitglied protestiert er gegen den Pflegenotstand, der seinen Arbeitsalltag prägt

Foto: Privat

Sie und Ihre Kollegen haben sich als Erste getraut, an einem katholischen Haus zu streiken.

Ausschlaggebend für unsere Entscheidung war zum einen die hohe Frustration über die Arbeitsbedingungen in unserem Krankenhaus. Zum anderen ist hier alles sehr familiär. Wir haben knapp 130 Betten, das heißt, die Kollegen kennen sich. Dementsprechend ist der Zusammenhalt größer als in einer Klinik mit 500 oder 1.000 Betten. Es war uns wichtig, diesen Schritt zu gehen, weil wir auch stellvertretend für tausende andere Arbeitnehmer in konfessionellen Krankenhäusern gestreikt haben.

Ihr Streik ist ein Novum. Wie bereitet man sich darauf vor?

Seit einem halben Jahr findet bei uns ein regelmäßiger Stammtisch statt, da schulen wir uns zum Beispiel für arbeitsrechtliche Fragen, das hilft bei der Argumentation, aber auch, um eine gewisse Sicherheit zu spüren.

Sind denn in Ihrem Haus alle vom Streik überzeugt oder gibt es noch Unschlüssige?

Es gibt sicher einige, die unschlüssig sind. Ich würde sagen, 90 Prozent derjenigen, die in unserem Krankenhaus arbeiten, finden es mutig und richtig, dass wir zusammen diesen Schritt gewagt haben und unterstützen uns. Aber es gibt auch ein paar, die wir bisher nicht überzeugen konnten, dass ein Streik als Mittel zu diesem Zeitpunkt angebracht ist. Es ist uns schon bewusst, dass es ein Tabubruch war. Unser Argument ist, dass wir nicht gestreikt haben, weil wir unbedingt streiken wollten. Der Warnstreik hat uns aber gezeigt, wie notwendig es war, diesen Schritt zu gehen.

Hat Druck vom Arbeitgeber dazu beigetragen, dass einige Kollegen nicht mitgestreikt haben?

Im Vorfeld ist die Pflegedienstleitung durch die Stationen gegangen und hat versucht, das Ganze kleinzureden und deutlich gemacht, dass ein Streik bei uns nicht erlaubt sei. Jeder, der sich dem anschließe, habe mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu rechnen. Dann gab es mit dem letzten Lohnzettel ein Schreiben, in dem die Situation erläutert wurde und noch mal auf Konsequenzen hingewiesen wurde, falls man sich einem Streik anschließen sollte. Durch dieses Schreiben und durch die Gespräche ist schon massiv dagegengehalten worden.

Die Marienhausklinik beruft sich als konfessioneller Arbeitgeber auf die christliche Dienstgemeinschaft. Welche Rolle spielt die Religion für die Arbeitnehmer?

Es gibt unter den Beschäftigten sicher einige, die gläubig sind. Aber das ist nicht ausschlaggebend für ihre Entscheidung, hier zu arbeiten. Die Klinik in Ottweiler gehört erst seit 2008 der Unternehmensgruppe der Marienhauskliniken. Es war vorher ein städtisches Krankenhaus, das heißt, Religion spielte keine Rolle. Ich glaube bei der Auswahl des Arbeitsplatzes zählen für die Arbeitnehmer andere Dinge, wie zum Beispiel die Länge des Arbeitswegs und die Arbeitsbedingungen vor Ort.

Was hat sich mit dem neuen Träger geändert?

Vorher gab es in der Klinik einen hohen Grad gewerkschaftlicher Organisation. Als die neue konfessionelle Trägerschaft kam, haben sich viele Leute gesagt: „Jetzt muss ich nicht mehr in einer Gewerkschaft sein. Es läuft ja alles über den dritten Weg und die Gewerkschaft hat keinen Einfluss darauf.“ Es sind dann wirklich viele aus der Gewerkschaft ausgetreten.

Was bedeutet christliche Dienstgemeinschaft in einer Klinik?

Die christliche Dienstgemeinschaft ist ein Leitbild, in dem festgehalten ist, was unser Pflegeauftrag ist. Also nach welchen Leitlinien wir die Patienten versorgen.Aber spätestens, wenn man dieses Leitbild mit der Realität im Krankenhaus abgleicht, sollte auch dem Arbeitgeber einleuchten, warum Pflegekräfte in den Streik treten. Weil dieses Leitbild nur noch minimalst im Pflegealltag gelebt wird, es gibt einfach zu wenig Personal.

Die Werte der christlichen Dienstgemeinschaft werden vom Arbeitgeber nicht eingehalten?

Die Marienhaus GmbH ist der größte katholische Arbeitgeber im südwestdeutschen Raum. Ihr gehören 27 Kliniken, dazu kommen noch einige Altenheime. Wir sprechen über ein riesiges Unternehmen, das in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist. Es wurden Tochtergesellschaften gegründet, bei denen viele Beschäftigte nur über Zeitverträge angestellt werden. Ich würde nicht behaupten, dass sich in diesem Unternehmen die christlichen Werte stärker wiederfinden würden als in anderen Krankenhäusern. Die Marienhaus GmbH agiert wie ein Unternehmen. Außer dass man hier Gewinne erwirtschaften möchte, aber gleichzeitig den Angestellten verbietet, sich für bessere Arbeitsbedingungen mittels eines Streiks starkzumachen. In kircheneigenen Betrieben gelten für Mitarbeiter zwar besondere Bestimmungen, doch auch sie haben das Recht zu streiken.

Wie geht es nun weiter für Sie?

Man muss sagen, dass wir wirklich Vorreiter sind. Seit Jahresbeginn hat sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei uns in der Pflege auf über 50 Prozent erhöht. Das ist mit der Hauptgrund, warum wir das Krankenhaus bestreiken konnten. Das heißt, unser Ziel ist es, den Organisationsgrad im Haus weiter zu steigern. Und wir versuchen, uns stärker zu vernetzen. Das haben wir schon mit umliegenden Häusern gemacht, aber das wollen wir voranbringen.

06:00 24.10.2017
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