Der tägliche Thrill

Psychologie Die Angst hat Konjunktur: Manche nutzen sie für Kampagnen, andere baden lustvoll im Grusel. Eine Zustandsbeschreibung
Susanne Berkenheger | Ausgabe 40/2016 26

Das Ende naht! Am 8. November gewinnt Donald Trump ganz knapp die Wahlen. In Washington geht eine Bombe hoch. Trump denkt an die Atomcodes, auf die er nun vollen Zugriff hat. Melania, seine Frau, will ihm die Plastikkarte mit den gold codes noch entwenden, doch er stößt sie zu Boden, eilt davon und legt – in einer Episode psychopathischen narzisstischen Größenwahns – den Finger auf die Nuklearknöpfe. „Damn it“: Weltweit gehen sofort automatisierte atomare Gegenangriffe los, Mechanismen, die man längst abgeschaltet glaubte. Binnen 14 Tagen ist die menschliche Zivilisation nahezu ausgelöscht – bis auf einen kleinen Haufen, der auf Netflix dann ...

Hach, mein Blick schweift angenehm angeregt in die Ferne, über die schöne, noch restsommerlich grüne Wiese hinweg. An ihrem Ende steht der Kinderbauernhof. Dort schleicht sich ein kleines Mädchen immer wieder an einen eingezäunten Ziegenbock heran. Sobald der sich bewegt, bringt das Kind sich mit wohligen Schreien wieder in Sicherheit. Ha! Hemmungslos gibt das Mädchen sich seiner Angstlust hin, die in seinem Fall ein „Life-Thrill“ ist, wie der Psychologe Siegberg A. Warwitz sagen würde. Bei einem Kind ist das ein völlig normaler, wichtiger Entwicklungsschritt. Es lernt, mit seiner Angst umzugehen, sie spielerisch so zu dosieren, dass sie gerade noch angenehm ist.

Bei mir dagegen, so fürchte ich, wird der Thrill, dem ich fröne, weniger positiv gesehen. Der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint, der in den 1950er Jahren zu einem der wichtigsten Erforscher der Angstlust wurde, würde mir Regression unterstellen. Immerhin werfe ich das Magazin mit dem Trump-Gruselcover, das mich gerade so fesselt, nicht immer wieder laut schreiend von mir, um mich dann erneut heranzuschleichen, wie das Kind an den Ziegenbock, um es wieder und wieder aufzuschlagen und – die Hände vor den Augen – durch die Finger hindurch das verstörende Zitat des Trump-Ghostwriters Tony Schwartz zu lesen: „Ich glaube, dass es im Falle eines Wahlsiegs von Trump, wenn er die Atomcodes erhält, eine signifikante Gefahr gibt, dass das zum Ende unserer Zivilisation führen wird.“ Mein Thrill ist ein medialer. Und weil ich so erfahren darin bin, genieße ich die gruselige Trump-Prognose letztlich mit großer Ruhe.

Reizsucher und Reizmeider

Jede Woche wird irgendwo eine neue Apokalypse angekündigt. Bislang ist noch keine eingetroffen. Der Zaun hält! Selbst wenn ich hörte, Marsmenschen zögen marodierend durch meinen Kiez, würde ich das wohl wonniglich in mich hineinfressen. Als Orson Welles dies 1938 im Hörspiel Krieg der Welten meldete, soll das beim US-amerikanischen Publikum genauso gewesen sein: Die angeblich ausgebrochene Panik in der Bevölkerung sei ein Mythos, berichtete kürzlich der britische Telegraph.

Hinter der Angstlust verberge sich meist ein abgewehrter Wunsch, sagt die Psychoanalyse. Das klassische Beispiel dafür ist der Liebespartner, der keine fünf Minuten auf den anderen warten kann, weil er sich dann wahnsinnige Sorgen macht, diesem könnte „etwas ganz Furchtbares“ passiert sein. Auf beruhigende Einwände von Freunden („Ach, der kommt doch immer mal zu spät ...“) reagiert der oder die Ängstliche nur immer noch wütender, darauf beharrend, dass der andere durchaus „sogar schon tot sein könnte, unter fürchterlichen Qualen verstorben“. Auch psychologische Laien erkennen unschwer, dass diese Angst eigentlich Wut auf den Zuspätkommer ist, womöglich gepaart mit Eifersucht.

Hm, habe ich etwa derart viel Wut auf unsere Zivilisation, dass ich sie vernichtet sehen will? Bin ich süchtig nach Katastrophen, weil sie mein „moribundes Lebensgefühl“, meine tiefsitzende Misanthropie bestätigen, wie der Schriftsteller Michael Schneider mir deshalb attestieren könnte? Bin ich, die Atheistin, am Ende doch eine religiöse Fanatikerin, die sich von der Apokalypse eine Reinigung wünscht? Oder betrachte ich politische Medien als Body Genre, ähnlich wie Horror oder Porno, das nur dazu dient, mir einen prickelnden Hormonschub zu verabreichen, verstärkt durch politisches Snuff-Material?

Der US-ungarische Soziologe Frank Furedi, der in den 90er Jahren den Begriff „Kultur der Angst“ geprägt hat, berichtete von einem Vorfall, als er gerade Vater geworden war. Nervös sei er in der Klinik angekommen, die Krankenschwester habe ihn beiseite genommen und zu beruhigen versucht: Sein Kind trage ein Armbändchen, es könne nicht mehr gekidnappt werden. Furedi erzählte dies als Beispiel, wie Leute einen mithilfe abstruser Sicherheitsvorkehrungen auf Gefahren aufmerksam machten, an die man vorher gar nicht gedacht hätte. Die Krankenschwester zog womöglich eine Lust aus der Vorstellung, in ihrem Krankenhaus könnten Babys gekidnappt werden – während Furedi, als frischgebackener Vater leicht zu ängstigen, diesem Szenario nur wenig abgewinnen konnte.

Der Analytiker Balint wiederum machte vor einem halben Jahrhundert zwei Typen aus, den Reizsucher und den Reizmeider. Der Übergang ist fließend. Wenn der Reizsucher das Vergnügen mit der Angst übertreibt, kann er sich derart hineinsteigern, dass er schließlich zum Reizmeider wird. Beim Brexit schien es sogar manchem Anstachler so zu gehen: Schockiert von der Wirkung seiner eigenen Angstkampagne zog sich Boris Johnson erst einmal tagelang auf seinen Landsitz zurück. Auch mir und vielen anderen ging es so. Da hat man wochenlang mit Grusel die Berichterstattung zum Referendum verfolgt – und ist vom Ergebnis dennoch total überrascht.

Das soll einem mit Trump nicht noch mal passieren. Zur Sicherheit hält man dessen Wahlsieg jetzt für durchaus möglich. Manche verfallen prophylaktisch sogar schon mal in jenen „resignativen Katzenjammer“, den der Münsteraner Soziologe Aladin El-Mafaalani als eine typische Krisenreaktion beschreibt. Trump wird der nächste US-Präsident! Daran glaubt man – damit er es dann gerade nicht wird. Das psychologische Konzept dazu hieße: selbstzerstörende Prophezeiung. Was aber, wenn statt ihrer die selbsterfüllende Prophezeiung zuschlägt? Dann hat man es zumindest vorher schon gewusst.

Die einst vom Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick verbreiteten Prophezeiungskonzepte sind mittlerweile zum Aberglauben verkommen, ebenso unsinnig wie die Riten, mit denen Fußballfans zum Gewinn ihres Vereins beitragen wollen, etwa indem sie sich am Spieltag nur mit einem bestimmten Handtuch abtrocknen. Tatsächlich verfolgen wir große Teile des Weltgeschehens mit einer ganz ähnlichen eingebildeten Einflussmacht. Wer mit Freude Michel Houellebecqs Unterwerfung liest, unterstützt damit weder die Islamisierung Frankreichs noch die neurechte „identitäre“ Bewegung. Wer die düsteren Untergangsszenarien von Ayn Rand liest, muss nicht zum neoliberalen Kommunistenhasser werden. Wenn ich mir mit Angst und Wonne vorstelle, wie ein Irrer die Welt vernichtet, führe ich das dadurch nicht herbei – ich will es auch nicht! Ich möchte mir den Alien, vor dem mir Angst gemacht wird, nur einmal genauer angucken dürfen.

Aufklärung ist ein Downer

Genau dies könnte auch auf manche politische Angstkampagne zutreffen. Wenn etwa Markus Söder von der CSU von der Destabilisierung der Gesellschaft redet, würde ich das gern mal ausgemalt sehen. Wie düster und fürchterlich genau stellt er sich das vor? Und der Gegengedanke: Könnte jene Destabilisierung vielleicht auch gute Elemente enthalten, die letztlich Platz für Neues schaffen? Die aufklärende Richtigstellung – es gebe gar keine Destabilisierung, Söder verbreite nur Angst und Schrecken — ist dagegen erzähltechnisch ein echter Downer. Deshalb kommen Fakten gegen Angstkampagnen so schlecht an.

Zudem gilt heute, wie der Historiker Frank Biess festgestellt hat, „als mutig, wer Angst äußert“. Stillschweigend wird dabei angenommen, dass Angst ein Gefühl sei, welches Fehlentwicklungen und Handlungsbedarf anzeige. Das ist aber Unfug. Nicht erst seit der Wagnisforschung weiß man: Nicht alles, was Angst macht, ist schlecht. Nahezu jede Veränderung ist mit Angst verknüpft, ob es um Migration, um Digitalisierung oder persönliche Fragen geht – weil jede Veränderung eben genau das ist: ein Wagnis. Die Angst davor mit Lust verknüpfen zu können, ist von großem Vorteil. Wer die Fähigkeit zur Angstlust diskreditiert, spielt bloß den Angstmachern in die Hände. Ja, so ist es, Leute!

Beruhigt kann ich wieder in meiner politischen Schauerlektüre versinken. Aber: Was ist eigentlich aus dem Kind geworden? Aufgespießt vom Ziegenbock? Natürlich nicht. Es bietet dem Tier gerade Grashalme an. „Füttern verboten“ steht daneben auf einem Schild. Das Kind kann nicht lesen. Noch weiß es nicht, was an Lust und Schrecken so alles auf es wartet. Aber es wird es erleben. Da bin ich mir sicher. Denn: Das Ende naht – auch in 20 Jahren noch!

06:00 09.10.2016

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